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Stuttgart



Dieser Bericht ist folgendem Album zugewiesen:


Zeitzeugenbericht

Eingesandt von Lotte Schnurer, geboren am 29. 10.1924 in Stuttgart; eingestellt von der Redaktion.

Drei kriegsbedingte ganz persönliche Erlebnisse.

1. Auch im Haus Ludwigstraße 75 wurden wir bald wieder total ausgebombt. Beim Einsturz fiel meiner Mutter ein brennender Backstein auf den Kopf und sie wurde schwer am Kopf verletzt. In der nahen Schwabschule, die
zu einem holländischen Kriegsgefangenenlager umfunktioniert war, wurde sie von einem holländischen Arzt erstversorgt. Wir bekamen ein leeres Klassenzimmer zugeteilt. Zu allem Unglück machte sich bei meiner Mutter wieder ihr Hühnerauge zwischen zwei Zehen bemerkbar, das ich ihr immer ausgeschnitten hatte. Nun hatten wir ja auch keine Schere mehr. Irgend jemand lieh uns eine Haushaltsschere, und damit begann ich meine Werk. Es floss reichlich Blut, ich schnitt wohl ziemlich tief, hatte damit aber auch die Wurzel entfernt. Das Hühnerauge kam nie wieder. Und damit ging mir auch mein „Verdienst“ von je 5 Mark verloren.

2. In dem Klassenzimmer konnten wir nicht bleiben. So zogen wir in ein halbzerstörtes Haus in der Ludwigstraße 60. Hier standen noch die Außenmauern, zwar kein Dach, aber eine Zwischendecke vom 1. bis zum 2. Stock, und in der Küche eine Feuerstelle. Aus Schuttholz bastelte mein Vater Bettgestelle. Strohsäcke bekamen wir zugeteilt. Es kam die erste Nacht. Die Wohnung war vorher im Besitz eines Zigarrenhändlers und die Wände waren bis zur halben Höhe vornehm holzvertäfelt. Dahinter hatten sich Wanzen angesiedelt. Wahrscheinlich waren sie ausgehungert und wir wurden zur willkommenen Beute. Wir wurden total zerbissen. Anderntags suchte mein Vater dann nach brauchbaren Gefäßen, die er unter die Bettfüße stellte und mit - ich glaube, es war Petroleum - füllte. So ging das Schlafen besser. Aber wir waren nicht lange dort. Es kam der Regen, der durch die Decke ging, uns vertrieb und mir auch noch mir mein neues rotes Kleid zerstörte. Die ganze Farbe lief aus. In Trümmern hatten wir einen alten Vorhang gefunden, aus dem eine Verwandte für mich das rote Kleid geschneidert hatte.

3. Bei einem weiteren Angriff, wohl dem schwersten, im Stuttgarter Westen im September 1944 waren wir nicht nur ausgebombt, ich verlor auch für viele Jahre das Lachen. Mein Vater war bei der Technischen Nothilfe. Er war mit seinen Leuten eingesetzt, Tote und Verbrannte aus den eingestürzten Häusern zu bergen. Es war das entsetzlichste Erleben für mich. Mein Vater nahm mich mit. Ich musste den Leuten Schnaps ausschenken, wenn sie wieder einen Eimer mit verbrannten und zerfetzten Körperteilen aus den Kellern hochholten. Der Leichen- und der Brandgeruch waren entsetzlich, man stieg nur über Trümmer und Leichen. Am dritten Tag brach ich zusammen. Es gab keinen Frohsinn mehr für mich.

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