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Die SPD-Vorsitzenden im Waldheim Heslach

1908-2008

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Kurt Beck kam am 30. Mai 2008 zum 100. Geburtstag des Heslacher Waldheims nach Stuttgart.

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Im Mai 2008 wurde das Waldheim Heslach 100 Jahre alt. In dieser Stuttgarter Institution hat sich bisher jeder der SPD-Vorsitzenden einmal gezeigt. Frank Buchmeier hat sich anlässlich des Geburtstags mit Walter Mann, dem Ehrenvorsitzenden, des Waldheims getroffen. Einem Mann, der viel zu erzählen hat.

Am liebsten war ihm Gerhard Schröder. Der reiste zwar völlig abgehoben im Hubschrauber an, doch als der sozialdemokratische Bundeskanzler gelandet war, erwies er sich als recht bodenständig. „Walter Mann hat mir ein Bier versprochen, und das hole ich mir jetzt ab“, sagte Schröder und steuerte schnurstracks auf seinen Gastgeber zu. So war das am 23. Juni 2004, das Beweisfoto hängt neben dem Tresen.

Als vor einhundert Jahren aufrechte Sozialdemokraten das erste Stuttgarter Waldheim erbauten, zielten sie nicht auf die politische Prominenz, sondern auf das gemeine Volk. 3,50 Mark Tageslohn verdiente ein Arbeiter damals, viel zu wenig, um Ausflüge zu machen und in Gaststätten einzukehren. Die Heslacher Wohnungen waren dunkel, die Kinder spielten in Hinterhöfen. Karl Oster wollte die Arbeiterfamilien aus dem trüben Talkessel an die Sonne führen, sie sollten ihre knapp bemessene Freizeit an der frischen Luft und im gesunden Grün verbringen.

Ein Kapitalist als Pate

Im Frühjahr 1908 gründete Oster, Vorsitzender der Heslacher SPD, den örtlichen Waldheimverein und machte sich auf die Suche nach einem geeigneten Grundstück. Er fand eine hübsche Streuobstwiese, hoch oben im Dachswald. Mit der Ausgabe von Anteilsscheinen zu fünf Mark sollte der Kaufpreis finanziert werden, doch die Begeisterung der Parteifreunde war begrenzt. Mancher Sozi meinte, dass die Stadtranderholung womöglich von der politischen Arbeit ablenke. So war die Eröffnung des proletarischen Waldheims am 31. Mai 1908 letztendlich einem Kapitalisten zu verdanken: Der Kommerzienrat Robert Leicht spendete 5000 Mark, seine Brauerei durfte dafür das Bier liefern.

Ungewöhnliche Nähe zu den Arbeitgebern

Die für Arbeiter ungewöhnliche Nähe zu Arbeitgebern zieht sich durch die Geschichte des Heslacher Waldheims wie ein roter Faden. Was auch daran liegt, dass in einem Drittel dieser Zeit Walter Mann die Richtung vorgab. Der Spross eines Hausmeisters trat 1969 in die SPD ein, wurde kurz darauf in den Heslacher Bezirksbeirat und später in den Stuttgarter Gemeinderat gewählt. 42 Jahre lang arbeitete er bei der Polizei, war Kriminalhauptkom­missar und Leiter des Ermittlungsde­zernats beim Staatsschutz.

Nach seiner Pensionierung heuerte Walter Mann bei Stuttgarter Hofbräu an, was unter anderem dazu führte, dass im Waldheim nicht mehr die Getränke der Robert Leicht AG aus den Zapfhähnen flossen, sondern jene der lokalen Konkurrenz. In seiner Amtszeit als Stadtrat warb Mann auf Plakaten, die Bohrmaschine fest in den Händen, für Black and Decker – was seine Fraktion unpassend fand. Die Anrede „Genosse“ mag er nicht, Herr Mann trägt meistens Anzug und Krawatte. Kurzum: Walter Mann gehört zu den konservativen Sozialdemokraten. Er selbst charakterisiert sich als „anständiger Sozialdemokrat“.

Dekra-Jet für Helmut Schmidt

Von Manns Realpolitik profitierte das Waldheim. Beispielsweise als es galt, Helmut Schmidt nach Heslach zu bringen. Alle Vorbereitungen für den Besuch des Exkanzlers waren getroffen, die Einladungen verschickt und die Erwartungen groß. Da erreichte Walter Mann die ernüchternde Botschaft aus dem Bonner Büro: Der Abgeordnete Schmidt müsse leider absagen, da für die Bundestagssitzung am 5. November 1984 Präsenzpflicht bestehe und es anschließend keine Möglichkeit mehr gebe, nach Stuttgart zu reisen. Walter Mann ist nicht der Kapitän des Raumschiffs Enterprise, der in so einem Fall befohlen hätte: „Beam Schmidt up, Scotty!“ Doch auch der Waldheimkommandant kann Menschen auf ungewöhnliche Weise bewegen.

