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Ludwigsburger Stadtführung

1810-2009

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2009 wird Ludwigsburg 300 Jahre alt. Als Geburtstagsgeschenk nimmt unsere Zeitung ihre Leser regelmäßig zu einer virtuellen Stadtführung mit. Diese historische Reihe veröffentlichen wir auch in unserer StZ-Geschichtswer­kstatt.


Stadtführung (300, letzter Teil): Vom Rückblick nach vorne

Von Martin Willy

Was ein Streifzug durch die Vergangenheit mit der Zukunft zu tun hat: Ein Jahr lang hat die Geschichte Ludwigsburgs im Mittelpunkt gestanden.

Wann lohnt es sich, auf Vergangenes zurückzublicken? Eigentlich immer. Aber wann schaut man auf Vergangenes zurück? Eigentlich selten, ja fast nie, zumal in jungen Jahren. Denn wozu nach hinten blicken? Auf die Zukunft kommt es an – erst recht im 21. Jahrhundert. Wo sind wir denn? Und wo kommen wir denn sonst hin? Noch höher, noch schneller, noch weiter, lautet die Devise. Was interessieren da die Altvorderen? Die sind Ballast – unnötig, weg damit. Ballast gilt es abzuwerfen. Vergangen ist vergangen. Aus, Schluss, vorbei. Daran lässt sich nunmal nichts ändern. Auf Künftiges muss man vorbereitet sein. Für das, was kommt, gilt es sich zu rüsten.

Einen Rückblick haben die Journalistinnen und Journalisten der Ludwigsburger Redaktion der Stuttgarter Zeitung gewagt. Sie haben 300 Jahre Ludwigsburger Stadtgeschichte beleuchtet und aus der Fülle der Ereignisse und dem Reichtum der Überlieferungen geschöpft. Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat. Ein ganzes Jahr lang: 300 Folgen sind es schließlich geworden – zufällig passend zum Stadtjubiläum. Aber wozu eigentlich auf die Vergangenheit schauen? Wer zurückschaut, steht im Verdacht rückwärts gewandt zu sein, konservativ, altmodisch, ja altbacken. Er will Althergebrachtes um jeden Preis retten, unbeschadet das etablierte Weltbild erhalten, etwa, dass die Erde eine Scheibe ist. Obwohl längst klar ist, dass es sich vollkommen anders darstellt: und die Erde eine Kugel ist. Wer zurückschaut, wird auch schnell der Nostalgie verdächtigt. Krankhaft hänge er der guten alten Zeit nach, in der alles besser, das Wetter schöner, der Himmel blauer und die Menschen freundlicher waren. Ach ja damals. . . . Halt. Stopp. Durchatmen. War damals wirklich alles besser, schöner, freundlicher? Weg mit der rosaroten Geschichtsbrille. Auch in einer 300 Jahre alten Barockstadt war und ist nicht alles Gold, was glänzt. Da gab es Höhen und Tiefen, lichte, aber auch ganz dunkle Momente. Mit der Stadtführungsserie versuchten wir, die gesamte Bandbreite des Lebens abzubilden. Wichtige historische Daten und Fakten durften nicht fehlen, angefangen bei der Stadtgründung. Randnotizen und Anekdoten, Heiteres und Kurioses, Sensationelles und Alltägliches: Bekanntes wurde beleuchtet, aber auch weniger Bekanntem haben wir Aufmerksamkeit geschenkt.

Über ein Jahr hinweg haben wir Sie mitgenommen auf diesem Weg. Ein Stück gedruckte Geschichte. Nicht selten stand neben den Folgen der Serie ein Ereignis, das selbst einst als stadtgeschichtlich bedeutsam für die Stadt eingestuft werden könnte. Man denke nur an die Einweihung der Arena, den Weltmeister-Titel der Standardtanzfor­mation des TC Ludwigsburg oder die verheerende Finanzsituation angesichts der Banken- und Wirtschaftskrise, die auch Ludwigsburg erwischt und der Stadt große Finanzprobleme beschert hat. 300 Jahre Ludwigburg: das sind die Barockzeit, Soldaten, Kasernen, das ist auch die Nazizeit. 300 Jahre Ludwigsburg: das sind aber auch Kerner, Mörike, Schubart und Bundespräsident Horst Köhler. 300 Jahre Ludwigsburg: das sind Filmakademie, Kunst, Kino und die Multihalle. Trotz 300 Folgen bleibt die Betrachtung bruchstückhaft. Dennoch leistet jedes Serienteil – sei es noch so klein – einen wichtigen Beitrag: es ist ein Baustein in der Vielfalt eines Gemeinwesens, es liefert einen Beitrag zu dem bunten Gesamtbild der Stadt.

Wann also lohnt es sich auf Vergangenes zurückzublicken? Immer. Denn die Gegenwart ist geronnene Vergangenheit – der Rückblick also ein Beitrag zur Selbstvergewis­serung. Insofern hat die Rückschau nichts mit rückwärts gewandt oder Nostalgie zu tun. Der Autofahrer, der konsequent in den Rückspiegel schaut, weiß das: Er ist im Bilde, er weiß, was hinter ihm los ist. Das ist ein wesentlicher Bestandteil des vorausschauenden Fahrens. Woher komme ich, was ist hinter mir los? Gleichzeitig ist der Blick nach vorne gerichtet – und muss es auch sein. Wo befinde ich mich gerade? Wo will ich hin? Diese Perspektive ist eine nüchterne, sachliche. Sie hat nichts mit idealistischer Verklärung oder nostalgischer Gegenwartsflucht zu tun. Es ist der Rückblick nach vorne. Denn wer nicht weiß, wo er herkommt, der weiß auch nicht, wohin er will. Das gilt für die Geschichte jedes Einzelnen, für die Geschichte von Familien, Gruppen, Gemeinschaften, Institutionen und auch eine Stadt wie Ludwigsburg.


Stadtführung (Teil 299): Das Geheimnis der Franquemonts

Von Verena Mayer

In Amerika ist Sharon Franquemont als Dozentin für Intuition berühmt und so begehrt, dass sie ihre Lehraufträge um die ganze Welt führen. Wenn sie dazwischen Zeit für einen Besuch in Ludwigsburg hat, ist sie jedoch in einer ganz anderen Rolle hier. In gewisser Weise sind ihre Aufenthalte in der Stadt Heimaturlaube. Wenngleich Sharon Franquemont bis vor wenigen Jahren gar nicht gewusst hat, dass die Wurzeln ihrer Familie in Ludwigsburg liegen. Es ist auch nicht allzu lange her, dass sie erfuhr, dass sie die Ur-Ur-Ur-Urenkelin von Herzog Carl Eugen ist. Als Sharon Franquemont klein war, hat die Geschichte ihrer Vorfahren in der Familie keine Rolle gespielt. Der Großvater Ernest August Raoul Franquemont sprach nie darüber und er hat auch keine Fragen beantwortet. „Es war ein Geheimnis“, sagt Sharon, die inzwischen 67 Jahre alt ist, abwechselnd in Oakland und Minneapolis lebt und sich nur daran erinnern kann, dass es Gerüchte über ein Schloss gab.

Jahrzehnte später fand Sharons Vater zufällig in einer Truhe in St. Louis ein Tagebuch, das die Herkunft der Familie Franquemont hätte klären können. Doch weil die altdeutsche Schrift niemand lesen konnte, dauerte es weitere Jahre, bis das Geheimnis gelüftet wurde. Ein Angestellter der Familie konnte die fremde Schrift entziffern und übersetzen und eröffnete den verblüfften Amerikanern dass sie mit dem württembergischen Graf Friedrich von Franquemont verwandt waren ? und der wiederum war ein Sohn von Carl Eugen. Einer der zahlreichen unehelichen zwar, aber auch als solcher machte er Karriere und schaffte es bis in den Rang des württembergischen Kriegsministers. Als anno 1854 sein Enkel Louis auswanderte, setzte er die Linie der Franquemonts in Amerika fort. Wenngleich es Jahrzehnte dauern sollte, bis die sich ihrer geschichtsträch­tigen Abstammung bewusst wurden.

Und auch dann dauerte es weitere Jahre bis Sharon Franquemont nach Ludwigsburg kam ? und schließlich auch das Schloss sah, von dem sie nur vage Andeutungen kannte. So vage, dass sie sich stets eine kleine Ruine auf einem Hügel oder neben einem Flüsschen vorgestellt hatte. „Ich musste weinen, als ich das Residenzschloss zum ersten Mal sah“, sagt die Amerikanerin, die endlich wusste, „woher wir kommen“. Das war im Jahr 2004, als sich der 300. Geburtstag des Schlosses jährte. Vier Mal ist Sharon Franquemont seither in Ludwigsburg gewesen ? und hat viel davon mit in die alte Heimat genommen: T-Shirts mit dem barocken „L“, Stofftaschen, Christbaumschmuck und jede Menge Kaffeebecher. Vor allem aber einen Satz: „Mein Herz schlägt für Ludwigsburg.“


Stadtführung (Teil 298): Weites Feld für Diskussionen

Von Christine Bilger

Im 300. Jahr der Stadt fängt die Geschichte wohl manchmal an, sich zu wiederholen. Das gilt auch für den einen oder anderen Tagesordnungspunkt des Ludwigsburger Gemeinderats, der sich in ähnlicher Form in den Annalen der Stadt findet. So haben sich im Jubiläumsjahr zwei Themen wieder auf die Tagesordnung geschmuggelt: das Tammerfeld und das Einkaufszentrum Breuningerland. Die Entscheidung, das Gebiet im Nordwesten der Stadt als ein Misch-, Gewerbe- und Industriegebiet auszuweisen, war im Frühjahr 1969 gefallen. Zweieinhalb Jahre zuvor hatten Gespräche begonnen. Die Stadt hat mit der Wohnbaufirma „Neue Heimat Baden-Württemberg“ darüber verhandelt, auf dem Gelände des Gutes Monrepos eine große Wohnanlage zu errichten. Man sprach über 1500 Einheiten für 5000 Bewohner. Es gab Überlegungen, neben Wohnungen und Gewerbe dort auch das neue Landesgefängnis zu errichten. Dazu kam es aber nicht. Der Wohnbaufirma dauerten die Verhandlungen zu lange, zudem hielten es deren Entscheider für keine gute Idee, Wohnungen und Haftanstalt in unmittelbarer Nachbarschaft zu errichten. Die Straße zum Teilelager der Firma Bosch war das erste Bauwerk in dem neu ausgewiesenen Gewerbegebiet. Wenig später begannen die Verhandlungen mit einem Handelshaus, das dem Gemeinderat auch im laufenden Jahr langwierige Debatten bescherte. Die Stuttgarter Firma Breuninger reichte im Frühjahr 1969 einen Antrag für ein regionales Einkaufszentrum bei der Stadt Ludwigsburg ein. Damals lag es aber noch allein in der Hand des Gemeinderats zu beurteilen, ob dies der Innenstadt schaden würde. Die Räte kamen zu dem Urteil, dass der Handel auf der grünen Wiese den Geschäften in der Innenstadt nicht schaden würde. Im Juni unterzeichneten die Stadtverwaltung und die Breuninger-Geschäftsführung einen Vertrag. Drei Jahre später begann Breuninger mit dem Bau seines Einkaufszentrums. Als der Gemeinderat 1969 die Genehmigung erteilte, tat er das vor dem Hintergrund, dass auch in der Innenstadt ein starker Kundenmagnet angesiedelt werden sollte. Hertie hatte die Absicht, ein Kaufhaus in der Innenstadt zu errichten, der Arsenalplatz war als Standort im Gespräch. Dem wäre das alte Postgebäude und ein Teil der Arsenalkaserne zum Opfer gefallen. Hertie entschied sich dann aber gegen den Standort Ludwigsburg. 2009 stand der Bebauungsplan des Tammerfelds wieder auf der Agenda. Inzwischen entscheidet aber nicht mehr der Gemeinderat allein darüber, was der Innenstadt schaden könnte und was nicht. Dies ist nun auch Sache des Verbands Region Stuttgart. Breuninger möchte nach dem Ausbau im Jahr 2002 ein weiteres Mal vergrößern. Der Gemeinderat schob dem aber zunächst einen Riegel vor. Denn anders als ihre Vorgänger am Ratstisch vor 30 Jahren befürchten die Räte dieses Mal, dass den Innenstadthändlern die Kunden davonlaufen werden. Die weitere Diskussion ist auf 2010 vertagt. Ein zweiter Riese bestimmt neben Breuninger das Bild des Tammerfelds, das schwedische Möbelhaus Ikea. Es wurde im Juli 1998 eröffnet, 2008 dann auf eine Verkaufsfläche von 17.400 Quadrat­metern vergrößert und umgebaut.


Stadtführung (Teil 297): Feuerwehr räumt Wache am Rathaus

Von Ludwig Laibacher

In kleinen Ortschaften findet man diese Konstellation noch häufig: Gleich neben dem Rathaus oder gar im selben Gebäude hat die Feuerwehr ihre Wache. In Ludwigsburg war das bis zum Jahr 1990 so. Etwa 30 Jahre lang bot sich ein immer ähnliches Szenario: Wenn irgendwo in der Stadt ein Feuer ausbrach oder ein Keller leer gepumpt werden musste, kam es rund um das Rathaus zu Verkehrsstaus, weil sich gleich nebenan das Einsatzzentrum befand. Ehrenamtliche Helfer rasten mit ihren Privatwagen zur Leitstelle, und von dort ging es mit Blaulicht und Sirene zum Einsatz. Das wurde schlagartig anders, als die Ludwigsburger Feuerwehr im September 1990 ihre neue Wache an der Heilbronner Straße beziehen konnte. Fünf Jahre zuvor hatte der Gemeinderat dem Bauvorhaben zugestimmt, am 4. November 1987 wurden die Pläne verabschiedet. Insgesamt hat die Stadt für die Neuorganisation der Wehr 32 Millionen Mark gezahlt. Der Neubau hat 28 Millionen gekostet, davon entfielen 1,1 Millionen auf die Technik der Leitzentrale. Die Entsorgung der Altlasten am Rathaus kostete vier Millionen Mark. Auf der jetzt 5000 Quadratmeter großen Fläche wurde zunächst ein provisorischer Parkplatz eingerichtet. Sein heutiges Aussehen hat der Rathausplatz erst 2003 erhalten. Die damals neue Feuerwache ist nicht nur strategisch günstiger gelegen, sie bietet auch eine Nutzfläche von 7600 Quadratmetern und eine 300 Quadratmeter große Fläche für Aufenthalts- und Wohnräume. Den meisten Raum nehmen zwei Hallen ein, in denen die großen Fahrzeuge stehen und das Gerät aufbewahrt wird. Und außerdem gehören dazu – was damals neu war – ein Schlauchturm, Werkstätten sowie eine Atemschutz-Übungsstrecke.


Stadtführung (Teil 296): In der Krise ein Dilemma

Von Markus Klohr

Geschichte hat bekanntlich die Tendenz, sich zu wiederholen. Das gilt auch für die vielzitierte Wirtschaftskrise. Momentan macht die gebeutelte Automobilindustrie der Stadt Ludwigsburg zu schaffen, in der einige große Zulieferer ihren Firmensitz haben. Längst hat man sich an Schlagzeilen über Kurzarbeit oder Stellenabbau gewöhnt. Die Bundesregierung hat extra ein Konjunkturpaket geschnürt, mit dessen Hilfe die Kommunen Gebäude energetisch sanieren und das Baugewerbe stützen können. Alles schon mal da gewesen, könnte man meinen, allerdings in deutlich verschärfter Form. Nach dem New Yorker Börsencrash am Schwarzen Freitag befand sich die Wirtschaft 1929 in einer tiefen Depression. Der Ludwigsburger Stadtchronist Albert Sting berichtet von einer denkwürdigen Sitzung des Gemeinderats, in der sich das Dilemma der Stadtverwaltung gezeigt habe: „Die Arbeitslosigkeit war groß, auch der Arbeitswille der Betroffenen ungebrochen“, schreibt Sting. Doch die Sache mit dem Ankurbeln der Wirtschaft gestaltete sich in Ermangelung eines Konjunkturpakets damals schwieriger. So wollte die Stadt eigentlich liebend gerne einen Schmutzwasserkanal vom Täle durch ganz Hoheneck bauen lassen. Für die sogenannte Notstandsarbeit standen pro Arbeiter drei Mark am Tag zur Verfügung. Allein der Stadt fehlte das Geld für die Großinvestition. Obwohl der Gemeinderat das 150000 Mark teure Vorhaben billigte, wurde es auf die lange Bank geschoben. Ein Stadtrat hat laut Albert Sting in der damaligen Sitzung die resignative Stimmung auf folgende Weise zum Ausdruck gebracht: „Es ist doch ein geradezu trostloser Zustand, wenn ich eine wöchentliche Krisenunterstützung von 1,20 Mark erhalte und dazu noch täglich aufs Arbeitsamt gehen muss.“ In Anbetracht des großen Elends vieler sei es „kein Wunder, dass die Leute ihre Not laut hinausschreien, wenn es auch bisweilen auf eine Weise geschieht, die man nicht billigen kann“.


Stadtführung (Teil 295): Mit der Plattenkamera aus Holz an die Front

Von Klaus Wagner

Ein Foto zu machen ist heute ein Kinderspiel. Gut und professionell zu fotografieren ist hingegen immer noch eine Kunst – trotz aller moderner Digitaltechnik. Die Vorfahren der heutigen Fotoprofis hatten es viel schwerer, auch im wörtlichen Sinn. Ihre Ausrüstung war riesig und wog viele Zentner. Kein Wunder: vor den Zeiten des Kleinbildfilms wurde auf Glasplatten fotografiert – und die waren unter Umständen größer als ein Backblech. 20, 50, 100 Varianten von einem Motiv? Unmöglich. Jede Aufnahme musste beim ersten Schuss im Kasten sein.

Solche Geschichten aus der Geschichte der Fotografie werden im Ludwigsburger Stadtarchiv gepflegt, wenn der Archivchef Wolfgang Läpple und die Leiterin der fotografischen Sammlung, Margaret Galaske, die Fotoplatten und Abzüge aus alten Zeiten hervorholen. In Ludwigsburg hatten vor allem die Garnisonsfotografen eine große Bedeutung. Sie waren freischaffend tätig, wie Paul Gebhard, Erwin Zeller mit seinem Studio im Trompetergässle bei der Friedenskirche, dessen Vorgänger Alexander Osswald oder Ulrich Delius. Das älteste Foto eines Soldaten im Archiv datiert von 1856: Es zeigt einen Leutnant in Uniform mit Namen Graf von Gronsfeld. Mehr ist nicht bekannt. Mangelnde Information hat dieses Bild mit Tausenden anderer im Stadtarchiv gemein. „Wir haben von fast jedem Ludwigsburger Fotografen Material“, erklärt Läpple, „aber wir haben keine vollständigen Nachlässe.“

Das Archiv besitzt rund 100.000 Fotogra­fien – davon 40.000 auf Papier, 13.500 Dias und 50.000 Negative auf Film oder Glasplatten. „Das Militär ist ein wichtiger Teilaspekt Ludwigsburgs“, sagt Läpple, „ebenso wie das Vereinsleben, die Kirchen oder Personen.“ Bei der Umnutzung von Kasernen hätten Fotos ebenso eine Rolle gespielt wie bei der Dokumentation. Die Fotografen trieben viel Aufwand, als der Film noch nicht das aktuelle Geschehen festhielt, sondern die Glasplatte. Die Belichtungsschichten waren viel weniger empfindlich als heute, das hieß für die Modelle vor allem: stillhalten. Deshalb gibt es aus dem 19. Jahrhundert kaum Aufnahmen mit bewegten Motiven. Porträts von Gruppen oder einzelnen Soldaten bilden die größte Gruppe des Bestandes; aber auch Massenaufmärsche sind dokumentiert. Erst als die Kamera mit Film erfunden wurde, war an Reportagebilder zu denken, zuerst auf sechs mal sechs Zentimeter großen Negativen, dann auf Kleinbild.

Von Erwin Zeller sind Fotos vom Geschehen an der Front überliefert. Seine Witwe hatte den Nachlass ihres Mannes erst gut 20 Jahre nach dessen Tod dem Stadtarchiv geschenkt, Wolfgang Läpple räumte dafür den alten Schuppen aus, in dem alles verstaut war. „Das Zeug war so schwer, dass mein Auto einen Achsschaden bekam“, erzählt er. Mittlerweile ist der Zeller'sche Bestand einigermaßen aufgearbeitet. Wie die 40 mal 50 Zentimeter große Negativplatte mit einer Aufnahme der „6. Batterie des 4. Württemb. FeldArtRegt No 65“, die 1912 bis 1914 bestand. Dutzende Soldaten mit Bierkrügen und in Paradeuniform posieren darauf, im Hintergrund sind eine Landschaft und Geschützlafetten zu erkennen. Sprüche wie „Reserve hat Ruh“ oder „Parole Heimat“ wurden nachträglich auf diese wohl montierte Genre-Aufnahme geschrieben. Das Bild ist eine Ausnahme, denn tatsächlich existieren zu den wenigsten Fotografien Beschreibungen mit Aufnahmedatum, Ort und Namen der Abgebildeten. Erwin Zeller hatte allerdings Bücher über seine Arbeit geführt und alles hinterlassen. Bis seine Witwe aufräumte. In der Annahme, diese Kladden würden nicht mehr gebraucht, warf sie die Aufzeichnungen über die Soldatenbilder in den Müll.


Stadtführung (Teil 294): Abdecker und Aufknüpfer

Von Klaus Wagner

Es hat eine Zeit gegeben, da sind auch in Ludwigsburg die ganz schlimmen bösen Buben ins Jenseits geschickt worden. Dazu brauchte es einen Menschen, der das Amt des Scharfrichters ausübte. Im 18. und 19. Jahrhundert wurde diese Aufgabe vom Kleemeister übernommen, parallel zu dessen eigentlicher Aufgabe – und die hatte auch mit dem Tod zu tun. Der Kleemeister, so der Stadthistoriker Albert Sting, ist der Mann, der verendetes Vieh abhäutet, zertrennt und begräbt. Er wird auch Abdecker oder Schinder genannt. Der Arbeitsort des Kleemeisters ist die Kleemeisterei, auch Wasenmeisterei genannt. Der Wasen, die heutige Straße Auf dem Wasen, liegt östlich der Neckarstraße und des Neuen Friedhofs. Wasen bedeutet neben einer Grasfläche auch das Land, wo der Abdecker das Vieh ausweidet und verscharrt. Gegenüber des Wasens lag der Galgenberg – so dass es der Wasenmeister nicht weit zu seinem zweiten Arbeitsort hatte. Heute verläuft dort die Harteneckstraße. Im Jahr 1737 hatte Ludwigsburg keinen Kleemeister. Peter Carle aus Neckarweihingen übernahm beide Aufgaben. Das Kleemeistergebäude wurde 1924 dem Oberamtsbaumwart Wilhelm Hermann zugewiesen. Später waren auf diesem Gelände die Gärtnerei und die Schweinemast des Krankenhauses untergebracht. Und noch später die Landwirtschaf­tsschule.


Stadtführung (Teil 293): Die Maut und ihr Vorgänger

Von Markus Klohr

Historisch gesehen lag Volker Heer mit seiner Idee goldrichtig. In die nun schon locker 30 Jahre währende Diskussion über einen Tunnel für die Eglosheimer B-27-Ortsdurchfahrt brachte der Ludwigsburger FDP-Stadtrat vor ein paar Jahren einen neuen Vorschlag ein. Was wäre, wenn man den momentan unbezahlbar erscheinenden Tunnel über eine Maut finanzieren würde? Pro Durchfahrt ein Euro – und schon wären die Kosten in absehbarer Zeit wieder drin. Natürlich nur, wenn die Verkehrszahlen trotz der Zahlung ähnlich hoch blieben wie heute. Im Ludwigsburger Gemeinderat wurde Heer für seinen Vorschlag belächelt. Dabei hat er damit eigentlich nur folgerichtig eine Idee aus der Stadtgeschichte aufgegriffen. Der Württembergische Herzog Carl Eugen gab im August 1770 bekannt, dass er sich der Straßen in ihrem erbarmungswürdigen Zustand tatsächlich erbarmen wolle. Er ordnete an, „alle Haupt- und Land- und Kommunalstraßen, die durch das Land führen, chauseemäßig bauen zu lassen“, zitiert der Stadtchronist Ludwigsburgs, Albert Sting. Und auch damals schon stellte sich im Städtle die Finanzierungsfrage. Im Juni 1772 beschloss die Schwäbische Kreisversammlung, für die Benutzung der Straßen Chausseegeld zu verlangen. Weil es so ausgebuffte Kontrollsysteme wie das der Firma Toll Collect noch nicht gab, musste man anderweitig eingreifen. Kassiert wurde das Geld von einem Chausseewärter, der den Verkehr mit Schlagbäumen regelte. Weil das aber nicht genug Geld einbrachte und den Verkehr aufhielt, wurde die Maut später wieder abgeschafft. Das wäre die Idee fürs verkehrsgeplagte Eglosheim. Die Stadt könnte einen gemütlichen Chausseewärter einsetzen, der in der Frankfurter Straße Chausseegeld kassiert. Das Verkehrsproblem wäre gelöst.


Stadtführung (Teil 292): Der Hammermörder in der Stadt

Von Verena Mayer

Die Taten, die Norbert Poehlke Mitte der 80er Jahre begangen hat, spielten sich fast ausschließlich in den Landkreisen Rems-Murr und Heilbronn ab. Doch im Herbst des Jahre 1985 führt die Spur des als Hammermörder bekannt gewordenen Täters auch nach Ludwigsburg. Am 28. September 1985 entdeckt die Polizei bei einer großangelegten Fahndung in einem Schließfach des hiesigen Bahnhofs Teile von Poehlkes Polizeiuniform und die Verpackung einer Sturmmaske. Mutmaßlich hat der stark verschuldete Mann sie dort tags zuvor deponiert, bevor er für einen Banküberfall nach Rosenberg bei Ellwangen fuhr. Obwohl Poehlke von Beamten der Sonderkommission „Hammer“ vernommen wird, erkennen sie in dem Kollegen nicht jenen Mann, der zu diesem Zeitpunkt drei Menschen erschossen und vier Banken überfallen hat. Sie halten seine Erklärungen für glaubhaft. Erst Wochen später wird klar, dass die Polizei die Situation grandios falsch eingeschätzt hat. Als sie den Fehler erkennt, ist es zu spät. Mitte Oktober erschießt Poehlke seinen Sohn Adrian und seine Frau im Haus in Strümpfelbach und flüchtet mit seinem Sohn Gabriel nach Italien, wo er auch diesen erschießt und letztlich sich selbst.


Stadtführung (Teil 291): Schulpflicht für kleine Italiener

Von Ludwig Laibacher

Geht es um Probleme mit Migranten, stimmen Politiker der Regierungsparteien gern das Hohelied auf die Integration an. Während Opposition und Interessenverbände immer häufiger von einem gescheiterten Projekt sprechen. Wie man es auch betrachtet, am Anfang sah alles sehr holprig aus. Und damals kamen die Sorgenkinder nicht aus der Türkei, sondern aus Italien. Obwohl diese schon seit dem Ende der fünfziger Jahre ins Land gekommen waren, wurde für deren Kinder erst von 1. April 1965 an die Schulpflicht eingeführt. Der damalige Ludwigsburger Oberschulrat Schuler fühlte sich davon offenbar überrumpelt, denn kaum ein Gastarbeiter ? wie das damals hieß ? konnte auch nur ein Wort Deutsch. „Wir müssen uns eben darauf verlassen, dass die Kinder im Umgang mit den anderen deutschen Kindern Deutsch lernen“, meinte der Oberschulrat. Er hatte auch gar keine Wahl: Ein eigener Sprachunterricht für die italienischen Bambini war nicht vorgesehen. Richtig schwierig war das indes nicht bei den Kleinsten, Kummer bereiteten die schon etwas älteren Jahrgänge. Das führte dazu, dass im Oktober 1965 auf Anregung des italienischen Konsulats in Stuttgart an der Justinus-Kerner-Schule in Ludwigsburg eine italienische Klasse mit einer italienischen Lehrerin eingerichtet wurde. Diese Sonderklasse wurde von 34 Kindern im Alter von neun bis 14 Jahren besucht.


Stadtführung (Teil 290): Von Flächenbombardements verschont

Von Markus Klohr

Als die Franzosen anrückten, war der Befehl des Reichsführers schnell vergessen. „Gemäß des Befehls des Reichsführers-SS Himmler wird Ludwigsburg wie jeder andere Ort verteidigt“, schrieb die „Ludwigsburger Zeitung“ im April 1945. Als wenige Tage später französische Truppen in Ludwigsburg einrückten, hatten sowohl die SS-Funktionäre als auch alle kampffähigen Soldaten die Stadt verlassen. Kampflos und in vergleichsweise intaktem Zustand wurde Ludwigsburg den Franzosen übergeben – und das, obwohl der Ort eine wichtige Garnisonsstadt war. Dass die Alliierten anders als in Pforzheim, Heilbronn oder Stuttgart auf gezieltes Flächenbombardement verzichteten und den 133 Toten und vielen Verletzten durch Luftangriffe nicht noch weitere Opfer hinzufügten, ist laut dem Stadtchronisten Karl Moersch dem mutigen Einsatz zweier Mediziner zu verdanken. Der Oberfeldarzt Karl Dieter, ein Chefarzt der Wernerschen Anstalten habe „souverän den Druck der NS-Funktionäre missachtet, indem er vorschlug, ganz Ludwigsburg zur Lazarettstadt zu erklären“. Dafür demonstrierten am 14. April 1945 auch rund 100 Ludwigsbur­gerinnen, die unnötiges Blutvergießen verhindern wollten. Am selben Tag schickte Karl Dieter den Oberstabsarzt Rolf Schäfer hinter die feindlichen Linien, um mit den Franzosen darüber zu beraten. Im französischen Hauptquartier in Maulbronn traf Schäfer auf den französischen Befehlshaber, General Guy de Monsarbat. Dieser sicherte dem deutschen Divisionskommandeur zu, auf ein Bombardement zu verzichten, „wenn das deutsche Oberkommando beschließen würde, sie nicht zu verteidigen“. Diese zweite Bedingung wurde durch die überstürzte Flucht der Militärs erfüllt.


