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Als die Juden plötzlich verschwanden


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Stuttgart



Zeitzeugenbericht

Eingesandt von Lotte Schnurer, geb. 29.10.1924 in Stuttgart, eingestellt von der Redaktion.

1930 wurde ich als Sechsjährige in der Johannesschule eingeschult. In unserer Klasse waren auch drei jüdische Mädchen. Eine war meine Banknachbarin. Alle drei schieden in der dritten Klasse plötzlich aus. Die Eltern hatten wohl die Möglichkeit, sich ins Ausland abzusetzen. Für uns Schüler war ihr Weggang damals noch nicht begreiflich.

Über das Schicksal meiner Nebensitzerin erfuhr ich erst ca. 65 Jahre später. Die Stadt Stuttgart, damals Oberbürgermeister Manfred Rommel, hatte frühere jüdische Mitbürger nach Stuttgart eingeladen. Meine Schulnebensitzerin suchte mit einem alten Klassenbild in der StZ nach ihren alten Mitschülerinnen. Im Stuttgarter Ratskeller fand nach Jahrzehnten ein Wiedersehen statt und sie erzählte, wie sie damals mit ihren Eltern aus Furcht vor Zwangsdeportation über etliche Länder hinweg nach Israel kam. Wir deutschen Kinder wussten damals noch nicht viel über die Herrschaft der NSDAP. Mir wurde sie erst durch die Reichskristallnacht richtig bewusst, als in Stuttgart die Synagoge brannte und in der Rotebühlstraße die SA auf Lastwagen laut grölend fuhr und Ecke Rotebühl-Reuchlinstraße das Kurzwarengeschäft der Familie Sommerfeld zerstörte.

Die Unmenschlichkeit gegenüber unseren jüdischen Mitbewohnern erlebte ich auch 1944. Wir waren in der Rotebühlstraße total ausgebombt und es wurde uns eine Wohnung in der Ludwigstraße 75 zugewiesen, die ein "Nichtarier" hatte räumen müssen. Unsere Stocknachbarn waren sehr nett und hilfsbereit und halfen uns mit Nötigem aus, da wir ja nichts mehr hatten. Es war dann ein nächtlicher Fliegeralarm und alle mussten in den Keller. Schnell hörten wir die schießende Flak und auch Bombeneinschläge in der Nähe. Ich vermisste unsere Nachbarn im Keller. Damals hatte noch jedes Haus einen sogenannten Hauswart. Als ich ihn darauf ansprach, erklärte er mir, die Leute seien Halbjuden und dürften nicht in den Keller.

Dieser Bericht interessiert einen Chronisten



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