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Eine denkwürdige Weihnachtsfeier im Jahr 1943

Eingestellt von

Dorothea Bystrich
Dorothea Bystrich
am 16.12.2008

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Ohmenheim

Zeitzeugenbericht

Dorothea Bystrich (Jahrgang 1935) aus Duisburg ist im Jahr 1943 als achtjähriges Kind alleine nach Ohmenheim bei Neresheim gekommen, um dort im Rahmen der "Kinderlandverschickung" das Kriegsende abzuwarten. Da ihr Bericht sehr anschaulich wiedergibt, wie ein Kind diese "Verschickung" erlebt und gefühlt hat, veröffentlichen wir diesen Bericht, obwohl kein direkter Bezug zu Stuttgart besteht. Die Ängste eines kleinen Mädchens, das sich sehr verlassen fühlt, werden hier lebendig - zumal in Kontrast zu der friedlichen Weihnachtsfeier, die Dorothea Bystrich in Ohmenheim erlebt hat. Am Ende des Textes erinnert Frau Bystrich in einem Gedicht an diese denkwürdige Weihnachtsfeier.



Ich höre noch heute das Heulen der Sirenen, das Zischen der Bomben, habe noch den Brandgeruch unter meiner Nase, wenn wir nach einem Angriff aus dem Bunker kamen und uns ängstigten, weil wir ja nicht wissen konnten, ob unser Haus noch steht. Unsere Mutter ging nie in den Bunker, sie schickte nur uns Kinder dorthin, sie glaubte wohl unser Haus beschützen zu können und blieb in unserem Luftschutzkeller.

Wir wohnten in einer Siedlung nahe am Rhein und auf uns hatte man es natürlich abgesehen. Immerhin war das Bergwerk direkt vor unserer Siedlung. Eines Nachts, Mutter brachte uns alle in den Luftschutzkeller, den sie mit provisorischen Liegen ausgestattet hatte, dort unter, weil wir es aus Zeitgründen nicht bis zum Bunker geschafft hätten. Da sich im Bunker viele Frauen mit ihren Kleinkindern aufhielten, die an Keuchhusten erkrankt waren, war eben die Ansteckungsgefahr sehr groß, denn wir saßen alle ganz dicht beieinander und die Dunkelheit dort machte mir große Angst. Es gab aber auch kleine Räume, die meistens für sehr kranke Kinder reserviert waren.

Diese besagte Nacht jedoch habe ich als die schrecklichste in meiner Duisburger Zeit in Erinnerung. Ich war wohl schon wieder eingeschlafen sein, als unser Haus von einer Brandbombe getroffen wurde. Aber nicht nur die Detonation war es, sondern auch der Brandgeruch und der Trümmerstaub, der uns total einnebelte. Ich schrie, ich schrie so laut, dass mich niemand beruhigen konnte. Die Angst überwältigte mich und von da an weiß ich nichts mehr. Gott sei Dank blieb unser Haus stehen, die Bombe viel direkt auf unseren Schweinestall, der zu unserem Haus gehörte und tötete die Schweine, die für die Familie zum Schlachten vorgesehen waren. Unser angrenzendes Haus wurde natürlich mit beschädigt, so dass die Wand vom Keller in den Stall völlig zerstört war.

Nach diesem Vorfall beschlossen meine Eltern, mich ebenfalls mit der Schule, in die ich erst ein paar Monate ging, ins Ungewisse zu schicken. „Kinderlandverschickung“ hieß das „Zauberwort“ das mir große Angst machte. Die Eltern wollten das Beste, aber welches Kind kann sich mit solch einem Gedanken anfreunden? Da ich aus einer intakten Großfamilie komme, wo Gehorsam an erster Stelle steht, tat ich, was meine Eltern von mir erwarteten. Ich weiß nur, dass meine Mutter mich zum Bahnhof brachte, wo mich schon die Schulklasse in Empfang nahm und wie wir in den Zug gehoben wurden. Das schrille Pfeifen des Zuges konnte ich nie vergessen. Von da an weiß ich nicht mehr viel, weil eine große Trauer und das Heimweh mich überwältigten. Irgendwo unterwegs hielt der Zug, niemand war an meiner Seite, der mich tröstete. Nur unser Lehrer und dessen Frau sowie eine Lehrerin waren unsere Begleiter. Aber wir bekamen auf diesem fremden Bahnhof heiße Milch und Wecken und das tröstete vielleicht ein wenig. Irgendwann kamen wir auf dem Bahnhof in Neresheim an. Hier wurden wir in Militärfahrzeuge gesetzt und weiter in das bäuerliche Dorf Ohmenheim, im Härtsfeld transportiert.

