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Schulanfang in Lautlingen/Schwäbische Alb 1943 während unserer Evakuierungszeit

Eingestellt von

Waltraud Beck
Waltraud Beck
am 19.04.2009



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Ort

Lautlinger Schloss, Albstdt-Lautlingen

Zeitzeugenbericht

Auszug aus dem Bericht "Kindheit in Stuttgart 1937 bis 1950"

Als ich sechs Jahre alt wurde, musste ich in die Schule. Das Schulhaus befand sich etwas außerhalb von Lautlingen, eine gute halbe Stunde zu Fuß von zu Hause. Der Weg führte ständig bergauf, man musste also zeitig losgehen, um pünktlich zu sein. Manchmal vergaß ich mich auch, wenn ich die schöne Blumenwiese ansah, ging hinein und pflückte ein paar Blümchen, aus denen ich ein Kränzchen machte , um es auf den Kopf zu legen. Unsere Lehrerin hieß Fräulein Pfennig, ich mochte sie nicht, sie war sehr streng. Bevor wir ins Klassenzimmer traten, mussten wir den Arm heben und „Heil Hitler“ rufen, das fand ich blöd. Wenn man zu spät kam, musste man im Klassenzimmer eine Stunde in die Ecke stehen, mit dem Gesicht zur Wand. Das war sehr hart.
Einmal wurde uns erklärt, dass unsere Feinde, die Amerikaner, Kartoffelkäfer als biologische Waffe eingesetzt hatten, um unsere Ernte zu vernichten. Die Schule musste geschlossen auf den Kartoffelacker, um die Schädlinge einzusammeln. Wir durchsuchten Blatt für Blatt das Kartoffelkraut und taten die Käfer und Larven in ein Glas mit Spiritus. An einem freien Platz wurde am Schluss eine Feuerstelle errichtet und die eingesammelten Schädlinge mitsamt dem Spiritus verbrannt.

In unserer Klasse war ein Junge, der ein Bein etwas nachzog, er war auch in seinen Bewegungen etwas ungeschickt. Deshalb machten wir manchmal seinen Schulranzen auf, wenn er ihn auf dem Rücken hatte. Wir lachten und freuten uns, wenn er dann jedes Mal wieder Mühe hatte, ihn zuzumachen. Er musste einmal während des
Unterrichts auf die Toilette. Fräulein. Pfennig, verweigerte es ihm aber, weil er nicht in der Pause gegangen war. Sie befahl ihm, sich vor die Klasse an die Wandtafel zu stellen, sodass wir ihn sehen konnten. Dort stand er unglücklich da und bemühte sich, sein dringendes Bedürfnis vor uns zu verbergen. Dies mitansehen zu müssen war schrecklich. Er hüpfte von einem Bein zum anderen, doch er durfte den Platz nicht verlassen. Schließlich lief ihm der Urin aus seiner kurzen Lederhose
Er begann zu heulen vor Scham und seine Nase lief. Er tat mir so leid, so dass ich ihm sagte, er solle sich doch neben mich auf die Bank setzen., dabei schämte ich mich ganz furchtbar, dass auch ich ihn mit den anderen immer geneckt hatte.

Vor Jahren hatte Lautlingen, das heute Albstadt heißt, Tausendjahr-Feier.Wir fuhren an den Ort meiner Kindheit, um meine Erinnerungen aufzufrischen, auch nach Ebingen fuhren wir, um das Krankenhaus zu besichtigen, wo ich damals operiert wurde.
Das Ereignis wurde im Schlosshof gefeiert. Dort gab es ein Wiedersehen mit den Freunden von damals. Die Verständigung war etwas schwierig, weil ich den rauhen Dialekt der Schwäbischen Alb nicht mehr gut verstand. Als Kind hatte ich in kürzester Zeit diesen Dialekt nicht nur verstanden, sondern auch sofort angenommen.
Als ich Norbert wiedersah, der damals mein Freund war, fiel mir ein, wie sehr ich ihn einmal bewundert hatte und was wir alles angestellt hatten und war ihm gegenüber etwas befangen, Ich hatte dabei den Eindruck, dass es ihm ähnlich erging. Ich traf auch den Schüler von damals wieder, dem so übel mitgespielt wurde. Wir unterhielten uns angeregt und sprachen über die unliebsame Schulzeit mit Fräulein Pfennig. Er war sehr nett, ich freute mich, ihn getroffen zu haben und zu erfahren, dass es ihm gut ging. Lautlingen hatte er nie verlassen.

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