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Eine Klarinette für wahnsinnige 560 Mark

Eingestellt von

Wolfgang Müller
Wolfgang Müller
am 04.11.2008

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Stuttgart



Zeitzeugenbericht

Zusammen mit meinem Lehrer gingen wir zum Instrumentenbaumeister Friedrich Kern und suchten eine neue Klarinette aus. Auf Zureden meines Lehrers wurde es ein Instrument in der oberen Preisklasse. 560,- DM kostete die Klarinette, als dies meine Mutter erfuhr, bekam sie fast einen Schlag, es waren ca. zwei Monatsverdienste von Vater, der Betrag wurde eben abgestottert, da wir nicht so viel Geld hatten. Dieses Instrument ist so gut, dass ich es nun 54 Jahre spiele.

Nach einigen Monaten konnte ich dann im großen Orchester mitspielen. Im selben Jahr gab es die erste große Orchesterreise nach dem Krieg, welche uns nach Basel führte. Ich musste meine erste Kennkarte und ein Visum beantragen. Unser Konzert war ein Riesen Erfolg und ich war sehr stolz, dabei gewesen zu sein. Ein Quartier hatte ich keines, ich schlief zusammen mit meiner Klarinette im Bahnhof. Ein Polizist wollte mich rauswerfen, hatte dann aber Mitleid. Unser Orchester wurde im Sommer jeden zweiten Sonntag auf dem Killesberg zu einem Promenadenkonzert engagiert. Ich erhielt 10 Mark Gage, was mir viel bedeutete.

Durch meinen Lehrer lernte ich Herwart Zanger, ein Schüler von ihm, kennen. Wir hatten viele Gemeinsamkeiten und wurden unzertrennliche Freunde. Herwart holte mich als Klarinettisten in das Schulorchester des Wagenburggymnasiums. Sonntags ging’s nach dem Gottesdienst zum Platzkonzert auf den Schlossplatz, wo das Polizeimusikkorps, das als das Beste im Land galt, spielte. Wir fachsimpelten, meistens über die Klarinettisten. Unser Musikverein nahm bei Musikfesten am Wertungsspiel teil, in der Kunststufe errangen wir erste Plätze. (...)

Im Jugendhaus Stuttgart Ost, in der Villa Hauff an der Gerokstraße, gründeten wir eine Bigband. Zum Teil waren wir bis zu 30 Musiker. Wir spielten deutsche Schlager und amerikanische Titel. Die Stücke von Michael Jary: wie „Mäcki war ein Seemann“, „Spiel mir eine alte Melodie“, waren auch dabei. Die Noten wurden selbst geschrieben. In der Zwischenzeit habe ich mir auch ein gebrauchtes Altsaxofon gekauft. Nach einigen Monaten konnte ich gut darauf spielen, da es ähnlich wie Klarinette ist und vom Mundstück her leichter zu spielen ist.

Aus unserer Musikgruppe formierte sich eine Besetzung von sechs Musikern. Im Jugendhaus der Villa Hauff, ein prachtvoller Bau, welcher den Krieg weitgehend heil überstand, wurden auch Feste gefeiert. Bei einem Fest, wozu von uns Tanzmusik gespielt wurde, hatten wir Musiker abgesprochen, dass jeder zwei Cola Flaschen mit Wein füllt und dies anstelle von Cola trinken sollte. Die Wirkung war verheerend und ich hatte danach meinen ersten „Rausch“.

Nach einem Probeabend gingen wir einmal ins Restaurant Eugensplatz, dort waren die Eltern von Jörg Weißenbühler. Der Papier Schmid von der Geroksruhe war auch dort und schon leicht beschwipst. Er galt als vermögend. Als er unsere Instrumente sah, forderte er uns auf, „tief drin im Böhmerwald“ zu spielen. Wir lehnten ab, da das Lied für uns unbekannt war. Er ließ aber nicht locker und bot hohe Geldsummen. Jörgs Mutter und einige andere Frauen gingen mit mir zur Toilette und sangen mir das Lied einige Male vor, so habe ich ihm dann mit der Klarinette vorgespielt. Zu meiner Überraschung griff er in die Tasche, zog ein Bündel mit Scheinen heraus und gab mir 100 DM. Ich wollte das Geld nicht nehmen, die Frauen deuteten an, dass dieser reiche Kerl genug davon hat. Einige Verse, welche er mitsang, musste ich nochmals spielen, so hatte ich am Ende 400.- DM, eine ungeheure Summe, welche ich mit meinem Musikkollegen aber teilte.