Stadtführung (Teil 289): Die Studenten kommen

Von Christine Bilger

Eine wichtige Wandlung hat die Stadt Ludwigsburg nach Ansicht des Chronisten Albert Sting im Jahr 1962 durchlebt. Sie ist von der Kasernen- und Soldatenstadt zur Hochschulstadt geworden. Denn am 29. Mai 1962 wurde die Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg (PH) eröffnet. Sie wurde nicht völlig neu gegründet, sondern entstand durch die Verlegung des Pädagogischen Instituts (PI) Stuttgart nach Ludwigsburg. Den Lehrbetrieb nahm die PH allerdings erst vier Jahre später in Ludwigsburg auf, als der Neubau im Gewann Reute westlich des Favoriteparks fertig war. Das PI, der Vorläufer der Lehrerhochschule, hatte in den Jahren nach dem Krieg ein Dasein als Dauerprovisorium gefristet. Im Physiksaal der Stuttgarter Heusteigschule war es am 13. Mai 1946 eröffnet worden. Von 1969 an hatte es seinen Hauptsitz im Linden-Museum am Hegelplatz. Gleichzeitig diskutierten die Landespolitiker, ob die Landeshauptstadt dauerhaft der Sitz des Instituts zur Lehrerausbildung bleiben sollte. Die Entscheidung für den Standort Ludwigsburg fiel am 24. März 1960 im Landtag. Als in dem Neubau im Jahr 1966 der Lehrbetrieb startete, zählte die PH rund 1000 Studierende. An allen PHs in Baden-Württemberg zusammen hatten damals 4500 junge Akademiker diesen Berufsweg eingeschlagen. In den 70er Jahren bekam die pädagogische Hochschule eine neue Nachbarin, die zweite Hochschule in der Stadt. In Ludwigsburg wurde die Fachhochschule für Finanzen gegründet. Eine zweite Bildungseinrichtun­g, die Nachwuchskräfte für die Behörden und Rathäuser im Land ausbildete, kam im Jahr 1984 hinzu, die Hochschule für Öffentliche Verwaltung. Die beiden blieben für weitere 15 Jahre Nachbarn. 1999 wurde aus den beiden eine Hochschule. Die Fachhochschule für Finanzen und die Hochschule für Öffentliche Verwaltung fusionierten zur Hochschule für Öffentliche Verwaltung und Finanzen.


Stadtführung (Teil 288): Arzt vor den Augen seiner Frau erschossen

Von Klaus Wagner

Der Krieg war noch keine drei Jahre zu Ende, da erschütterte die Nachricht von einem schrecklichen Mord die Menschen in Ludwigsburg. Der Arzt Richard Baumann war erschossen worden – in seiner Praxis in der Wilhelmstraße, in Gegenwart seiner Frau. Man schrieb den Mittwoch, 4. Februar 1948, als der 48 Jahre alte Doktor am Abend kurz nach 19 Uhr den letzten Patienten in sein Sprechzimmer bitten wollte. Es waren gleich zwei – Männer, die dunkle Uniformen trugen, so wie die sogenannten DPs, die von den Amerikanern als Wachpersonal eingesetzt wurden. DPs waren „displaced persons“, also Flüchtlinge oder verschleppte Menschen, die sich in Deutschland aufhielten und die dem Schutz der Vereinten Nationen unterstanden. Die Täter hätten wertvolle Medikamente verlangt, zum Beispiel Penicillin, Insulin oder auch Rauschmittel, überliefern die Chronisten zum Ablauf des Geschehens. Der praktische Arzt und Geburtshelfer sei der Forderung nicht nachgekommen, heißt es weiter. Seine Frau habe den Wortwechsel mitbekommen, schrieb die Stuttgarter Zeitung am 7. Februar, und habe nachsehen wollen. Einer der Täter habe eine Pistole gezogen, sie in ein Nebenzimmer gedrängt und dem Arzt sofort in den Kopf geschossen. Der in der Stadt bekannte Mann war auf der Stelle tot. Die beiden Täter flohen ohne Beute. Bei den Tätern habe es sich wohl um Ausländer gehandelt, gaben die Behörden wenig später bekannt. Eine gute Woche nach der Tat waren die mutmaßlichen Täter gefasst: vier Polen im Alter zwischen 19 und 25 Jahren. Einer der Täter sei nach der Tat in Ludwigsburg geblieben, berichtete die Polizei, drei andere mit einem Bekannten in die französische Zone gefahren. Bei der Fahndung hatten zwei Dinge eine entscheidende Rolle gespielt: zum einen hatte ein Zeuge in einem Café beim Stuttgarter Hauptbahnhof wenige Tage vor dem Ludwigsburger Mord gesehen, wie eine Mauser-Pistole den Besitzer wechselte. Mit einer solchen war Baumann erschossen worden. Es musste sich um den Mann handeln, der sich bei Baumann in die Patientenliste eingetragen hatte. Dies stellte die Polizei in der Ausländerkartei fest. Zum anderen hatten die vier einen Tag nach der Tat in Ludwigsburg einen Raub begangen; zwei der vier Männer wurden in Nagold nach einem Schusswechsel von der Polizei verhaftet, die beiden anderen entkamen. Einer der beiden Verhafteten war, wie sich herausstellte, einer der Täter von Ludwigsburg. Der Mord an dem Arzt führte einen Tag später zu politischen Reaktionen. Der OB Elmar Doch legte eine Resolution an die amerikanische Militärregierung und die deutschen Stellen vor. Darin hieß es, „alle DPs und Ausländer, die nicht zur bewaffneten Macht gehören,“ sollten entwaffnet werden und mit der deutschen Bevölkerung rechtlich gleichgestellt werden. Zudem sei bei Raubmördern die vom Gericht verhängte Todesstrafe zu vollstrecken. Den vier Tatverdächtigen im Mordfall Doktor Baumann wurde im Juni 1948 von einem amerikanischen Militärgericht der Prozess gemacht – und der Haupttäter zum Tod durch Erschießen verurteilt. Die drei anderen bekamen Zuchthausstrafen. Vom Praxis- und Wohnhaus Richard Baumanns, Wilhelmstraße 41, ist nichts mehr übrig: An seiner Stelle wird eine mehrstöckige luxuriöse Stadtvilla gebaut.


Stadtführung (Teil 286): Behüteter Weidewald

Von Christine Bilger

Dem Oberforstmeister Otto Feucht ist es zu verdanken, dass der Favoritepark seit 1937 ein Naturschutzgebiet ist. Und Otto Feucht wusste, wem die Ludwigsburger die Waldlandschaft, die sich nördlich des Schlosses erstreckt, wiederum zu verdanken haben: ihrem Stadtgründer. „Hätte der Herzog Eberhard Ludwig nicht alsbald nach Erbauung seines ersten Jagdschlosses in Ludwigsburg den übrigen Teil des alten Mönchwaldes umzäunt, so wäre auch dieses letzte Waldstück dort längst gerodet und die Stadt Ludwigsburg wie das ganze Land wären um eine ganz besondere Sehenswürdigkeit ärmer“, würdigte der Oberforstmeister 1935 die Entscheidung des Herzogs. So ist es gekommen, dass im waldärmsten Landkreis des Landes der Erholungswald liegt, der zwischen Stuttgart und Heilbronn die meisten Besucher anlockt. Bis zu 150000 Menschen wandeln auf den Waldwegen. Doch nicht nur wegen der geringen Konkurrenz ist der Ludwigsburger Wald ein besonderer. Wer ihn durchstreift, stellt fest, dass es um die Bäume herum am Boden keine Strauch- und Krautschicht gibt. Das ist ein Charakteristikum des etwa 72 Hektar großen Naturschutzge­bietes, das auf die Nutzung im Mittelalter zurückgeht. Der Wald wurde einst als Weidewald, auch Hudewald genannt, genutzt. Weil das Vieh dort zum Fressen hingetrieben wurde, bissen die Tiere alle kleinen Triebe und Sträucher am Waldboden ab. Die Folge ist, dass der Wald licht wird. Das bewirkt auch, dass der Boden mit Gras bewachsen ist. Zudem konkurrieren die Bäume nicht um den Platz an der Sonne. Anstatt sich in die Höhe zu recken, wachsen sie knorrig und mit breiten Kronen. Als einziges Beispiel eines Weidewaldes im württembergischen Unterland wurde der Favoritewald 1937 unter Naturschutz gestellt.


Stadtführung (Teil 285): Vom Flüchtling zum Neubürger

Von Klaus Wagner

Ludwigsburg hat bis Anfang der fünfziger Jahre viele Menschen aufgenommen, deren Namen heute kaum einer mehr weiß. Einen von ihnen aber kennt fast jeder in Deutschland: Horst Köhler. Der Zehnjährige kam mit seinen Eltern und sechs Geschwistern im Dezember 1953 hierher ? da war die große Welle der Flüchtlinge schon abgeebbt. Der weitere Weg Köhlers ist einigermaßen bekannt. Auch Tausende andere haben sich hier eingelebt ? und es am Anfang genauso schwer gehabt wie die Familie des heutigen Bundespräsidenten, die aus Bessarabien kam. Der erste Zug mit Flüchtlingen, so der Stadthistoriker Albert Sting, traf im August 1945 in Württemberg ein. Damals bat der Landrat alle Bürgermeister im Kreis, in ihrer Gemeinde „Umschau zu halten, wie viele Köpfe im äußersten Fall von der Gemeinde aufgenommen werden können“. Ende Oktober kamen dann die ersten Umsiedler hierzulande an, man wies sie in das Auffanglager Bietigheim ein. Von dort wurden die Menschen weitergeschickt; in Ludwigsburg wurden sie vorderhand in der Wilhelmskaserne einquartiert. Es gab Sammlungen von Kleidern und Wäsche, der Wohnraum wurde eng, die Wasserversorgung war oft nur rudimentär. Die Königin-Olga-Kaserne diente als Unterkunft ebenso wie private Wohnungen ? in vielen Häusern inspizierten Behördenvertreter, wo man noch jemand einquartieren konnte. Turnhallen und Gemeindehäuser wurden zu Notunterkünften, Ende November 1946 gab es sieben Massenquartiere mit 3000 Bewohnern. Einen Monat später hatte Ludwigsburg 10000 Einwohner mehr. Im Sommer 1947 entstand die Keimzelle des späteren Stadtteils Grünbühl in den Baracken des „Aldinger Lagers“. Läden und eine Schule folgten. Und bald danach hat man nicht mehr von „Flüchtlingen“ gesprochen. Aus ihnen waren „Neubürger“ geworden.


Stadtführung (Teil 284): Eine Autobahn für den Herzog

Von Klaus Wagner

Man schrieb das Jahr 1764, als Herzog Carl Eugen die Lust verspürte, auf schnellstem Weg vom großen Schloss in Ludwigsburg zum kleinen Lustschloss auf der Solitude zu kommen. Also ließ er eine 54 Fuß breite Straße bauen, vom Schloss zum Schlössle, und dabei wurde auf Land und Leute keine Rücksicht genommen, wie gewohnt. In Weilimdorf, unterhalb der Solitude, mussten die Bauern 8,8 Hektar abgeben ? und sie durften die herzogliche Allee zehn Jahre lang nicht benutzen. Das verlor sich, als der Herzog keine Lust mehr auf die Solitude hatte. Jedenfalls diente die erste Autobahn im Land nicht nur als Schnellstraße zum herzoglichen Vergnügen, sondern später auch einem ebenso profanen wie wichtigen Zweck: der Landesvermessung. Im Jahr 1818 ordnete König Wilhelm I. an, ordentliche Karten zu erstellen. Das diente dazu, den Verlauf von Grundstücksgrenzen genau zu bestimmen ? und so wurde auch die Besteuerung einfacher. Der König war dabei, als am 18. September 1820 die 24 Tage dauernden Arbeiten begannen, mit einfachsten Mitteln wie sechs Holzböcken, fünf Eisenstangen und einem Winkelmesser. Am Ludwigsburger Solitude-Tor endete die gerade Linie, die Solitudeallee. Sie bildete die Basis eines Dreieckssystems, mit dem das Land überzogen wurde. An der Solitude und an der Ecke Solitudeallee und Köhlstraße in Ludwigsburg erinnern heute eine Tafel und ein Obelisk an die Arbeit der Landvermesser.


Stadtführung (Teil 283): Fotoausstellung zum Finale des Jubiläumsjahrs

Von Ludwig Laibacher

Das Residenzschloss spiegelt sich märchenhaft verschwommen im Parktümpel, äsendes Wild im Favoritepark hat sich zu einem altmeisterlichen Genrestück versammelt und der Abendhimmel über Eglosheim plustert sich dramatisch auf: „Ludwigsburger Impressionen“ heißt eine Ausstellung, die zum Abschluss des Jubiläumsjahres im Kulturzentrum gezeigt wird (bis zum 18. Dezember). Auf 188 Einzelaufnahmen hat Fritz Mühlbayer sein Bild von der Barockstadt aufgefächert. Der 1943 geborene Fotograf zeigt besonders prägnante, aber auch eher versteckte Orte – alle zu einem Ensemble aus je vier postkartengroßen Ansichten arrangiert. Die Bilder zum Stadtgeburtstag sind in den letzten drei Jahren entstanden – und alle wurden digital aufgenommen. Mühlbayer, der im Jahr 2000 den Kodak-Preis erhielt, hat die Grenzen der elektronischen Bildaufzeichnung ausgelotet: Immer wieder überrascht sein eigenwilliger Umgang mit Licht und Farben: Kobaltblau, ein elegantes Kirschrot und orangefarbene Wohlfühltöne dominieren.


Stadtführung (Teil 282): Erst verschmäht, dann verehrt

Von Christhard Henning

Königsberg hat er, wiewohl die Stadt noch wenige Jahre zuvor aufgeklärte Geister ersten Ranges beherbergte, unter schlimmsten Verleumdungen verlassen. Johannes Wilhelm Ebel, Prediger und Anhänger theosophischer Lehren, sah sich von 1835 bis 1842 einem sogenannten Religionsprozess ausgesetzt, bevor er 1850 nach einer zweijährigen Zwischenstation in Tirol 66-jährig nach Hoheneck übersiedelte. „Geschlechtliche Ausschweifungen unter dem Deckmantel der Andacht“ waren dem Lutheraner und Mystiker vorgeworfen worden, denen er sich als Sektenmitglied der Königsberger Mucker mit Männern und Frauen, auch aus höchsten Adelskreisen, hingegeben habe. Zwar wurden die Beschuldigungen nie bewiesen, eher die ostpreußischen Gerichte der Voreingenommenheit überführt, doch Ebels Ruf war ruiniert. Die Enthebung aus Kirchenamt und Schuldienst am Friedrichs-Collegium blieb bestehen. Das Wirken der Ebels in Ludwigsburg war fruchtbarer, auch wenn die Familie samt etlicher Anhänger und Freunde eine obskure Aura pietistischer Weltentrücktheit und Wohltätigkeit umgab. Die Schriftstellerin Tony Schumacher schildert die kleine Kolonie norddeutschen Adels im schwäbischen Exil, die sich im Haus des ehemaligen Fahnenfabrikanten Paul Weigle am Neckarufer niedergelassen hatte: „Nur dann und wann fuhr eine altmodische gräfliche Kutsche durch die Straßen, oder man begegnete in einem Laden einer der vornehm aussehenden, dabei aber gänzlich unmodern gekleideten Damen, die hier ihren Bedarf für die Armen im Dorf kauften.“ Die „Fremdlinge“ bedachten den halben Ort mit Weihnachtsges­chenken, unterstützten mit Stiftungen und Spenden die Kirche wie den Kindergarten und besorgten den beiden Hohenecker Nachtwächtern jährlich einen neuen Wintermantel. Der Pfarrbericht von 1885 lobt die karitative Ader der sogenannten Ebelschen Colonie: „Es lässt sich nicht verkennen, daß sie einen guten Einfluß auf die Gemeinde ausübte, sowohl durch das Beispiel christlichen Wandels und kirchlichen Sinnes als auch durch die Einwirkung ihres Umgangs.“ Ein Nachfahre Johannes Ebels war es, welcher der kritisch beäugten Neuerung der „Civilehe“ in der Position des säkularen Standesbeamten die schädlichen Folgen nahm und erfolgreich dafür sorgte, dass auf sämtliche bürgerliche Eheschließungen die kirchliche Trauung folgte. 1861 starb der Patron Johannes Wilhelm Ebel. Bereits zwei Tage nach seinem Tod erhielt die Familie die Genehmigung, die sterblichen Überreste in einem Mausoleum zu bestatten. Dieses neugotische Bauwerk hat die Zeiten überdauert. In der Gruft liegen neben Ebel seine Frau Auguste, seine Kinder Wilhelm und Adalberta sowie Ebels Freundin und Gönnerin Ida Gräfin von der Gröben und Wilhelmine Steinwender, die Adalberta Ebel pflegte und als Dank den gesamten Besitz der Familie erbte. Die Alleinerbin vermachte ihr Vermögen der katholischen Kirchengemeinde, die damit auch die Pflicht übernahm, das Mausoleum zu erhalten. Die Villen der Ebels dienten jahrelang als Pensionen für die Gäste des 1907 eröffneten Heilbads, sie mussten aber in den Siebzigern dem Neubau weichen. Die denkmalgeschützte Gruft steht nun im Kurpark zu Füßen des Badetempels. Sechs Säulen tragen das Gewölbe, unter dem Dachgesims verläuft ein Fries mit gotischer Ornamentik. Etwas zu viel des artifiziellen Schnickschnacks, die der Strenge der klassischen Gotik widerspricht, krittelt Dietmar Ruhle in einer kunstbeflissenen Promenade durch Hoheneck. Es scheint, als sollten Johannes Wilhelm Ebel und die Seinen über den Tod hinaus Fremdlinge bleiben.


Stadtführung (Teil 281): Busse oben, Straße unten

Von Klaus Wagner

Gleich nach dem Krieg, noch 1945, wollten die Ludwigburger eine neue zentrale Busstation in der Stadt einrichten. Für den „Solitude-Parkplatz“ gab es rasch einen Bebauungsplan ? der dann aber 30 Jahre lang liegen blieb. Erst 1975 befasste man sich wieder mit dem Thema Busbahnhof. Es wurde Grund gekauft, und die Musikhalle sollte weg. Die Schulen protestierten heftig, und es gab unzählige Pläne ? unter anderem den, den Busbahnhof in ein dreigeschossiges Gebäude zu packen. Denn die Bahnhofstraße war im Weg. Dann hatte der städtische Chefplaner die Idee, diese unter die Erde zu legen. So wurde gebaut, Ende 1984 fand der erste Baggerbiss statt, drei Jahre später wurde eingeweiht. Das Ergebnis: nicht schön, aber zweckmäßig. Und Geschichtsbewusste haben einen Hingucker: das auf eisernen Stützen ruhende ehemalige Bahnhofsdach inmitten des Platzes.


Stadtführung (Teil 280): Die Barock- wird Medienstadt

Von Ludwig Laibacher

Das Jahr 1991 steht für eine Wende in der Stadtgeschichte: Damals wurde die Filmakademie Baden-Württemberg eingerichtet. Eine Gründung mit Sogwirkung: die Barockstadt wurde Medienstadt. Viele Firmen aus den Bereichen Film, Werbung, Post-Produktion, Musik sowie Druck- und Verlagswesen siedelten sich an. 1998 kam das Film- und Medienzentrum dazu. In den vergangenen Jahren wurde das Spektrum um Design- und IT-Firmen erweitert. Seit 2006 wird in der Stadt auch der Internationale Designerpreis, seit 2007 der Bundesjugendvi­deopreis vergeben. Die Filmakademie ist mit 300 dort lehrenden Experten ein lebendiger Mittelpunkt geblieben: jährlich entstehen etwa 250 Filme in den verschiedenen Studiengängen. 2007 bekamen die Filmemacher mit der Akademie für darstellende Künste einen neuen Campusnachbarn.


Stadtführung (Teil 279): Feudaler Beginn der Akademie

Von Kathrin Haasis

Es ist alles schon einmal da gewesen. Gerade in Ludwigsburg, das einst Residenzstadt war, scheint sich die Geschichte zuweilen zu wiederholen. Als es zu Beginn des aktuellen Jahrtausends um die Ansiedlung der Theaterakademie ging, da kramte der Oberbürgermeister Werner Spec in der Diskussion auch die feudale Vergangenheit der Barockstadt hervor: Bereits 1764 habe Herzog Carl Eugen eine Académie des Arts von Stuttgart nach Ludwigsburg verlegt, argumentierte er. Für einen gewissen Friedrich Schiller sei diese Einrichtung prägend gewesen, fügte er vielsagend an. Für die Landesfürsten in Württemberg habe es sich schon immer gelohnt, „sich mit solchen Institutionen nach Ludwigsburg zu begeben“, erklärte er dem Ministerpräsidenten Günther Oettinger. Den Bedarf des Hofes an Künstlern und Kunsthandwerkern sollte die Akademie decken. Zeichnen, Malerei, Bildhauerei, Baukunst und Porzellanmalerei wurden dort unterrichtet. 1769 kam eine Schule zur Ausbildung des Nachwuchses für Oper, Theater und Ballett dazu. Carl Eugen wollte auf diese Weise Geld sparen: statt teure Stars zu verpflichten, formte er sich sein eigenes Ensemble. Was der Oberbürgermeister Werner Spec dann zur Eröffnung der neuen Theaterakademie im September 2008 in Ludwigsburg vorsichtshalber verschwiegen hat: Die Kunstakademie siedelte 1773 auf die Solitude über, auch die Theaterschule wurde 1780 von der Hohen Karlsschule aufgesogen. Irgendwann gehörte also alles wieder zu Stuttgart.


Stadtführung (Teil 278): Entnazifizierte Kunst

Von Kathrin Haasis

Sie sind ein ungewöhnliches Paar: der Arbeiter mit dem nackten Oberkörper und der Junge. Über der Eingangstüre zum Mörike-Gymnasium an der Solitudestraße stehen sie und blicken etwas grimmig in die Ferne, als fühlten sie sich nicht wohl in ihrer Haut. Dass sie so deplatziert wirken, liegt vermutlich daran, dass der Bildhauer Erwin Dauner das Relief geschaffen hat, als eine spezielle Art von Kunst gefragt war: Die erste Version entstand 1937. Einen „Arbeiter der Faust“ und einen „HJ-Pimpf“, der eine Trommel schlägt und „mit sicherem Blick und kräftigem Schritt nach vorne drängt“, meißelte er ursprünglich in den Stein. Dafür erntete Erwin Dauner ungeteiltes Lob, schreibt Günther Bergan im Ludwigsburger Kunstführer: „eine wuchtige Symbolik unserer Zeit“. 1947 wurde das Relief entnazifiziert, aus dem Pimpf ein Knabe, aus der Trommel ein Weinstock als Symbol für die aufkeimende Hoffnung. Erwin Dauner, der 1894 geboren wurde, die Stuttgarter Kunstakademie besuchte und 1920 nach Ludwigsburg zog, war ein Spezialist für Helden- und Kriegerverehrung. In Friedrichshafen wurde 1930 ein von ihm entworfenes Kriegerdenkmal eingeweiht. In Eisenach steht sein Beitrag zum Burschenschaf­tsdenkmal, das einen schwertbewehrten, nackten Jüngling zeigt, der in den Himmel schwebt. Aber auch nach dem Zweiten Weltkrieg ging ihm die Arbeit nicht aus. In Ludwigsburg schuf er unter anderem das Relief am Gebäude der Kreissparkasse am Schillerplatz, das meist von einem Werbeplakat verdeckt ist.


Stadtführung (Teil 277): Der Rathaushof, ein besonderer Platz

Von Verena Mayer

Ludwigsburg ist so quadratisch, dass sich zumindest die Einheimischen nicht mehr über die vielen Plätze in der Innenstadt wundern. Das bringt die barocke Stadtstruktur eben mit sich. Doch neben dem Markt-, Schiller- und Arsenalplatz sowie dem Holzmarkt nimmt der Rathausplatz eine Sonderstellung ein. Weil er eben nicht Teil der barocken Struktur ist. Diese Fläche ist mehr oder weniger zufällig entstanden. Durch den Abbruch der ehemaligen Feuerwache und durch ihre Begrenzung auf allen Seiten. Diese zeichnet sich allerdings nicht durch eine präzise angeordnete einheitliche Bebauung aus, sondern durch Elemente, die kaum unterschiedlicher sein könnten. Um das 5000 Quadratmeter große Geviert gruppieren sich das Rathaus, der Ratskellergarten, das Kulturzentrum und die Silcherschule. Bis vor sieben Jahren sah der Rathausplatz auch nicht schöner aus als der Arsenalplatz heute. Doch der Bau der Rathaustiefgarage brachte die Wende. Bei der Frage, wie der Deckel der Tiefgarage zu gestalten sei, entschieden sich die Kommunalpolitiker für die heute bekannte Form. Die zentrale Fläche ist mit Platten aus rötlichem Granit belegt, sechs jeweils acht Meter hohe Stelen definieren die östliche Platzkante entlang des Kulturzentrums und nehmen zugleich Bezug auf die hohen Bäume im Ratskellergarten gegenüber. Sogenannte Lichtlinien teilen die Stelen, setzen sich über den Platz fort und umrahmen am Ende je einen Wassersprudler. Im Rahmenplan Innenstadt, dem planerischen Leitbild von Klaus Humbert und Volker Rosenstiel, war der Platz ursprünglich als „intimer Gartenhof“ vorgesehen. Ein gepflegter Blumen- und Rosengarten mit Pergola sollte eine Kontrastwirkung zu anderen belebten Stadtplätzen schaffen. Doch daraus konnte schon deshalb nichts werden, weil der neue Rathaushof auch die Weinlaube beherbergen sollte. So entstand zwischen März 2002 und Juni 2003 für 1,4 Millionen Euro der heutige Rathausplatz – der trotzdem anders ist als die anderen Ludwigsburger Plätze.


Stadtführung (Teil 276): Der Astronaut Gerhard Thiele

Von Martin Willy

Ludwigsburg hat viele Persönlichkeiten hervorgebracht, viele bekannte Männer und Frauen lebten in der Stadt, sieben Jahre lang etwa Friedrich Schiller. Gerhard Thiele verbrachte fünf Jahre seines Lebens in Ludwigsburg. Doch nach seinen Spuren in der Stadtgeschichte muss man etwas länger suchen. Dabei hat es der inzwischen 56 Jahre alte Physiker weit gebracht. Immerhin ist er als Astronaut im Jahr 2000 mit dem Space-Shuttle ins Weltall geflogen. In den Orbit haben es außer ihm nur neun andere Deutsche geschafft. Nicht nur an die 181 Erdumrundungen denkt Thiele gerne zurück. Auch an Ludwigsburg hat der Wissenschaftler beste Erinnerungen. „Die Zeit in Ludwigsburg war sehr prägend“, sagt Thiele. Denn die wichtigen Jugendjahre habe er hier verbracht. Im Alter von 13 kam er nach Ludwigsburg, lebte fünf Jahre in der Weststadt und machte 1972 am Schiller-Gymnasium sein Abitur. „Dort gab es Lehrer, die so begeisternd über Naturwissenschaften berichtet haben, dass es ansteckend war, nicht nur für mich, sondern auch für andere Klassenkameraden“, sagt er. In Physik, Mathematik und Chemie war der Schüler Thiele besonders gut. Dann zog es ihn weg – weit weg. „Astronaut war ein Kindheitstraum von mir“, sagt Thiele, der inzwischen bei der Europäischen Weltraumagentur (Esa) in Köln arbeitet. Allerdings haben die Erwachsenen den kleinen Gerhard nie wirklich ernst genommen. „Ja, ja träum' mal schön“, hätten sie immer zu ihm gesagt. Doch Thiele hat an seinem Traum festgehalten und intensiv an der Verwirklichung gearbeitet. Physik und Astronomie hat er in München und Heidelberg studiert, in Umweltphysik hat er über Klimaforschung promoviert. Im August 1986 stieß Thiele dann in einer großen Tageszeitung auf eine Stellenanzeige. Die Deutsche Forschungs- und Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt suchte Wissenschaftsas­tronauten. Thieles Stunde hatte geschlagen. Wie knapp 1800 andere Männer und Frauen bewarb er sich – und hatte Glück. „Das allein reicht zwar nicht, aber es gehört einfach dazu, zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle mit den richtigen Voraussetzungen zu sein“, sagt er. Er zählte zu den fünf Auserwählten. Nach etlichen Astronautentra­inings absolvierte er schließlich von 1995 an mit der 17. Astronauten­gruppe der Nasa eine zweijährige Ausbildung zum Missionsspezi­alisten. Und am 11. Februar 2000 war es dann soweit: Zusammen mit fünf Kollegen startete er von Houston/Texas aus mit der „Endeavour“ ins All. Elf Tage lang sollten sie die Erde umkreisen und kartografieren – bei einer Geschwindigkeit von 28.000 Kilometern in der Stunde durfte er pro Tag 16 Sonnenaufgänge erleben. Wenn Gerhard Thiele von dieser Reise erzählt, dann spürt man trotz aller naturwissenschaf­tlichen Nüchternheit die Begeisterung und Faszination, aber „auch die Demut“ einmal „dort oben“ gewesen sein zu dürfen. „Wer im All war, möchte noch mal hin.“ Doch dafür sei er mit 56 Jahren mittlerweile zu alt. Die Jüngeren müssten ran. Dafür kann er einiges tun, ist er doch Leiter der Astronaut-Division und damit für die Auswahl neuer Raumfahrer und deren Ausbildung verantwortlich. Auch wenn er eigentlich nur gute Erinnerungen an Ludwigsburg hat, einen dunklen Fleck gibt es doch. Das hat auch mit der Raumfahrt zu tun, speziell mit dem 21. Juli 1969. Der damalige Montag war für den Gymnasiasten Gerhard Thiele ein harter Tag gewesen. In der Nacht hatte Neil Armstrong als erster Mensch den Mond betreten und der 15-Jährige war nicht live dabei. Einen Fernsehapparat gab es zwar in dem elterlichen Haus in der Ludwigsburger Weststadt. „Aber meine Eltern waren konsequent“, sagt Thiele. „Ein Grundsatz lautete: man geht nicht unausgeschlafen in die Schule.“ Also musste Sohn Gerhard ins Bett, ganz egal, was da um 3.56 Uhr nachts knappe 390.000 Kilometer entfernt von Mutter Erde passierte. „Am anderen Tag hatten wir in der ersten Stunde Physik,“ sagt Thiele. „Ausgerechnet Physik, das weiß ich noch genau.“ Die meisten seiner Klassenkameraden hatten die Übertragung der Mondlandung gesehen. Thiele hat es verschmerzt. Er hat gut 30 Jahre später mit der „Endeavour“ sein eigenes, ganz besonderes Live-Erlebnis im All gehabt.


