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"Lägerle"

Eingestellt von

Irmgard Kägi
Irmgard Kägi
am 26.09.2008

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Irmgard Kägi und ihre Freunde haben sich zwischen der Kanzel und dem Altar der eingestürzten Gedächtniskirche ein Versteck gebaut.
 

Zeitzeugenbericht

Kinderspiele in den Ruinen von Stuttgart

Während des letzten Jahres des Zweiten Weltkrieges war ich mit Mutter, Großmutter und mit meinen drei Geschwistern auf dem Traifelberg bei Honau evakuiert. Als wir 1946 zusammen zu unserem Vater ins zerstörte Stuttgart zurückkamen, war unsere Wohnung besetzt. In die drei Zimmer waren zwei Familien eingewiesen worden. Es war sehr eng. Wir Kinder waren darum viel draußen zum Spielen. Mein Schulweg von der Lessingstraße zur Falkertschule führte mich durch die Trümmer der Falkertstraße. Dort stand kein einziges Haus mehr. Der Weg zwischen Schutt und Steinen war ganz schmal. Ich habe aber einen Trampelpfad über einen Trümmerberg gefunden, der zu einem liebevoll gepflegten Blumengarten führte. Staunend setzte ich mich auf einen Stein am Rand. Es war wie ein kleines Paradies, was ich da entdeckt hatte!
Unsere Eltern wollten nicht, dass wir in den Trümmergrundstücken spielten, aber wir waren zu neugierig und krochen durch die Löcher im Zaun und kletterten über Gitter. So habe ich zum Beispiel im Garten des zerstörten Eberhard-Ludwig-Gymnasiums (Ebelu) einen Baum gefunden, auf den ich klettern konnte.
Im Herdweg hinterm Lessingbrunnen war ein großes Gartengrundstück (dort wurde später das neue Ebelu gebaut). Dort war ein See mit vielen Fröschen. Setzte ich mich still ans Ufer, kamen die Frösche aus dem Wasser und stimmten ein lautes Konzert an. An einem Baum hing eine Schaukel, und zum Muttertag konnte ich in den verwilderten Gärten einen bunten Strauß pflücken.
Am spannendsten aber war es mit einigen Buben in den Trümmern der Gedächtniskirche zu spielen. Zwar waren die Mauerreste nicht abgesichert, nur der Turm stand noch, aber wir kletterten in den Steinen des eingestürzten Kirchenschiffes herum. Zwischen der Kanzel und dem Altar bauten wir uns ein „Lägerle“. Mit ausgebrannten Stabbomben richteten wir uns eine Wand um unser Versteck auf. Wir hatten auch eine kaputte Tür und ein Stück Fenster eingebaut. Als Dach hatten wir einige angekohlte Bretter. In der Mitte dieses kleinen Hauses war auf einer Brandbombe unsere Tischplatte. Der Sohn des Pfarrers schaffte den Sessel seines Großvaters in unser „Lägerle“, jetzt war es richtig gemütlich. Gleich nach der Währungsreform bekam er eine Box-Kamera. Damit hat er das „Lägerle“ fotografiert. Nur wir Kinder kannten diesen Platz! Beim hin- und hersuchen nach brauchbarem Material haben wir das Altarkreuz gefunden. Das brachten wir dem Pfarrer, der es feierlich im Sonntagsgottesdienst auf den provisorischen Altar im Gemeindehaus ausstellte.
Viel später wurde beim Räumen der Trümmer der Brandbombentisch entdeckt. Dabei stellte sich heraus: Die Bombe war nicht gezündet gewesen! Das ganze Quartier wurde evakuiert, damit die Bombe entschärft werden konnte. Man befürchtete eine schwere Explosion. Es wurde dann nicht so schlimm, aber nachträglich waren wir Kinder doch erschrocken, wie gefährlich unser Spielplatz war.

Irmgard Kägi (geb. Oschmann)

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