Bald hatte die Band auch schon ein Engagement und wir hatten beim Tanzabend im Gasthaus Spittaeck sechs Mark verdient. Zufrieden trug man sein Instrument die fünf Kilometer nach Hause, die Straßenbahn hatte um 24 Uhr den Betrieb eingestellt. (...)

1953 – Mit unserer Band ging es bergauf, seit kurzem hatten wir auch Klavier besetzt, Günther Rau als Pianist und Jörg Weißenbühler als Schlagzeuger und Trompeter wurden Freunde von mir. Elektrische Gitarre spielte Theo, Horst Akkordeon. Viele handgeschriebene Titel welche wir immer im AFN hörten, hatte man einstudiert. Nun gaben wir uns einen Namen, ab jetzt hießen wir: Cocktail Fellow’s. Die Band Mitglieder waren, Jörg, Herwart, Theo, Günther, Horst und Wolfgang. Ins Jugendhaus kam ein amerikanischer Clubmanager, als er uns hörte, engagierte er uns für den Spezial Service Club in Vaihingen zu spielen. Dort kamen wir gut an, so dass weitere Einladungen folgten. Am Hauptbahnhof wurden wir dann mit dem Truck abgeholt und in die Kasernen gefahren, welche sich in Möhringen, Böblingen, Ludwigsburg, Kornwestheim, Leipheim, Schwäbisch Hall usw. befanden. In den Clubs ging es zum Teil hoch her. Wir bekamen alle Getränke und gutes Essen, vor allem Pommes mit Ketchup. Der Lohn war fürstlich. Auf die Stunde erhielten wir einen Dollar, was zu der Zeit 4,20 DM entsprach. Nachdem wir nach unseren Auftritten wieder am Hauptbahnhof abgesetzt wurden, konnte ich meine Instrumente zu Fuß nach Hause tragen.

Bei Rau’s in der Marquartstraße war ich oft zu Besuch, es wurde meine zweite Heimat. Jörg, auch ein Freund von mir, unser Schlagzeuger, hat sich bei der ersten Privatparty bei Weißenbühlers in Suse, der Schwester von Günther, verliebt, später heirateten sie. Günthers Vater war Geschäftsführer in einer Spinnerei in Wangen. Er spielte toll Geige und ebenso gut Klavier. In dieser Fabrik spielten wir auch bei der Weihnachtsfeier und lernten den unsterblichen Oskar Heiler kennen, bekannt auch als Häberle, von Häberle & Pfleiderer.
Günters Vater hatte einen Geschäftswagen, einen VW Standard, welcher noch Seilzugbremsen hatte. Die Familie nahm mich ab und zu mit.

Eines Tages gingen wir auch in die Krone nach Untertürkheim, dort befand sich das Aufnahmestudio vom Radio Stuttgart. Im Aufnahmeraum lernte ich z.B. Lee Conitz kennen, der als Solist bei Erwin Lehn auftrat, er galt als der beste Saxophonist zu dieser Zeit. Wenn wir in deutschen Gaststätten spielten z.B. war in Musberg ein Saal, so fuhren wir mit der Straßenbahn nach Leinfelden, liefen nach Musberg. Zurück gingen wir die ganze Strecke zu Fuß, die Instrumente alle auf einer langen Stange aufgehängt, drei Stunden war der Weg bis nach Ostheim. Einer kam mit dem Fahrrad und wir beneideten ihn oft über seine Mobilität.

Zu dieser Zeit gab es auch schon ein Jazzlokal, welches einmal in der Woche öffnete, die Katakombe (Keller) in der Hauptstätter Straße. Da wir ja „Negermusik“ spielten und die konnte man normalen Leuten nicht zumuten, mussten wir unter die Erde. In Stuttgart plante man zu dieser Zeit die Liederhalle, der Fernsehturm war auch schon im Plan. Am ersten Mai musste man an den Umzügen mitlaufen, ich als Musikant beim Musikverein Ostheim. Erwin Lehn und Kurt Edelhagen spielten einmal im Jahr im Kino Universum in der Königstraße, auch der junge Oskar Peterson mit Ella Fritzgerald, Luis Armstrong mit Band, sowie alle großen Big Bands der 50 Jahre aus Amerika, traten dort auf. Von den Deutschen Spitzenmusikern gaben sich auch Willi Berking, Emil und Walter Mangelsdorf, sowie Paul Kuhn sich ein Stelldichein. Auf dem Killesberg versuchte sich Peter Frankenfeld (ehemals Vertreter bei einer Schuhfirma) mit Loni Kellner bei einer Musikschau, an welcher wir auch teilnahmen, die ersten Fernsehsporen zu verdienen. (...)