Stadtführung (Teil 275): Tiefgarage als "Schwabenstreich"

Von Roland Böckeler

Nicht erst seit Stuttgart 21 wird über Pläne diskutiert, mit Bauwerken unter der Erde Platz zu schaffen. Anfang der 1970er Jahre war eine Unterkellerung des Ludwigsburger Marktplatzes im Gespräch – für eine Tiefgarage. 600 Stellplätze auf drei Etagen sollten die Parksituation in der Innenstadt entspannen. Probebohrungen waren positiv verlaufen, Aufgänge für Fußgänger und Entlüftungsschächte hätten das Bild des Platzes nur wenig getrübt. Die Autos wären über die Eberhardstraße in die Tiefe gerollt. Der Marktbrunnen hätte nur vorübergehend verlagert werden müssen. Weshalb der damalige Oberbürgermeister Otfried Ulshöfer dennoch von einem „Schwabenstreich“ sprach, lag – auch hier tut sich eine Parallele zu Stuttgart 21 auf – an den Kosten: Bis zu 25 Millionen Mark sollten verbuddelt werden, ein Stellplatz hätte also etwa 42.000 Mark gekostet. In der Lokalzeitung durften die Ludwigsburger ihre Meinung dazu kundtun. Als Alternative zum Marktplatz plädierten dabei viele Bürger für eine Tiefgarage auf dem Gebiet der einstigen Talkaserne, andere sprachen sich dafür aus, den Individualverkehr ganz aus der City zu verbannen. Letztlich stimmte die große Mehrheit zwar für weitere Parkplätze in der Innenstadt – aber nicht unter dem Marktplatz. Nur wenige Bürger schienen übrigens ihrer Zeit voraus: Sie schlugen eine Tiefgarage unter dem Rathausplatz vor. Diese Idee wurde bekanntlich in die Tat umgesetzt, wenn auch erst annähernd 30 Jahre später. Erst seit dem Jahr 2002 können unter dem Rathaushof Autos parken.


Stadtführung (Teil 274): Sänger mit blauer Zunge

Von Klaus Wagner

Die Jahreszahl hat der Stadthistoriker Albert Sting zwar nicht überliefert, aber es muss irgendwann im späteren 19. Jahrhundert passiert sein. Der Männergesangverein Ludwigsburg war zu einem Sängerfest nach auswärts eingeladen. Und so fuhren die knapp 100 Herren frohen Mutes nach Reutlingen, „in guter Erwartung, einen Preis zu erringen“, wie Sting schreibt. Schließlich hatte man den Vortrag gründlich einstudiert, und auch der Chorleiter Albert Zitzmann hatte sich gut vorbereitet. Und weil die Sänger erst am Nachmittag dran waren, begaben sie sich erst einmal in ein Gasthaus zum Mittagessen. Der dirigierende Oberlehrer war derweil bei Verwandten eingeladen. Als dann beim Wettstreit der Dirigent begann und die Sänger ihren Kehlen die Töne entlockten, da wurde den Zuhörern ganz anders: die Sänger waren blau, und zwar alle. Der anwesende Vorstand erschrak zu Tode und wähnte schon alle Preisfelle davonschwimmen. Des Rätsels Lösung: die Sänger hatten bei ihrem Mittagsmahl zum Nachtisch eine Blaubeerspeise bestellt und deshalb nicht nur der Dirigent auf lauter blaue Zungen geblickt. Am Ende wurde alles gut: „Die Männer sangen aufs Beste und merkten von alledem nichts. Sie erreichten den zweiten Preis.“ So weit Albert Sting im zweiten Band seiner Ludwigsburger Stadtgeschichte in dem Kapitel, das sich mit der Zeit nach 1871 beschäftigt. Mit solchen Geschichten lockert der Historiker seine Trilogie auf.


Stadtführung (Teil 273): Die venezianische Messe

Von Christine Bilger

Wenn einer in die Ferne reist, dann kann er nicht nur was erzählen, sondern im besten Falle den Lieben zu Hause auch eine Freude mit einem Mitbringsel machen. So hat es auch der Herzog Carl Eugen gehalten, als er aus Venedig zurückkam. Ein Fest bescherte er den Bürgern in Ludwigsburg, wie man es so trotz aller barocker Pracht noch nicht erlebt hatte. Die Venezianische Messe brachte als Masken- und Kostümfest 1768 zum ersten Mal südländisches Flair auf den von Arkaden gesäumten Ludwigsburger Marktplatz. Vorbild war die in Venedig gefeierte Sankt-Marcus-Messe gewesen. Von der ersten Veranstaltung ist nicht viel überliefert. Fest steht jedoch, dass sie am 19. Januar angefangen habe. Nicht allein die Ludwigsburger sollten ihre Freude an der Großveranstaltung haben. Die Stuttgarter kamen ebenfalls in den Genuss des „höchst luxuriösen Jahrmarkts“, wie es beim Stadtchronisten Albert Sting heißt. Bis 1775 wurde sie jährlich einmal in Ludwigsburg, von 1776 bis1793 in Stuttgart veranstaltet. Dabei haben die Zuschauer und Akteure wohl kalte Füße bekommen, denn nicht immer feierte man sie im Januar. Das letzte Dekret des Carl Eugen, das ein Datum belegt, stammt vom 3. Mai 1793. Darin steht, dass sie „gleich wie die vorigen Jahre abzuhalten sei und am 20. Mai beginnen sollt“. Es blieb während der tollen Tage nicht nur beim Maskenzauber. Die Messe war auch eine Verkaufsmesse. Mehr als 20 Stände standen in den Arkadengängen. Spitzen, Bücher und Porzellan gab es zu kaufen – und natürlich Masken.


Stadtführung (Teil 272): Das eigene Weindorf

Von Roland Böckeler

Der Weinjahrgang 2009 soll ein qualitativ hochwertiger werden, versprechen die Winzer allerorten. Bei der Ludwigsburger Weinlaube im kommenden Jahr können sich die Besucher selbst davon überzeugen, wenn die jungen Tropfen kredenzt werden. Es wird dann bereits die 31. Ausgabe des Festes sein, das, auch wenn dieser Begriff ein wenig inflationär verwendet wird, eine echte Tradition in der Stadt geworden ist. Was im Jubiläumsjahr 18 Tage dauerte und den Besuchern täglich neben Kulinarischem viel Livemusik bot, ist einst überschaubar gestartet. Der Stadthistoriker Albert Sting spricht von einem „recht bescheidenen Weinausschank“ auf dem Marktplatz, der aus Anlass der „Ludwigsburger Woche“ angeboten wurde. In den 1970er Jahren wurde der Ausschank in den Ratskellergarten verlegt, also neben den heutigen Standort auf dem Rathaushof. Der damalige Verkehrsdirektor Friedhelm Horn hatte sich dafür stark gemacht, denn Ludwigsburg sollte neben Stuttgart ein eigenständiges Weindorf bekommen. 1989 waren es bereits elf Wirte, die hier ausschenkten. Bei den Weinzähnen aus der Stadt und der Umgebung kam das Konzept an: 1981 waren 8000 Besucher gezählt worden, bald darauf waren es doppelt so viele – und der Umzug auf den größeren Rathaushof naheliegend. Vor zehn Jahren, bei der 20. Weinlaube, verweist die Statistik auf 45 000 Gäste. Was auch damit zusammenhängen mag, dass die Laube von Juni des beständigeren Wetters wegen auf den August verlegt wurde. Manch einer kritisiert zwar laute Musik oder zu hohe Preise, am regen Zuspruch änderte das bis dato aber nichts. So wurden bei der 22. Festausgabe mit 55 000 Besuchern erneut Rekordzahlen vermeldet. Platz genug gab es für sie: Wegen der Bauarbeiten zur Rathaustiefgarage hatte die Weinlaube vorübergehend auf die Bärenwiese ausweichen müssen.


Stadtführung (Teil 271): Die ehemalige Post erhält ein neues Dach

Von Klaus Wagner

Angefaultes Holz haben sie ebenso gefunden wie vergammelte Blechverwahrungen und Kalksteinbruch als Ausfachmaterial. Aber auch alte Stiefel von US-Soldaten, Schulterklappen von Grenadieren und Bierflaschen mit Schnappverschluss einer Ludwigsburger Brauerei. Unter dem Dach des Hauses am Arsenalplatz, an dessen luftiger Höhe seit August viele Arbeiter zugange sind, hat sich ein gut Teil der Geschichte des Gemäuers offenbart. Den Passanten ist das Gebäude eher durch seine Verwendung in der Gegenwart bekannt denn durch seine Historie: heute beherbergt es eine Filiale der McDonalds-Kette. Übrigens die erste des Gastronomen Eduard Fehr. Sie wurde 1979 eröffnet – ziemlich genau 200 Jahre, nachdem das Haus gebaut wurde. Früher war es Poststation, und später beherbergte es die Militärverwaltung, württembergischer Regimenter ebenso wie der Amerikaner. In den Jahren 1770 bis 1772 wurde die alte Post gebaut als zweigeschossiges Traufenhaus mit Mansardendach und Mittelportal zur heutigen Wilhelmstraße hin. Seit 1855 war es ein Gebäude der Garnisonsverwal­tung, auch wohnten Militärs dort. Und nach deren Auszug wurde darin Ende der siebziger Jahre ein McDonalds-Restaurant eingerichtet. Die Firma lässt jetzt das Dach umfassend sanieren. Die ersten Pläne hätten im Jahr 2007 vorgesehen, so der Architekt und Bauleiter Reinhard Rehner vom Ingenieurbüro Lehmann in Biberach, das Dach komplett abzureißen und zu erneuern. Doch die Firma, die dieses vorgeschlagen hatte, setzte sich damit nicht durch, das Denkmalamt habe diese Pläne gestoppt. „Das geht auch anders“, sagt Rehner – nämlich so, wie es seit Anfang August gemacht wird. Es wurde nur der untere Teil der zweigeschossigen Dachkonstruktion in Angriff genommen, alles andere habe nicht renoviert werden müssen. Man ersetzte Zug um Zug die schadhaften Teile – zentnerschwere Balken von etwa 20 mal 20 Zentimetern ebenso wie Teile davon. Die Blechverwahrungen wurden erneuert, auch zum Teil die Gefache um die Dachgaubenfenster. Darin hat man alte Bruchsteine aus Kalkstein ebenso gefunden wie Reste alter Dachziegel und Elemente aus Lehm und Stroh, die einst als Wärmedämmung benutzt wurden. „Das brennt nicht und das isoliert“, sagt Patrick Pressel, Zimmermeister und Restaurator der Kornwestheimer Firma Muny. Pressel ist begeistert von dem Haus, das den Leuten vom Bau Teile seiner Geschichte offenbart hat. So seien die Dachgauben und -fenster erst 50 Jahre nach dem Bau eingefügt worden. Bei einer späteren Renovierung seien die Fehler gemacht worden, ergänzt Reinhard Rehner, die in den folgenden Jahrzehnten zu den massiven Feuchtigkeitsschäden geführt hätten, die schließlich die jetzige Sanierung nötig machten. „Da hatten Blechverwahrungen ein falsches Gefälle, oder Nähte sind rasch wieder aufgerissen.“ Das Ergebnis: Wasser lief an tragende Dachbalken, und diese faulten vor sich hin, ohne dass es jemand sah. Die alten Dachziegel sind zum großen Teil umgedeckt und eine moderne Isolierung aus Holzwolle verlegt – „Schaumzeug“ habe in einem solchen Haus nichts verloren, sagt Rehner. Bis Ende November soll das Gerüst verschwinden. Der Aufwand beträgt mehr als eine halbe Million Euro, die McDonalds bezahlt. Die Firma investiere bewusst in die Erhaltung denkmalgeschützter Bauten, verlautet dazu aus deren Deutschland-Zentrale in München.


Stadtführung (Teil 270): Blutgeruch beim Schlachthaus stört Bürger

Von Klaus Wagner

Schon 163 Jahre ist es her, dass sich ein Bürger Ludwigsburgs über einen „abscheulichen, höchst schädlichen Geruch“ inmitten der Stadt beschwerte. Dieser ging aus von einer Einrichtung, von der es erst 1867 das erste Bild gab, die aber laut dem Stadtchronisten Albert Sting wohl schon 1846, als der Bürger aufmuckte, in der Inneren Seestraße bestanden hatte. Die Einrichtung war der Schlachthof, und der unfeine Duft wurde verursacht vom verfaulenden Blut der geschlachteten Tiere, das in Fässern gesammelt wurde. Die Innere Seestraße heißt heute Solitudestraße, und die Metzger schlachten heute nicht mehr am Feuersee. Auch nicht mehr in Ludwigsburg. Aber der Reihe nach. Im Jahr 1868 wurde das „Deutsche Schlachthausgesetz“ erlassen, in dem auch Hygieneregeln für diese Branche standen. Das Ludwigsburger Schlachthaus genügte diesen wohl nicht. Deshalb beantragte die Metzgergesellschaf­t, einen Viehstall mit Fleischhalle bauen zu dürfen, was dann im Frühjahr 1875 auch genehmigt wurde. Gut zehn Jahre später machte sich die Stadtverwaltung daran, einen eigenen Schlachthof zu bauen – gleich jenseits der Bahnlinie. Am 1. März 1890 musste das erste Vieh dort sein Leben lassen, um verspeist zu werden. Sieben Gebäude umfasste die neue Einrichtung, im Verwaltungshaus war auch ein Restaurant untergebracht. Es gab Ställe für Großvieh, Pferde und Kleintiere, die Schlachträume und einen Raum für den Fleischbeschauer. Bis lange nach dem Zweiten Weltkrieg tat der Schlachthof seinen Dienst, wurde dann aber zu klein – trotz diverser Anbauten. Nur ein paar Kilometer weiter, im Gewerbegebiet von Möglingen, entstand 1969 bis 1972 der neue Schlachthof. Auf dem Gelände des alten wurden Bürohäuser gebaut. Und so ist es nun auch schon fast 40 Jahre her, dass die Ludwigsburger keinen eigenen Schlachthof mehr haben.


Stadtführung (Teil 269): Gänse unter Strom

Von Klaus Wagner

Hoheneck, einst eine selbstständige Stadt und dann zum Dorf in der Stadt Ludwigsburg mutiert, ist für jeden Bürger in Süddeutschland wichtig. Denn hier muss ein Großteil der Energie auf ihrem Weg von Norden nach Süden durch, ohne die kein Bürger heutzutage mehr auskommt: Strom. Schon vor 100 Jahren plante die Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerke AG (RWE) ein Hochspannungsnetz zwischen dem Ruhrgebiet, dem Hochrhein und Vorarlberg – und der Kugelberg bei Hoheneck bot sich als Standort für die Verteilung an. Die Umspann- und Umschlagstation wurde gebaut, die riesigen Transformatoren kamen am Bahnhof Favoritepark an. Rund 50 Menschen aus Hoheneck fanden Arbeit in der Anlage. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die Nachfrage nach elektrischer Energie rasant zu, die Station wurde ausgebaut. Und schon im Jahr 1958 entstand zwischen Köln und dem Ludwigsburger Vorort eine neue 400 000-Volt-Leitung. Hoheneck wurde dadurch weltbekannt, zumindest in Fachkreisen. Zudem liefen etwa 50 Leitungen mit einer Spannung von 110 000 Volt zwischen dem Main und den Alpen über die Netzwarte am Kugelberg, dazu 14 weitere mit 220 000 Volt. Die Landschaft wird heute noch geprägt durch die Masten mit den Freileitungen. Ein Problem indes führte 1928 zu einem heftigen Schriftwechsel zwischen dem Stadtschulthe­ißenamt in Hoheneck und der Kraftwerk Altwürttemberg (Kawag): Betriebsstörungen. Immer wieder war es damals zu Stromausfällen gekommen, und die Ursache waren – Gänse. Dies war früher auch schon vorgekommen, weshalb die Gänsehalter entsprechend ermahnt wurden. Und genau deshalb schrieb die Kawag erneut und forderte dazu auf, der Schultes möge doch dafür sorgen, dass „die Gänsehalter Maßnahmen zur Verhinderung der Flugfähigkeit der Gänse treffen sollen“. Dies sei „einige Zeit lang mit einigermaßen Erfolg durchgeführt“ worden, werde aber jetzt „scheinbar unterlassen“. Der Betrieb solle nicht unnötigerweise verteuert werden, weshalb auch „unnötige Störungen durch Einflug der Gänse“ zu vermeiden seien. Jedenfalls „wären wir Ihnen sehr dankbar, wenn Sie uns durch Ihre Organe behilflich wären, die Gänsehalter zu ermitteln.“ Was auch in deren Interesse war. Denn eine gute Gans ist eine Gans, die da bleibt. Zumindest kurz vor Weihnachten.


Stadtführung (Teil 268): Wie die Stadt zum Rathaus kam

Von Christine Bilger

Als Herzog hat man es gut. Man baut nicht, man lässt bauen. So kam die Stadt im frühen 18. Jahrhundert zu einer Reihe von Amtshäusern, die von den Oberämtern und Ämtern im Land für Ludwigsburg – auf deren Rechnung versteht sich – errichtet wurden. Bei all diesen guten Amtsstuben fehlte der Stadt jedoch noch ein Haus, das von Amts wegen eigentlich in keiner Stadt fehlen darf. Auch wenn die eigentliche Macht im Schloss saß: einen Magistrat gab es wohl, nicht aber ein Rathaus, um darin zu tagen. Dieses Problem wurde zu Lebzeiten des Stadtgründers Eberhard Ludwig aber nicht gelöst. Als sich spätere Generationen dann der Frage annahmen, erwies es sich als äußerst günstig, dass es schon all die als Büro- und Geschäftshäuser entworfenen Amtshäuser in der Stadt gab. Das Tübinger Amtshaus in der Oberen Marktstraße diente als erster Sitz, später zog die Ratsmannschaft in das als Heidenheimer Amtshaus errichtete Gebäude um – und sitzt auch heute noch dort. In Eberhard Ludwigs Zeiten waren alle Vorschläge und Überlegungen für einen Rathausstandort ohne Ergebnis geblieben. Sein Nachfolger auf dem Herzogthron, Carl Alexander, stellte alle Bautätigkeiten in der Stadt ein. Erst bei Carl Eugen wurde das Thema wieder aufgegriffen. Dazu trug wohl auch ein Bericht des Stadtvogts bei, der am 30. Juli 1727 verfasst wurde. Darin hieß es, es habe sich „durch das Unterbleiben der Erbauung und die Entziehung der Mittel hierzu die Meinung gebildet, dass es mit der Einrichtung des Stadtwesens nicht recht ernst genommen sei“. In dem Bericht war zu lesen, dass Geld, das für den Rathausbau gedacht war, für andere Zwecke ausgegeben wurde: dass „der frühere hiezu angewiesene Erlöß aus dem verkauften Amtshause der Kellerei zu Neckarweihingen troz der vielfachen Mahnungen des Magistrats anderwärts verwendet worden sei“, habe „bedeutendes Aufsehen erregt“. 1746 kam Bewegung in die Geschichte, elf Jahre nach Eberhard Ludwigs Tod. Herzog Carl Eugen schenkte der Stadt die „Alte Canzley“, das in den Jahren 1723 bis 1725 erbaute Tübinger Amtshaus in der Oberen Marktstraße 1. Es wurde als Rathaus eingerichtet. Als äußeres Zeichen wurde dem Haus ein Glockentürmchen aufgesetzt. Als die Stadt wuchs, nahm der Magistrat im Jahr 1767 die Gelegenheit wahr, das Heidenheimer Amtshaus von 1724 in der Wilhelmstraße 11 zu erwerben.


Stadtführung (Teil 267): Ein Ort der Einkehr

Von Klaus Wagner

Es liegt in einem Park, der Ruhe ausstrahlt und Kraft gibt: ein richtiges Kloster, mit eigener Kirche. Die ist zwar nicht mit barockem Glanz ausgestattet, sondern erst 50 Jahre alt – aber dort wird jeden Tag zum Herrn gebetet. Fünfzehn Schwestern bilden heute die Ordensgemeinschaft in Hoheneck. Die „Karmelitinnen vom göttlichen Herzen Jesu“ betreiben ein Gästehaus für 30 Personen. Jedermann, der Ruhe und Abgeschiedenheit sucht, für ein paar Tage oder länger, kann sich dort anmelden, als Einzelgast oder für ein Gruppenangebot. Eine „Heimat für Heimatlose“ solle das Kloster bieten, sagt Schwester Edith, die Oberin, die seit 25 Jahren im Haus ist. Das könne eine Heimat für Trauernde, Fragende und Erschöpfte ebenso sein wie eine geistliche Heimat für Menschen, die Gott suchen, oder solche, die mit einer Lebenskrise zurechtkommen müssen. Auch wer nur die Stille braucht, ist willkommen – zur Teilnahme am klösterlichen Leben wie zu Einzelgesprächen. Das Kloster der Karmelitinnen am Hardt entstand aus einem Ansitz wohlhabender Familien im 18. Jahrhundert. 1854 erwarb der Kommerzienrat Karl Ostertag aus Stuttgart das Anwesen und baute das Landhaus zu einer herrschaftlichen Villa aus. Der gepflegte Park war 16 Hektar groß, als die Karmelitinnen, deren Orden 1891 in Berlin gegründet worden war, den Landsitz 1930 erwarben. Im Februar zogen 14 Ordensfrauen dort ein. Der Fest- und Speisesaal diente als Hauskapelle, bis 1959 die erste „richtige“ Klosterkirche erbaut und Sankt Josef geweiht wurde. Bis dahin hatten sich die Schwestern im evangelischen Hoheneck bereits durch ihre diakonische Arbeit, vor allem in ihrem Heim für bedürftige Kinder, Ansehen erworben. Es gab Kuren für erholungsuchende Mütter, im Krieg wurde ein Lazarett eingerichtet, danach beherbergte man Flüchtlinge aus dem Osten. In drei Abschnitten wurde das Mütterhaus erweitert, zuletzt 1986. Seither aber ist all dies Stück für Stück eingestellt und das Haus zur Heimstatt für Heimatlose umgewandelt worden. Am 26. November feiert man um 19 Uhr den 50. Geburtstag der Klosterkirche St. Josef. Und bis Jahresende gibt es noch etliche Angebote zum Innehalten. Näheres unter www.kloster-im-park.de.


Stadtführung (Teil 266): Der letzte Soldat zieht ab

Von Ludwig Laibacher

Die US-Amerikaner haben die Stadt am 5. März 1993 verlassen. Trotzdem dauerte es noch fast genau zehn Jahre, bis der letzte Militär seinen Posten im Schwäbischen Potsdam räumen musste. Das Ende der soldatischen Geschichte Ludwigsburgs ist mit einem Namen verknüpft: Stabsfeldwebel Ühlein war der letzte Mann in Bundeswehruniform, der hier dauernd Dienst getan hatte. Am 31. März 2003 war auch diese zu Ende: mit Ühlein verließ der letzte Soldat die Stadt. Allerdings war der eigentliche Abzug der Bundeswehr schon sehr viel früher erfolgt. Als die deutschen Streitkräfte im Jahr 1994 auf 370 000 Soldaten verkleinert wurden, mussten Standorte geschlossen werden. Die damalige Regierung gab das Prinzip aus, dass die Einheiten in strukturschwachen ländlichen Gebieten als Wirtschaftsfaktor erhalten bleiben sollten. Kasernen in Ballungsräumen dagegen konnten aufgegeben werden. Ludwigsburg wurde so in die Kategorie 4 einsortiert, was die komplette Auflösung bedeutete. Als erste wurde die Luitpold-, danach die Jägerhof-Kaserne geräumt. Am 6. Mai 1994 verabschiedete sich die Bundeswehr mit einem Großen Zapfenstreich auf dem Marktplatz. Kurz bestand noch die Hoffnung, wenigstens das Kreiswehrersatzamt an der Grönerstraße könnte bleiben. Doch auch das wurde am 30. Juni 1994 aufgelöst. Damit blieb nur noch eine Wehrdienstbera­tungsstelle in der Jägerhof-Kaserne übrig, wo zuletzt jener Stabsfeldwebel Ühlein Dienst tat.


Stadtführung (Teil 265): Graziöses unterm Gewand

Von Miriam Hesse

Mit hocherhobenem Arm hält Brutus als Rächer den Dolch in der Hand, mit dem sich die geschändete Lucretia soeben ermordet hat; in voller Vitalität stehen dagegen nebenan die Göttin der Fruchtbarkeit und ein weinselig lächelnder Bacchus: Insgesamt 32 Marmorstatuen hat der Bildhauer Johann Christian Wilhelm Beyer für den Schlosspark von Schönbrunn in Wien gestaltet. Damit hatte ihm Maria Theresia von Österreich 1773 den wichtigsten Auftrag seines Lebens erteilt. Sein Talent hatte allerdings bereits Carl Eugen entdeckt. Als Garteningenieur war er von Gotha nach Stuttgart gezogen, um wie der Vater für den Herzog zu arbeiten. Auf Wunsch des Dienstherrn studierte der junge Beyer in Paris und Rom Architektur und Malerei. An den Ausgrabungen antiker Statuen beteiligt, entdeckte er jedoch seine Vorliebe für die Bildhauerei. In Ludwigsburg wurde er nach seiner Rückkehr aus dem Ausland zum bedeutendsten Modellmeister der Porzellanmanu­faktur. In den Jahren seines Wirkens von 1759 bis 1767 soll er dem Betrieb zur künstlerischen Blüte verholfen haben. Meisterlich soll sich Beyer darauf verstanden haben, seine Figuren nach den Kriterien der Griechen für Ebenmaß, Form und Ausdruck des Kunstwerks zu fertigen. Insbesondere beherrschte er die Kunst, Bewegungen des Körpers darzustellen, die vom Gewand eher betont als verhüllt wurden. Graziöses bis hin zum gewollt Gekünstelten zeigten seine Arbeiten. Mit dem Ruhm stieg aber auch Beyers Geltungsbedürfnis: Mit seiner Arroganz soll er sich bei seinen Künstlerkollegen und Mitarbeitern ziemlich unbeliebt gemacht haben.


Stadtführung (Teil 264): Eduard von Seckendorff

Von Miriam Hesse

An seinen Texten hat man nicht ablesen können, dass er sich als „Eduard, den Unglücklichen“ sah. Humoristisch Pointiertes und Gedichte mit ironischem Unterton reimte der 1813 in Stuttgart geborene Eduard von Seckendorff zusammen. Dabei war dem Talent zur Komik oft nicht nach Lachen zumute. Denn als Schriftsteller hat sich Eduard von Seckendorff nie recht verwirklichen können. Vielleicht war es eine frühe Rebellion gegen die rein zweckdienliche Schönschreiberei, die ihm in ebendiesem Fach die Zeugnisnote „schlecht“ einbrachte. Seine Lehrer bedauerten jedenfalls „je mehr die Natur ihm Talente verliehen hat“ seinen Mangel an Fleiß und Reinlichkeit sowie die „mehr angewohnte als angeborne Zerstreutheit“. Während des Studiums an der Uni Tübingen setzten ihm die Erwartungen des Onkels zu, nach dem Tod des Vaters sein Vormund. Offenbar vergeblich hoffte er, dass der Onkel seine Qual beim „Kampf zwischen Neigungsstudium und Brodstudium“ verstehen möge: pflichtgemäß hatte der junge Eduard Jura und interessehalber Philosophie und Literatur belegt. Einigermaßen spitz spießte er die Strenge des Onkels, von dem er finanziell abhängig war, in dem Gedicht „Der gehorsame Neffe“ auf: „Verbiete mir, was dir gelegen mag sein, nur laß mir, o habe die Güte, die Liebe, das Lied und den Wein.“ Unter dem Namen „Odoardo“ verfasste er das Trauerspiel „Der Irre“ und nahm in „Die letzten Tage eines Rechtskandidaten“ das Studentenleben ins Visier. Den Gerichtsalltag verarbeitete er in einem Poem, das bis heute nachgedruckt wird: „Der Civil-Process“ als Parodie auf Schillers Glocke. Nicht der Gießermeister ruft hier seine Gesellen, sondern der Richter seine Schöffen, die Parteien und die Zeugen. Im Jahr dieser Veröffentlichung musste der freie Literat aber auch einsehen, dass seine Kunst allzu brotlos war. So ließ er sich im Alter von 30 Jahren am Staatsarchiv in Stuttgart als Kopierer von Urkunden einstellen. Über einen Umweg nach Wetzlar kehrte er 1854 als Sekretär in den württembergischen Staatsdienst zurück. Aber glücklich machten ihn seine Aufgaben nicht. Er hatte „das drückende Gefühl, dass zu deren Ausführung mehr Aufmerksamkeit und Pünktlichkeit als Fähigkeit und Kenntniß gehört“. Eine „selbständige geistige Produktion“ wäre ihm lieber gewesen. Mehr Verantwortung bekam von Seckendorff, als er 1868 zum ersten Leiter des neu gegründeten Staatsfilialarchivs im Ludwigsburger Schloss wurde. Aber auch da sah er vor allem das Verstaubte. So klagte er in den „Merkwürdigkeiten Ludwigsburgs“, dass in der Residenz weder des Herzogs Heldengeist noch eine aufregende weiße Frau spukten: „nur bleiche Aktengeister“. Immerhin fand er in dieser Umgebung Inspiration für seine Lyrik. Angesichts seines Hangs zur Poesie war er aber offenbar auch an dieser Stelle einem übergeordneten Argwohn ausgesetzt. Nachdem von Seckendorff 1875 überraschend gestorben war, weil er beim Aussteigen aus einem Zug in Ludwigsburg verunglückte, wurde sogleich der Zustand des Archivs untersucht. Das Urteil fiel aber positiv aus: Der Zustand sei im Großen und Ganzen „als ein geordneter“ zu bezeichnen.