Ich sehe noch genau den Schulhof und die vielen fremden Gesichter vor meinen Augen. Frauen in langen, schwarzen Kleidern und Kopftüchern. Hexen dachte ich, alle sind Hexen, die mich mitnehmen wollen in ihre Hexenhäuser. Aber sie nahmen uns in Empfang und suchten sich wohl erst die größeren Kinder aus. Ich verkroch mich bis in die hintere Reihe, dachte, ich würde übersehen, ich war ja sehr klein und dürfte wieder zu meinen geliebten Eltern zurück. Da sah mich Johanna, ein junges Mädchen aus dem Dorf, und hob mich auf ihren Arm, sprach im unverständlichem Dialekt, war aber sehr nett zu mir und trug mich in ihr Haus. Ich war voller Ängste, als wir die Dorfstraße hinuntergingen, hörte seltsame Geräusche, Kühe blökten, was mich an Sirenen erinnerte und eine total fremde Sprache. Wenn sie unterwegs Johanna ansprachen, verstand ich nichts und sehnte mich nur nach meinen älteren Geschwistern und meinen Eltern, die nun so weit von mir entfernt waren. Ich werde es nicht verstanden haben, warum ich das alles ertragen musste. Jeder Bombenangriff wäre mir wahrscheinlich, aus meiner kindlichen Sicht, lieber gewesen als das Getrenntsein von meiner Familie. Johanna brachte mir eine neue, bunte Kindertasse, Milch und Rosinenbrot, was mich schon ein wenig beruhigte. Aber es gab eine kleine, schwarzweiße Katze und sie war es, die mir signalisierte, hier ist Dein neues Zuhause. Nun hatte ich schon einen Ersatz für meine geliebte Katze daheim, die dann später im Bombenhagel umkam.

Weihnachten in Ohmenheim

Ein halbes Jahr lebte ich nun in dem kleinen beschaulichen Dorf und erlebte zum ersten Mal das Weihnachtsfest ohne meine Eltern und Geschwister. Da ich mich dort sehr wohl fühlte, bekam ich Abstand von meinem Zuhause. Aber gewiss ließ mich auch die Hoffnung auf das baldige Ende des Krieges das Erlebte vergessen.

Weit vor Mitternacht machten wir uns auf den Weg, der zum „Kloster Neresheim“ fuhrt. Es war klirrend kalt und alle Gläubigen waren hier am Ortsausgang versammelt, um gemeinsam die Mitternachtsmesse zu besuchen. Die Nacht war sternenklar, die Wege hochverschneit. Männer trugen Pechfackeln, die ein gespenstisches Licht auf die mitternächtlichen Kirchgänger warfen. Frauen hatten ihre dunklen Kopftücher weit über ihre Stirn gezogen, sie beteten laut und vervollständigten das Bild nie zuvor erlebter Ehrfurcht und tiefstem Glauben.

An der Wallfahrtskapelle „Maria Buch“ machten wir zuerst Halt. Die weiße Wallfahrts-Kapelle lag am Anfang des Waldes und wurde das ganze Jahr über von mir besucht. Ich verehrte die Muttergottesfigur, betete sehr oft zu ihr und brachte ihr frische Blumen der Jahreszeit entsprechend. Ihr erzählte ich all meine kleinen Sorgen und Nöte und machte sie zu meiner Vertrauten. Das Wasser im Brunnen zu ihren Füßen war mit bizarren Eiszapfen weihnachtlich von der Kälte dekoriert. Stille Nacht, Heilige Nacht, habe ich nie wieder so klingen gehört, wie in dieser Christnacht. Das Singen schallte durch die alten, riesigen Buchen und erstarb in den Wipfeln der Tannen. Wir hatten noch ein Stück zu gehen und ich freute mich auf den Besuch der Klosterkirche. Sie thront auf dem Ullrichsberg, oberhalb der schwäbischen Alb, wie eine Beschützerin der romantischen Ortschaften zu ihren Füßen. Ich liebte diese Kirche mit den vielen Kunstschätzen, dem glänzenden Gold und die vielen bunten Fresken, von Martin Koller ausgemalt und der reich verzierte Altar dieser Spätbarockkirche, Der Gruß „Pax“ mit dem jeder Besucher begrüßt wird, hatte hier seine Gültigkeit.