Zum Heiligenabend musizierten wir mit dem Musikverein im Karl Olga Krankenhaus und anschließend gab es beim Gasthaus Pflugfelder einen Punsch. Zum Abendessen daheim gab’s Kartoffelsalat und ein Saitenwürstle. Die Weihnachtslieder sang man, begleitet von der Zither meines Vaters. Als Weihnachtsgeschenk bekam ich eine Wolldecke. An Sylvester hatten wir im Freizeitheim in Feuerbach eine Veranstaltung mit ca. 1000 Personen, wozu wir als Kapelle engagiert waren. Zuerst war ein Programm mit verschiedenen Künstlern, anschließend bis vier Uhr morgens Tanz. Ich war gerade 17 geworden und Herwart 14 Jahre alt. (...)

1954 – In meiner Freizeit war ich stark beansprucht. Ich musizierte im Musikverein Ost, Musikverein Weilimdorf, im Symphonieorchester des Stuttgarter Liederkranzes, im Degerlocher Symph. Unterhaltungsorchester unter der Leitung von Fritz Marecek, der auch Leiter des Rundfunkunterhaltungsorchesters war. Marecek holte mich ab und zu als Aushilfe für hochkarätige Orchester. So war meine Freizeit total verplant.

In Cannstatt gründeten wir im Gasthaus Stadtkanne eine neue Bigband, dabei war auch Wolfgang Dauner, der bei uns Trompete spielte, und heute als der bekannteste deutsche Jazzmusiker gilt. Im Sommer veranstaltete unsere Bigband im Stuttgarter Gustav Siegle Haus das erste Jazzkonzert, welches in einem Konzertsaal stattfand, ein Novum für diese Zeit. Als zweite Band spielte noch die Helmut Brand Combo aus Berlin mit Conny Jackel an der Trompete. Die Veranstaltung war restlos ausverkauft und wir hatten ein begeistertes Publikum. Zwischenzeitlich spielte ich in den amerikanischen Clubs mit wechselnden Besetzungen. Unter anderem mit Paul Wehrmann, der Vorgänger von Erwin Lehn und Musiker der Erwin Lehn Bigband.

Nun hatte ich eine für mich segensreiche Begegnung. Marc Malon, ein großer, begnadeter Musiker begegnete mir, er war Dirigent beim Symphonieorchester RAI Radio Roma. Bei ihm nahm ich noch einige Stunden Unterricht und er brachte mir noch einiges bei, vor allem die nicht notierten Noten. (...)

Suse Rau war mit dem Heidehofgymnasium Klasse 11 in England und kam mit dem Zug Sonntagmorgen in Stuttgart an. Die Eltern aller Schülerinnen waren am Hauptbahnhof, um ihre Töchter abzuholen. Ihr Freund Jörg, welcher unser Schlagzeuger war, organisierte eine Empfangsfete. Unsere Band, verstärkt durch zwei Schlagzeuger, Bruder und Schwester von Jörg, alle gekleidet in Frack und Zylinder spielte am Bahnsteig „0 When the Saints, go marchin’ in“, was einen zusätzlichen Auflauf an Menschen bedeutete. Die Bahnhofshalle war recht voll von Neugierigen. Wir marschierten mit den Mädchen zu unseren fünf Oldtimern und in der unteren Königsstraße wurde ein Stopp eingelegt, wir stellten die Autos halbkreisförmig auf und spielten nochmals. Der Verkehr wurde aufgehalten, die Straßenbahnfahrer stiegen aus, aber die Polizei lächelte nur. Diese Fete war der Zeitschrift Stuttgarter Leben einen großen Aufmacher wert. Die Autos, welche wir fuhren, gehörten einem Vater von einer Schülerin, einem Textilfabrikanten aus Sillenbuch. Ich selbst fuhr einen Daimler Baujahr 1928. Nachmittags fand noch eine Ausfahrt statt, man wollte ja gesehen werden.


(Anmerkung der Redaktion: Dieser Zeitzeugenbericht ist ein Auszug aus "Kindheitserinnerungen 1940 bis 1955" von Wolfgang Müller. Die Passage ist leicht gekürzt. Herr Müller hat diese Erinnerungen für seine Familie drucken lassen und ein Exemplar der StZ-Geschichtswerkstatt überlassen.)

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