Stadtführung (Teil 263): Ein Zeichen der Würde des Amtes

Von Christine Bilger

Viel zu feiern haben die Ludwigsburger im Jubeljahr 2009 allemal. Besonders hohe Feiertage erkennen Kenner daran, dass ein besonderes Würdezeichen zum Einsatz kommt. Wenn es festlich wird in der Stadt, legt der Oberbürgermeister Werner Spec seine Amtskette um. Die verdankt er, wie auch seine Vorgänger im Amt, einem anderen Jubeljahr: 1954, als das Schloss 250 Jahre alt wurde. Gestiftet hat sie der Ehrenbürger Carl Schäfer. Am Anfang der Gemeinderatssitzung am 4. Februar 1954 überreichte er sie an den amtierenden Oberbürgermeister Elmar Doch. Der trug das schmucke Stück, dass ihm Schäfer umlegte, an jenem Abend zum ersten und zum letzten Mal. Denn Dochs Nachfolger Robert Frank war bereits gewählt, aber noch nicht in das Amt eingesetzt. Als Zeichen der Würde und des hohen Amtes hatte der Stifter sie in Schwäbisch Gmünd von Fritz Mohler entwerfen und anfertigen lassen. Wer sie trägt, dem wird die Bürde des (ge-)wichtigen Amts offenbar. Denn 1,2 Kilogramm schwer ist die Kette. In farbigem Schmelzemaille zeigt sie an einem Anhänger das Stadtwappen. Auf der Rückseite dieses Hauptstückes sind die Namen aller Oberbürgermeister seit der Wende vom 19. auf das 20. Jahrhundert eingraviert. Das runde Stadtwappen ist nicht das einzige Symbol, das in die Kette eingearbeitet ist. Auf einzelnen Gliedern sind Zeichen für diverse Bereiche des öffentlichen Lebens angebracht, etwa für Industrie, Handwerk, Wissenschaft und Justiz. Zudem ziert sie eine Hirschstange aus dem alten württembergischen Wappen.


Stadtführung (Teil 262): Der Vorhof des Tierhimmels

Von Christhard Henning

Es gibt schönere Erkennungsmerkmale. Wer bei Ikea von der A 81 abbiegt und gen Eglosheim will, den empfängt bald ein Schild mit einem Wortungetüm, das so gar nicht lieblich klingen will: „Kleintierkörper­beseitigungsste­lle“. Nun, das Leben ist kein Ponyhof. Beim Klärwerk unweit der Fußgängerfurt über die B 27 zum Monrepos-See befindet sich ein niedriges Kabuff, das auf einer weiteren Hinweistafel noch ein bisschen prosaischer als „Kleintierkada­verentsorgung“ bezeichnet wird. Kühl ist's drinnen, zwei 240 Liter fassende Rollcontainer stehen parat, die von außerhalb des Häuschens über geruchsdämmende Klappen befüllt werden können. Mit Katzen, Hunden oder auch Papageien, deren Blick gebrochen, deren Odem ausgehaucht ist. Die Annahmestelle ist ein freiwilliger Service des Kreises, um größeren Unbilden die Spitze zu nehmen. „Es soll private Tierhalter davon abhalten, ihre gestorbenen Vierbeiner in einem Park abzulegen“, erklärt Albrecht Winzig-Heilig, der beim Zweckverband tierische Nebenprodukte Neckar-Franken Geschäftsführer ist. Seine Organisation entsorgt in 18 Stadt- und Landkreisen zwischen Baden-Baden und Bayern Schlachtabfälle und im Zusatzjob kostenlos eben auch verendete Katzen und Hunde, und zwar speziell für die Frauchen und Herrchen, die sich den Weg ins Tierkrematorium oder gar eine 500 Euro teure Urne für ihren dahingerafften Liebling nicht leisten können oder wollen. Hamster und weiße Mäuse, sagt Winzig-Heilig, werden meist im Garten vergraben. Die Kadaver von Schafen und Ziegen aber dürfen nicht in den Eglosheimer Rollcontainer gebracht werden, sie müssen gebührenpflichtig entsorgt werden. Etwaigem Schindluder beugen eine Strafandrohung von 30 000 Euro und wachsame Augen des Kläranlagenper­sonals vor. Die Bediensteten melden auch, wenn die Blechboxen überquellen und alsbald geleert gehören. Das Finale ist nüchtern: Nach dem Abtransport landen die irdischen Überreste von Fiffi und Mohrle entweder in Orsingen am Bodensee, in Rivenich bei Trier oder im bayrischen Gunzenhausen. Dort werden sie in ihre Bestandteile Mehl und Fett zerlegt und verbrannt.


Stadtführung (Teil 261): Gehwege für trockene Füße

Von Christine Bilger

Trockenen oder gar sauberen Fußes durch die Stadt zu gehen, war in ihren Anfangsjahren nicht einfach. Es dauerte sogar bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, bevor in Ludwigsburg Gehwege angelegt wurden. Die Straßen in der Stadt seien lange vernachlässigt worden, so beschreibt es der Chronist Albert Sting in seiner Geschichte der Stadt Ludwigsburg. Bei schlechtem Wetter sei das Begehen der Straßen für die Ludwigsburger eine wahre Zumutung gewesen. Sie hatten die Wahl zwischen den unregelmäßig gepflasterten Kandeln, die entlang der Hausfronten verliefen, und den befestigten Fahrstreifen in der Mitte der Straßen. Daher beschlossen die Räte, erhöhte Fußwege anzulegen, damals schick Trottoirs genannt. Gebaut wurden sie in einer zehn Jahre langen Phase von 1880 bis 1890. Sie sollten auf beiden Seiten entlang der Häuserzeilen entstehen. Sie waren ein bis zwei Meter breit, asphaltiert und hatten einen Rand aus gelbem Travertinstein. Das Abwasser von den Dächern wurde in Rohren unter den Gehwegen geführt, da die Häuser bereits Dachrinnen und Regenrohre hatten. Die gusseisernen, rechteckigen Abflussrohre mündeten in die Kandel – die Rinne, die am Rand des Gehwegs zur Straße hin angelegt war. Eine saubere Sache waren die Gehwege. Nicht ganz sauber beibehalten wurde jedoch ihretwegen die Gestaltung der Hausfassaden zur Straße hin. Ursprünglich führten aus vielen Wohnhäusern steinerne Steintreppen von der Haustür hinab zur Straße. Sie mussten für die Trottoirs in vielen Fällen weichen. Es gibt jedoch noch Beispiele, bei denen der ursprüngliche Charakter erhalten blieb. In diesen Fällen war der Abstand von der Straße bis zur Haustür zu groß. Sie stehen in der Körnerstraße, in der Hospitalstraße und am Holzmarkt.


Stadtführung (Teil 260): Granitplatten statt Asphalt

Von Ludwig Laibacher

Mal scheint sich auf dem Marktplatz ganz Ludwigsburg zu treffen, dann wieder ist es der Ort, an dem die Stadt zu sich kommt: eine große, fast menschenleere Fläche. In den Plänen des Baumeisters Donato Giuseppe Frisoni wird sie mit 375 mal 275 schwäbischen Fuß angegeben. Auf die heutigen Maße übertragen, entspricht das einem 110 Meter langen und 80 Meter breiten Areal. Wer jetzt darüber spaziert, kann sich kaum vorstellen, dass dieses Gelände noch bis 1991 ein riesiger Autoparkplatz gewesen ist. Bis 1978 wurde das Areal sogar noch von einer Straße halbiert. Erst nach mehreren, großangelegten Umbaumaßnahmen hat der Platz sein heutiges Aussehen erhalten – ein Erscheinungsbild, dass viele irrtümlich für historisch nehmen. Tatsächlich mussten die Stadtplaner auf dem Weg zum „blechfreien Marktplatz“ viele, teils sehr harte Kämpfe ausfechten. Den Grundsatzbeschluss zur Pflasterung der fast 10.000 Quadratmeter großen Fläche verabschiedete der Gemeinderat im Oktober 1990. Obwohl die Autos bereits Mitte Januar 1991 ausgesperrt wurden, begannen die Umbauten erst im Mai. Als Material hatten die Ludwigburger Granitplatten der Marke „bayrisch-gelb“ ausgewählt. Großflächige Quadrate wurden in gliedernden Streifen verlegt. Die Stadträte hatten sich optische Schönheit bei maßvollen Kosten gewünscht. Insgesamt hat die Pflasterung etwa zwölf Millionen Mark gekostet. Der wieder zu seinem architektonischen Umfeld passende Platz konnte am 28. August 1992 feierlich eingeweiht werden. Einen Tag später wurde das Marktplatzfest gefeiert.


Stadtführung (Teil 259): Im Jahr 1984 werden Weichen gestellt

Von Klaus Wagner

Es ist schon wieder 25 Jahre her ? ein Vierteljahrhundert. Aber es kommt einem längst nicht so lange vor. Damals, am 16. September 1984, wählte Ludwigsburg einen neuen Oberbürgermeister. Hans Jochen Henke erhielt fast zwei Drittel der Stimmen und trat sein Amt am 18. Dezember an. Inzwischen ist schon sein Nach-Nachfolger Werner Spec im Amt. Henke beerbte Otfried Ulshöfer, der im November 1968 gewählt worden war. Nach 16 Jahren an der Spitze der Stadtverwaltung wurde Ulshöfer am 13. Dezember feierlich verabschiedet; wenige Tage zuvor hatten sich die amerikanischen Streitkräfte bei ihm mit einer Truppenparade bedankt. 1984, das war in Ludwigsburg auch ein Jahr, bei dem wichtige Dinge begannen. Zum Beispiel die Sache mit der Tankstelle: am 17. Dezember wurde zum ersten Mal bleifreies Benzin gezapft. Und die Bauarbeiten am Autobahnzubringer: Ende Juni waren die vierspurige Zufahrt zur A 81 und die Auffahrt Ludwigsburg-Süd fertig. Nicht unwichtig waren auch die 30. deutsch-amerikanische Freundschaftswoche, die Restaurierung des Grävenitz-Palais in der Marstallstraße und die Vize-Weltmeisterschaft, die die Standardformation des 1. TC Ludwigsburg im November errungen hatte. Zu Ehren der Tänzer gab es ein großes Feuerwerk. Und auch für die Unterhaltung des Volks wurde von hier aus gesorgt: Im August verfilmte die Münchner Bavaria, vor allem im Schloss und in den Gärten drumherum, das Tony-Schumacher-Jugendbuch „Reserl am Hof“.


Stadtführung (Teil 258): Imposante Backsteinbauten in der Solitudestraße

Von Klaus Wagner

Der Nachbar gegenüber ist Bäcker gewesen, der Großvater hatte in seinem eigenen Haus ein Musikgeschäft mit Geigenbauwerkstatt, und der Vater hat in seiner Wohnung im ersten Stock schon den Leuten die Zähne plombiert. Das Haus in der Solitudestraße, in dem Gert Fiesel seit mehr als 30 Jahren als Zahnarzt arbeitet, hat schon einiges erlebt. Und vor allem hat es mit dem Gegenüber einige Dinge gemeinsam: denselben Baumeister, fast dieselbe Fassade und dieselben Zierelemente. Und fast dasselbe Alter: das Haus Solitudestraße 41 ist jetzt 141 Jahre alt; das Haus gegenüber, Solitudestraße 42, gerade mal vier Jahre jünger. Zugegeben: das ist eigentlich kein rechtes Alter für ein Haus im 300 Jahre alten Ludwigsburg. Es gibt Gebäude, die haben viel mehr Jahre auf dem Buckel, und auch ganz andere Geschichten gibt es von ihnen zu erzählen. Das stört Gert Fiesel aber nicht. Er liebt das Haus mit den Säulen am Eingang, in dem er seine Kindheit und Jugend verbracht hat, und in dessen Erdgeschoss er seit 1977 seine Patienten behandelt. „Das Haus hat Charakter“, meint er, „das haben viele andere Häuser nicht.“ Und dank der Recherchen seiner verstorbenen Mutter kann sogar die Geschichte des Hauses lückenlos nachvollzogen werden. Demnach ist die Solitudestraße 41 im Jahr 1868 von dem Werkmeister Julius Foell als „Stadthaus mit Geschäftsräumen“ erbaut worden, nach den Plänen von Julius Jung. Als Erstes fällt dem Betrachter die Werksteingliederung an der Fassade auf; Elemente wie Stürze, Rahmungen oder Säulen stechen ebenso ins Auge wie die seitliche Eingangsvorhalle ins Hochparterre. Darüber erstreckt sich eine Veranda aus Eisen. Und dann die Flächen der Fassade: man meint, es seien unregelmäßig behauene Natursteine. Doch das täuscht. In Wirklichkeit ist das nur der Verputz. All dies verleihe dem „auf Gestaltungsprin­zipien des Barocks, aber auch auf Einzelformen der Renaissance zurückgreifenden Gebäude ein eigenständiges Gepräge“, hat das Landesdenkmalamt vermerkt, als es das Haus 1990 in die Denkmalliste eintrug. Es sei ein „anschauliches Beispiel für die historistische Architekturau­ffassung und die bürgerliche Wohnform zu Beginn des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts“. Im Inneren beeindrucken die Räume nicht nur durch ihre Höhe, sondern auch durch die heute noch erhaltenen Zierelemente, beispielsweise das Treppengeländer mit Holzstaketen, die Stufen aus Stein oder die Türklinken aus Messing. Nur in den Plänen sind die vielen Kaminzüge zu erkennen, die einst für die Einzelöfen eingebaut wurden. Der Übergang zum Hinterhaus, in dem Gert Fiesel sein Büro hat, ist vor rund 15 Jahren hinzugekommen, Fiesel nennt sie „Seufzerbrücke“. Und die Sandsteinsäulen der Einfahrt fehlen – da ist einmal ein Lastwagen dagegen gefahren. Aber sonst steht das Haus des Baumeisters Julius Föll noch so da wie einst. Und es hat erst den vierten Besitzer. Dem Erbauer gehörte das Haus mindestens bis 1898, danach einer Familie Marx, die es dann 1925 für 36 000 Goldmark an Fiesels Großvater verkaufte. Damals seien an den Türrahmen noch jüdische Gebetsrollen angebracht gewesen, berichtet Gert Fiesel aus den Erzählungen der Vorfahren. Er selbst hat das Haus in den Siebzigern verlassen. Heute kommt der Vater jeden Tag von Möglingen zur Arbeit in das Erdgeschoss, und seine beiden Töchter wohnen in den Stockwerken darüber.


Stadtführung (Teil 257): US-Soldaten helfen bei Tierheimbau

Von Christine Bilger

Franz von Assisi soll ein großer Tierfreund gewesen sein. Über den Heiligen ist unter anderem die Geschichte überliefert, er habe in der umbrischen Stadt Gubbio einen Wolf allein durch seine Worte zu zähmen gewusst. Das Ludwigsburger Tierheim trägt den Namen des Franz von Assisi. Heimatlose Tiere finden dort seit dem Jahr 1971 eine Unterkunft. Das Tierheim am Kugelberg ist das zweite in der Geschichte der Stadt. Es wurde in den 70er Jahren eingerichtet, weil das erste aus dem Jahr 1947 zu klein geworden war. Das Gelände des alten Tierheims lag in der Frankfurter Straße. Es dauerte drei Jahre, bis sich die Stadt und der Tierschutzverein auf einen Neubau geeinigt hatten, bis man am Kugelberg neben einer Hühnerfarm und dem Sportplatz endlich den geeigneten Standort gefunden hatte. Für den Bau kam Hilfe von den amerikanischen Truppen. Am 20. Mai 1970 rückten die amerikanischen Pioniere mit schwerem Gerät an und ebneten das Gelände – was aufgrund der Unebenheiten dort kein einfaches Unterfangen gewesen sein soll. Ihre Arbeit leisteten die Soldaten unentgeltlich. Am 3. Oktober 1970 feierten die Tierschützer Richtfest am Kugelberg. Einige Monate später wurde das Heim in Betrieb genommen. Es hat Platz für 150 Hunde, 200 Katzen und 80 Kleintiere.


Stadtführung (Teil 256): Bildung und strenge Zucht

Von Klaus Wagner

Es hat sie nur 42 Jahre lang gegeben, von 1837 bis 1879. In diesen vier Jahrzehnten aber hat die „Wissenschaftliche Bildungsanstalt am Salon“ unzählige Knaben auf das Studium an einer Universität oder polytechnischen Hochschule vorbereitet. Und ihre Schüler kamen aus ganz Deutschland, aus der Schweiz, aus Russland und sogar aus Südafrika. Man schrieb das Jahr 1853, als der Oberbürgermeister von Ludwigsburg nach Korntal fuhr, um den dort residierenden Gebrüdern Paulus ein Grundstück in seiner Stadt zum Kauf anzubieten. Denn die Paulus wollten für ihre Erziehungsanstalt ein neues Haus bauen, es blieb ihnen in Korntal aber versagt. Die Schule samt Internat wurde gebaut, nahe dem Salonwald zwischen Ludwigsburg und Kornwestheim. Auf eine christliche Erziehung wurde allergrößter Wert gelegt, der Fächerkanon war breit und das System der Kursbelegung nach Leistung anstatt des klassenweisen Unterrichts auch nicht allgemein verbreitet. Jedes Jahr reiste eine Kommission des württembergischen Staats nach Ludwigsburg, um die Prüfungen abzunehmen. Die Schule blieb weitgehend in der Hand der Theologenfamilie Paulus, die zahlreiche Lehrer stellte. So unterrichtete der Direktor Philipp Paulus Philosophie und Hebräisch, Christoph Paulus Französisch, Mathematik und Naturwissenschaf­ten. Mit den Jahren gab es Probleme, als die Lehrer immer älter wurden. Und 1879 führte eine Revolte der Schüler zum Aus der Bildungsanstalt – Auslöser sollen die Unzufriedenheit mit dem Essen und die Forderungen nach mehr Freiheit gewesen sein. Gebäude und Gelände wurden an die Karlshöhe verkauft, im Haus wurde ein Männerkrankenhaus untergebracht.


Stadtführung (Teil 255): Prominenz in der Stadt

Von Klaus Wagner

Ludwigsburg scheint eine bei der Prominenz beliebte Stadt zu sein. Es ist noch nicht lange her, da ist im Schloss ein Mann geehrt worden, der zu den Mächtigsten der Welt gehört hat: Michail Gorbatschow erhielt im Juli 2003 den Umweltpreis von Euronatur. Königin Silvia von Schweden war hier ebenso zu Gast (im September 2001) wie Jiang Zemin aus China, Präsident der Volksrepublik (Juli 1995) oder Helmut Kohl, der im Mai 1995 als Bundeskanzler da war. Auch andere Kanzler besichtigten das Schloss: Erhard (1964), Kiesinger (1968), Brandt (1972). Die neunziger Jahre nehmen den meisten Platz ein in der Rubrik „Wichtige Besuche und Veranstaltungen“ in „Stings Stadtgeschichte“. Da ist zum Beispiel 1993 die Rede von Roman Herzog, dem damaligen Bundespräsidenten. Wenn der derzeitige Amtsinhaber Köhler kommt, wird dem großen Sohn der Stadt wohl erst recht ein Vermerk in der Stadtgeschichte gefertigt. 1993 hielt sich auch Václav Havel, der Präsident der Tschechischen Republik, in der Stadt auf. Oder König Sultan Azlan Sha aus Malaysia. Ein Mensch, der immer noch mit „Seine Königliche Hoheit“ oder kurz „SKH“ tituliert wird, obwohl seine Familie seit 1918 keinen König mehr stellt, hat 1993 hier sogar geheiratet: Herzog Friedrich von Württemberg.


Stadtführung (Teil 254): Eiskalte Justiz

Von Martin Willy

Die letzte Eiszeit in hiesigen Gefilden liegt etwa 10.000 Jahre zurück. Das scheint aber nicht für Ludwigsburg zu gelten. Im Herbst 1974 nämlich wurde das Amts- und Arbeitsgericht in der Schorndorfer Straße von einer mittelschweren Eiszeit heimgesucht, wie Zeitzeugen berichten. Ein ausgesprochen frostiges Klima habe in den Gerichtssälen geherrscht. Das lag einerseits an den tiefen Temperaturen, aber andererseits vor allem daran, dass die Heizung nicht funktionierte. „Das Haus des Rechts und der Freiheit“, das am 23. Dezember 1957, eingeweiht worden war, sollte 17 Jahre später eine neue Heizung bekommen. Allerdings klappte das nicht rechtzeitig. Die neue Gasanlage benötigte nämlich einen Schaltschrank. Dessen Lieferung freilich verzögerte sich um zwei Wochen – es sollten 14 lange Tage werden. Denn fortan mussten sich nicht nur die Angeklagten, sondern auch die Richter, Schreibkräfte und Zeugen warm anziehen. Mollige Wollsachen und dicke Winterkleidung bestimmten den Dress-Code zwischen dem Richtertisch und der Anklagebank. Aber in Ludwigsburg klapperten Justitia nicht nur die Zähne, ihr brannten während der unfreiwilligen Frostperiode auch noch regelmäßig die Sicherungen durch. Denn dick eingepackt, mit Schal und Handschuhen konnte und wollte nicht jeder arbeiten. Also rückte so mancher morgens mit einem Elektroheizgerät in der Hand bei Gericht an. Das war dann allerdings des Guten zuviel – für das Stromnetz des Hauses. Die Sicherungen hielten nicht stand, das Licht ging aus. Nicht nur das – sämtliche elektrische Schreibmaschinen waren lahmgelegt. Protokolle verfassen und frieren oder verhandeln und frösteln, lautete die Devise. Doch irgendwann war?s genug: Am Tag der Heizungsmontage musste die Zehnte Kammer des Arbeitsgerichts alle Nachmittagstermine streichen. Die Beisitzer hatten die Nase voll vom Schlottern und Bibbern – und waren in den Streik getreten. Anderntags aber war dann Schluss mit dem Gänsehaut-Feeling. Für das waren fortan wieder die Themen in den Prozessen und Verhandlungen zuständig.


Stadtführung (Teil 253): Mühlen in der Stadt

Von Klaus Wagner

„Es klappert die Mühle am rauschenden Bach, klipp, klapp, klipp, klapp, klipp, klapp.“ So lautet der Refrain eines Volksliedes aus dem 19. Jahrhundert. Ganz so romantisch ging es aber sicher nicht zu in früheren Zeiten, als auf dem Gebiet der heutigen Stadt Ludwigsburg noch viele Müller in ihren Betrieben zugange waren. Eine der ältesten Mühlen im Zentrum war die Erlachhofmühle, die bereits 1431 bei einer Bestandsaufnahme vorhanden war. Sie stand dort, wo später das Schloss gebaut wurde. Etwa um dieselbe Zeit, 1428, wurde eine Mühle zum ersten Mal urkundlich erwähnt, die im heutigen Stadtgebiet am längsten erhalten geblieben ist: die Getreidemühle in Poppenweiler. Damals vergab Graf Ludwig von Württemberg die Mühle an sich und Graf Ulrich als Erblehen. Um 1836, so der Mühlenatlas des Landkreises, hatte die Mühle drei Wasserräder mit rund fünf Meter Durchmesser, drei Mahlgänge, einen Gerbgang, einen Hirsegang und eine Hanfreibe. Mehr als 100 Jahre später wurden die Gänge durch Walzenstühle und die Mühlräder durch Turbinen ersetzt. Der letzte Müller hat vor zehn Jahren den Betrieb aus privaten Gründen aufgegeben. Das Gebäude steht noch, von der technischen Einrichtung sei aber nichts mehr da, berichtet der Besitzer. In den heute nach Ludwigsburg eingemeindeten ehemaligen Dörfern gab es etliche Mühlen. So beispielsweise draußen in Oßweil zwei Ölmühlen, Nefzer und Greiner, die durch Pferde angetrieben wurden. Beide Betriebe existierten bereits bei der Bestandsaufnahme von 1836. In Hoheneck gab es die Ölmühlen Kienzle – im Jahr 1851 errichtet und 1888 bereits wieder eingestellt – und Staudenmaier (1819 begründet). Wesentlich älter war die Hohenecker Mühle am linken Ufer des Neckars, die bereits im Jahr 1347 vorhanden war und seit dem Ende des 15. Jahrhunderts als württembergisches Erblehen den Gemeinden Hoheneck und Neckarweihingen gehörte. Im Laufe ihrer Geschichte brannte sie Aufzeichnungen zufolge mindestens dreimal ab: 1634, 1793 und 1827. Nach den ersten beiden Bränden wurde die Getreidemühle jeweils größer wieder aufgebaut sowie um Schrot- und Gerbgänge erweitert. Nach dem dritten Brand im 19. Jahrhundert scheiterten mindestens drei Wiederaufbaupläne. In Poppenweiler lief neben der Getreidemühle an einem Seitenarm des Neckars mitten im 19. Jahrhundert die Ölmühle Knausmann, die sich einer besonderen Antriebskraft bediente: dort wurden Ochsen eingespannt, um mit deren Körperkraft Öl zu pressen. Im engeren Zentrum der Stadt waren in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mehrere Mühlen in Betrieb. So zum Beispiel in der heutigen Karlstraße die Malzschrotmühle Rothfritz, die mit Dampf betrieben wurde und zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch über eine Dampfmosterei und eine Brennholzsägerei verfügte. In der Solitudestraße gab es die Mühle des Nagelfabrikanten Albert Frohmüller, die ebenfalls mit einer Dampfmaschine lief. Und in der Alleenstraße, nur ein paar Meter weiter, agierte der Zimmerermeister Heinrich Kirschner mit einer Dampfsägemühle. Im September 1864 suchte er bei der Stadt nach, um eine Malzschrotmühle erweitern zu dürfen. Dem Ganzen war dann aber nur noch ein Überleben bis kurz vor der Jahrhundertwende möglich. In unseren Tagen toben an dieser Stelle Schüler über einen Sportplatz. Trotz weiterer kleiner Mühlenbetriebe, über die aus früherer Zeit fast nichts bekannt ist, gibt es heute kein Klippklapp mehr in der Stadt. Dafür fahren viele Autos im Kreis herum. Ununterbrochen. Und ganz unromantisch.


Stadtführung (Teil 252): Kahlschlag unter Kastanien

Von Verena Mayer

Vor drei Wochen hat die Stadt ihr erstes Kastanienbeutelfest gefeiert. Hätte sie bis heute gewartet, hätte das Fest mit einem Gedenken an die 120 Kastanienbäume im Südgarten vor dem Schloss verbunden werden können, die vor zehn Jahren den Motorsägen zum Opfer gefallen sind. Genau genommen sind sie eines natürlichen Todes gestorben. „Mit mehr als 200 Jahren ist die Lebenserwartung von Rosskastanien in unseren Standort- und Klimaverhältnissen erreicht“, erklärten die Fachleute damals, als die ältesten Alleenbäume der Stadt immer öfter ihre Äste verloren. Am 2. November 1999 wurde schließlich die Baustelle eingerichtet, sechs Tage später fielen die ersten der 25 Meter hohen Riesen, die mehr als zwei Jahrhunderte lang das Bild des Südgartens geprägt hatten. Der BUND hatte zwar versucht, die Aktion zu verhindern, schon allein weil vielen Fledermäusen angeblich der Verlust ihrer Heimat drohte, ein Fachmann konnte allerdings nachweisen, dass die Nachtschwärmer mitnichten obdachlos würden. Und wenngleich vielen Ludwigsburgern gewiss das Herz geblutet hat, das laute Wehklagen über den Kahlschlag blieb aus. Die Bürger hatten eingesehen, dass die Bäume zu morsch geworden waren. Als Ersatz wurden 135 junge Kastanien gepflanzt.


Stadtführung (Teil 251): Eine Familie als Talentschmiede

Von Miriam Hesse

Wenn das nicht gut klingt: Brennmeister Bonaventura. Der war in der Blütezeit der Ludwigsburger Porzellanmanufaktur jahrzehntelang für die Produkte verantwortlich. 1723 als Kind eines Schneiders in Bayern geboren, hatte der junge Bonaventura Walcher zunächst eine unsichere Stelle als Helfer in einem Brennhaus. Sein Schwager soll sich dafür eingesetzt haben, dass Walcher in der hiesigen Manufaktur engagiert wurde. Drei Jahre später hatte er sich bereits den Titel des Oberbrennmeisters erarbeitet. Laut dem Stadtchronisten Albert Sting hat der fleißige Brenner aber nebenbei auch eine große Familie begründet, aus der mehrere wichtige Mitarbeiter der Manufaktur hervorgingen. So wurde sein dritter Sohn Albrecht Walcher Maler und Emailleur. Wichtiger für die Karriere war vermutlich seine Heirat mit einer Tochter des Herzogs. Als Obermaler erhielt Albrecht anfangs nur Stücklohn. Später aber war der Spezialist für Porträts selten in der Fabrik, bekam ein festes Gehalt, kostenlose Unterkunft und im Sommer tägliche eine Stunde frei, um König Friedrichs Frau Malunterricht zu geben. Bonaventuras Enkel Johann Georg hinwieder heiratete die Tochter seines Onkels Albrecht. In jungen Jahren an einer Pariser Schule mit einer Medaille geehrt, wurde Johann Georg später an die Porzellanmanufaktur berufen. So unbedingt wollte man den talentierten Historienmaler hier haben, dass ihm sogar die Reise nach Ludwigsburg bezahlt wurde.


Stadtführung (Teilo 250): Wie das Stadion zum Bade kam

Von Christine Bilger

Wer in Ludwigsburg baden gehen will, hat im Winterhalbjahr die Qual der Wahl. Gönnt man sich den blumigen Jugendstil des alten Stadtbads oder den spröden Betonstil des Stadionbads? Das ist hier die Frage. Das Stadtbad in der Alleenstraße steht dort seit 1913. Als die Stadt im 20. Jahrhundert wuchs, wurde es jedoch zu klein für den Andrang. Zudem hatte es keine Bahnenlänge, die für Schwimmwettkämpfe geeignet war. Diese Mängel des ansonsten schmucken Bades führten bereits in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu Diskussionen über ein neues, größeres Hallenbad. Nur kurz wurde im Gemeinderat darüber nachgedacht, dem Bad in der Alleenstraße einen südlich quergestellten Anbau hinzuzufügen, um die bestehende Halle zu vergrößern. Die Suche nach dem Standort führte über mehrere Stationen, bevor das Stadionvorfeld als Bauplatz auserkoren wurde. Anfang der 60er Jahre sah es so aus, als würde das Bad in der Unteren Stadt stehen. In den Gremien des Gemeinderats wurde über zwei Alternativen gesprochen, den Mathildenhof und das Gelände der Marstallkaserne. Der Technische Ausschuss hatte sich bereits für den Mathildenhof entschieden. Der Gemeinderat stimmte im April 1962 dann klar für den Bäderbau auf dem Gelände der Marstallkaserne. Weil aber die Räumung der Gebäude dort noch Jahre dauern würde, rückte die Umsetzung dieses Beschlusses wieder in weite Ferne. Die Lösung kündigte der Oberbürgermeister Anton Saur aber nur wenige Tage nach jener Abstimmung bei der Jahresversammlung des Vereins für Leibesübungen an. Er brachte den Vorplatz des Stadions ins Gespräch. Sieben Jahre später wurde am 14. Juni 1969 das Stadionbad, das sechs 25-Meter-Bahnen hat, eröffnet. Die Bauzeit betrug zwei Jahre, das neue Bad kostete 11,7 Millionen E­uro.


