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Brief an den Schriftsteller Hermann Lenz

Eingestellt von

Helmut Feeß
Helmut Feeß
am 20.03.2009

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Zeitzeugenbericht

Stuttgart, den 29.4.1976

Sehr geehrter Herr Lenz,

darf ich mich mit folgendem Anliegen an Sie wenden (dies auch mit Bezug auf ein kurzes Telefongespräch mit Ihrer Frau am 28.4.):
Sie kennen sicher die in einem der beiliegenden Fotos abgebildete Straße – es ist die Uhlandstraße hinter dem Wilhelmspalais. Das Gebäude links vorn hat die Hausnummer 8, das zweite von links die Hausnummer 2B; vorne rechts, am Straßenanfang, direkt gegenüber der Stadtbücherei, können Sie ganz schmal noch das Gebäude Urbanstraße 10 erkennen.
Diese Gebäude, die alle in gutem Zustand sind, sollen, falls alles so weiterläuft, wie in den letzten Monaten, im nächsten Jahr abgerissen werden. (Genauer: Die Fassade des Hauses Uhlandstraße 8 soll an anderer Stelle, um die Ecke „gewickelt“ wiederverwandt werden, ebenso die Frontfassade des Hauses Urbanstraße 10; das Haus 2B soll ersatzlos verschwinden.)
Wenn Sie die im beigelegten Lageplan rot und rotliniert angelegten Flächen betrachten, ist der gesamte Umfang des städtebaulichen Kahlhiebs ersichtlich, den die Allianz als Bauherr in den nächsten Jahren ausführen will.
Leider ist das Projekt inzwischen schon so weit fortgeschritten, dass nur noch eine geringe Möglichkeit besteht, wenigstens die oben genannten Gebäude, die Kulturdenkmale nach § 2 des Denkmalschutzgesetzes sind (hierzu beigelegte Stellungnahme der unteren Denkmalschutzbehörde), zu erhalten und in den vorliegenden Entwurf einzubauen. Erhaltenswerte Gebäude in den anderen Teilen sind soviel wie nicht mehr zu retten. Eventuell auch noch zu erhalten ist das Gebäude Charlottenstraße 5 (Benz), da der Abriß dieses Blocks erst später erfolgen soll. Der erste Bauabschnitt umfasst den Baublock zwischen der Charlottenstraße und der Uhlandstraße.
An die Stelle der jetzigen Bebauung käme ein formal zwar nicht uninteressanter fünfgeschossiger Gebäudekomplex, der aber in der Länge der Straßenabwicklung durch das rundumlaufende Rastermaß monoton erscheinen wird (vgl. Sie bitte hierzu z. B. die Leserschrift von Axel Spellenberg an die Stuttgarter Zeitung vom 27.11.1975, die ich beigelegt habe).
Nicht einsehbar ist für mich als Architekt die Argumentation des Bauherrn und des beauftragten Hausarchitekten (ein Architektenwettbewerb, der eine bessere Lösung hätte bringen können, hat ja leider nicht stattgefunden), daß die Gebäude Uhlandstraße 2B und 8 nicht in den Entwurf einzubauen seien.
Gegen den geplanten Abbruch der anfangs angeführten 3 Gebäude habe ich etwa seit Ende März eine Unterschriftenaktion (Begleittext liegt bei) gemacht, mit der ich zur Stadtverwaltung, zu einzelnen Gemeinderäten und zur Presse gehen möchte.
Die Unterschriftensammlung war bisher auf Architekten und bildende Künstler beschränkt und es haben inzwischen ca. 100 Architekten und ca. 20 Maler und Bildhauer unterschrieben, darunter die Professoren Dr. Hans-Joachim Aminde, Günter Behnisch, Egbert Kossak, Robert Krier, Dr. Horst Linde, Antero Markelin, Rudolf Schoch, Elmar Wertz und z. B. auch der durch einige Veröffentlichungen in der Stuttgarter Zeitung bekannt gewordene Assistent am Baugeschichtsinstitut der Uni, Frank Werner. Bildhauer und Maler haben z. B. bisher unterschrieben: Axel Arndt, Herbert Hajek, Heinz E. Hirscher, Hans Schreiner und Manfred Pahl. Von der zur Verfügung stehenden Zeit her sieht es leider so aus, dass es sozusagen 2 Minuten vor 12 Uhr ist, da in der Sitzung des Technischen Ausschusses vom 24.3.1976 eine wesentliche Hürde durch die Allianz genommen wurde und jetzt nur noch einige Monate verbleiben, um eine Änderung des Entwurfs zu erreichen.
Aber selbst wenn eine Änderung in diesem Fall nicht mehr erreicht werden sollte, scheint mir dies alles doch als Demonstration einer Haltung für künftige Fälle notwendig und sinnvoll.
Meine Bitte an Sie, sehr geehrter Herr Lenz, ist, ob es Ihnen möglich ist, den dargelegten Sachverhalt zu prüfen. Falls Sie zu dem Ergebnis kommen sollten, dass Sie die Aktion unterstützen können, bitte ich Sie um Ihre Unterschrift auf dem beigelegten Formular.
Darf ich noch ganz kurz erklären, wer ich bin und was mich veranlasst dies zu tun: Ich bin 35 Jahre alt, habe hier in Stuttgart Architektur und Stadtplanung studiert, wohne seit etwa 10 Jahren im östlichen Teil von Stuttgart und fühle mich als „reingeschmeckter“ Stuttgarter mitverantwortlich für das, was hier passiert.
Vom allgemeinen fachlichen her habe ich eine in den letzten Jahren immer mehr gewachsene Skepsis gegenüber der unüberlegten Art, wie in den letzten Jahrzehnten die Landschaft verbaut wurde. Meiner Ansicht nach sollten Entscheidungen über Abrissgenehmigungen nicht ausschliesslich nach vordergründig/einseitigen finanziellen Gesichtspunkten gefällt werden sondern es sollten mehr Fragen der Stadtgestaltung allgemein und auch der emotionalen Bedürfnisse der Bürger beachtet werden. Zum Schluss möchte ich noch darauf hinweisen, dass ich nicht in einer der politischen Parteien, zwischen denen in Fragen des Allianz-Projektes eine Frontstellung im Gemeinderat entstanden ist, Mitglied bin oder sonstwie engagiert bin, sondern als einzelner mit diesem Anliegen zu Ihnen komme.
Im Übrigen bin ich natürlich gern zu einem erläuternden Gespräch mit Ihnen bereit (ich habe einige Zeit – das war 1974 – in München in der Eisenacher Straße, nicht weit von Ihrem jetzigen Wohnsitz, gewohnt und müsste sowieso wieder mal nach München fahren).

Mit freundlichen Grüßen
Helmut Feeß

PS: Darf ich noch ausdrücklich betonen, dass sich diese Aktion nicht gegen das Verbleiben der Allianz an dieser Stelle richtet (diese grundsätzliche Problematik wurde im Gemeinderat auch andiskutiert) und natürlich nicht gegen eine allgemeine Verbesserung der Allianz-Arbeitsplätze sondern nur für den Erhalt der drei Gebäude und ihren Einbau in die bestehende Konzeption.

2.5.1976

Sehr geehrter Herr Feeß,
hoffentlich haben Sie mit Ihrer Unterschriftensammlung Erfolg.
Alles Gute
Ihr Hermann Lenz

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