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Das harte Leben zu Beginn des 20. Jahrhunderts


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Stuttgart



Zeitzeugenbericht

Von Robert Endreß

Meine Eltern stammen aus einfachen, kinderreichen Familien und kamen Anfang des 19. Jahrhunderts nach Stuttgart. Damals war es selbstverständlich, dass die Kinder nach der Schulentlassung zur Erwerbsarbeit herangezogen wurden.
Meine Mutter kam zuerst als Kindermädchen über den Sommer zu einer Gärtnersfamilie nach Stuttgart-Wangen. Während des Winters wurde sie dort nicht mehr gebraucht und war wieder zu Hause. Unvergesslich ist mir die Schilderung meiner Mutter, wie man damals das Gemüse mit dem Handwagen von Wangen zum Markt nach Stuttgart transportierte und anschließend nicht verkauftes Gemüse auf der Rückfahrt in Häusern anbot. An diesen Tagen war meine Mutter natürlich auch mit von der Partie. Später war sie „Dienstmädchen“, so bezeichnete man damals Hausgehilfinnen, ganz in Stuttgart und wohnte dann bei ihrer jeweiligen „Herrschaft“.

Die erste Bescheinigung der Rentenversicherung stammt von 1905. Der Verdienst als Dienstmädchen betrug 160 Mark - im Jahr (!). Einmal wechselte sie die Stelle, weil sie an einer anderen 180 Mark erhalten konnte. Sie hat dies bereut, denn es zählte letztlich nicht nur das Geld sondern auch die ganze Familienatmosphäre. Es gab Stellen, wo die Mädchen „wie eigen“ waren, so sagte meine Mutter.

Durch ein anderes Mädchen wurde meine Mutter in den „Jungfrauenverein“ der Evangelischen Gemeinschaft eingeladen und fand dort ein geistliches Zuhause. Sie lud dann später meinen Vater in die Evangelische Gemeinschaft, heute Evangelisch-methodistische Kirche, in die Zionskirche in der Schlossstraße ein, wo er sich dem „Männer- und Jünglingsverein“ anschloss. Bild: „Männer- und Jünglingsverein“ bei seinem 50jährigen Jubiläum, m. W. 1929.
Mein Vater kam vermutlich durch Vermittlung seines älteren Bruders nach Stuttgart und fand bei der Firma Helbling und Herrmann eine Stelle. Diese belieferte Schneidereien mit Stoffen. Die Ware wurde mit dem Pferdewagen ausgeliefert. Bild: Mein Vater rechts vom Kutscher auf dem Wagen sitzend. Die Bediensteten der Firma trugen, wie auf Bildern zu sehen ist, Dienstkleidung. Bei einer Warenlieferung an eine Damenschneiderin, bei der meine Mutter arbeitete, lernte mein Vater meine Mutter kennen.

Im 1. Weltkrieg wurde mein Vater zum Militär eingezogen. Nach dem Krieg erfolgte im Dezember 1918 seine Entlassung. Beruflich kam er dann als Pfleger beim Bürgerhospital und später dort als Aufseher im „Asyl“, dem Obdachlosenheim der Stadt Stuttgart, unter. Noch waren meine Eltern nicht verheiratet, denn die Stelle meines Vaters „trug keinen Verheirateten“, d.h. der Verdienst reichte nicht eine Familie zu ernähren. Es war eine schwere Zeit, besonders auch das Jahr der Inflation. An diese Zeit erinnert mich, neben einigen alten Banknoten, eine Rechnung aus dem Nachlass meines Paten: Dieser ließ sich im Mai 1923 beim Hofschreinermeister Friedrich Alber einen eichenen Bücherschrank anfertigen, Kosten 250 000 Mark! Selbst die Stadtverwaltung gab offenbar eigenes Geld aus, wovon ein Stadtkassenschein über „Hundert Milliarden Mark“ Zeugnis ablegt.

Ende 1923 heirateten meine Eltern. Interessant ist mir auch das Schreiben mit dem der letzte Arbeitgeber meiner Mutter ihr ein Zeugnis nachreichte. Mein Vater übernahm schließlich die Hausmeisterei im Amtsgebäude des Wohlfahrtsamts der Stadt Stuttgart am Wilhelmsplatz. Dieses Haus wurde dann für meine Eltern und schließlich auch uns Kindern, meinem Bruder, meiner Schwester und mir, zur Heimat. Hier um den „Wilhelmsbrunnen“ der heute auf dem Marktplatz vor dem Rathaus steht, erlebten wir unsere Kindheit (siehe Bild) und von hier aus kam ich 1934 in die Jakobschule.

Das eine Klassenbild stammt aus dem Jahre 1936 und zeigt unsere Klasse mit unserem Lehrer, Herrn Bauer. Noch heute treffen sich Schüler aus dieser Klasse jährlich einmal zum Klassentreffen. Einen Mitschüler von damals hätten wir ebenfalls gerne eingeladen, konnten seine Adresse trotz vieler Bemühungen nicht ausfindig machen. Es ist der 2. Schüler von links in der hinteren Reihe, Lothar Sauter. Er war jüdische Abstammung und einer unserer Klassenkameraden traf ihn unmittelbar nach dem Krieg als amerikanischen Soldaten in Stuttgart.

Das andere Klassenfoto stammt aus dem Jahre 1938 mit unserem damaligen Lehrer, Herrn Horlomus, einem Kriegsversehrter aus dem 1. Weltkrieg.

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Kommentare

von Urs Jenny, am 16.01.2010 20:56 Uhr

Beim Studium der Memoiren des Theodor Widmann bin ich auf die Firma Helbling und Herrmann gestossen. Widmann hat seine Lehrzeit kurz vor 1900 ebenfalls in dieser Firma verbracht. Sein Vater war Bäcker in der Hospital-strasse, ein sehr frommer Mann der sich auch intensiv im evangelischen Milieu bewegte. Theodor Widmann hat 1907 den Tierpark Doggenburg eröffnet. Seine interessante Lebensgeschichte ist in Bearbeitung.



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