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Kriegsende in Feuerbach

Eingestellt von

Utz Gernot Baitinger



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Wiener Straße, 70469 StuttgartFeuerbach
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Zeitzeugenbericht

von Utz Gernot Baitinger

Mitte Februar 1945 ist unser Vater an der Ostfront, die damals schon entlang der Oder verlief, in einen russischen Tieffliegerangriff geraten und gefallen. Mitte April kamen französische und amerikanische Truppen aus allen Himmelsrichtungen immer näher auf Stuttgart zu, wir hörten schon das Grollen der Geschütze. Feuerbach wurde von Artillerie beschossen; wir sahen vom Lemberg aus zu, wie die Granaten in die Fabrikgebäude vom Bosch einschlugen.

Es wurde allmählich ungemütlich. Deshalb wurde unsere Restfamilie, wir zwei Buben mit unserer Mutter, im Tiefbunker am Bahnhof Feuerbach einquartiert. Als wir mit anderen Kindern vor dem Eingang des Bunkers spielten, kamen noch ein paar deutsche Soldaten vorbei, Siebzehnjährige, einer trug eine Panzerfaust.

Wenige Tage später, an einem Sonntagmorgen Ende April, sprachen alle Leute im Bunker davon, französische Kolonialtruppen marschierten in Feuerbach ein. An jenem Tag hätten wir beinahe auch unsere Mutter verloren. Wir zwei Buben, sechs und drei Jahre alt, zogen uns hastig an; erst dann bemerkten wir in dem allgemeinen Durcheinander, dass unsere Mutter nicht da war.

Es war angeordnet worden, den Bunker zu räumen, und unsere Mutter hatte sich auf den Weg gemacht zu den Großeltern, um einen Handwagen für unsere Habseligkeiten zu besorgen. Aber es war Sonntag und Großvater bestand darauf, zuerst und wie immer ein Sonntichhemd anzuziehen. „Lass’ das doch mit dem Sonntagshemd, bald sind die Franzosen da.“ Als er endlich korrekt gekleidet war, war es zu spät: Ein französischer Offizier stürmte in den Hof, unsere Mutter, Großvater, Großmutter, Tante Mina und Tante Maria mussten sich am großen Tor der Küferwerkstatt in einer Reihe aufstellen, es sollten Geiseln erschossen werden, da zwei französische Soldaten von deutschen Scharfschützen erschossen worden seien. In ihrer Angst bot unsere Mutter ihr ganzes Schulfranzösisch auf, um zu beteuern, dass sie zwei kleine Kinder zu versorgen habe. In letzter Minute erschien ein zweiter Offizier, der meldete, es sei ein Unfall gewesen: die beiden Soldaten hätten leichtfertig mit einer scharfen Handgranate hantiert.

Wir Buben warteten voller Angst auf unsere Mutter. Sie kam mit dem Handwagen und wir zogen mit Sack und Pack zurück in unsere Wohnung. Durch das Wohnzimmerfenster sahen wir, wie eine nicht enden wollende Kolonne von Panzern, Lastwagen und Mannschaftstransportern die Wiener Straße herunter rasselte. Die Panzersperre in unserer kleinen Nebenstraße interessierte sie nicht.

Für uns war der Krieg zu Ende. Als ich an einem der nächsten Tage mit einem Freund neugierig herumstreifte, hatte ich, obwohl noch ein Kind, das merkwürdige Gefühl, dass wir eine Zeitenwende miterlebten.

Die gewohnten deutschen Uniformen waren aus dem Straßenbild verschwunden, stattdessen sah man jetzt französische, überall. Die sie trugen waren aber keine Franzosen, sondern Algerier, Tunesier, Marokkaner. Und das merkwürdigste: mehrmals am Tag breiteten sie auf dem Schulhof der Bismarckschule, direkt vor unserem Wohnzimmerfenster, ihre kleinen Gebetsteppiche aus. Sie kauerten nieder, die Knie, die Hände, die Nase auf dem Boden, die Stirn immer zum Karlsplatz gerichtet, weil dort, so hatten wir Kinder es verstanden, das rätselhafte Mekka liege. Denn am Karlsplatz wurde jeden Morgen mit schmetterndem Clairon und Trommelwirbel die Trikolore gehisst.

Unser Vater war zweiundvierzig Jahre alt, als er sein Leben mit dem letzten Aufgebot verlor. Sein Name ist zusammen mit vielen anderen auf einer Gedenktafel im Feuerbacher Friedhof zu lesen. Der Tiefbunker am Bahnhof Feuerbach wird so viele Jahrzehnte nach dem Krieg noch immer bereit gehalten.

Dieser Bericht interessiert einen Chronisten



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