Mann rief seinen guten Bekannten Rolf Moll an, schilderte dem Dekra-Chef das Problem und bekam die Zusage: „Ich stell dir eine Maschine zur Verfügung.“ Über Geld wurde nicht gesprochen, kleine Freundschaftsdi­enste kosten grundsätzlich nichts. Um 17 Uhr stand der Dekra-Firmenjet auf dem Flughafen Köln-Wahn. Eine Stunde später raste ein gepanzerter Mercedes von Echterdingen nach Heslach, Walter Mann folgte im VW Variant. Kurz vor acht stand der sonst so unterkühlte Hamburger Helmut Schmidt in Stuttgarts ältestem Arbeiterwaldheim, steckte sich eine Zigarette an und erklärte gerührt: „So etwas habe ich noch nie erlebt.“

Stelldichein der Sozialdemokratie

Bruno Kreisky, Erhard Eppler, Hans-Jochen Vogel, Walter Momper, Franz Müntefering – das Gästebuch wurde während Manns 33-jähriger Waldheimregen­tschaft von großen Sozialdemokraten gefüllt, die sich wortreich darüber wunderten, wie viele große Sozialdemokraten vor ihnen bereits ein Andenken hinterlassen hatten. „Gestiftet von Willy Brandt“ steht an den beiden Betontischten­nisplatten, die der Übervater der Partei als Gastgeschenk mitbrachte. Den Besuch des Kanzlers hatte Walter Manns bester Parteifreund Hotte eingefädelt, der von seinen Nichtparteifreunden Horst Ehmke genannt wird. Der Heslacher SPD-Bezirksvorsitzende Mann hatte dem Stuttgarter SPD-Bundestagsabge­ordneten Ehmke im Wahlkampf geholfen, 54 Zentner rote Äpfel an Straßenbahnhal­testellen und vor den Werkstoren unter die Leute zu bringen. Der frühere Kanzleramtsleiter Ehmke revanchierte sich dafür, indem er seinen Exchef Brandt ins Waldheim lotste.

Willy Brandt trat am 21. August 1976 ans Mikrofon. Der Biergarten war proppenvoll. Sogar die Junge Union war erschienen und hielt munter ihre CDU-Fähnchen in den lauen Sommerwind. Brandt, im hellgrauen Flanellanzug mit Nadelstreifen, blickte ernst und sprach über seine politischen Sorgen. Die Menge wurde still, die Junge Union ließ ihre Fahnen sinken. Nachdem der Charismatiker Brandt das Publikum beschworen hatte, aß er Maultaschen und trank Trollinger. Auch so mancher Christdemokrat, behauptet Walter Mann, habe bei dieser günstigen Gelegenheit devot um ein Autogramm gebeten. Ansonsten blieb das Waldheim aber fest in Arbeiterhand.

Heute ist das Waldheim verpachtet

Vieles hat sich seither geändert. Die Zeiten sind längst vorbei, in denen der Verein sein Waldheim selbst bewirtschaftete. 1990 wurde das Lokal verpachtet, weil der Besucherandrang ständig zu- und die Bereitschaft zum ehrenamtlichen Engagement ständig abgenommen hatte. Es ist auch nicht mehr die ursprüngliche Zielgruppe, die von Heslach aus sonntagmittags Richtung Dachswald aufbricht. Heute kommen Familien aus der ganzen Region im Renault Kangoo, im Skoda Octavia und im VW Touran angebraust und parken die enge Sackgasse zu.

Die Eltern, überwiegend alternative Akademiker, sitzen im Biergarten unter den alten Obstbäumen und warten darauf, dass an den elektronischen Anzeigetafeln die Nummer des bestellten Schnitzels aufleuchtet. Ihre Kinder tragen Markenklamotten und vergnügen sich auf dem Spielplatz. So kennt man das auch von anderen familienfreun­dlichen Ausflugslokalen.

Eine Stätte der Geschichte

Den Unterschied macht die Vergangenheit. Doch kaum ein Besucher weiß, dass sich im Heslacher Waldheim 1924 der spätere SPD-Parteivorsitzende Kurt Schumacher mit den Veteranen vom Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold traf. Niemand denkt noch daran, dass die Nazis die „marxistische Brutstätte“ 1934 schlossen und ausgerechnet an die evangelische Paulusgemeinde verkauften. Keiner kann sich vorstellen, dass das Gelände nach dem Krieg mit Bombentrichtern übersät war. All das ist unsichtbar. Nur die Fotos neben dem Tresen deuten auf die sozialdemokra­tischen Wurzeln hin: Walter Mann neben Willy Brandt, Walter Mann neben Helmut Schmidt – und Walter Mann neben Gerhard Schröder, seinem Lieblingskanzler.

Die Sympathie beruht auf Gegenseitigkeit. Nach der Heslacher Stippvisite im Sommer 2004 lud der Regierungschef Schröder den Waldheimvorsit­zenden zu einem Abendessen nach Berlin ein. Bis tief in die Nacht saßen die beiden SPD-Realos auf der Terrasse des Bundeskanzleramts und plauschten bei Kaffee und Schnaps. Kurz darauf gab Mann sein Amt ab, er hatte genug erlebt.


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