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Spaziergang durchs zerstörte Stuttgart

Eingestellt von

Marianne Riehle
Marianne Riehle
am 10.10.2008

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Ort

Schloßplatz, 70173 Stuttgart

Zeitzeugenbericht

Dieser zeitgenössische Brief vom 12. August 1944 stammt von meiner Mutter, die damals 31 Jahre alt war. Sie hat ihn an ihren Mann/meinen Vater geschickt, der als Soldat im Krieg war.

"Es gibt täglich 1 - 2 mal Alarm und Nachts auch dann und wann. Nach der verhängnisvollen Woche vor 14 Tagen, aber für uns nicht tragisch gewesen. Der Luftkrieg nimmt allmählich Formen an, dass man glaubt, eine Steigerung könnte nicht mehr eintreten. Erstmalig war ich ja nun gestern in der Stadt. Es sieht tatsächlich schon entsetzlich aus. Direkt das Zentrum ist fast nur noch ein Schutthaufen.

Herr ... nahm mich gestern mit, mit seinem Wagen. Habe versucht die 3 Päckchen fort zu schaffen, weil doch Freitagabend bekannt gegeben wurde, Päckchen werden gar keine mehr befördert. Der Beamte hatte scheints doch Mitleid mit mir, denn es war auch gestern schon erbärmlich heiß, dazu in einer solchen Steinwüste, dass er mir die Päckchen abnahm und es als Rüstungsgut laufen ließ. Sonst wird nichts befördert.

Das Haus von Dr. .... steht noch, zwar reichlich demoliert, aber es ist noch dort. Schuhmacher ...., bei dem ich gerade 4 Tage zuvor 2 Paar Schuhe abgeholt hatte, der wohnt ja neben Kurier, da sieht man aber überhaupt nichts mehr. Es ist auch keine neue Adresse auf dem Schutthaufen angebracht und der Kurier, der im Parterre als einziger in der Nachbarschaft noch vegetiert, sagte, dass man schon oft nachgefragt hat bei ihm, aber man wüsste nichts.

Neben dem Friedrichsbau in dem Fischgeschäft war man noch dabei, Tote zu bergen. Friedrichsbau selbst steht, aber wie -- alles ausgebrannt bis auf den Boden. Unten prangt an der Mauer die Schrift: "Vom Friedrichsbau lebt alles". Das sieht man übrigens öfter, dass da steht: "Wir leben". In der Königstraße sah ich außer der Commerzbank, die steht, noch die Schnellgaststätte neben Universum und noch ein Restaurant. Das Universum soll in den nächsten Tagen wieder eröffnet werden und als einziges Kino von Morgens bis Abends spielen. Sonst sieht man die ganze Königstraße nur ausgebrannte Häuser oder Schutthaufen. Büchsenstraße oder wie die Seitensträßle alle heißen, fast alles weg.

Der Schloßplatz bietet freien Blick durch Trümmer hindurch bis ins Hauptpostgebäude. Gegenüber Schloß und alles was dahinter kommt, hat wieder alles sein Teil abgekriegt. Der Marktplatz, Leonhardsplatz, Hirschstraße mit allem drumrum hat sich alles bis zur Unkenntlichkeit verändert. Auf dem Schloßplatz stehen Zelte, da gibt es für 15 Pf. trocken Brot mit 1 Hering dazu und an anderen Zelten Coca-Cola. Ein schlimmeres Bild der Verwüstung kann es selbst in Russland in einer Stadt dort nicht geben."

Dieser Bericht interessiert 5 Chronisten



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