Stadtführung (Teil 249): Mehr Menschen und mehr Fläche

Von Klaus Wagner

Es hat Zeiten gegeben, da maß die Ludwigsburger Stadtgrenze sechs Kilometer und die Fläche der Stadt betrug 653 Hektar. Das war um die vorletzte Jahrhundertwende, die einstige Residenzstadt war die kleinste Gemeinde im Königreich Württemberg. Damit sich das änderte, warfen die Ludwigsburger begehrliche Blicke nach draußen. Der erste Eingemeindungskan­didat war Eglosheim mit 1200 Einwohnern, am 25. November 1901 wurde der Vertrag geschlossen. Anderthalb Jahre später, am 1. April 1903, folgte Pflugfelden. Dessen Bürger versprachen sich eine bessere Wasserversorgung. Zwei Jahre später war die Karlshöhe dran und das Gebiet Salon mit dem Katharinenpläsier – königliches Anwesen, berühmt-berüchtigte Wirtschaft und Bildungsanstalt. Die zweite Eingemeindungsrunde wurde dann in den zwanziger Jahren mit Oßweil am 1. Dezember 1922 und der Ortschaft Hoheneck am 10. September 1926 vollzogen. Das Dorf am Neckar brachte nicht nur die Heilquellen und das Bad mit ein, sondern auch mehr als 1000 Einwohner und gut 400 Hektar Fläche. Dann begnügte man sich in Ludwigsburg drei Jahrzehnte lang mit dem, was man hatte. Erst im April 1956 kam Grünbühl zu Ludwigsburg. Dort war nach dem Krieg neben den Baracken des Militärs eine Siedlung entstanden, die zwar zu Kornwestheim und Aldingen gehörte. Ihre Bewohner aber kümmerten sich intensiv um die Eingemeindung nach Ludwigsburg. In den Jahren 1974 und 1975 kamen nochmals zwei Gemeinden zur Kreisstadt dazu: Neckarweihingen und Poppenweiler. Sie boten zusammen mehr als 9000 Einwohner und den tiefsten (196 Meter am Neckar) wie den höchsten Punkt (365 Meter am Lemberg) der größer gewordenen Stadt. Seither ist die Grenze übrigens gut 50 Kilometer lang, und die Stadt hat eine Fläche von mehr als 4300 Hektar.


Stadtführung (Teil 248): Der erste Bücherbus im Land

Von Verena Mayer

Was der Bücherbus genau hat, ist nicht überliefert. Fakt ist, er ist defekt – und ein Bücherwurm wird es nicht gewesen sein, der ihn lahm gelegt hat. Nach den Herbstferien rollt der Bus aber wieder durch die Stadtteile – und bringt den vornehmlich jugendlichen Nutzern quasi Essen für den Kopf auf Rädern. So wie er das seit 51 Jahren tut, natürlich in unterschiedlichen Modellen und mit wechselnden Fahrern. Zu seiner Jungfernfahrt brach der erste Ludwigsburger Bücherbus am 1. Dezember anno 1958 auf. Sein Ziel war Eglosheim, wo er nach den Angaben in der Stadtchronik von etwa 1000 Schülern nebst Rektoren „mit großer Freude“ empfangen wurde. Die fahrbare Bücherei war schließlich nicht nur der erste Bücherbus der Stadt – es war auch der erste im Land. Der offenbar progressive Gemeinderat hatte die 60.000 Mark teure Anschaffung im April 1958 genehmigt und nochmal so viel Geld für die Einrichtung samt den 3500 Büchern ausgegeben. Der Einsatz hat sich gelohnt. Der Bücherbus ist gut frequentiert. Mehr als 20.000 Nutzer werden pro Jahr gezählt. Und das Gefährt der ersten Stunde hat zudem lange seinen Dienst geschoben. Erst 28 Jahre nach der Jungfernfahrt kam die Bibliothek nicht umhin, sich nach einem neuen Bücherbus umzuschauen. In der Uckermark fanden sie ihn. Die Brandenburger gaben ihre zwölf Jahre alte „Fahrbibliothek“ gebraucht und für relativ günstige 150.000 Mark an die Ludwigsburger ab, wo er bis zum Jahr 2004 im Einsatz war – und dann wieder verkauft wurde. Die neue Besitzerin hat ihn zum Party- und Veranstaltungsbus umgerüstet und tourt damit jetzt durch den wilden Süden. Der Ludwigsburger Bücherbus hingegen, wie es ihn längst auch in vielen anderen Städten gibt, fährt weiterhin durch Eglosheim, Grünbühl, Hoheneck, Neckarweihingen, Oßweil, Pflugfelden und die Oststadt und macht dort an vier Tagen pro Woche an insgesamt zwölf Stationen halt. Vielleicht aber kommt bald eine dreizehnte hinzu: Noch unterhält die Stadtbibliothek zwar eine fest verortete Zweigstelle in Schlösslesfeld, doch die Stadt muss sparen. Dafür erwägt der OB Werner Spec nun, diese Zweigstelle zu schließen.


Stadtführung (Teil 247): Pflaster, Bauten, Begegnungen

Von Klaus Wagner

Der Krieg war schon 14 Jahre vorbei, die ersten rund 1000 „Fremdarbeiter“ im Bezirk des Arbeitsamtes Ludwigsburg zugange und dennoch der Arbeitskräftemangel überall zu spüren – deshalb packte man 1959 in Ludwigsburg eine Chance beim Schopfe. Schon seit Jahren hatte man geplant, den Marktplatz neu zu pflastern, aber man kam nie dazu. Da ergab sich die Gelegenheit, dass beim Umbau der Wilhelmstraße ein „Unternehmen für diese Arbeit vorhanden“ war, wie in der Stadtchronik zu lesen ist. Daraufhin entschied der Technische Ausschuss kurzerhand:„Jetzt wird gepflastert, wer weiß, wann man wieder Pflästerer bekommt.“ Die Sache mit den Pflastersteinen auf dem Marktplatz ist aber nur eine Anekdote der Stadtgeschichte vor 50 Jahren. Im Frühjahr hatte man damals schon damit begonnen, die Autobahnauffahrt Ludwigsburg-Süd zwischen Pflugfelden und Möglingen zu bauen. Die geplante Umfahrung von Pflugfelden wurde berücksichtigt, und am 30. September wurden beide Bauten ihrer Bestimmung übergeben. Gebaut hat man auch auf dem Neuen Friedhof. Am 24. November wurden schließlich unter anderem die neue Aussegnungshalle und die Leichenhalle ihrer Bestimmung übergeben. Und nun funktionierten endlich auch die beiden Glocken im neuen 20 Meter hohen Glockenturm. Noch etwas wurde 1959 eingeweiht: die Luftschutzschule in der Karlstraße. Jeder könne dort etwas über den Selbstschutz im Atomzeitalter lernen, schrieb die Lokalzeitung dazu. Vor 50 Jahren gab es aber auch friedlichere Ereignisse. Den 200. Geburtstag Friedrich Schillers beispielsweise. Dessen gedachte man in aller Öffentlichkeit, der Oberbürgermeister und der Leiter des Schillergymnasiums legten einen Kranz nieder. Natürlich am Denkmal auf dem Schillerplatz. Die neunten Klassen des Schillergymnasiums waren auch da. Einst hat man dazu wohl eher „antreten“ gesagt. Zu größeren Begegnungen kam es 1959 auch in der Stadt, beide im Frühjahr. Am 9. und 10. Mai trafen sich rund 2000 Männer, die dem ehemaligen Flak-Regiment 25 angehört hatten. Sie legten ebenfalls Kränze nieder und waren bei der Einweihung des Ehrenmals vor der Flakkaserne in Oßweil dabei. Über Pfingsten kamen 4000 Russlandde­utsche zu ihrem fünften Bundestreffen nach Ludwigsburg.


Stadtführung (Teil 246): Georg Kerner, vergessener Sohn der Stadt

Von Miriam Hesse

Die trollingergetränkte Melancholie seines Bruders Justinus ist ihm völlig fremd gewesen. Aus Georg Kerner sprudelte es heraus, besonders wenn es um die Revolution ging. In Paris soll einst eine ganze Versammlung von Umstürzlern über den jungen, eifrigen Ludwigsburger gelacht haben, dessen fließendes Französisch vom schwäbischen Dialekt durchsetzt war. Deutlich aber war wenig später seine Ansage gegen den Fanatismus der Jakobiner. Für seinen Glauben an Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit war Georg Kerner weit gelaufen, ohne Geld und zu Fuß von Straßburg in die Hauptstadt, aber er ging nie über Leichen: Als im Sommer 1792 das Volk die Tuilerien erstürmte und sich der König Ludwig XVI. in höchster Lebensgefahr befand, verteidigte er den Monarchen als tapferer Nationalgardist. Die radikalste Phase der Revolution hat Georg Kerner erlebt und überlebt. Sie nahm ihm seine anfängliche Naivität, erschütterte aber nicht seine Ideale. Im Gegensatz zu seinem Vater sah er sich nicht im „Land der Chimären“. „Die Sache Frankreichs, so gräßlich verzerrt und so blutig sie ist“, urteilte er 1793, sei „noch besser als die Sache der Tyrannen Europens“. Als Gemäßigter musste er vor dem unberechenbaren Terreur in die Schweiz fliehen. Kurz darauf ritt Kerner schon wieder mit wehenden Trikolorefahnen – im Geiste, weil als Agent in geheimer Mission – ins heimatliche Württemberg, wo sich der Zögling der Hohen Carlsschule in Frauenkleidern gegen die Häscher des Herzogs tarnen musste. Voller „Wut und Mut“ sei der enthusiastische Schwabe gewesen, schrieb ein Zeitgenosse. „Gutes Herz, schlechter Verstand“, soll dagegen Napoleons Außenminister Talleyrand über ihn gesagt haben – was aus dem Mund des politischen Wendehalses wie ein Kompliment klingt. Obwohl ihn bekannte Größen wahrnahmen, ist Kerner heute ein großer Unbekannter. An das abenteuerliche Leben des Arztes und Journalisten erinnert sich kaum einer. Als demokratischer Vordenker und vermeintlich Radikaler wurde er im 19. Jahrhundert verdrängt und bisher nicht wiederentdeckt. Im Schatten des viel jüngeren Bruders Justinus wurde Georg zum vergessenen Sohn seiner eigenen Geburtsstadt. Dabei wurde ihm nach seinem frühen Tod während einer Fleckfieberepidemie 1812 in Hamburg, wo er als Arzt für die Armen arbeitete, nachgerufen, als sollte er nie in Vergessenheit geraten: „Sein Verlust wird umso lebhafter empfunden, je seltener die Menschen sind, die bei so vielseitiger Ausbildung von einem so glühenden Eifer für das Wohl ihrer Mitmenschen beseelt sind.“ 1770 in Ludwigsburg geboren erlebte der Junge mit den dunkelbraunen Augen und der schwächlichen Konstitution seine Kindheit als „Zeit der Prügelsuppen“, wurde er doch von einigen Mitlateinschülern gemobbt und vom strengen Vater geschlagen. Zu Pferde aber fühlte sich der Knabe obenauf; er wurde ein ausgezeichneter Reiter. Seine Furchtsamkeit habe sich auf diese Weise nicht nur gelegt, schreibt der Historiker Andreas Fritz, der für seine Doktorarbeit nach Georg Kerners in rund 25 europäischen Archiven verstreuten Handschriften geforscht hat: „Sie schlug geradezu in Todesverachtung um.“ Freunde machten sich später Sorgen um den Rastlosen, der keine körperliche Erschöpfung zu spüren schien: Er habe wohl versucht, hieß es, „durch unaufhörliche, rasende Kurierritte nach und von Paris dem glühenden Feuer Luft zu machen, das ihn innerlich verzehrte“. Am Ende habe die Enttäuschung über die Auswüchse der Revolution und das Gebaren des Mannes, der sich 1804 zum Kaiser krönte, seinen Bruder zermürbt, analysierte Justinus in einem liebevollen Porträt: „Als Hamburg, und man könnte sagen ganz Deutschland, Frankreich einverleibt ward, da versiegte auch sein Lebensquell.“ Anders als der Romantiker hat Georg wenig gedichtet. Aber in dem Poem „Das blaue Fieber“ rechnet er wütend mit Napoleon ab: „Ärger wüten nicht Hyänen, Tiger hat er zu Mäzenen, Flüsse hat er ausgesoffen, und noch steht der Schlund ihm offen.“ Dennoch währte seine Hassliebe zu dem Korsen, dem er zweimal begegnet war, beinahe lebenslang. Bonafine nannte Georg Kerner seine 1805 geborene Tochter – nach Bonaparte und dessen Frau Joséphine.


Stadtführung (Teil 245): General von Rieger, fromm und brutal

Von Miriam Hesse

Da hat ihn der Schlag getroffen: weil ein Soldat ihm offen seine Verachtung zeigte, soll Philipp Friedrich von Rieger tot umgefallen sein. Dabei war der Mann nie zimperlich. Der 1722 geborene Predigersohn entschied sich fürs Militär und machte als Günstling Carl Eugens Karriere. Den Herzog schleimte er unterwürfig an, für ihn scheute der Frömmler, der gern Choräle dichtete, keine Rechtsverletzung und keine Gewalttat. Als der Herzog für den Siebenjährigen Krieg Truppen brauchte, zwang er die 6000 Mann mit nie da gewesener Härte zusammen. Für die Bevölkerung war er damit „Rieger, der Hund und Landesschinder“. Der Herzog aber schlug ihn zum Ritter. Rieger wurde „bald erster Rat und Minister, und endlich Beherrscher seines Fürsten“, schreibt Friedrich Schiller über seinen Taufpaten. Vom Thron stieß ihn ein intriganter Rivale. Der Herzog ließ Rieger unter schlimmen Umständen, ohne Verhör oder Urteil auf dem Hohenasperg einsperren. Und als sei nichts gewesen, machte Carl Eugen den Gedemütigten wenige Jahre nach seiner Entlassung selbst zum dortigen Kommandanten. Unter seiner Aufsicht erlitt Schubart ein Martyrium wie zuvor Rieger selbst. Dabei dürfte der Unnachsichtige seine eigenen Qual nie vergessen haben. Gegen seine fürchterlichsten Wutanfälle, heißt es, half es nur, wenn seine Frau die Schachtel holte, in der sich der Bart befand, der ihm in der Gefangenschaft gewachsen war.


Stadtführung (Teil 244): Die Frauen der "Heimatfront"

Von Klaus Wagner

In der Garnisonsstadt Ludwigsburg ist das kein seltenes Bild gewesen zwischen dem 1. August 1914 und Ende November 1919: Männer marschierten zum Bahnhof. Nicht zum Kegelausflug ging es, sondern im Gleichschritt von den Kasernen an die Front. Und als die Männer immer weniger wurden, fielen den Frauen immer mehr Aufgaben zu. Das hatte gleich am ersten Kriegstag begonnen, als ein Kinderfest abgesagt wurde und die Frauen stattdessen zum Sanitätskurs mussten. Hierzulande, so berichtet Sabine Homann in „Die Ludwigsburgerin­nen“, richteten die zu Hause gebliebenen Frauen Kurse für Schwangere und Wöchnerinnen aus. Sie lehrten den sparsamen Umgang mit Lebensmitteln und versuchten, mit immer weniger auszukommen. Sie packten „bei Frau Franck“ Päckchen für die Lieben an der Front und richteten in der „Erfrischungsstätte für Verwundete“ in der Hohenzollernstraße Vesper. Und sie arbeiteten in der „Kriegsküche“, die Anfang 1917, mitten im Hungerwinter, in der Turnhalle hinter dem Rathaus entstanden war. Etwas grundlegend Neues ist übrigens kurz nach Kriegsende in Deutschland eingeführt worden: das Frauenwahlrecht.


Stadtführung (Teil 243): Neue Häuser braucht die Stadt

Von Christine Bilger

Dass Bauen befohlen werden kann, ist im Jahr 1720 in Ludwigsburg nichts Neues mehr gewesen. Der Herzog Eberhard Ludwig legte aber nicht nur den Menschen in seiner Stadt nahe, Ludwigsburg wachsen und gedeihen zu lassen, sondern auch den Städten und Ämtern, den damaligen Verwaltungsein­heiten, im ganzen Land. Er befahl ihnen, je ein Haus in seiner Stadt zu errichten. Der Befehl erging am 11. Juni 1720. Die Amtshäuser sollten „zu unterthänigsten Ehren“ gebaut werden. Sprich, die Ämter und Städte zahlten die Rechnung für die Gebäude, die dem Herzog „zur beliebigen Verfügung“ überlassen wurden. In den Häusern sollten vor allem Büroräume und Wohnungen für Beamte entstehen. Die meisten entwarf der Hofbaumeister Donato Giuseppe Frisoni. Gesponsert wurden die Bauten unter anderem von Stuttgart, Heidenheim, Waiblingen, Urach, Tübingen und Calw. Der Bau der Amtshäuser war von 1722 an ein neuer Schwerpunkt der Stadtentwicklung südlich des Marktplatzes, in der Wilhelmstraße und in der Oberen Marktstraße.


Stadtführung (Teil 242): Aus für die alternative Zeitung

Von Martin Willy

Traurige Zeiten waren das Ende der 1980er Jahre in der Region. Ganze Zeitungen wurden zu Grabe getragen – in Marbach, Vaihingen und zuletzt in Ludwigsburg. Zugegeben, es waren keine großen Blätter, die da eingestampft wurden, nicht einmal zu passablen Lokalzeitungen hatte es gereicht. Aber ihr Untergang war schlagzeilenträchtig. Als Bürgerschreckga­zette etwa war das „Ludwigsburger Stadtblatt“ im Jahr 1980 gestartet. Die linksalternativen Hobbyredakteure wollten die konservative Barockstadt vom Muff kleinbürgerlichen Denkens befreien, die Menschen wachrütteln; der Lokalzeitung sollte Paroli geboten werden, eine Alternative aufgezeigt werden. Mit einer Auflage von 1000 verkauften Exemplaren und 84 Ausgaben in acht Jahren war das ein ehrgeiziges, um nicht zu sagen aussichtsloses Unterfangen, auch wenn das aufmüpfige Blatt oft als recht lesenswert galt. In den Jahren seines Bestehens läutete für das „Ludwigsburger Stadtblatt“ immer wieder das Sterbeglöckchen. Aber das Sprachrohr der alternativen Szene konnte sich ein ums andere Mal berappeln. So wie 1986. Kurz zuvor waren ähnliche Blätter, der Marbacher „Wecker“ und der Vaihinger „Löwenzahn“, aufgegeben worden. Die vermeintliche Rettung für das „Ludwigsburger Stadtblatt“ kam durch eine Elefantenhochzeit mit dem „Stadtblättle“ im benachbarten Bietigheim – Auflage der weltanschaulich auf der gleichen Wellenlängen liegenden Gazette: stolze 1400 Exemplare. Doch das sollte nicht reichen. Keine zwei Jahre später sank die Gesamtauflage auf nur noch 400 bis 800 Exemplare. Die ehrenamtlich tätige Redaktion in den Räumen des Demokratischen Zentrums (Demoz) in Ludwigsburg musste immer mehr drauflegen. Im Dezember 1988 hatten sich deren Auslagen auf 3000 Mark summiert. Das, so berichteten regionale Zeitungen damals, sei von der Redaktion noch zu verkraften gewesen. Die Mutlosigkeit bei den Schreibern und der Frust bei den Fotografen seien schlimmer gewesen. Denn das linksalternative Gedankengut hatte längst auch schwarze Parteigänger infiziert: Abrüstung und Kernkraftkritik, vor allem nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl 1986, wurden verstärkt zu Themen auch im bürgerlichen Lager. Das „Stadtblatt“ musste begraben werden. Die Entmutigten unkten damals, dass vom Jahr 2000 an das Redaktionszimmer als Museum genutzt werde – unter dem Motto: „Das waren die Alternativen…“. Ein solches Museum gibt es (noch) nicht.


Stadtführung (Teil 241): Direktor mit Respekt vor Ausbrechern

Von Christine Bilger

Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser. Mit dieser Devise ist der Jurist Maximilian Schumacher in seiner 13-jährigen Dienstzeit als Ludwigsburger Gefängnisdirektor immer gut gefahren. Trotzdem ist ihm mal einer ausgebüxt. Ein Gefangener hat sich in eine Kiste packen lassen, in der sonst Maschinenbauteile aus den Ludwigsburger Gefängniswerkstätten nach draußen transportiert wurden. Darüber kann der 66-jährige Ludwigsburger nicht erst heute lachen. Das hat ihm auch damals ein gewisses Maß an Bewunderung abverlangt. „Ich habe vor jedem Respekt, dem es gelingt“, sagt er. Auch wenn es ihm logischerweise lieber gewesen ist, wenn die Gefangenen dort blieben, wo sie hingehörten. Doch dorthin, hinter die Mauern, gehörte für ihn auch die leise Hoffnung für die Insassen, dass es einen Weg hinaus gibt. „Es ist besser, es gibt die Illusion, nach draußen zu kommen“, sagt er. Das würde einen Teil des Aggressionspo­tenzials im Inneren eines Gefängnisses abbauen. Deutschlandweit bekannt geworden ist Maximilian Schumacher jedoch nicht für diese geradezu philosophische Grundhaltung. Sondern dafür, dass er 1978 für ein Jahr nach Stammheim wechselte, nach dem heißen Herbst 1977. Nachdem sich die RAF-Anführer Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in der Justizvollzug­sanstalt dort das Leben genommen hatten, sollte er kommissarisch als stellvertretender Anstaltsleiter ein Jahr lang für die Sicherheit in der JVA sorgen. Eine Zeit, die weder an ihm noch an seiner Familie, die unter Polizeischutz stand, spurlos vorbeiging. Diese Geschichten hat er schon oft erzählt. Aber fast noch lieber berichtet er aus jenen Ludwigsburger Jahren, die ihn geprägt haben. Über Stammheim, das im Jahr 1973 seine erste Station war, kam er nach Ludwigsburg, zunächst auch als Vertreter. Nach dem Zwischenspiel in Stammheim blieb er in Ludwigsburg bis zum Ende der Ära des hiesigen Gefängnisses im Jahr 1990. An den Bürgern habe es nicht gelegen, dass die Einrichtung weichen sollte. „Für die Ludwigsburger gehörte der Knast zur Stadt“, sagt er. Zumal die Anstalt für 200 Angestellte ein wichtiger Arbeitgeber war. Bis zu 500 Gefangene saßen in dem Bau in der Schorndorfer Straße. Doch der politische Druck sei groß gewesen, das Gefängnis loszuwerden. Der Bauplatzbedarf sei das stechende Argument des Oberbürgermeisters Hans Jochen Henke gewesen, und zwei Jahre nach seinem Amtsantritt sei es dem CDU-Mann mit den guten Kontakten in die Landesregierung gelungen, die Anstalt verlegen zu lassen. Was folgte, war ein Glücksgriff für Schumacher, obwohl er nicht von vornherein glücklich über die Verlegung gewesen sei: Er plante mit beim Bau der neuen JVA bei Heimsheim. „Das ist ein Traum. Welcher Gefängnisdirektor kann schon beim Bau einer Anstalt mitwirken?“, sagt Schumacher über jene Zeit. Ein dreiviertel Jahr lang leitete er die Heimsheimer Einrichtung noch. Die Erfahrungen, die mit einflossen in die Pläne, kamen natürlich ebenfalls aus der Ludwigsburger Zeit. Etwa die, dass man den Menschen in der Stadt zeigen muss, was hinter den Mauern geschieht. „Wir haben Tage der offenen Tür eingeführt. Denn die Urteile geschehen im Namen des Volkes. Dann soll das Volk auch erfahren, wie sie umgesetzt werden“, sagt Schumacher. Dies sei auch der Sinn des Museums, auf dessen Einrichtung Schumacher mächtig stolz ist. Dennoch wissen die wenigsten „draußen“ noch, was es alles hinter den Ludwigsburger Mauern gab: Ein Schwimmbecken etwa, zu dem der ehemalige Löschteich vor der Kirche umfunktioniert worden war. Es musste aber eines Tages geschlossen werden, weil die Umwälzpumpe kaputt war. Und schließlich bleibt die Episode, die Maximilian Schumacher darin bestärkte, dass Vertrauen eine Ehrensache ist hinter Gittern. Er gestattete dem in Ludwigsburg inhaftierten Boxer Charly Graf nicht nur, in der Anstalt weiterhin zu trainieren. Der Sportler durfte – natürlich unter Aufsicht – die Anstalt verlassen, um an Wettkämpfen teilzunehmen. Das Vertrauen habe er – Ehrensache – nie missbraucht. Darauf ist Schumacher mächtig stolz.


Stadtführung (Teil 240): Rednerpult statt Thronsessel

Von Martin Willy

Staatliche Verfassungen haben ihre ganz eigenen Geschichten – nicht selten waren sie hart umkämpft oder gar von Kriegen begleitet. Nicht nur in Deutschland. Kein Wunder, gehen neue staatliche Ordnungen doch einher mit großen Umwälzungen in einem Staatsgebilde. Kaiser werden gestürzt, Generäle und Adlige entmachtet und nicht selten gleich noch enthauptet. Neu verteilt wird, wer das Sagen hat im Land. Das war auch im Herbst vor 90 Jahren in Deutschland nicht anders. Der Erste Weltkrieg war im November 1918 zu Ende gegangen. Die junge von vielen ungeliebte Weimarer Republik musste sich eine Verfassung geben, Kaiser und Fürsten hatten abgedankt, waren teils wie Wilhelm II. ins Ausland geflüchtet. Aber nicht nur ganz Deutschland benötigte damals eine Reichsverfassung – sie wurde am 31. Juli 1919 verabschiedet. Auch die Länder mussten sich ein neues Regelwerk geben. Die Württemberger waren dabei die schnellsten. Schon im Mai 1919 verfügten sie über einen handlungsfähigen Landtag in Stuttgart. Die Verantwortlichen arbeiteten zügig. Bereits am 25. September konnte die Landesverfassung verabschiedet werden. Wie das aber gebührlich gefeiert werden sollte, darüber war man sich nicht ganz einig. Denn manch einem Parlamentarier war es gar nicht wohl bei dem Gedanken, dass es mit der Monarchie nun aus und vorbei war, der Kaiser abgeschafft – für immer. Schließlich wurde in Ludwigsburg gefeiert. Ein Sonderzug brachte die Gäste aus Stuttgart in die einstige Residenzstadt, darunter der Landtagspräsident Wilhelm Keil. Doch was manch ein Monarchist im Schloss zu sehen bekam, musste ihm beinahe das Herz brechen: Der Thronsessel unter dem Thronbaldachin war weggenommen. Er wurde ersetzt durch ein Rednerpult, das mit schwarzem Stoff umhängt war, links und rechts vom Redner war je ein Leuchter platziert. Das mag manchen Zeitgenossen mehr an eine Trauerfeier erinnert haben als an eine Verfassungsfeier.


Stadtführung (Teil 239): Herzog Carl Alexander von Württemberg

Von Miriam Hesse

Dreieinhalb Jahre, mehr Regierungszeit hat der elfte Herzog von Württemberg nicht gebraucht, um sich unbeliebt zu machen. Kurz nach Carl Alexanders plötzlichem und ungeklärtem Tod im Jahr 1737 wurde sein Finanzberater Joseph Oppenheimer hingerichtet. Zur Sanierung des herzoglichen Haushalts eingesetzt, hatte der einfallsreiche und bald schwerreiche jüdische Kaufmann staatliche Monopole auf einträgliche Waren eingeführt und mit immer neuen Steuern das Volk verärgert. Oppenheimers Auftraggeber war selbst stets ein Fremder im eigenen Land geblieben. Die Landstände hassten Carl Alexander, weil er ihre Macht zerschlagen wollte für ein modernes, wenn auch absolutistisch regiertes Fürstentum. Weder verzieh man ihm, dass er zum katholischen Glauben konvertiert war, noch, dass er die Residenz wieder von Ludwigsburg nach Stuttgart zurückverlegte. Vernachlässigte Bildung und frühe Kriegsdienste hätten „seinen Geist nicht zur Reife kommen lassen“, beschrieb Schiller später den 1684 geborenen Carl Alexander, der schon als Knabe zum Oberst ernannt wurde. Nach vielen Militärerfolgen in Habsburger Diensten war er lange Statthalter des eroberten Königreichs Serbien. Oft hatte er unter dem österreichischen Feldherrn Prinz Eugen gekämpft, den er so sehr verehrte, dass er allen seinen Söhnen den Zweitnamen Eugen gab. Nachdem Eberhard Ludwig 1733 ohne männliche Erben verstorben war, wurde der Vetter Carl Alexander sein Nachfolger. Versoffen, autoritär und jähzornig war der neue Herrscher offenbar. Wenn er auf seine goldene Dose schlug, die er stets in der Hand hatte, stand ein Donnerwetter bevor, heißt es: „Man fürchtete diese Dosenmanöver.“ Immerhin sein Hund soll ihn geliebt haben. Vor dem Winnender Schloss Winnenthal hat er ein Steindenkmal für den treuen Mops gebaut, der den weiten Weg bis hierher rannte, nachdem sich Herr und Hund während der Türkenkriege bei Belgrad im Kampfgetümmel verloren hatten. In der Gruft unter der Ludwigsburger Schlosskirche, wo Carl Alexander begraben ist, steht ein großes Denkmal mit eindrucksvollen Stuckzierden, das der Herzog wohl für sich selbst entwarf. An die breite Masse hatte er damit wieder mal nicht gedacht: Weil die Gruft einst nach jeder Beisetzung zugemauert wurde, war der Kreis derer, die das stattliche Denkmal zu Gesicht bekamen, ziemlich überschaubar.


