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Arbeiten unter dem Kommunisten Kohl


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Zeitzeugenbericht

Eingesandt von Lotte Schnurer, geboren am 29. 10. 1924 in Stuttgart; eingestellt von der Redaktion.

1942 wurde ich beim damaligen Landesarbeitsamt in der Hölderlinstraße eingestellt. Das Gebäude fiel dem Fliegerangriff vom 13. September 1944 zum Opfer. Wir hatten alle keine Arbeit mehr. Ich half damals meinem Vater im Büro, der einen Handwerksbetrieb hatte. Nach 1945 begann der staatliche Wiederaufbau. Unter anderem wurde das Wirtschaftsministerium mit seiner Abteilung Arbeit und Soziales ins Leben gerufen. Diese Abteilung wurde dann ausgegliedert und selbständig als Arbeitsministerium. Untergebracht wurde es in der Neckarstraße, wo nun neue Ministerien eingerichtet werden sollen. Nur zwei Damen aus dem früheren Landesarbeitsamt wurden hier neu eingestellt, u.a. auch ich.

Das ganze Ministerium bestand anfangs nur aus wenigen Personen. Der Minister, der Direktor, zwei Sekretärinnen und ein Fahrer. Was heute - so glaube ich - fast in Vergessenheit geraten ist, der erste Arbeitsminister in Württemberg hieß Kohl und war Kommunist. Herr Minister Kohl war sehr streng. Er stand schon morgens mit der Uhr in der Hand an der Haustüre und kontrollierte, wann seine Leute kamen. Wir blieben am Anfang sehr wenige, denn durch die Entnazifizierung bedingt war es schwierig Mitarbeiter zu bekommen.

Für mich war es eine sehr erlebnisreiche und oft auch sehr anstrengende Zeit. Wir hatten ja bis zur Neubildung des Südweststaats zunächst unsere amerikanischen und französischen Besatzer. Alle Verhandlungen bis zur Eigenständigkeit mussten mit diesen erörtert werden. Die Sitzungen fanden jeweils in der Villa Reitzenstein statt und wurden in drei Sprachen geführt. Mir wurde die Aufgabe zuteil, Protokoll über die Sitzungen zu führen. Mein Glück war dabei, dass nicht simultan übersetzt wurde und mir so genügend Zeit für meine stenografischen Aufzeichnungen blieb.

Die Sitzungen gingen oft bis in den Abend hinein. Damals gab es auch noch Straßensperre ab 22 Uhr. Mit einem Dienstfahrzeug mit Sondergenehmigung wurde ich oftmals nach 22 Uhr heimgebracht und musste dann auf meiner persönlichen alten Reiseschreibmaschine mit möglichst vielen Durchschlägen noch die Protokolle ins Reine schreiben, um vielleicht am nächsten Tag gleich wieder in die Villa Reitzenstein zur nächsten Sitzung zu fahren. Auch als ich einmal meuterte und den Herrn Minister Kohl im Auto warten ließ, half es nichts, ich musste mit, bis wir endlich nach einiger Zeit einen entnazifizierten Stenografen bekamen, der an meiner Stelle mitschreiben musste. Zudem wurde mir vorgehalten, ich wolle mich drücken, ich hätte ja Englisch in der Schule gelernt und musste die Amerikaner verstehen.

Im Jahre 1951 wurde ich dann vom zwischenzeitlich eingesetzten Landtag angefordert, wo ich die Gründung des Südweststaats miterlebt habe und 30 Jahre tätig war. Als Zeitzeugin kam bei der Einweihung des neuen Landtagsgebäudes auch der Südwestrundfunk auf mich zu. Ausgestrahlt wurde die Sendung im Mai 2002 in der Sendung "Schätze des Landes".

Dieser Bericht interessiert einen Chronisten



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