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Studentenjob: Schaffnerin bei der Stuttgarter Straßenbahn

Eingestellt von

Gertrud Eisenhut
Gertrud Eisenhut
am 10.03.2009

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Stuttgart



Dieser Bericht ist folgendem Album zugewiesen:


Zeitzeugenbericht

In den Jahren 1965 - 1967 arbeitete ich in den Semesterferien als Aushilfsschaffnerin bei der Stuttgarter Straßenbahnen AG. Es begann mit einer 14-tägigen Ausbildung. Wir lernten nicht nur das ordnungsgemäße Verkaufen von Fahrscheinen und die Namen der Haltestellen, sondern ziemlich viel Theorie aus der „Dienstanweisung für den Fahrdienst der Straßenbahnen in Stuttgart“ (DFStrab Stgt./Herbst 1958), in der 81 Paragraphen und 4 Besondere Anordnungen die Handhabung des Fahrdienstes vorschrieben.

Auch ganz praktische Dinge wurden uns beigebracht, wie z.B. das Stellen einer Weiche „von Hand“, sprich mit einem ziemlich großen schweren Weichensteller aus Eisen, das sachgemäße Streuen von Sand in die Schienen als Bremshilfe, das An- und Abkuppeln von Wägen, die Durchführung einer Vollbremsung im Notfall, wenn z.B. der Wagenführer ohnmächtig geworden wäre… und vieles mehr. Für diesen Ausbildungs-Aufwand musste man sich verpflichten, anschließend das Gelernte mindestens vier Wochen lang im Dienst anzuwenden. Die Bezahlung war sehr gut mit 4,23 DM pro Stunde (die Zahl hinter dem Komma weiß ich nicht mehr ganz genau), für Überstunden gab es 60 Prozent dazu und an Feiertagen sogar das Doppelte. Nur wer den LKW–Führerschein hatte, konnte damals als Student mehr "Kohle" machen.

Dienstkleidung und Ausrüstungsgegenstände wurden im Depot Ostheim am Ostendplatz ausgegeben. Ich nahm also jedes Mal vor Beschäftigungsantritt die lederne Schaffnertasche mit dem Umhängeriemen, an dem der blecherne Münzgeldknipser und der Stempel befestigt waren, in Empfang. Der Stempel war noch nicht lange als Nachfolger des Blaustifts im Gebrauch. Die Nummer der Straßenbahnlinie, der Tag und die Uhrzeit (jede volle Stunde) wurden mit kleinen Rädchen eingestellt.
Im offenen Taschenfach steckte das hölzerne Fahrscheintablett, das aus zwei Teilen bestand, auf die je drei Fahrscheinblöcke gesteckt wurden. Im Innern der Tasche war ein Verzeichnis aller Stuttgarter Straßen mit den dazugehörigen Straßenbahnlinien und Haltestellen.

Was die Dienstkleidung anbetraf, ließ ich mir eine Schaffner-Uniformjacke aushändigen. Der Dienst- bzw. Personalausweis war von zweifacher Bedeutung: erstens, um sich auszuweisen und zweitens als „Freifahrschein“ im gesamten Netz während der Dauer der Beschäftigung. Der Dienstrythmus war ganz einfach: immer sieben Tage arbeiten – zwei Tage frei! Die Arbeitszeiten waren eigentlich auch ganz einfach, aber anstrengend! Am ersten Tag musste man um ca. 4.00 Uhr früh "ausrücken", d.h. mit dem ersten Zug das Depot verlassen. Das Gute daran: um ca. 13 Uhr war schon Feierabend. Arbeitsbeginn und -ende verschoben sich an jedem weiteren Tag dergestalt, dass man am siebten Tag um ca. 16 Uhr anfing und mit dem letzten Zug im Depot "einrückte", d.h. ca. um 1.00 Uhr nachts konnte man den Heimweg antreten – und hatte dann zwei Tage frei!

Aber wie kam man so spät nachts ohne Auto nach Hause? - Es fuhr noch ein Personalwagen, in meinem Fall vom Südheimer Platz (Depot Südheim) zum Falbenhennenplatz, bzw. Bopser.
Ganz genau so, nur in die Gegenrichtung, musste ich auch am ersten Tag der Sieben-Tage-Schicht anreisen. Eines Morgens zwischen drei und halb vier Uhr, es war noch dunkel, stand ich fröstelnd an der Haltestelle Falbenhennenplatz und wartete auf den Personalwagen. Es war sehr kühl und ich hatte den damals obligatorischen blauen Nylonmantel, (wirklich jeder hatte damals einen solchen), über die Schaffnerjacke gezogen. Endlich kam der Personalwagen die Etzelstraße herunter um die Kurve gequietscht. Er hielt an, die Tür wurde einen kleinen Spalt breit geöffnet, aus dem eine Männerstimme ertönte: "Dô kenned Se ned midfahra! Mir kenned Se ned midnehma! Des isch dr Pärsonalwaga!" Ich wehrte mich: "Ja, abbr i g’hör doch zom Pärsonal!", zückte meinen griffbereiten Dienstausweis - und durfte einsteigen!