Stadtführung (Teil 238): Eine gute Grundlage für schöne Töne

Von Miriam Hesse

Einen Bezug zum guten Ton sollte man als Ludwigsburger Oberbürgermeister schon haben. Hat zum Beispiel Werner Spec tatsächlich. Der Verwaltungsmann kann Trompete und Akkordeon spielen, wie die beiden Jugendmusikschu­lleiter Hans-Dieter Karsch und Wilfried Peschke wissen. Sein Ständchen zum runden Geburtstag müssen sie sich aber dazudenken: Der morgige Gruß zum 40-jährigen Bestehen ihrer Musikschule erklingt als gesprochenes Wort. Dabei ist man doch bei dem Festakt am Abend quasi „ganz Familie“. Trotz ihrer Größe mit mittlerweile 1300 Schülern und 46 Lehrern hat sich die Musikschule Karsch zufolge eine familiäre Atmosphäre bewahrt. Das liege wohl auch am Gründervater Otto Schäfer, Exchef der Bausparkasse „Gemeinschaft der Freunde Wüstenrot“, der die Einrichtung im Jahr 1969 gemeinsam mit dem früheren Bürgermeister Gerhard Krohmer initiiert hat. Als Ehrenpräsident hat Schäfer heute noch engen Kontakt zur Jugendmusikschule. Damals habe er die Gründung auch „aus privater Betroffenheit“ vorangetrieben, sagt Peschke. Der nicht übermäßig talentierte Hobbypianist Schäfer wollte, dass seine drei Kinder ein Instrument lernen. Die bis heute wichtigsten Bereiche des Klavierspiels und der Streicher machten einst den Auftakt. Denn in diesen Feldern machte der Unterricht nicht den vorhandenen Musikvereinen Konkurrenz. Heute gibt es allein in der musikalischen Früherziehung, die der ersten Schulleiterin Irmgard Benzing-Vogt von Anfang an sehr wichtig war, zehn verschiedene Angebote: von den Eltern-Kind-Musikkursen für Babys bis hin zum in englischer Sprache moderierten Musikgarten. Die Größeren spielen im Jugendsinfoni­eorchester oder in der Big Band. Angesichts von inzwischen jährlich bis zu 60 Auftritten im Rahmenprogramm von Veranstaltungen habe man offenbar die Öffnung nach außen erreicht, „dass die Stadtöffentlichkeit etwas von unserem Wirken itbekommt“, sagt Peschke. Schließlich beteiligt sich die Stadt auch mit einem Zuschuss von 35 Prozent am Jahresbudget von 1,5 Millionen Euro. In den Anfängen teilte man sich noch mit der SPD-Fraktion ein Zimmer im Kulturzentrum; im Alter von 40 Jahren ist die erwachsene Jugendmusikschule nun auch für die zwei Etagen im Kunstzentrum Karlskaserne, wo sie seit 2001 untergebracht ist, zu groß geworden. Die Kapazitätsgrenze sei erreicht, sagt der Leiter. Das Klagelied nach einer Erweiterung „singen wir gemeinsam im großen Chor“. Besucher können am Samstag, 17. Oktober, von 13 Uhr an in der Karlskaserne die Lauscher aufstellen. Die Bläserensembles spielen zu Beginn in der Reithalle. Filmhits am Piano sind von 17 Uhr an zu hören. Die Big Band tritt um 19.45 Uhr in der Reithalle auf. Von 14 bis 17.30 Uhr finden im Mannschaftsgebäude zahlreiche musikalische Mitmachaktionen für Kinder statt. Im Hof ist ein Notenflohmarkt aufgebaut.


Stadtführung (Teil 237): Keiner kennt die Kirchenbesetzer

Von Martin Willy

„Atomkraft? Nein, danke“. Der Slogan schien entsorgt auf der Müllhalde der energiepolitischen Geschichte, nachdem die rot-grüne Bundesregierung zusammen mit der Atomindustrie 2002 den Ausstieg beschlossen hatte. Doch die Gegner der Kernenergie formieren sich wieder. Schließlich plant die neue schwarz-gelbe Bundesregierung die Laufzeiten der Atommeiler zu verlängern. Knapp 50000 Männer und Frauen haben jüngst in Berlin dagegen demonstriert. Die Kernkraftgegner machen mobil, wie einst in den 80er-Jahren gegen die Wiederaufbere­itungsanlage in Wackersdorf (WAA) und das geplante Atommüllendlager in Gorleben. Die heftige Debatte um die Nutzung der umstrittenen Atomenergie hat damals auch Ludwigsburg erfasst – kein Wunder, liegt doch das Atomkraftwerk Neckarwestheim gerade 20 Kilometer entfernt. Im Dezember 1985 gab es drei dramatische Tage zu bestehen: Kurz vor Weihnachten besetzten 40 junge Leute die evangelische Stadtkirche. Sie gehörten alle zum „Aktionsbündnis gegen WAA und Atomstaat“. Die Kirchenbesetzer ließen sich am 17. Dezember unbemerkt einschließen und ketteten sämtliche Türen zu. Lediglich das Hauptportal konnte einen Spalt breit geöffnet werden, so dass man mit den Demonstranten sprechen konnte, weiß der Chronist Albert Sting. Transparente wurden an der Hauptfassade ausgebreitet: „Sofortiger Rodungsstopp in Wackersdorf“ und „Diese Kirche ist besetzt“ war darauf zu lesen. Die Reaktionen der Passanten auf die Aktion waren geteilt. Es hagelte Kritik vor allem wegen der Kirchenbesetzung; andererseits gab es Sach- und Geldspenden für die Besetzer. Die Rolle des damaligen Pfarrers Zeller wird unterschiedlich bewertet. Der Chronist spricht von dessen Verhandlungsges­chick, dem es zu verdanken gewesen sei, dass die jungen Leute bereits am 19. Dezember wieder abzogen. Der Bericht in einem linksalternativen Flugblatt hingegen sieht den Protestanten und die Kirche als Teil des „Unterdrückun­gsmechanismus in diesem System“. Wer aber waren die jungen Kirchenbesetzer? Die Namen scheint keiner zu kennen. Aber wer weiß: wenn der jüngste Protest gegen die Atomkraft erst wieder Ludwigsburg erreicht…


Stadtführung (Teil 236): Silcher verlässt Ludwigsburg ohne Lohn

Von Miriam Hesse

Fürs Schulmeistern war er prädestiniert. Der Vater des 1789 in Schnait geborenen Friedrich Philipp Silcher war Lehrer. Und bei einem Schulmeister und Kirchenmusiker ging der junge Friedrich nach der Konfirmation in die Lehre. Die wichtigsten Begegnungen zu Beginn seiner Karriere aber hat der Komponist, der Volkslieder wie „Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus“ und „Ännchen von Tharau“ vertont hat, wohl in Ludwigsburg erlebt. Unter drei „Competenten, welche sich durch gute Zeugniße legitimirten“, hatte man den damals 20-Jährigen für die Stadtprovisoren­stelle an der hiesigen Mädchenschule auserkoren. Mit „diesen 3 Subjecten“, hieß es im Protokoll der Anstellungssitzung des Kirchenkonvents über die Kandidaten, „wurde eine Prüfung in der gewöhnlichen Schulpraxis vorgenommen und nach genauer Erwägung der Provisor Silcher als der tauglichste befunden“. Aber auch der Stadtpfarrer Bahnmaier, der 1810 nach Ludwigsburg gekommen war, erkannte gleich das Talent und lud Silcher in sein Haus, wo er als Pianist und Sänger Musikabende gestaltete. Nachhaltig geprägt hat den späteren Meister des Chorgesangs und Förderer des volkstümlichen Singwesens der Kontakt zu zwei Komponisten: In der Residenzstadt traf er zum einen Konradin Kreutzer, dessen Oper „Die Alpenhütte“ hier uraufgeführt wurde. Ebenso soll ihn Carl Maria von Weber gefördert und ihm stark zugeraten haben, die Musik als Lebensaufgabe zu wählen. Diese Empfehlung hat Silcher offensichtlich beherzigt. 1815 wurde er zum Musikdirektor an der Universität in Tübingen berufen. Dort gründete er die Akademische Liedertafel. Sein letzter Besuch in Ludwigsburg verlief allerdings nicht sehr erfolgreich. Silcher war 1856 mit seiner Liedertafel zum Liederfest gekommen, reiste aber ohne Preis wieder zum Städtele hinaus. Seine Sänger bekamen lediglich ein Fässchen mit Ludwigsburger Bier.


Stadtführung (Teil 235): Angesehen, aber selten angenehm: Friedrich Theodor Vischer

Von Miriam Hesse

Ausgerechnet die verdammte Tücke des Objekts, den Ausdruck erfand er selbst, hat Friedrich Theodor Vischer das Ende bereitet. Der gebürtige Ludwigsburger war 1887 kurz nach seinem 80. Geburtstag auf dem Weg nach Venedig, als er in einem Wirtshaus verdorbene Pilze aß. Dann reise er eben als „Kotzebue“ nach Italien hatte er gewitzelt, bevor er kurz darauf in Gmunden am Traunsee an der Vergiftung starb. Zyniker, wie der Ästhetikdozent selbst einer war, würden vielleicht sagen, dass das ein schöner Tod ist für einen giftigen Kritiker, dem nicht selten die Galle hochkam. Der alltägliche Kampf mit dem „dummen, sinnwidrigen Zufall“ war eines seiner Themen. So darf in Vischers Roman „Auch einer“ eine Reisebekanntschaft über nichtsnutzige Brillen, Knöpfe und Frauen lästern und schimpfen. Was dieses Wüten bringt, will sein Gegenüber wissen und bekommt als Antwort Erstaunen: „Wißt ihr denn nichts von Entlastung der armen Seele? Von der köstlichen Arznei, die im Fluchen liegt?“ Ein Mittel gegen die heimtückischste aller Tücken hat der Autor nie finden können. Ihn quälte ein schlimmer Schnupfen, das „höllische Übel“. Ein Bestseller ist das stark autobiografische Werk „Auch einer“ zu Vischers Lebzeiten und bis in die 1930er Jahre gewesen. Dabei trachtete der populäre Schriftsteller nicht danach, sich bei allen beliebt zu machen. In seinem parodistischen „Faust III“ rechnete der Theologe und Philosoph, der sein Studium mit Bestnote abgeschlossen hatte, mit dem „Allegorientrödler“ Goethe und zugleich mit den „Sinnhubern“ ab, die sich an diesem Stück Weltliteraturstoff zu Tode deuten. Die narzisstischen Neutöner aus den Hochschulseminaren kanzelte der Pfarrersohn, der wegen der speziellen Schreibweise seines Namens oft „Vau-Vischer“ genannt wurde, ebenso in aller Öffentlichkeit ab wie die verstaubten Schubladendenker an der Uni: Für seine Antrittsrede in Tübingen wurde er gleich mal für zwei Jahre suspendiert. Hatte er doch die Ästhetik als Wissenschaftsdis­ziplin über alle anderen, auch die Theologie gestellt, und seinen Gegnern seine „volle ungeteilte Feindschaft“ versprochen. Anders als seinem Freund Strauß, mit dem er einst „die Tage der Jugend und ihrer Narrheit und ihres Ernstes und ihrer Schönheit“ in der Vaterstadt verbrachte, hat Vischers Direktheit seiner Karriere nie nachhaltig geschadet. Im Gegenteil: sein Werk „Über das Erhabene und das Komische“ machte den Vertreter der klassizistischen Ästhetik zur maßgeblichen Autorität der Schönheitslehre seiner Zeit. Und für seine ehrlich engagierte Unbestechlichkeit wurde Vischer, der als Kind „entweder Maler oder Hanswurst“ werden wollte, zum „Gewissen der Nation“. In Stuttgart schuf man 1866 eigens einen Ästhetiklehrstuhl für ihn. Er wurde in die königlich bayerische Akademie der Wissenschaften aufgenommen und erhielt den Kronenorden vom württembergischen König. Ob als Wissenschaftler, Journalist, Modekritiker, Karikaturist oder Politiker, der als Abgeordneter in der Frankfurter Paulskirche saß: Vischer hatte eine Meinung und machte Meinung. Er kritisierte die Kirche, wetterte gegen Tierquäler und Bierfälscherei. Er selbst wusste sehr wohl, dass er ein angesehener, aber kein angenehmer Zeitgenosse war: „Ich glaube, der liebe Gott käme selbst nicht aus mit mir, wenn er mich nicht gemacht hätte.“ So sehr seine Leser Vischers lebenslange Gratwanderung zwischen dem Erhabenen und dem Komischen schätzten, so ernst und komisch fiel seine Selbstkritik aus. Seine Ästhetik sei, schrieb er, „wie in der Nase gegrubelt, viel Inhalt, aber verzwickt und vernörkelt.“


Stadtführung (Teil 234): Der König als Werbe-Ikone

Von Christine Bilger

Dass der Kunde König ist, sollte den Gewerbetreibenden in der Stadt heute noch ein Grundsatz sein. Dass der König Kunde ist, geschah bei der ersten Gewerbeausstellung in Ludwigsburg. Wilhelm I. schaute am 9. Mai 1853 im Waldhorn vorbei. Das Werben war vonnöten, war Württemberg doch ursprünglich ein landwirtschaftlich geprägtes Land gewesen. Handel, Gewerbe und Industrie wuchsen erst von der Mitte des 19. Jahrhunderts an. Zwei Organisationen halfen den aufstrebenden Unternehmern. Die „Gesellschaft für die Beförderung des Gewerbes in Württemberg“ und die „Königliche Centralstelle für Gewerbe und Handel“. Ein Ludwigsburger, der sich im Landesausschuss der Gesellschaft für Gewerbeförderung engagierte, wollte ähnliche Strukturen in seiner Stadt schaffen. Im zweiten Anlauf gelang es ihm, im Jahr 1846 einen Gewerbeverein ins Leben zu rufen. Sechs Jahre später beschlossen die Mitglieder, sich mit einer Gewerbeschau der Öffentlichkeit zu präsentieren. Zu sehen waren unter anderem Fayencen-Öfen, eine Orgel der Firma Walcker, aber auch Zahnersatz und Kinderspielzeug. Die Resonanz auf die Schau sei trotz königlicher Kundschaft gering gewesen. Eindrücklicher war hingegen die Schau zum 40-jährigen Bestehen des Vereins. Im Jahr 1886 war das Ausstellungsgelände zum ersten Mal in Ludwigsburg mit elektrischer Beleuchtung ausgestattet.


Stadtführung (Teil 233): Ränke um die Myliusstraße

Von Ludwigs Laibacher

Seit 1846 ist Ludwigsburg an das Schienennetz der Eisenbahn angebunden. Aber die ersten 23 Jahre hatte die Stadt nur einen Gutwetterbahnhof. Denn „das neue Tor zur Stadt“ war nur über einen holprigen Feldweg zu erreichen, bei Regen versanken Fußgänger und Fuhrwerke im Morast. Kein Wunder, dass die erwartete Belebung von Handel und Industrie ausblieben. Niemand wollte in einer Stadt mit so schlechter Verkehrsanbindung investieren. In den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts wurden die Kosten für den Bau einer Straße, die das Sumpfgebiet der früheren Schafhofseen überbrückt hätte, auf 11000 Gulden geschätzt. Die Eisenbahngese­llschaft aber wollte höchstens 850 Gulden dazu beisteuern und die Ludwigsburger wussten nicht, woher sie das Geld nehmen sollten. 1858 wurde der vermögende General Ferdinand Heinrich von Mylius im Rathaus vorstellig: Der großherzig auftretende Militär erklärte, er werde 8000 Gulden für den Bau einer Straße stiften. Trotzdem ließ das Happy End noch weitere elf Jahre auf sich warten. Uneinigkeiten über den Verlauf der Straße und die künftige Nutzung der angrenzenden Grundstücke entfachten immer neuen Streit zwischen dem Krösus und den Stadtgewaltigen. In einer kurzen Phase der Entspannung hatten die Beteiligten vertraglich festgelegt, dass die künftige Straße auf den Namen des Spenders getauft werden sollte. Aber auch das hielt den vergrätzten General nicht mehr davon ab, kurz vor seinem Tod im Jahr 1866 noch einmal sein Testament zu ändern: Wollte er vorher sein gesamtes auf 450 000 Franc geschätztes Vermögen der Stadt vermachen, so hatte er nun seinen Freund, den Generallieutenant Orville, als Universalerben eingesetzt. Dieser erwies sich als nobel und übergab der Stadt zwei Jahre später 10 000 Franc (umgerechnet etwa 5000 Gulden). Nun konnten die Bauarbeiter loslegen. Im Oktober 1869 war die Straße fertig und schon bald wurden die ersten Häuser gebaut. Die Myliusstraße war die erste, die diagonal zum bis dahin nur rechtwinkligen Straßennetz Ludwigsburgs geführt worden ist.


Stadtführung (Teil 232): Ein Fest für den Kastanienbeutel

Von Verena Mayer

Es mag Menschen geben, die glauben, die Ludwigsburger würden Kastanienbeutel genannt, weil ihre legendären Bäume so gebeutelt sind. Von der Miniermotte oder dem Blattbräune-Pilz. Der wahre Ursprung der Kastanienbeutel ist jedoch ein viel ehrwürdigerer: Er ist eine Reminiszenz an David Friedrich Beutel, der von 1768 bis 1803 die von Herzog Carl Eugen angelegten Alleen hütete. Die Legende will es, dass ein paar Lausbuben weiland Kastanien zusammenklaubten, als plötzlich der Wachmann Beutel des Weges kam – und einer der Buben rief: „Aufpassen, der Kastanienbeutel kommt!“ Fertig war der Spitzname für die Ewigkeit. Fürchten muss man sich vor den nachgeborenen Kastanienbeuteln allerdings nicht. Im Gegenteil: an diesem Wochenende (10./11. Oktober 2009) geben sich die Ludwigsburger besonders viel Mühe, möglichst viele Besucher von ihren Reizen zu überzeugen. Für das erste Kastanienbeutelfest öffnen die Händler in der Innenstadt am kommenden Sonntag von 13 bis 18 Uhr ihre Läden und schenken der Kastanie dabei viel Aufmerksamkeit. In der Wilhelmgalerie etwa wird die Geschichte vom Wächter Beutel inszeniert; im Luki-Club können Kinder Stoffbeutel bemalen, die beim nahen Bäcker Lutz mit Laugenkonfekt in Form von Kastanien gefüllt werden. Beim Bäcker Luckscheiter in der Kurfürstenstraße können dafür noch bis Sonntag Kastanien gegen Maronenbrötchen getauscht werden. Tauschgeschäfte bietet die Kreissparkasse an diesem Festtag zwar keine, dafür einen Tag der offenen Tür mit Programm auf dem Schillerplatz, der ebenso verkehrsfrei sein wird wie die Wilhelm-, Mylius- und Arsenalstraße. Zur Krönung gibt es auf dem Rathaushof noch eine Erinnerung an David Friedrich Beutel: Eine Nachbildung des Aufsehers bewacht dort allerdings die 5000 Chrysanthemen, die eine neue Herbstausstellung zieren.


Stadtführung (Teil 231): Staatstragendes Klassenkämpfle

Von Markus Klohr

Residenzstadt Ludwigsburg: das klingt gesetzt, staatstragend, das deutet auf gute Beziehungen zur Obrigkeit hin. Dass Nomen ein Omen sein kann, ist zurzeit (Oktober 2009) bei einer kleinen Ausstellung im Kulturhaus am Rathausplatz zu sehen. Sie zeigt, wie und warum sich in Ludwigsburg nur spät und zaghaft eine Arbeiterbewegung herausgebildet hat. Zusammengestellt wurde die Ausstellung von Werner Hillenbrand, neuerdings Stadtrat für die Linkspartei und ehemals Chef der hiesigen IG Metall. Entstanden ist sein kurzweiliger Blick über rund 100 Jahre Stadtgeschichte aus der Arbeit an einem Buch über die Arbeiterbewegung in Ludwigsburg. „Hier herrschten völlig andere Bedingungen als in den meisten anderen Städten“, sagt Hillenbrand. In erster Linie, das zeigt seine Ausstellung auf rund 40 Schautafeln, lag das tatsächlich daran, dass die Ludwigsburger stets ein außerordentlich gutes Verhältnis zur Obrigkeit pflegten. Zunächst einmal, weil der Stadtgründer Eberhard Ludwig vor 300 Jahren mit erheblichen Privilegien zur Ansiedlung rund um das Schloss lockte. So lebten dort vor allem Handwerker und Bauarbeiter, denen das Schloss ein Arbeitgeber war. Auch den Beamten und später dem Militär ist keine allzu große Staatsferne zu unterstellen. „Ludwigsburg war königstreu, konservativ, staatstragend und industriefein­dlich“, schreibt Werner Hillenbrand auf einer der Schautafeln. Die ersten zarten Zuckungen einer Arbeiterbewegung wurden gnadenlos untergebuttert. Der erste Arbeiterbildun­gsverein, gegründet im Revolutionsjahr 1848, wurde nach zwei Jahren wieder aufgelöst. „Vermutlich auf Druck der herrschenden Mächte“, sagt Hillenbrand. Doch was dem Drängen des Proletariats in Ludwigsburg am meisten fehlte, war die schlichte Masse. Durch geschickte Ansiedelungspolitik erschufen die Stadtlenker über Jahrzehnte hinweg eine Industriestadt ohne Industriearbeiter. Zwar wurden Fabriken angesiedelt, so etwa die bekannte Zichorienkaffe­efirma Franck, wohnen durften die Arbeiter allerdings nur in den umliegenden Dörfern: Eglosheim, Oßweil oder Kornwestheim. Angeblich, weil es sich dort auf dem Land besser leben lasse. „Tatsächlich wollte man die Stadt sauber halten von sozialdemokra­tischen Umtrieben“, sagt Werner Hillenbrand. Doch noch etwas fehlte zur Vereinigung der Proletarier aller Ludwigsburger Firmen: die schiere Not. Zwar waren die Arbeitsbedingungen auch hier in den ersten Industrialisi­erungsjahrzeh­nten aus heutiger Sicht alles andere als human. Dennoch waren die Arbeiter in der Residenzstadt vergleichsweise gut dran. Es gab einen Armen-Unterstützungsve­rein, der die gröbste Not linderte. Mit den Werner'schen Anstalten wurde in der Stadt das erste Hospital für jedermann eingerichtet. Und die württembergische Königin Mathilde habe eine ausgesprochen soziale Ader gehabt. Als Stifterin übernahm sie das Lehrgeld für notleidende junge Menschen oder spendete Geld für in Not geratende Arbeiterfamilien. „Den Ludwigsburger Arbeitern ging es immer besser als denen anderswo“, sagt Hillenbrand. Zu den Privilegien des städtischen Proletariats zählte auch eine vom Herzog eingerichtete Armenküche. So wurde Klassenkampf in Ludwigsburg zu einem harmlosen Klassenkämpfle. Deshalb war es nur folgerichtig, dass Bismarcks Sozialistengesetz in Ludwigsburg praktisch keine Auswirkungen hatte. Wo es keinen Arbeiterverein gab, konnte man auch keinen verbieten. Also ersann sich die Arbeiterbewegung Tricks, sich um die Jahrhundertwende doch noch zu organisieren. Man gründete politisch vermeintlich unverdächtige Vereine für Sport oder Kultur. Nur wenige wissen, dass der SKV Eglosheim, der TV Neckarweihingen oder auch der TSV Ludwigsburg zutiefst sozialistische Wurzeln haben. Man verstand sich damals als Gegenpol des stramm bürgerlichen Männerturnvereins MTV. Vorläufer des Rad- und Kraftfahrvereins Neckarweihingen war der Arbeiter-Radfahrer-Verein. Als Abgrenzung vom stramm nationalen FFFF (frisch, fromm, fröhlich, frei) des Turnvaters Jahn gab man sich den Wahlspruch „Frisch, frei, solidarisch, treu“. In Gesangvereinen ließ sich ungestört das proletarische Liedgut pflegen. So ist die Chorvereinigung Ludwigsburg unter anderem aus dem Arbeitergesan­gverein Vorwärts hervorgegangen. Werner Hillenbrands überschaubare Ausstellung, die großteils von der IG Metall finanziert wurde, hat aber auch kleine historische Anekdoten parat. So wurde die Gründung des ersten SPD-Ortsvereins kurzerhand aus der Stadt verlegt. Weil die Ludwigsburger Wirte keine Arbeiter haben wollten, traf man sich zum Gründungstreffen im Hirsch zu Heutingsheim – heute: Freiberg. Klar, dass die allererste 1.-Mai-Feier anno 1895 in der Residenzstadt von einem arbeiterfreun­dlichen Unternehmer organisiert wurde. „Typisch“, findet Hillenbrand.


Stadtführung (Teil 230): Der überaus fürsorgliche OB Ulshöfer

Von Verena Mayer

Ein Oberbürgermeister ist im Prinzip für alles verantwortlich. Schließlich muss der Laden laufen, und wohlfühlen sollen sich die Bürger auch noch. Dem ehemaligen OB Otfried Ulshöfer war die Wohlfühlatmosphäre in seiner Stadt gleich so wichtig, dass er zu Beginn seiner relativ langen Amtszeit auf eine so ungewöhnliche Weise dafür Sorge trug, dass er es heute selbst kaum fassen kann. Es war im Juli 1972. In jenen Tagen gab es in der Krabbenlochkaserne eine Meuterei der amerikanischen Soldaten, weil sich die Farbigen unter ihnen diskriminiert fühlten. Die Lage war so unübersichtlich, dass die Polizei befürchtete, die aufgebrachten Soldaten könnten die ganze Stadt stürmen. Otfried Ulshöfer, der damals seit vier Jahren Oberbürgermeister war, erinnert sich noch bestens an den Moment, in dem die Polizei ins Kulturzentrum trat, ihn aus einer Veranstaltung holte und ihm riet, die Darbietung abzubrechen. Damit sich das Publikum umgehend auf den noch sicheren Heimweg machen könnte. Ulshöfer brach ab, doch er selbst ging keineswegs nach Hause. Der pflichtbewusste Oberbürgermeister setzte sich in seinen Dienstwagen, in dessen Handschuhfach sich eine Pistole befand, und patroullierte fahrend durch die Stadt. „Ich will doch meine Bürger schützen“, dachte Ulshöfer damals, dessen Aktion bis heute allerdings unbemerkt blieb. Weil die Soldaten in der Kaserne blieben. Heute denkt der 79-Jährige, dass diese Aktion eine „Schnapsidee“ gewesen ist. Denn was er hätte tun sollen, wäre er dem Mob tatsächlich begegnet, weiß Ulshöfer heute weniger als damals. „Aber so war man halt.“


Stadtführung (Teil 229): Die Waldorf-Schule

Von Ludwig Laibacher

Wir sieben nicht vorzeitig aus, bei uns sitzen Abiturienten mit Realschülern in einer Klasse", sagt der Geschichtslehrer Michael Hübner. Die Rede ist von der Freien Waldorfschule Ludwigsburg, die vor 30 Jahren gegründet worden ist. Damals haben die Rudolf-Steiner-Anhänger auf einer Wiese an der Bönnigheimer Straße ein paar Baracken platziert. Mit vier Klassen haben sie begonnen. Längst sind in der anthroposophischen Einrichtung alle Jahrgangsstufen vertreten, gegenwärtig zählt man 442 Schüler. „Der Gründung war eine Elterninitiative vorausgegangen, die so groß war, dass es sich gelohnt hat“, sagt Hübner, der selbst seit 25 Jahren an der Waldorfschule unterrichtet. Die Steiner-Schule an der Stuttgarter Uhlandshöhe leistete Schützenhilfe. „Aber wir sind kein Ableger davon, jede Waldorfschule ist eigenständig“, sagt Hübner. Man müsse sich das eher wie eine Patenschaft vorstellen. Doch auch aus diesem Stadium sei die Ludwigsburger Schule längst herausgewachsen. Schon im Jahr 1987/88 haben Schüler und Lehrer neue Räume am heutigen Standort an der Fröbelstraße 16 bezogen. Allerdings war das Haus nur teilweise fertig. „Der Innenausbau für die Mensa und den großen Saal ist zum Beispiel erst seit der Jahrtausendwende fertig“, sagt Hübner, der auch in der Selbstverwaltung der Schule tätig ist. Damit aber seien längst nicht alle Raumprobleme gelöst. Ein Teil der Schüler werde nach wie vor in Baracken unterrichtet. Die Provisorien hatten lediglich ein neues Dach erhalten. Mehr und mehr gingen sie „in einen Zustand über, der nach Veränderungen verlangt“. Mittlerweile bekomme auch die Schule, in der es keine Sitzenbleiber gibt, den demografischen Wandel zu spüren – vor allem in den unteren Jahrgängen, sagt Hübner. Von den Gymnasialklassen an profitiere die anthroposophische Schule vom Abwanderungsdruck der staatlichen Schulen. Auch wenn Waldorf-Erfindungen wie Berufspraktika oder Epochenunterricht Eingang in den baden-württembergischen Kanon gefunden hätten, bleibe ein großer Unterschied: Der Unterricht werde nicht von politischen oder wirtschaftlichen Einflüssen bestimmt, sondern von der Idee, die jungen Menschen optimal zu fördern.


Stadtführung (Teil 228): 100 Jahre neuapostolische Kirche

Von Ludwig Laibacher

Die neuapostolische Kirche feiert Jubiläum: Die Ludwigsburger Gemeinde hat im Jahr 1909 ihre erste Versammlungsstätte eröffnet, und zwar in einem Hinterhaus an der Gartenstraße 6. Der erste Gemeindevorsteher vor 100 Jahren hieß Albert Rapp. Gefeiert wird das Jubiläum an der seit einer Generalsanierung in den Neunzigern barrierefreien und multifunktionalen Gemeindehalle an der Osterholzallee 26, das Gotteshaus, das die neuapostolische Gemeinde schon im Jahr 1955 erbauen ließ. Gestern ist dort eine Ausstellung unter dem Titel „Von welchem Wasser lebst du?“ eröffnet worden, die bis zum 17. Oktober gezeigt wird. Dabei geht es sowohl um den unmittelbaren Wert des Wassers für den Menschen als auch um dessen symbolische Bedeutung in der Bibel. Die in der neuapostolischen Gemeinschaft versammelten Christen reden sich als Brüder und Schwestern in Jesu an. Wer in der Hierarchie eine höhere Position einnimmt, heißt Evangelist, Ältester oder Apostel. Bestimmend für das Gemeindeleben sind die Gottesdienste. Zurzeit zählt der Kirchenbezirk Stuttgart-Ludwigsburg 3000 Mitglieder. In der Barockstadt und den Nachbarorten gibt es 18 Gemeinden. Weltweit bekennen sich elf Millionen Menschen zum neuapostolischen Glauben. Wie Manfred Hink, der Vorsteher der Kirchengemeinde, in der Jubiläumsschrift betont, zählen die Neuapostolischen in Deutschland als Körperschaft öffentlichen Rechts. „Wir beanspruchen keinerlei finanzielle Unterstützung des Staates.“ Die Kirche kann sich nur auf Spenden oder freiwillige Leistungen ihrer Mitglieder stützen. „Die Kirche leistet national und international humanitäre Hilfe“, sagt Hink. „Linderung von Leid, Hunger, Krankheit und Armut wird über das Missionswerk der neuapostolischen Kirche betrieben.“ Außerdem unterstütze seine Glaubensgemein­schaft auch soziale Einrichtungen des Staates und anderer Kirchen. Die Jubiläumsgemeinde zählt 499 Mitglieder. Für sie gibt es 28 ehrenamtliche Seelsorger, die ihnen im persönlichen Gespräch bei Glaubens- und Lebensfragen Beistand leisten wollen. Der Festakt zum 100-Jahr-Jubiläum soll am Freitag, 16. Oktober, um 18 Uhr gefeiert werden.


