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Der Pragbunker

Eingestellt von

Eugen Jäger
Eugen Jäger
am 04.10.2008

Zugeordnetes Thema

(nicht angegeben)



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Ort

Pragsattel, 70191 Stuttgart

Zeitzeugenbericht

Der Pragbunker in Stuttgart


Als Luftschtzbunker in den Bombennächten des
Zweiten Weltkriegs

Als Odachlosen – Unterkunft in den Nachkriegsjahren

Als ein großer Leuchtreklame – Turm in einer weiteren Zeitspanne


Während der Kriegszeit war mein Arbeisplatz in der Pragstraße; da ich aber meinen Wehrdienst ableisten musste, lernte ich den Pragbunker damals in seinem Inneren nicht kennen.
Das war in der Nachkriegszeit anders. Als Anerkennungspraktikant der Diakonenausbildungsstätte Karlshöhe/ Ludwigsburg wurde mir mit einem anderen Diakonenschüler ein Unterkunftsplatz im Pragbunker in Stuttgart zugewiesen.(Im Frühjahr 1949)
Unser Vorgesetzter ernannte uns kurz zu Stadtmissionslehrlingen mit einem übergemeindlichen Auftrag im Wohnumfeld und einem gemeindlichen Auftrag bei “Stadtmissionaren”, wie sie damals noch genannt wurden, in verschieden Stuttgarter Gemeinden. Wir sollten mit den Bewohnern Kontakt aufnehmen und versuchen, das Zusammenleben in der Enge und Dunkelheit des Bunkers erträglich zu gestalten.
So wie ich mich erinnere waren damals ca. 140 Obdachlose in 35 Kabinen im Inneren des Bunkers
untergebracht. So eine Kabine maß ca. 5 qm. Es gab keine Fenster, doch in manchen
Kabinenwänden waren Fenster mit Gardinen kunstvoll und intensiv farbig aufgemalt. Eine Luftklappe konnte zwar geöffnet werden, verminderte aber kaum den Mief, den 4 Männer produzierten, sondern förderte den Straßenlärm, wie durch einen Verstärker komprimiert in den
Innenraum. Wenn die 4 Liegen, die zum Ruhen dienten heruntergeklappt wurden, war keine Bewegung im Raum mehr möglich. Zur Toilette außerhalb der Kabine, war nur unter erschwerten Umständen ein Durchkommen.
Wie konnten wir nun in dieser Enge, den von uns erwarteten Auftrag erfüllen?
Unsere Lage war fast hoffnungslos, da wir aber auch im Krieg und der Gefangenschaft von Gottes Hilfe wussten, dachten wir mit “Paul Gerhardt...Abend und Morgen sind seine Sorgen.......”
Ob es irgendwo eine leere KABINE gab? Rauf und runter ging es über die enge Treppe. Fast bekamen wir den “Drehwurm.” - Ja was war das - als wir außer Atem ganz Oben ankamen, war da ein kleiner Raum mit richtigen Fenstern. Von der Verwaltung erhielten wir den Schlüssel und dankten unserem obersten Dienstherrn.
In dem vom Tageslicht durchflutenten Raum kamen uns manche Gedankenblitze, die wir aber nicht alle weiterverfolgen konnten. Wie konnten wir möglichst Kontakt zu allen Bewohnern aufnehmen, war eine der Fragen? Zu zweit konnten wir nicht in die ohnehin überfüllten Kabinen gehen.
Jeder von uns nahm sich einige Kabinen vor, um die Bewohner mit ihren Anliegen kennenzulernen. Dabei war uns klar: es gab nur wenige Zeitnischen an denen die Bewohner ansprechbar waren.
Meistens war es das Heimweh, das diese Männer aus den strukturschwachen Gebieten unseres in Zonen aufgeteilten Landes hatten. Helfen konnten wir kaum, da wir auch zu Diensten in den Gemeinden eingeteilt waren.Wir fragten uns nun, wie weit wir die Mitbewohner innerlich stärken könnten? So fassten wir einen Plan bei den Kabinenbesuchen einfach zu sagen: “Wenn Sie morgens vor der Arbeit zwischen 6 und 7 Uhr 5 Minuten Zeit.sich abringen können, so dürfen Sie in den oberen Raum kommem, um ein Wort für den Tag zu hören. Schweren Herzens stiegen wir am nächsten Tag die engen Treppen hoch und warteten, dann kam einer und dann noch einer.
Der Anfang war gemacht und wir waren froh. In den nächsten Tagen schwankten die Zahlen der morgendlichen Gäste zwischen 3 un 5. Sonntags waren es mehr. Es war nichts Besonderes was wir bei diesen Begegnungen sagten, es war in der Regel ein Wort aus der “Heiligen Schrift” und ein Liedvers als Gebet und manchmal auch eine Aussprache über aktuelle Probeme. So wie ich mich erinnern kann erhellte sich der Gesichtsausdruck der Mitmenschen die aus der Dunkelkeit kamen. Vor allem sonntags erhellten sich die Gesichter, wenn in der Nähe Kirchenglocken läuteten.
Das war nun im Wesentlichen der übergemeindliche Dienst.
Die Stadtmissionare in den Gemeinden, denen wir zugeteilt wurden, wollten uns auch die Gemeindearbeit vorstellen und bestimmte Aufgaben zuteilen. In den seitherigen Zeitrahmen schien das nicht hereinzupassen. Es blieb auch viel Zeit auf der Srecke. Beim Mittagstisch der Evang. Gesellschaft in der Büchsenstr. 36 erhielten wir ein Essen. Wenn ich z.B. Schon vormittags in der Matthäusgemeinde (im Süden von Stuttgart) zu tun hatte, so kamen da schon einige Km zu Fuß und mit der Straßenbahn zusammen.
Die Ferienwaldheimzeit kam und ich sollte die Kinder morgens zwischen 8.00 und 8.30 Uhr an der Haltestelle Kaltental – Waldeck abholen und zum Waldheim Sonnenwinkel begleiten. In dieser Zeit erhielt ich eine “Bleibe” bei einem Gemeindeglied der Matthäusgemeinde, so dass ich diesen Auftrag erfüllen konnte. Als stellvertretender Waldheim Leiter hatte ich dort auch bis zum späten Abend zu tun.
Der Umzug nach dieser Zeit in den Bunker, fiel mir nich gerade leicht. Zu meiner Freude trafen sich manche Bewohner auch ohne uns, um oben vor der Arbeit “Luft zu schnappen für Leib und Seele”.

Als ich im August 1995 im Robert Bosch Krankenhaus als Patient mit einem Herzinfarkt lag, konnte ich auf den Pragbunker herunterschauen (das Äußere des Bunkers war schon, siehe Foto, etwas in Richtung “Reklameturm verändert”). Erinnerungen wurden wach.
Darf ich an Sie als Leser eine Frage stellen: Kann das sein, das Sie oder jemand, den Sie kennen auch damals wie ich in einem Bunker gewohnt haben? Wenn Sie mir dann schreiben oder mich anrufen könnten, würde ich mich freuen und wäre dankbar.


Eugen Jäger
04. Oktober 2008

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