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Die Stuttgarter Markthalle

1914-2008

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Die Markthalle ist im Zweiten Weltkrieg schwer zerstört worden; dennoch wurden dort weiter Waren verkauft. Erst 1953 ist sie nach dem Wiederaufbau wieder vollständig in Betrieb genommen worden.

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In fast jeder Stadt der Welt breiten sich dieselben internationalen Markennamen aus und machen alle Innenstädte immer verwechselbarer. Es gibt in Peking an die 100 McDonald´s, in Bratislawa existieren selbstverständlich Sushi-Lokale und Ikea ist ohnehin überall. Aber Stuttgart hat seine Markthalle. Die kann man nicht nachbauen und auch nicht nachahmen. Eine Liebeserklärung.

Von Adrian Zielcke

Die Markthalle gehört zu Stuttgart wie Bosch, Mercedes und Porsche. Was dem einen Stuttgarter die Oper, dem anderen der Württemberger ist, das ist für mich seit Jahrzehnten die Markthalle. Alle Wohnungen in Stuttgart habe ich mir danach ausgesucht, ob die Markthalle in 10 bis 20 Minuten zu Fuß erreichbar war und ist. In der Markthalle einzukaufen ist auch nach Jahrzehnten jedes Mal ein eigenes Erlebnis, so wie andere jahrzehntelang ins Ballett gehen. Rituale gehören zum Leben und Stuttgart bietet einzigartige Rituale.

Da sie außerhalb Stuttgarts nicht sehr bekannt ist, kann man jeden Gast aus der ganzen Welt mit einem Gang in die Markthalle schwer beeindrucken – man kann morgens zusammen mit dem Marktleuten sehr früh im Restaurant Markthalle – drinnen oder draußen an der Sporerstraße – gemeinsam frühstücken und ins Reden kommen. Maultaschen schmecken auch morgens!

Die ganze Welt ist hier zu Hause

Freilich gehört zu einem solchen Erlebnis ein Mindestmaß an Schwäbischken­ntnissen, denn viele Marktbeschicker sprechen nicht das abgeschliffene Honoratiorenschwäbis­ch, sondern richtig Dialekt. Oder man führt seine Gäste in den ersten Stock in das ,,Empore", sucht einen Platz direkt an der Balustrade und überblickt dort bei einem Glas Champagner das muntere internationale Treiben in der ganzen Halle. Ein Gang durch den ersten Stock durch alle Merz-und-Benzig-Läden kann gut und gerne zu einem Tagesausflug werden. So schöne Gartenmöbel, Besteck oder Grillgerät findet man selten.

In der Markthalle ist die ganze Welt zu Hause. Deshalb gibt es in der Tapasbar „Desiree“ auch Datteln im Speckmantel und selbstverständlich kann man in der Halle beispielsweise auch feinsten iranischen Kaviar erwerben. Man kann sich kaum sattsehen an dem frischem Obst, den Äpfeln, im Herbst den Pilzen, den unterschiedlichsten Kartoffeln, allen Gemüsen und den unterschiedlichsten Tomaten, die alle ein wunderbares Aroma verströmen und auch genauso gut schmecken. Jeder Markthallenbesucher findet mit der Zeit seinen Griechen oder seinen Italiener oder Spanier, wo ihm die Oliven, der Schafskäse und die eingelegten Paprika am besten schmecken.

„Emanzipations-Opfer“ kauften einst bei Kustermann

In den siebziger Jahren verließen die Frauen die Küche, sie emanzipierten sich, bestanden bei Heirat auf einem Doppelnamen und stellten ihre Emanzipation dadurch unter Beweis, dass sie demonstrativ bekundeten, sie könnten nicht kochen und wollten dieses auch künftig nicht tun. Es war manchmal etwas schwierig. Was tun? Meine damalige Freundin hatte Ende Oktober Geburtstag und ich bin zu Kustermann in der Markthalle gelaufen, habe eine frische Gans gekauft, beim „Schwyzer Stand“ Majoran und Rotkohl, an anderen Ständen Äpfel und Kartoffel. Zu Hause habe ich dann in alter Familientradition alleine das mächtige Tier gebraten. Es war eine Sensation! Volltreffer! Niemand sonst verkaufte zu dieser Zeit Gänse, bei Kustermann gab es keine tiefgefrorene Ware, sondern frische Gänse aus dem Hohenlohischen.

Nirgends sonst würde ich eine frische Gans kaufen. Und gefrorene kommen schon gar nicht ins Haus. Damals waren sie außer Mode – außer bei Kustermann. Bei vielen Ständen werden Kunden mit Namen begrüßt, denn sie gehen Jahr für Jahr treu zu ihrem Stand und halten dort ein Schwätzchen mit ihrem Händler.

Ein Abriss kommt nicht in Frage

Böhm hat ja – Piëch sei Dank – mächtig aufgeholt, aber die Markthalle bleibt einzigartig. Niemand kann heute mehr glauben, dass anfangs der 70er Jahre namhafte Gutachter vorgeschlagen haben, die Halle abzureißen und stattdessen ein Kaufhaus mit vielen kleinen Läden zu errichten. Ein Sturm der Entrüstung brach Gott sei Dank los und niemand traute sich mehr solche Vorschläge zu machen. Der Jugendstilbau wurde von dem damals jungen Architekten Martin Elsässer erbaut. Drei Jahre dauerten die Bauarbeiten. Es haben sich wenige so um Stuttgart verdient gemacht wie Martin Elsässer.


Kommentare

von Rudolf Schneider, am 22.11.2008 06:21 Uhr

die Markthalle gehört zum Schönsten, was Stuttgart zu bieten hat.
Das hat der Autor treffend beschrieben!
Sehr schön!!!



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