Stadtführung (Teil 227): Hell, heller, am hellsten

Von Christine Bilger

Die Ludwigsburger waren ganz schön helle. Zumindest vom Jahr 1761 an. Denn in jenem Jahr ließ der Herzog Eberhard Ludwig neue Laternen über den breiten Straßen der jungen Stadt aufhängen. Nun war Ludwigsburg nicht die erste Stadt im Land, die dermaßen erstrahlen sollte. Zuvor hatte der Herzog schon Stuttgart mit derselben Beleuchtung ausgestattet. Doch dort blieb es des Nachts dunkel – und zwar ausgerechnet aus Furcht vor finsteren Zeitgenossen. Die Stuttgarter ergriffen eine aus heutiger Sicht recht widersinnig klingende Vorsichtsmaßnahme, gelten doch hell erleuchtete Plätze als sicher. Aus Furcht, die Diebe könnten im Schein der hellen Laternen die Personen, welche sie auszurauben gedachten, besser erspähen, blieb in Stuttgart das Licht aus. Die Stuttgarter nahmen an, die dunklen Gestalten würden ihre Opfer aus den hellen Straßen ins Finstere zerren und dort ausnehmen. Diese Denkart war den Ludwigsburgern fern. Sie ließen die modernen Zeiten Einzug halten. Und sonnten sich im hellen Schein der Investitionen, die der Herzog hier tätigte, damit die Stadt bald ihre repräsentative Funktion erfüllen würde.


Stadtführung (Teil 226): Caspar Wittleder - ein Blutsauger für den Herrn

Von Ludwig Laibacher

Im Dienst des Herzogs hat Caspar Laurentius Wittleder für Carl Eugen vor allem eine Qualität gehabt: absolute Rücksichtslosig­keit. Vom Gerbergesellen brachte er es zum preußischen Korporal in Württemberg. Bald wechselte der kräftige Mann, der nicht nur seine erste Frau übel traktierte, in die Verwaltung. Er machte sich 1755 als neuer Stiftsverwalter in Göppingen beim Herzog mit Vorschlägen beliebt, wie noch mehr aus den Untertanen herauszupressen sei. Kurz darauf wurde er nach Ludwigsburg berufen und zum Vizedirektor des Kirchenrats. Den Direktorposten bekam er 1762, weil er sich im Gegensatz zu seinem Vorgänger nicht weigerte, die von Carl Eugen engagierten italienischen Sängerinnen aus der Kirchenkasse zu finanzieren. Den Ämterhandel betrieb Wittleder unverfrorener als alle vor ihm. So erzählten sich die Leute, eines Morgens sei an seiner Haustür ein Esel angebunden gewesen mit dem Schild um den Hals: ?Ich hätte gern einen Dienst!? Der Esel sei nur deshalb nicht angenommen worden, weil keine Summe dabeistand, die er dafür bezahlt hätte. Später kostete den Blutsauger die Skrupellosigkeit des Herzogs das Amt. Der lieh sich 30 000 Gulden für eine Venedigreise von ihm, das Geld wollte er jedoch nicht zurückbezahlen – und Wittleder musste fliehen. In Heidelberg soll er 1769 eines „elenden Todes“ gestorben sein.


Stadtführung (Teil 225): Alter Wein unterhalb der Marställe

Von Christine Bilger

Das Marstallcenter trägt den Namen des Gebäudes, auf dessen Grund es vor nunmehr gut 30 Jahren errichtet wurde. Dort waren in den Anfangsjahren der Stadt die Pferde des Herzogs untergestellt. Die erste Lösung, die Tiere hier zu halten, war ein Holzschuppen, der allerdings im Jahr der Schlossgründung schon wieder zusammenbrach. Bei den Abrissarbeiten in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts fand man indes etwas, das wesentlich länger gehalten hat als der erste Bau. Die Arbeiter stießen auf eine Flasche französischen Weins. Sie lag in einen Grundstein eingemauert. Wer sie dort deponiert hatte, ist nicht bekannt. Sie lag jedoch in einem Gebäudeteil, der nach 1871 und damit nach dem deutsch-französischen Krieg errichtet wurde. Offenbar brachten Soldaten sie nach ihrer Rückkehr aus dem Feld mit. Zunächst traute sich niemand, die Flasche zu köpfen. Im Jahr 1978 jedoch, der Tropfen war mittlerweile deutlich mehr als 100 Jahre alt, wagte man es. Bei der Einweihung des Städtischen Museums am 17. November wurde er kredenzt. Er soll noch geschmeckt haben.


Stadtführung (Teil 224): Der Niedergang der SPD

Von Kathrin Haasis

Lange ist es her, dass die SPD im Wahlkreis Ludwigsburg das Direktmandat für den Bundestag praktisch gepachtet hatte: Karl Mommer repräsentierte den Wahlkreis von den Anfängen der Republik bis 1969 in Bonn. Für seine politische Einstellung hatte der Sozialwissenschaf­tler schon unter den Nationalsozialisten gekämpft. Nach deren Machtergreifung beteiligte sich Karl Mommer an illegalen Aktionen, wurde verhaftet und floh später nach Belgien und Frankreich. Zurück in Deutschland gehörte er dem Bundestag dann seit dessen erster Wahl 1949 an. 1953, 1961 und 1965 gewann Karl Mommer das Ludwigsburger Direktmandat. Einer Frau gelang es 1969 erstmals, das bisher auf die SPD gebuchte Ticket nach Bonn für die CDU zu gewinnen: Karl Mommer trat nicht mehr an, und Annemarie Griesinger wurde von ihrer Partei gefeiert, weil sie es als einzige Kandidatin geschafft hatte, der SPD ein Direktmandat abzuknöpfen. Während die Markgröningerin als Sozialministerin in der Stuttgarter Landesregierung Karriere machte, kamen die Sozialdemokraten 1972 wieder zurück. Gunter Huonker luchste den Christdemokraten die Position wieder ab. Seinen Wahlkampf wolle er offensiv mit dem Steuerprogramm der Sozialdemokraten führen, kündigte er damals an, denn „wenn man den Leuten konkret sagt, was wir eigentlich wollen, kommt das gut an“. Der ehemalige persönliche Referent von Erhard Eppler konnte sich aber nur eine Periode halten ? 1976 übernahm Matthias Wissmann. Bei den acht folgenden Bundestagswahlen holte der CDU-Politiker stets die meisten Stimmen im Wahlkreis Ludwigsburg. Sein SPD-Konkurrent Gunter Huonker war jedoch zäh und trat bis 1990 kontinui­erlich, auf der Landesliste abgesichert, gegen den CDU-Platzhirsch an. Doch kontinuierlich war nur der Rückgang bei den Wahlergebnissen: Das Hoch von 1972 mit 48,1 Prozent Erststimmen und 42,5 Prozent Zweitstimmen erreichten die Sozialdemokraten in Ludwigsburg nie wieder.


Stadtführung (Teil 223): Der Prediger und der Freigeist

Nur die beiden Klassiker Don Camillo und Peppone verkörpern eine ähnlich spannungsgeladene Hassliebe: Als der Dichter und revolutionäre Freigeist Christian Friedrich Daniel Schubart als Organist und Musikdirektor am württembergischen Hof in Ludwigsburg amtierte, hatte auch er einen potenten geistlichen Gegenspieler. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts war Georg Sebastian Zilling Dekan von Ludwigsburg. Und ähnlich wie der Romanheld Don Camillo hatte auch Zilling schwer zu kämpfen mit der weltlichen Welt. Sogar seine geistlichen Kollegen, die Garnisonspfarrer, machten dem aufrechten Dekan Sorgen. Trotz dienstlicher Weisung Zillings nahmen seine Untergebenen bei bedeutenden Persönlichkeiten der Stadt munter Haustaufen vor. „Freigeist, ja Sittenlosigkeit und biedere Frömmigkeit bestanden in der Gemeinde nebeneinander“, schreibt der Ludwigsburger Stadtchronist Albert Sting. Als „Hüter von Sitte und Moral“ habe Zilling sich stets verstanden. „Seine Kanzelreden waren oft Strafpredigten, die manches Gemeindeglied vor den Kopf stießen.“ Und eines müssen seine Predigten wohl auch noch gewesen sein: elendig langweilig. So jedenfalls wurde Schubart nicht müde, sie zu beschreiben. Weil der Musikus sich selbst zu immer höheren künstlerischen Weihen aufschwang, sprich: sein Vor- und Nachspiel immer mehr in die Länge zog, kam er dem spröden Redner Zilling ins Gehege. Als dieser Schubart aufforderte, die Musik zugunsten seiner mahnenden Worte etwas abzukürzen, soll Schubart trotzig geantwortet haben, dass sein Vorspiel noch immer um Welten besser sei als das, was nachher komme. Schubart lästerte aus einer guten Position heraus. Seine tonale Verarbeitung der höfischen Themen im Orgelvorspiel und von weltlichen Volksweisen im Nachspiel habe bei den Zuhörern allgemein Beifall gefunden. So viel, dass mancher Kirchenbesucher zum Präludium in die Kirche gekommen sein soll – um das Gotteshaus vor der spröden, eifernden Predigt Zillings wieder hurtig zu verlassen.


Stadtführung (Teil 222): Der Architekt Nikolaus von Thouret

Von Miriam Hesse

Eine schnittige Frisur hat Nikolaus Friedrich von Thouret auf dem Gemälde, das gemeinhin als Selbstporträt gilt. Überm Ohr stehen dem Mann die Haare in kessem Rundbogen nach hinten ab, der Rest ist offenbar mit raschem Strich in die Stirn gebürstet. So flott die Frisur, so beliebt war Thouret auch als Baumeister, den nichts bremsen konnte. Schließlich hatte er auch rasch Karriere gemacht. Im Ludwigsburger Schloss als Sohn eines Kammerlakaien geboren, fiel Thouret dem Herzog Carl Eugen früh auf. Der junge Nikolaus wurde 1779 in die Militärakademie und dann in die Hohe Carlsschule aufgenommen. Nach dem Ende seines Malereistudiums reiste er als Hofmaler nach Paris und Rom. Zurück in Stuttgart hatte er mit Zusatzaufträgen, insbesondere durch sein Talent als Architekt, gut zu tun. Als Hofbaumeister unter Friedrich schuf er in Ludwigsburg das Mausoleum für den Reichsgrafen von Zeppelin auf dem Alten Friedhof, übernahm den Umbau des Schlosses Monrepos und des Schlosstheaters. Dem König Friedrich soll sich Thouret den Chronisten zufolge vor allem durch seine Rasanz empfohlen haben. Er sei in der Lage gewesen, heißt es, „in unglaublich kurzer Zeit Festsäle, Theater, Kasernen hinzustellen“, und soll so „dem stets ungeduldigen Monarchen als ein wahrer Hexenmeister gedient haben, der Gebäude gleich Pilzen aus dem Boden zauberte“.


Stadtführung (Teil 221): Ein unzuverlässiger Brunnenaufseher

Von Christine Bilger

Eine der wichtigsten Aufgaben in den ersten Jahren der jungen Stadt war, die Menschen mit Wasser zu versorgen. Die Brunnen wurden aus zwei Quellen gespeist. Doch nicht nur zog sich der Bau der Brunnen – obwohl sich der Herzog in den ersten Jahren selbst um diese Vorhaben kümmerte – in die Länge, auch gab es immer wieder mit dem Personal Probleme. Ein Brunnenaufseher musste ein ordentlicher Mensch sein. Der erste Mann in der Stadt, der dieses Amt innehatte, hieß Dietermann – und war nicht gerade ein Saubermann. Er machte wegen seines unsteten Lebenswandels von sich reden. Deswegen wurde er kurz nach seinem Dienstantritt auch schon wieder aus dem Amt entfernt. Doch auch mit seinem Nachfolger wurde man in der jungen Stadt nicht glücklich – er hieß Frey und glänzte vor allem durch Abwesenheit, weil er daneben noch die Aufgabe eines Mühlenschauers versah. Da blieb über kurz oder lang nur eine Lösung: Im Jahr 1728 bat man den als unzuverlässig bekannten Dietermann, wegen seiner zuverlässigen Kenntnis des Rohrleitungssystems in der Stadt auf den Posten des Brunnenaufsehers zurückzukehren. Der wieder berufene Aufseher zeigte ein Einsehen. Er räumte ein, ein „liederliches Leben“ geführt zu haben. Als Grund gab Dieterman an, er habe für die Arbeit als Brunnenaufseher nie seinen Lohn bekommen. Man nahm ihm das Versprechen ab, dass er sich bessern würde. Die Brunnenfinanzi­erung – und damit auch der Lohn des Aufsehers – war damit aber noch lange nicht in trockenen Tüchern.


Stadtführung (Teil 220): Ein Riesenbaby in Herzogs Diensten

Von Markus Klohr

So einen treuen Diener gibt es kein zweites Mal in der Ludwigsburger Residenz. Vor mehr als 240 Jahren wurde Melchior Thut vom Herzog Carl Eugen als Kammertürke – ein persönlicher Diener – angestellt. Und auch heute noch steht der 2,34-Meter-Mann treu im Residenzgarten und begrüßt, wenngleich als Pappkamerad, die Besucher des Märchengartens im Blühenden Barock. Der im Schweizer Kanton Glarus geborene Thut galt im 18.Jahrhundert als größter lebender Mensch. Mit etwa 30 Jahren bot Thut Mitte der 1760er seine Dienste dem Ludwigsburger Herzog Carl Eugen an, dessen Faible für absonderliche Früchte, Missgeburten und Zwerge bekannt war. „Merkt Euch Thut, Ihr seid zwar der Längste, aber ich bin der Größte in meinem Reich“, soll der Machthaber ihm laut dem Stadtchronisten Albert Sting bei der ersten Begegnung gesagt haben. In dessen Dienstjahren hat der schwäbische Sonnenherzog es nicht an Demütigungen mangeln lassen. Bei einer Venezianischen Messe auf dem Ludwigsburger Marktplatz ließ er Thut in Babykleider hüllen, in einer Wiege herumführen und von einer kleinwüchsigen Amme mit Brei füttern. Ob Thut wegen solchen Erniedrigungen oder der mitunter schweren Gartenarbeit, die ihm zusehends Rückenschmerzen bescherte, nach zwölf Jahren um seine Entlassung bat, ist nicht überliefert. Eine Pension erhielt er jedenfalls nicht. Er verließ das Land und starb in Wien. Seine einzige Hinterlassenschaft soll eine silberne Taschenuhr gewesen sein.


Stadtführung (Teil 219): Carl Maria von Weber als Sekretär des Ludwigsburger Herzog

Von Miriam Hesse

Eine undankbare Aufgabe hat Carl Maria von Weber in Ludwigsburg gehabt. Als Sekretär des Herzogs Ludwig hat der Komponist von 1807 bis 1810 hier gelebt. Immer wieder stritt Ludwig mit seinem älteren Bruder, dem König Friedrich, der ihm vorwarf, er könne nicht mit Geld umgehen. Weber stand als „Schatullenver­walter“ zwischen beiden. Zeit hatte er trotzdem, um die Oper „Silvana“ zu komponieren. Mitten in die Proben brach die Katastrophe. Webers alter Vater tauchte plötzlich auf und stahl dem Sohn 800 Gulden, die für den Kauf von Pferden für den Herzog vorgesehen waren. Beim Schwieberdinger Gastwirt Höner konnte Weber Geld auftreiben – unter der Bedingung, dass dessen Sohn vom Militärdienst befreit werde. Als der junge Höner dennoch eingezogen wurde, kam es zum Prozess gegen Weber. Noch dazu wurde ihm der Diebstahl von fürstlichem Silber vorgeworfen. Wie sich herausstellte, hatte Prinz Adam aber bloß zwei silberne Leuchter in Webers Wohnung vergessen. Also wurde dieser Anklagepunkt fallengelassen, Weber jedoch wegen Bestechlichkeit des Landes verwiesen.


Stadtführung (Teil 218): Gebhard Müller, der Landesvater

Von Roland Böckeler

Ein Zucht-, ein Arbeits- und ein Waisenhaus waren einst an der Schorndorfer Straße 26 beheimatet. So steht es auf einer Informationstafel an der Hauswand. Dass in dem 1736 erstellten Gebäude auch ein Mann mit dem langen Titel „Prof. Dr. jur., Dr. phil. h.c., Dr. theol. h.c.“ gewohnt haben soll, ist kaum vorstellbar. Doch die Fakten stehen um die Ecke: Die Gedenktafel für Gebhard Müller ist an einer anderen Hauswand montiert. Zu seinem 100. Geburtstag am 17. April 2000 erinnerte die Stadt an den prominenten Bürger. „Seit 1906 lebte er mit seinen Eltern und Geschwistern in Ludwigsburg“, steht dort. Der Staatspräsident von Württemberg-Hohenzollern (1948 bis 1952), Ministerpräsident von Baden-Württemberg (1953 bis 1958) und Präsident des Bundesverfassun­gsgerichtes (bis 1971) wohnte 13 Jahre lang in der Schorndorfer Straße. Geboren wurde Gebhard Müller als fünftes von sechs Kindern in Füramoos im Kreis Biberach. Sein Vater war anfangs Leiter der Bekenntnisschule und von 1906 an Volksschullehrer in Ludwigsburg. Gebhard Müller besuchte das humanistische Gymnasium. Zum Ende des Ersten Weltkrieges wurde er noch zum Militär einberufen. Seine Stationierung war quasi vor der Haustür: die Ludwigsburger Feuerseekaserne. Von 1919 an studierte er in Tübingen katholische Theologie, Geschichte und Philosophie, wechselte dann aber zu Rechts- und Staatswissenschaft und holte sich in diesem Fach seinen ersten Doktortitel. Beim Ludwigsburger Amtsgericht und dem Oberamt der Stadt landete er als Referendar. Während der NS-Zeit hatte Gebhard Müller ebenfalls staatliche Ämter inne, was ihm aber nicht zum Verhängnis wurde, weil ihm eine ?strenge Rechtlichkeit? attestiert wurde. Im Zweiten Weltkrieg wurde er wieder eingezogen und kam im Mai 1945 in Kriegsgefangen­schaft ? wegen seiner Bekanntschaft mit dem Widerstandskämpfer Eugen Bolz aber nur für wenige Tage. Obwohl sich Müller für Jura und Politik entschieden hat, ist er stets bekennender Katholik geblieben. „Es war für die Ludwigsburger ganz normal, dass der Ministerpräsident dort an der Fronleichnamspro­zession teilnahm“, erinnerte der Prälat Paul Kopf, als die Gedenktafel montiert wurde. In kirchlichen Fragen sei Müller strikt gewesen. So habe ihn die Abschaffung der Konfessionsschulen sehr geschmerzt, und dem ebenfalls katholischen CDU-Politiker Hans Filbinger habe er es nie verziehen, dass jener die Bekenntnisschulen einem Koalitionsangebot der SPD geopfert habe. „Es ist schwer, in einem pluralistischen Staat ein katholischer Politiker zu sein“, habe Müller einmal geklagt. Gleichwohl war er ein überzeugter Jurist und Politiker: „Von dem freiwilligen Bemühen der Einzelnen, von ihrer Haltung, ihrem guten Willen und ihrem Pflichtbewusstsein hängt es letztlich ab, ob man viel oder wenig Staat braucht“, erklärte Gebhard Müller. Dem Vater von drei Söhnen sei es schwergefallen, Ludwigsburg nach rund 52 Jahren den Rücken zu kehren, sagte Paul Kopf. 1990 starb Müller 90-jährig in Stuttgart, wo er auf dem Waldfriedhof beerdigt wurde. Im Jahr darauf wurde in Ludwigsburg eine Allee nach ihm benannt, unweit seines früheren Wohnhauses.


Stadtführng (Teil 217): Am Hof des Carl Eugen ist die Albernheit Chefsache gewesen

Von Christine Bilger

Im Mittelalter ist die Rollenverteilung klar gewesen. Der Hofnarr albert herrlich herum, der Herrscher amüsiert sich königlich. Anders war es zu Zeiten des Herzogs Carl Eugen in Ludwigsburg. Man berichtet sich von allerlei Unfug, den er in der Stadt getrieben haben soll. Damit erheiterte er nicht immer alle Beteiligten. Ein Standardwitz seiner Durchlaucht war es wohl, mit einem von Schmutz durchtränkten Lumpen schlaftrunkenen Zeitgenossen durch das offene Fenster des Schlafgemachs im Gesicht herumzufuchteln, bis diese aufwachten. Besonders witzig fand es wohl auch nur der Urheber, eine Ballgesellschaft ohne deren Wissen von der geschlossenen zur eingeschlossenen Gesellschaft im Schloss zu machen. Der Scherz-Herzog ließ den Saal abschließen, mitten in der Nacht, als alle tanzten. Mitunter bewahrheitete sich am Ludwigsburger Hof auch der Spruch, dass Schadenfreude die schönste Freude ist. So ergötzte sich der Landesherr einmal am Wutausbruch eines cholerischen Herren. Mit ein paar Münzen bestach er die Diener, als diese den vollen Erntewagen zum Hof des temperamentvollen Zeitgenossen brachten, den Carl Eugen so gern in die Luft gehen sah. Die Bediensteten spielten mit. Als sie am Hof ihres Herrn vorfuhren, rasten sie mit dem Pferdegespann um die Ecke und kippten die volle Ladung um. Der Herr tobte, der Herrscher feixte – versteckt hinter einem Baum. Der Herzog Carl Eugen beliebte aber nicht nur allein aus Jux und Tollerei als Scherzbold zu wirken. Einmal wollte er einen Pfarrer ärgern, der sich mit dem Nimbus eines besonders frommen Mannes umgab, aber auch als besonders geldgierig bekannt war. In dessen Studierstube blätterte Carl Eugen in der Bibel und versteckte ein Goldstück zwischen den Seiten. Hätte der Pfarrer in der Heiligen Schrift geblättert, so hätte er sicher das Goldstück eingesteckt, dachte sich Carl Eugen. Bei seinem nächsten Besuch bemerkte er aber, dass die Bibel nicht oft aus dem Regal genommen worden war: Zu viel Staub lag darauf. Darauf angesprochen, ob er denn regelmäßig darin blättere, soll der Pfarrer gesagt haben: „Ihro Durchlaucht, pflichtgemäß alle Tage.“ Daraufhin verging dem Geistlichen mit Sicherheit ganz schnell das Lachen – denn der Herzog zog das Buch hervor, beförderte das darin versteckte Goldstück ans Tageslicht und überführte den Frömmelnden der Lüge. Ob Carl Eugen sich drauf ins Fäustchen gelacht hat, ist nicht überliefert, aber wahrscheinlich.


Stadtführung (Teil 216): Justinus Kerner als Mediziner und Parapsychologe

Schlank ist Justinus Kerner nicht gewesen. War es sein Hang zum reichhaltigen Essen, der ihn dazu brachte, 1822 die klinische Beschreibung einer bakteriellen Lebensmittelver­giftung abzuliefern? Er untersuchte das in verdorbener Wurst wirkende Fettgift. Ein Medizinstudium hatte der gestern vor 223 Jahren geborene Ludwigsburger abgeschlossen, bevor er sein Interesse für die Poesie und „die Nachtseite der Natur“ entdeckte. Die Geisterwelt faszinierte den Romantiker, an den man sich als „Arzt, der auch Lieder sang“ erinnern sollte. Aber auch als Vorläufer der Parapsychologie ging er in die Geschichte ein. Sein berühmtestes Forschungsobjekt wurde eine somnambule Patientin, die zur Behandlung mehrere Jahre lang bei ihm lebte. Als Gastgeber und vertrauter Gesprächspartner war Kerner mindestens so geschätzt wie für seine literarische Qualität. Er mochte die Besuche, die ihn von seinen Einsamkeitsgefühlen und Depressionen ablenkten. Der Philosoph Friedrich Theodor Vischer schätzte an ihm, dass er sich mit einer eigenwilligen Mischung „aus Jammern und heiterer Geselligkeit“ der Menschen annehme. Der Theologe David Friedrich Strauß rühmte „den Reichthum seines Gemüths“. Kerner selbst charakterisierte die eigene empfindliche Psyche schlicht so: "Ich bin innen nicht so dick wie außen.


Stadtführung (Teil 215): Schlossfestspiele bekommen Palais Grävenitz geschenkt

Von Kathrin Haasis

Das Haus bietet genug Stoff für eine Oper: Herzog Eberhard Ludwig hat das Barockpalais in der Marstallstraße 5 schließlich einst für seine langjährige Mätresse Wilhelmine von Grävenitz erbauen lassen. Die norddeutsche Dame machte im Süden allerhand Wirbel, als Hure und Landverderberin galt sie. Das württembergische Landesoberhaupt hatte sie mehr als 20 Jahre lang fest im Griff. Doch lange lebte die schwäbische Madame de Pompadour nicht in dem 1728 erbauten, nach ihr benannten Palais in direkter Nachbarschaft zum Residenzschloss: Drei Jahre später wurde sie nach Berlin verbannt. Für die Geschäftsstelle der Ludwigsburger Schlossfestspiele gibt es also keine bessere Adresse. Nun hat deren Trägerverein das Gebäude auch noch geschenkt bekommen. Wer der großzügige Spender ist, bleibt allerdings geheim. Er wolle nicht genannt werden, heißt es in der Mitteilung der Schlossfestspiele. Seit 1996 residiert deren Geschäftsführung in dem noblen Haus. Die Übergabe an den Trägerverein wurde offenbar schon seit 1996 vorbereitet. „Dem derzeitigen kaufmännischen Direktor Markus Kiesel ist es nach langen Verhandlungen mit dem Besitzer nun gelungen, die Schenkung tatsächlich herbeizuführen“, steht in der Erklärung. Somit sei die Zukunft in der einzigartigen Immobilie, die vermutlich vom Schlossbaumeister Donato Giuseppe Frisoni entworfen worden ist, gesichert. In der Vergangenheit hat das Gebäude auch nach Wilhelmine von Grävenitz schillernde Persönlichkeiten beherbergt. Carl Eugen brachte in der Marstallstraße seine Gäste unter und dann seine Geliebten – zuerst die Sängerin Katharina Bonafini und schließlich Franziska von Hohenheim. Letztere schaffte immerhin, was Wilhelmine von Grävenitz verwehrt blieb: Die pietistisch erzogene Franziska litt unter ihrer unmoralischen Beziehung mit Carl Eugen, und als dessen Gattin Elisabeth Friederike Sophie von Brandenburg-Bayreuth starb, heiratete er 1785 seine Mätresse. Als der Hof zurück nach Stuttgart zog, wechselte das Palais in bürgerliche Hände, Besitzerin war unter anderem die Witwe eines Metzgers. Die Schriftstellerin Tony Schumacher kam dort 1848 zur Welt – ihr Heim beschrieb sie später jedoch als heruntergekommenes „Spukhaus“. Danach erwarb der Küfermeister Johannes Huß die Immobilie, baute sie erheblich zur Weinhandlung mit Wirtschaft um. Bis in die 1970er Jahre blieb das Palais im Besitz seiner Nachfahren. 1977 wurde es von der Stadt erworben und zehn Jahre später weiterverkauft. Eben jener unbekannte Investor restaurierte das Barockpalais – und leistete damit für die Ludwigsburger Geschichte und die Schlossfestspiele einen tatsächlich unschätzbaren Dienst.


Stadtführung (Teil 214): Open-Air-Performance mit 150 Tänzern, Sängern und Helfer

Von Miriam Hesse

Kein Grund zur Panik. „Lalülala is very close“, besänftigt die freundliche Dame im adretten Faltenröckchen und holprigen Englisch. Aus dem Mund ihrer Kollegin klingen die Anweisungen deutlich technischer. Mit einem hohen Körperfettanteil, säuselt sie süffisant, lasse sich „der externe Schwimmring ersetzen“. Und droht doch einmal ein unfreiwilliger Tauchgang im kalten Neckarwasser, kann Bewegung nicht schaden. Während die Arme rudern, empfiehlt die dritte Neckardesse in trockenem Schwäbisch für den Notfall, „presset Se Ihr Ärschle so zamme, dass ei Geldstückle sei Prägung verliere tät“. Dann kann ja nichts mehr schiefgehen. Zumal das eingespielte Team der Hohenecker Feuerwehr und die Rettungsschwimmer der DLRG selbst an der Auftaktperformance des Open-Air-Spektakels zum 300. Geburtstag der Stadt Ludwigsburg als Helfer beteiligt sein werden. Insgesamt 150 Darsteller und Einsatzkräfte hinter den Kulissen hat Betty Hensel als Regisseurin und Projektleiterin für den Dreiteiler gewinnen können. Sie klärte die organisatorischen Details, schrieb viele der Texte selbst und produzierte parallel neue Ideen. Ein Gesamtbudget von 45 000 Euro stellte die Stadt zur Verfügung. Der Aufwand ist auch alles andere als gering: Weil ihr für den Abschlussakt auf dem Flakareal ein Baustellenballett vorschwebte, gewann Betty Hensel eine Baggerfirma als Sponsor. Und Ehrenamtliche bastelten das Riesenfloß für den ersten Teil am Fluss. Bei der Probe trägt die 43-Jährige ein schwimmwestenähnliches Jäckchen und grasgrüne Gummistiefel. Wetterfest gekleidet sollten die Zuschauer bei den Vorstellungen unter freiem Himmel schon sein. Die Regisseurin selbst hat keine Angst vorm kühlen Nass und zieht alle paar Tage zwei Kilometer lang ihre Bahnen durchs Bad. „Ich liebe das Wasser“, sagt sie. Als einen Lieblingsort in ihrer Heimatstadt hat sie das bei Hoheneck renaturierte Flussufer zum Schauplatz erkoren. Nicht nur Nixen in T-Shirt unterm Bikini, auch Stadtführer, Waldorfschüler, ein Beatboxer und Tänzer der Kunstschule Labyrinth sollen bei der Uraufführung morgen die Vision vom Strandbad am Neckar heraufbeschwören. Schließlich will Betty Hensel „im Hier und Jetzt leben, die Vergangenheit nicht vergessen und auf die Zukunft Lust machen“. So werden sich im zweiten Teil Ende September am Holzmarkt die berühmtesten Ludwigsburger Literaten unterhalten, während eine Oma mit einem Roboterhund an der Leine vorbeizockelt. Vorher führt der Publikumsspazi­ergang über die B 27, die an diesem Tag auf Hensels hartnäckigen Einsatz hin für ein paar Minuten gesperrt sein wird. Für einen Moment soll keine sperrige Verkehrsachse die Innenstadt vom Schloss trennen – wie es früher mal war und nach dem Wunsch der Theatermacherin in Zukunft sein könnte. Das spannendste Gelände fand sie am dritten Schauplatz: der Flakkaserne. Mit Hilfe von Jandl-Texten soll dort die Historie des später von der amerikanischen Armee genutzten Nazibaus klarwerden. Wie ein bewusst kitschiges Pas de deux von Baggerdinosauriern in diese Szenerie passen soll, behält Hensel noch für sich. Es wird sich schon alles wundersam ins Bild fügen.