Ansonsten waren die Kollegen sehr zuvorkommend. Wenn eine Weiche gestellt werden musste und ich pflichtbewusst mit dem Riesentrumm von Weichensteller anrückte, meinte der Kollege: "Lass no Mädle, des mach i scho!" Zum Südheimer Depot gehörte u.a. die Linie 1; von Fellbach nach Rohr dauerte die Fahrt ziemlich genau eine Stunde. Im GT4 gab es einen Schaffnersitzplatz, an dem die Fahrgäste vorbeidefilierten. Die Türen wurden von hier per Knopfdruck geöffnet und geschlossen. Vorsicht! Bloß niemand einklemmen! Durch ein Mikrofon musste man (live) die Haltestellen und Umsteigemöglichkeiten ausrufen. Mit dem grünen oder roten Knopf bekam der Fahrer "Abfahren" oder "Anhalten" signalisiert. In den Hauptverkehrszeiten wurde ein zweiter, kleinerer, schaffnerloser Anhänger angekuppelt, genannt "der Schlamper". Nur wer einen gültigen Fahrtausweis besaß, durfte hier einsteigen.

Ganz anders war es bei der Linie 7 vom Bopser zur Doggenburg mit den für Schaffner sogenannten "Stehwägen", weil hier nur die Fahrgäste Sitzplätze (harte Holzbänke) hatten. An der Haltestelle mussten von der hinteren Plattform aus mit der Zugglocke (an der Decke befestigter Lederriemen) die Signale immer an den Schaffner des Vorderwagens und dann weiter bis zum Fahrer gegeben werden. 1x läuten bedeutete "Abfahren", 2x läuten "Anhalten". Bis zur nächsten Haltestelle ging man einmal durch den Wagen und rief: "Noch jemand zugestiegen?", verkaufte Fahrscheine, kontrollierte Monatskarten und andere Fahrtausweise, verkündete den Namen der nächsten Haltestelle - und war auch schon wieder hinten. War der Wagen richtig voll, gab es kein Durchkommen! Andererseits, wenn nichts los war, konnte es langweilig sein und die Zeit verging nicht.

Jeden Tag nach Dienstschluss wurde anhand der durchnummerierten Fahrscheine im Dienstzimmer abgerechnet. Verluste musste man selber tragen, sowie das Wechselgeld von mindestens 20 DM bereitstellen. Wollte bei Dienstbeginn ein Fahrgast mit einem 50 DM-Schein ("Henn Se’s ned kloiner?") bezahlen, gab’s ein Problem. "Kann äbbr en Fuffzich-Markschei wäggsla?" erklang der Hilferuf. Irgendeine Lösung war immer in Sicht.

Jedenfalls, einen Volkshochschulkurs "Intelligente Nahverkehrsnutzung" (siehe StZ vom 09.03.09 S. 21 / Zitat einer Teilnehmerin: "Ich stand vor dem Fahrscheinautomaten wie der Ochs vorm Berg.") brauchte damals niemand!

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Kommentare

von Dorothee Kaufmann, am 10.03.2009 12:42 Uhr

Liebe Frau Eisenhut,

Ihre Geschichte ist wirklich nett! Obwohl ich mich zu den technisch versierten Leuten zähle, ist mir immer etwas unwohl, wenn ich mir einen Fahrschein lösen muss am Automaten und mir ist auch schon mal eine Bahn raus, weil ich nicht schnell genug war. Wenn es sich einrichten lässt kaufe ich mir im Vorfeld die Fahrkarte hier am Bahnhof, am Schalter. Zeitlich zweifelsohne aufwendig, aber sicher!
Die Zacke hatte ja auch noch lange Holzbänke, was ich nicht weiter schlimm fand. Neulich sind wir mal Zacke gefahren, um die schöne Aussicht zu genießen, aber das alte Flair hat mir gefehlt! Dafür hat ja der Erbschleicherexpress noch Holzbänke!
In den GT 4 Wagen saßen die Schaffnerinnen immer erhöht, das weiß ich auch noch sehr gut.
Meine Schwiegermutter war im Kriegsdienst als Schaffnerin eingesetzt.

Herzliche Grüße

Dorothee Kaufmann



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