Laute Orgelmusik klang uns schon entgegen, als wir in der Hl. Nacht das ehrwürdige Gotteshaus betraten. Dieser Augenblick ist als das Faszinierendste in Erinnerung geblieben. Hier war alles rein und klar, hier war die Botschaft „Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“ Realität. Mich entzückten die vielen Lichter, der Duft von Weihrauch, ganz besonders aber die großen, bunten Krippefiguren. Angst machten mir die vielen großen Menschen, denn sie versperrten mir die ganze Sicht nach vorne zum Altar. Nahe bei der Krippe fanden wir einen Platz und ich nahm Kontakt auf zu Maria, Josef und dem Jesuskind und dann der übergroße, goldene Stern. Schon bald war ich allem Irdischen entrückt, schwebte auf einer himmelblauen Wolke, bei den Engeln in der Kuppel und wurde immer wieder von den Klängen Bachs in die Wirklichkeit zurückgerufen. Allmählich ermüdete ich, es zog sich unheimlich in die Länge, meine Knie schmerzten und da ich gar keine Sicht nach vorn hatte, verging die Zeit nicht. Plötzlich hörte ich eine tiefe, laute Männerstimme, die mich erschreckte und aufhorchen ließ. Irritiert suchte ich diese Stimme und dann hörte ich sie wieder. „Was sind wir denn vor Gott? Wir sind Würmer in seinen Augen, die er jeder Zeit zertreten kann, wann und wo er will“. Was dieser Prediger sonst noch von der Kanzel rief, überhörte ich, vergaß ich, denn dieser Satz jagte mir furchtbare Angst ein. Ich verwechselte die symbolische Bedeutung dieser Aussage mit der Wirklichkeit, kam mir klein und verlassen vor, nahm mir vor, die Gunst Gottes nicht zu verlieren um seiner gerechten Strafe zu entgehen.

Erst viel später habe ich verstanden, dass jener Pater mit seinen Worten an den Verstand eines jeden appelliert hatte. Sein Echo verhallte jedoch in den ehrwürdigen Mauern.

Dorothea Bystrich


Weihnachten 1943

Es war 43 - mir ist es wie heute.
dumpfes, schweres Glockengeläute.
Fern von zuhause bin ich irgendwo,
ich weine, bin traurig und kein bisschen froh.
Fremde Menschen haben mich aufgenommen,
hießen mich in ihrer Gemeinschaft willkommen.
In der Heimat ist Krieg, Fliegeralarm.
ich halte meine kleine Puppe im Arm,
sie spendet mir Trost, gibt mir Halt.
Man sagt mir „Der Krieg ist aus, schon bald"!
Wo mag jetzt wohl meine Freundin sein?
Ist sie bei den Eltern, oder wie ich - allein?
Gibt es für sie einen Tannenbaum?
Ist das alles Wahrheit, oder ein böser Traum?
Doch, doch, es ist wahr, die Glocken sind echt!
Sie läuten für Frieden und Freiheit und Recht.
Sie läuten, weil ich bald wieder nach Hause komm.
Ich bete ganz innig, will brav sein und fromm.
Auch heut' gibt es Kinder - dort, irgendwo,
in einem Krieg, der schaurig und roh.
Nichts haben die Völker dazugelernt,
die Weihnachtbotschaft ist weit entfernt!
Über Hunger und Haß, sind wir stets informiert.
Die Bilder zu uns über „Sat" transportiert.
wir nehmen „live" am Geschehen teil,
denken „unsere Welt, sie ist ja noch heil"!
Und doch gibt es wie damals, auch noch heute,
christlich, gütig, besorgte Leute,
die ihre eigenen Wege gehn,
hilfreich den Armen zur Seite stehn.
Diese Gewissheit, sie macht mir Mut,
vertreibt in mir Ängste, Ohnmacht und Wut.
ich würde mich sehr auf Weihnachten freun,
könnte Frieden allen Menschen sein.

Dorothea Bystrich

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