Stadtführung (Teil 213): Eine Heimat für Adler und Affen

Von Ludwig Laibacher

In kaum einer anderen deutschen Stadt hat das Zeitalter zwischen absolutistischer Herrschaft und Aufklärung so viele Spuren hinterlassen wie in Ludwigsburg: Schlösser, Kavaliershäuschen, Torhäuser und Parks erzählen von der einstigen Prachtentfaltung unter den Feudalherren ebenso wie vom aufkeimenden Rationalismus. Dass diese Welt vor allem in der Regierungszeit des Herzogs, Kurfürsten und Königs Friedrich auch von vielen Tieren – am liebsten exotischen – bevölkert war, kann man aber nur hie und da an Eigennamen wie Bärenwiese oder Känguru-Haus ablesen. Tatsächlich wurden im Favorite-Park, in einer Menagerie zwischen Hindenburg- und Friedrichstraße sowie im Unteren Schlossgarten – im schon erwähnten Känguru-Haus – Tiere gehalten. Unter der Emichsburg gab es einen regelrechten Kleintierzoo. Aus dem Jahr 1810 ist eine Liste überliefert, in der ein Bauverwalter sämtliche Tiere in den fürstlichen Gärten aufgelistet hat. Demnach waren hier neben vier Bären und drei Wölfen, deren Populationen man in Mitteleuropa gerade erst ausgerottet hatte, auch zwei Kamele und sieben Büffel zu bestaunen. Zu den besonderen Attraktionen dürften 25 Affen, ein Stachelschwein und drei Bengalische Hirsche gezählt haben. Ganz offenbar gehörte der Anblick von Wildkatzen, Dachsen, Adlern oder einem Uhu damals zu den eher seltenen Vergnügen. Die Liste des gründlichen Verwalters verzeichnet zwei wilde Katzen, einen Dachs und vier Adler (nebst vier nicht näher bezeichneten „Raubvögeln“), dazu einen Falken und drei Fischreiher.


Stadtführung (Teil 212): Nach 60 Jahren erfährt eine Ludwigsburgerin in Kanada die Wahrheit über den Tod ihres Kindes

Von Verena Mayer´

Manche Geschichten dauern etwas länger, bis man sie erzählen kann. Weil sie zu schmerzhaft sind oder zu weit weg oder beides. Die Geschichte von Elisabeth Reif ist so eine. Und bis vor kurzem hat sie noch nicht einmal ein Ende gehabt. Doch inzwischen hat sie eins. Gefunden wurde es in Ludwigsburg – und damit auch die Antwort auf eine Frage, die Elisabeth Reif fast 60 Jahre lang gequält hatte, seit dem Tod ihres Sohnes Mirko. In jenem Januar anno 1949 kehrte Elisabeth Reif nach fast zwei Monaten im Krankenhaus nach Hause zurück. Kaum daheim, erfuhr die Frau, dass ihr Sohn gestorben sei. Mirko war nicht einmal vier Monate alt geworden. Elisabeth Reif wusste nicht, ob ihr Sohn tatsächlich tot war – oder ob man ihr, der schwerkranken Mutter, den Säugling nicht vielleicht weggenommen und sie angelogen hatte. Sie erfuhr es so schnell auch nicht, denn Elisabeth Reif und ihr Mann beschlossen, in Kanada einen Neuanfang zu wagen. Die verzweifelten Reifs ließen die alte Heimat Ludwigsburg hinter sich und hofften, die Trauer würde ebenfalls zurückbleiben. Was in den Jahrzehnten danach geschah, ist in dem Brief, der im Oktober des vergangenen Jahres im Ludwigsburger Rathaus ankam, nicht überliefert. Doch dass sich die Trauer nicht in der alten Heimat hatte zurückhalten lassen, lässt er dennoch ahnen. Der Brief stammt von Maria Reif, die erst zu dieser Zeit erfahren hat, dass sie eigentlich einen Bruder hatte: Mirko. Erst mit 84 Jahren und schwächelnder Gesundheit hat ihre Mutter Elisabeth von der Vergangenheit in Deutschland berichtet. Und von dem Kummer, der sie vertrieben hatte und ihr noch immer das Herz schwermachte. (Was auch der Grund dafür ist, dass alle Namen in dieser Geschichte geändert sind). Und so schrieb die Tochter nach Ludwigsburg: ?Ich brauche unbedingt Antworten. Ich möchte meiner geliebten Mutter Erleichterung verschaffen, bevor sie stirbt?, heißt es in dem Brief, der bei Christine Süß landete, die in Ludwigsburg für Städtepartner­schaften und internationale Beziehungen zuständig ist ? und für das Seelenheil der Familie Reif in Kanada. Christine Süß hat nach einigen Nachforschungen festgestellt, dass Mirko Reif tatsächlich gestorben war, und zwar in der Werner?schen Kinderheilanstalt, dem damaligen Ludwigsburger Kinderkrankenhaus. Als Todesursache ist in der Sterbeurkunde eine Lungenentzündung vermerkt Der Brief aus dem Ludwigsburger Rathaus brachte Elisabeth Reif Gewissheit und damit die ersehnte Erleichterung. Und zu einer fast 60 Jahre alten Geschichte schrieb er das Ende, sogar ein relativ gutes.


Stadtführung (Teil 211): StZ-Podiumsdiskussion mit vier Ludwigsburger OBs

Von Verena Mayer

Ein wirklich nachhaltiges Geschenk zum 300. Geburtstag der Stadt wäre mutmaßlich die Umbenennung Ludwigsburgs in Ludwigslust, so lustvoll wie deren Würdigung gestern durch vier mächtige Männer ausfiel. Diese Viererbande bestand aus den drei Ex-OBs Otfried Ulshöfer, Hans Jochen Henke, Christof Eichert, dem Jetzt-OB Werner Spec und gemeinsam ergründeten sie in der von StZ-Regionalressor­tleiter Thomas Durchdenwald moderierten Runde, das Lebensgefühl Ludwigsburgs, das auch weiterhin so heißen wird. Denn Ludwigslust gibt es bereits, in Mecklenburg-Vorpommern. Wobei es eine Zeit gab, Henke hat sie nicht vergessen, in der viele an Ludwigshafen dachten, wenn von Ludwigsburg die Rede war. Heute jedoch ließen sich in den Mienen des Gesprächspartners Anerkennung ablesen, wenn man von Ludwigsburg spreche, berichtete der ehemalige OB, bei dem man anerkennend an die Konversion der Kasernen denkt und der damit verbundenen Ansiedlung der Filmakademie. Dieses Projekt hat Henkes Amtszeit (1984 bis 1995) am nachhaltigsten geprägt. „Ludwigsburg ist eine Marke geworden“, bestätigte ihm sein Nachnachfolger Werner Spec. Die Stadt sei vielseitig, modern, lebens- und liebenswert, pries der OB, der unter anderem mit der neuen Arena, dem Westausgang, der Theaterakademie selbst einige Beiträge dazu geleistet hat – und der auch nach sechs Jahren in der Stadt noch immer fasziniert ist vom „großen Engagement der Bürger“. Das hat, wenn auch auf ungewöhnliche Weise, bereits sein Vorgänger Christof Eichert kennengelernt. Der Mann, der Ludwigsburg nach einer Amtszeit freiwillig verließ, berichtete gestern von einem ihm bis heute unbekanntem Mann, der es besonders gut mit dem damaligen Rathauschef meinte. Dieser Anonymus habe regelmäßig, wenn spät am Abend noch Licht in Eicherts Büro brannte, gegen einen Laternenmast geschlagen und gerufen: „S?isch Feierobend, Schultes!“ Otfried Ulshöfer hat schon lange Feierabend. Der einzige LB-OB, der zwei volle Amtszeiten im Rathaus durchhielt (1968 bis 1984), ist schon geraume Zeit im Ruhestand. In seiner Ägide hat der inzwischen 79-Jährige allerdings erlebt, wie sich Ludwigsburg aus seinem eigenen Ruhestand verabschiedete. Hätte den von der Soldaten- und Beamtenstadt geprägten Bürgern anfangs noch ein gewisses Bewusstsein für das große Ganze gefehlt, sei mit der Diskussion über den Ausbau der B27 und der Erhöhung der Busfahrpreise in den 60er Jahren ein Ruck durch die Stadt gegangen, der sich bis heute positiv auswirke. Die Debatte nebst Bürgerentscheid über das Forum dann hat Hans Jochen Henke „elektrisiert“ von Stuttgart aus verfolgt – und sich davon nach Ludwigsburg ziehen lassen, wo er – trotz Arbeit in Berlin – noch lebt. Weil er sich wahrscheinlich mindestens so „sauwohl“ fühlt wie Otfried Ulshöfer, der auch ein Ludwigsbürger geblieben ist. „Hier habe ich alles, was ich brauche“, sagte er. Und jetzt auch noch ein neues Magazin. „Mensch, Ludwigsburg“ heißt der von StZ-Redakteur Michael Ohnewald verfasste Band, der gestern präsentiert wurde, der 15 Lebensgeschichten enthält – und noch mehr Liebeserklärungen.

Das Magazin „Mensch, Ludwigsburg“ ist im Handel für fünf Euro erhältlich.


Stadtführung (Teil 210): Die Freundschaft zwischen dem Philosoph Vischer und dem Theologen Strauß

Von Miriam Hesse

Über gemeinsame Freunde gelästert haben sie natürlich auch. „Daß Mörike in der Romantik stecken bleibt, sehe ich mit Mißfallen“, schrieb der Philosoph Friedrich Theodor Vischer 1838 an den Theologen David Friedrich Strauß. Intensiv haben sich die beiden Ludwigsburger Gelehrten in einem regen Briefwechsel ausgetauscht und miteinander auseinandergesetzt. So heulte sich Vischer als Ästhetikdozent heftig und deftig über die Universität Tübingen aus: „Dieses Mechanisieren, dieses Alltagstreiben und Handwerken mit der Wissenschaft“. Strauß wiederum bedankte sich bei dem einflussreichen Vischer für den „großartigen Freundschaftsbe­weis“, dass er sich öffentlich anerkennend über sein umstrittenes Werk „Leben Jesu“ geäußert hatte. Konträr aber waren die Charaktere der beiden. Strauß analysierte den Unterschied gegenüber Vischer so: „Dir ist die Kunst Stoff, den du wissenschaftlich behandelst, mir ist die Wissenschaft Stoff, den ich künstlerisch zu gestalten strebe.“ Politisch waren die zwei oft gegensätzlicher Meinung, in Beziehungen gleichermaßen erfolglos: Ihre Ehen scheiterten. Später waren Vischer die Werke seines Freundes zu kompromisslos und gewagt, als dass er sich noch auf dessen Seite stellen wollte. Die Männerfreundschaft zerbrach. Dabei hatte Strauß im November 1858 vorausschauend gewarnt: „Entzweien wenigstens, oder auch nur erkälten gegeneinander, dürfen wir uns jetzt um so weniger lassen, als uns die Feinde frisch zu Leibe gehen.“


Stadtführung (Teil 209): Die bürgerliche Prinzessin

Von Ludwig Laibacher

Ihren Vater hat Fürstin Pauline zu Wied als volksnah beschrieben. König Wilhelm II. sei zu Fuß mit den Hunden durch Stuttgart spaziert und habe auch selbst eingekauft. Dagegen erlebte sie den letzten Deutschen Kaiser gleichen Namens als von seinen Untertanen völlig abgeschottet: Niemals sei er ohne starke Polizeibewachung ausgeritten. Das preußische Zeremoniell in Berlin und Potsdam auf der einen Seite und die fast zwanglose Bürgerlichkeit im fürstlichen Elternhaus auf der anderen Seite bildeten denn auch die unversöhnlichen Pole in ihrem Leben. Nach ihrer Heirat mit dem Erbprinzen Friedrich im Jahr 1898 musste sich die damals 21 Jahre alte Prinzessin an die Etikette in Potsdam gewöhnen, wo sich die preußischen Offiziere trafen. Viel lieber hätte sie weiterhin wie in Stuttgart und Ludwigsburg an den Gesprächen der Männer teilgenommen. Doch nun musste sich die als kräftig beschriebene letzte württembergische Prinzessin den Damenrunden anschließen. Nach der Versetzung ihres Gatten nach Berlin schien sie dort wenigstens das Großstadtleben genossen zu haben. Pferde waren ihre große Leidenschaft. Über alle Krisen hinweg rettete sie eine fürstliche Pferdezucht. Nach dem Tod ihres Mannes 1945 lebte Pauline in einer Wohngemeinschaft mit einer ehemaligen Oberin des Krankenhauses Neuwied in einem Kavaliershäuschen auf der Marienwahl in Ludwigsburg. Ihre Araberpferde vermachte die 1965 mit 87 Jahren verstorbene Prinzessin dem Marbacher Gestüt.


Stadtführung (Teil 208): Intrigenresistente Karrierefrau

Von Miriam Hesse

Seraphia de Beckè hat gewusst, was ihre Kunst, vor allem aber ihre Geschäftstüchtig­keit wert ist. 1728 als Tochter eines Kunstlackierers in Fulda geboren, schaffte sie es an die Spitze der Ludwigsburger Fayencemanufaktur und managte nebenbei noch als Mutter von elf Kindern den Haushalt. Dabei hätte die Karriere der Spezialistin für Tonglasuren früh jäh beendet sein können. Vom Chefposten eines Betriebs im elsässischen Hagenau wurde sie in die Zentrale nach Straßburg geholt, wo sich die katholische Künstlerin auf ein Liebesabenteuer mit einem viel jüngeren Mann einließ. Als sie von dem Soldaten schwanger wurde, befürchtete die Manufaktur einen Skandal. Für eine Abfindung von 800 Gulden musste sie sofort die Stadt verlassen. Herzog Carl Eugen kümmerte diese Vorgeschichte nicht. Als Vizedirektorin des Fayencebetriebs stellte er Seraphia de Beckè ein, 1777 übernahm sie die alleinige Leitung, behielt diese bis 1795 und handelte von Anfang an ein ausgezeichnetes Gehalt aus – mit einer extra Erfolgsprovision und guten Rentenkonditionen. Da blieben die Neider nicht aus. Schmähbriefe bekam sie, als ihre Tochter Apollonia den Erbprinzen Carl Graf von Sayn-Wittgenstein heiratete. Man wollte den „bevorstehenden Schandfleck“ verhindern. Die Intriganten waren erfolglos, die Güte des Herzogs Madame Beckè garantiert. Hatte er doch sogar die Patenschaft von Apollonias Tochter übernommen. Das tat er nur bei höchstgestellten Personen oder eigenen Kindern.


Stadtführung (Teil 207): Muttersöhnchen Mörike

Von Miriam Hesse

Da hätte ja jeder daherkommen können. Als der am 8. September vor 205 Jahren geborene Eduard Mörike für eine Bewerbung um eine Pfarrstelle eine Bürgerurkunde vom Oberamt seiner Geburtsstadt brauchte, wurde diese Bitte aus formalen Gründen zurückgewiesen: Weder sein Vater noch sein Großvater kamen von hier. Wenn Mörike in das hiesige Bürgerrecht aufgenommen werden wolle, entschied der Stadtrat 1830, müsse er dafür zahlen. Auf das Gesuch der Mutter, dem Sohn diese Gebühren zu erlassen, hieß es, „daß hieran nichts nachgelassen werden könne“. Heute nennen die Ludwigsburger den Dichter nur allzu gern einen Sohn ihrer Stadt. Der mit ihm befreundete Theologe David Friedrich Strauß meinte eine andere Verwandtschaft klar zu erkennen. Für ihn war der versponnene und im Amt als Landpfarrer unglückliche Mörike „ein wahres Muttersöhnchen der Muse“. Im Umgang mit den leibhaftigen Frauen aber hatte der verträumte Romantiker, der es sich gern daheim gemütlich machte oder sich vor den Menschen in die Natur flüchtete, kein glückliches Händchen. Die Romanze zur wilden Kellnerin Maria, die Mörike in einem Ludwigsburger Gasthaus kennen lernte, spielte sich vor allem in seinen „Peregrina“-Fantasien ab. „Ewig ist sie“, schrieb er über die Liebe, „aber nicht immer beständig.“ Die „Menage à trois“, die er als Frührentner mit seiner Ehefrau Margarethe und seiner Schwester Klara führte, hielt immerhin 20 Jahre. Am Ende aber war Mörike am liebsten für sich: „Locket nicht mit Liebesgaben, laßt dies Herz alleine haben, seine Wonne, seine Pein!“


Stadtführung (Teil 206): Kein Kaffee auf dem Wasserturm

Von Verena Mayer

Es ist ja gewiss nicht so, dass der Wasserturm im Ludwigsburger Salonwald nicht spektakulär genug wäre. Dick, rund und hoch, wie er über die Baumwipfel hinausragt. Doch der Wasserturm könnte sogar noch spektakulärer sein, wenn umgesetzt worden wäre, was Mitte der 1960er Jahre in den ersten Entwürfen für das Bauwerk noch enthalten war: ein Café auf der Plattform. Der Blick von dort oben wäre gewiss gigantisch gewesen, über die Dächer der Stadt und die Felder der Umgebung. Diese aussichtsreiche Logis hätte wahrscheinlich auch ganz neue Marketingmöglichke­iten geboten, etwa für den Hochlandkaffee. Und genügend Wasser zum Kaffee- oder Teekochen wäre auch immer vorrätig gewesen. Dass aus dieser vagen Überlegung dennoch nichts wurde lag – so weit sich altgediente Kämpen bei den Ludwigsburger Stadtwerken noch erinnern – daran, dass sich die Bewohner der Königinallee nicht von oben herab beschauen lassen wollten respektive ihre Gärten nicht mit neugierigen Blicken teilen wollten. Also wurde das Café aus den Entwürfen getilgt. Wofür es aber auch noch andere Gründe gegeben hätte: die Hygiene und die Sicherheit. So wurde der Wasserturm im Sommer 1969 eben ohne Aussicht gebaut. Der Bau war dringend nötig. Denn Ludwigsburg ist in den 50er und 60er Jahren stark gewachsen – und damit der Wasserbedarf. So wuchs der Turm auf dem höchsten Geländepunkt in zentraler Lage 45 Meter hoch und ging 1972 in Betrieb. An der Planung war auch Fritz Leonhardt beteiligt, der Vater des Stuttgarter Fernsehturms. Doch dem kann der Ludwigsburger Turm trotz seines Inhalts nicht das Wasser reichen.


Stadtführung (Teil 205): Der eilende Herzog

Von Christine Bilger

Heutzutage ist ein Ausflug nach Ludwigsburg, zum Beispiel mit der Kinderschar in den Märchengarten, für die Menschen in der Region ein Katzensprung. Doch im 18. Jahrhundert galt eine andere Zeitrechnung, wenn es um längere Anfahrten oder Ausfahrten ging. Der Herzog Carl Eugen ist gern gereist. Doch wie schnell kam er dabei vom Fleck? Ein paar Geschwindigke­itsbeispiele aus seiner Zeit sind belegt. Eine Kutsche kam gerade mal auf eine Geschwindigkeit von sieben bis acht Kilometern pro Stunde. Als Spitzengeschwin­digkeit waren durchaus auch mal zehn Sachen drin. Doch dann musste auf jeden Fall nach spätestens vier Stunden rasanter herzöglicher Fahrt eine Pause von 30 Minuten bis zu einer Stunde eingelegt werden. Man weiß, dass Carl Eugen gerne schnell fuhr und dazu vor seinen Wagen vier bis sechs Pferde spannen ließ. Für die freie Fahrt garantierten Kavaliere, die vorausreiten mussten und die anderen Verkehrsteilnehmer wegscheuchten. Reiseberichte erlauben es nachzuvollziehen, wie lange Carl Eugen brauchte, um längere Strecken zurückzulegen. So fuhr er im Winter 1766/67 nach Venedig. Die Route führte über den Brenner und war knapp 700 Kilometer lang. Rund 100 Stunden lang saß Carl Eugen demnach zwischen dem 27. Dezember 1766 und dem 1. Januar 1767 in der Kutsche. Pro Tag hätte er also rund 16 Stunden in seinem Gefährt zubringen müssen. Gleich am ersten Tag machte er Überstunden und fuhr 140 Kilometer von Stuttgart nach Augsburg in 18 Stunden. Von Rom nach Neapel brauchte er im Jahr 1774 für 250 Kilometer gar 36 Stunden. Rechnet man Pausen mit ein, kommt man auf eine Reisegeschwin­digkeit von zehn bis zwölf Stundenkilometern. Langsamer ging es in heimischen Gefilden voran. Für die zehn Kilometer von Stuttgart nach Hohenheim soll er zwei Stunden gebraucht haben. Wer die steile alte Weinsteige in Stuttgart kennt, weiß, warum es der eilige Carl Eugen auf dieser Strecke nur auf fünf Kilometer pro Stunde brachte.


Stadtführung (Teil 204): Friedrich Wilhelm von Hoven

Von Miriam Hesse

Mit den Paragrafen haben die Lehrer der herzoglichen Militärschule nicht nur Schiller jagen können. Auch dessen Freund Friedrich Wilhelm von Hoven, mit dem er bereits die Lateinschulbank in Ludwigsburg gedrückt hatte, kann sich für Jura nicht begeistern. Stattdessen lässt er sich vom jungen Dichter inspirieren und versucht sich an Balladen und Romanen – bis beide mit dem Stoff nicht mehr hinterherkommen: „In den Vorlesungen gedachten wir mehr unserem dichterischen Plane, als an das, was wir vom Katheder herab hörten“, schreibt der vor 250 Jahren geborene von Hoven. Er habe es den Professoren nicht übelnehmen können, dass diese sich zu fragen begannen, „ob es uns an Gaben fehle, oder ob es blos Faulheit sei.“ Das anschließende Medizinstudium betreibt zumindest der eine Offizierssohn eifriger als der andere. Im Gegensatz zu Schiller fühlt sich von Hoven, der später königlich-bayerischer Medizinalrat in Nürnberg wird, zum Arztberuf berufen. In Ludwigsburg arbeitet er sich zum ersten Stadtphysikus empor. 1793 trifft er Schiller wieder, der nach der Flucht vorübergehend nach Württemberg zurückkehrt, und behandelt den gesundheitlich angeschlagenen Mann. Auch am Weihnachtsabend, berichtet von Hoven, sei er bei ihm gewesen. Er sieht den Dichter am mit Nüssen und Pfefferkuchen behängten Baum selig lächelnd naschen und fragt ihn streng, was er da mache. „Ich erinnere mich meiner Kindheit“, sagt Schiller, der zu dieser Zeit die bevorstehende Geburt seines ersten Kindes kaum erwarten kann, „und freue mich, die Freude meines künftigen Sohnes zu anticipieren.“


Stadtführung (Teil 203): Ludwigsburger Eifersucht

Von Miriam Hesse

Vom Reisen hat Philipp Wilhelm Gercken viel erzählen können. So vermögend war der Jurist, dass er sich ausschließlich seinen eigenen Interessen und Studien widmen konnte. Auf seinen ausgedehnten Reisen durch Deutschland kam er um 1780 auch in Ludwigsburg vorbei und befand mit Kennerblick, das Schloss sei „eins von den schönsten und regulairsten Gebäuden“ im Lande, „sehr solide, nicht nach der jetzigen geschwinden Art gebauet“. Insgesamt aber kam Gercken die Stadt mit den seiner Beobachtung nach vielen leerstehenden Häusern wie ausgestorben vor: „Sie siehet einem Cörper, der die Auszehrung hat, völlig gleich.“ Ähnlich urteilte der Buchhändler und Schriftsteller Christoph Friedrich Nicolai in seiner „Beschreibung einer Reise durch Deutschland und die Schweiz im Jahre 1781“ über Ludwigsburg: „Schön und öde, prächtig und nicht fertig.“ Dem Vertreter der Aufklärung kam die Stadt verlassen vor „im Schmollwinkel zweyer Herzoge von Wirtemberg“. Schließlich habe Eberhard Ludwig die Stadt nur gebaut, weil er unzufrieden mit Stuttgart war, und Carl Eugen habe Ludwigsburg aus Überdruss wiederholt den Rücken gekehrt. Daher, so Johann Friedrich Gaum, komme wohl die Konkurrenz gegen die Hauptstadt des Herzogtums. Wer Ludwigsburg und Stuttgart vergleiche, schrieb der Ulmer Buchhändler um 1780, „wird sich über die Eifersucht dieser zwo Städte gegen einander nicht wundern, welche von beeden den Landesheern am meisten reizen könne, sein Hoflager bey ihr aufzuschlagen.“


Stadtführung (Teil 202): Die Freimaurerloge

Von Tobias Schiller

Ein Privileg ist es im Mittelalter gewesen, als Handwerker einer sogenannten Dombauhütte anzugehören, Verschwiegenheit über die dort ausgeübten Künste war dabei eine Pflicht. Als „angenommene“ oder „freie“ Maurer fanden später auch Adlige, Bürger und Gelehrte Aufnahme in diese angesehenen Zirkel. Ab dem 18. Jahrhundert in eigenen „Logen“ organisiert, wandten sich die modernen Freimaurer allerdings eher der geistigen als der handwerklichen Arbeit zu. Der besondere Jargon und die Rituale der steinbearbeitenden Zünfte indes hielten sich, ebenso viele der Symbole. Von der „Arbeit am rauhen Stein“ etwa sprechen die Lehrlinge, Gesellen und Meister, wenn sie die Arbeit an sich selbst meinen. Freimaurer gibt es bis heute – auch in Ludwigsburg: Seit 1888 logieren sie in der Asperger Straße. Der mehr als hundert Jahre alte Männerbund mit dem schillernden Namen „Johannes zum wiedererbauten Tempel“ ist allerdings schon die zweite Loge Ludwigsburgs. Die Entstehung der ersten mit dem nicht minder stattlichen Namen „Zur vollkommenen Einheit“ hängt eng mit der Vergangenheit Ludwigsburgs als Garnisonsstadt zusammen. Im Jahr 1761 hatten Offiziere, die im Siebenjährigen Krieg bei Magdeburg in Gefangenschaft geraten waren, eine Militärloge gegründet, unter ihnen waren auch Soldaten des württembergischen Herzogs Carl Eugen. Die meisten der Offiziere wurden bald wieder von ihren Fürsten ausgelöst, die Männer des Carl Eugen indes mussten länger auf ihre Befreiung warten. Im Jahr darauf, 1762, bestand daher die Loge im Magdeburger Gefangenenlager fast nur noch aus den verbliebenen württembergischen Soldaten. Als diese dann nach Ende des Krieges endlich in ihre Garnisonsstadt Ludwigsburg zurückkehrten, führten sie dort die Loge fort. Die beschworene „vollkommene Einheit“ fand allerdings bereits 1784 ein jähes Ende: Carl Eugen verbot alle freimaurerischen Tätigkeiten. Im Jahr 1855 – inzwischen war Wilhelm I. König von Württemberg und Nachfahren Carl Eugens selbst bei den Freimaurern – fanden sich 14 Ludwigsburger Männer zusammen, unter ihnen nur noch ein Offizier, und gründeten die zweite Loge in der Geschichte der Stadt. Die „Freimaurerloge Johannes zum wiedererbauten Tempel e.V.“ ist damit nach dem Männerturnverein der zweitälteste Ludwigsburger Verein. Ab 1887 errichteten sich die Freimaurer ihre eigene „Bauhütte“, das Logenhaus in der Asperger Straße. Die Maurer- wie auch die Steinhauerarbeiten übernahmen Mitglieder der Loge selbstredend selbst. Bis zu ihrer Auflösung im Nationalsozialismus trafen sich die Freimaurer dort. 1933 beschlagnahmte die Stadt das Haus, die SA zog ein und blieb bis zum Ende des Krieges. 1946 erhielten die Freimaurer ihr Haus zurück, die Loge rekonstituierte sich. 2005 feierte die Ludwigsburger Loge ihr 150-jähriges Bestehen. Und das nicht etwa im Geheimen, sondern mit einer Benefizgala im Forum am Schlosspark zugunsten von Karlheinz Böhms Stiftung „Menschen für Menschen“. Auch Böhm ist ein „Bruder Freimaurer“. Wöchentlich treffen sich die Ludwigsburger Brüder, halten und hören Vorträge, unternehmen Ausflüge und veranstalten Konzerte. Gäste sind zu manchen Veranstaltungen willkommen, nie jedoch zur „Tempelarbeit“, über die Stillschweigen bewahrt wird – ganz so wie einst über das Wissen der Dombauhütten.


Stadtführung (Teil 201): Kochkurs bei der Köchin

Von Miriam Hesse

Die drei Dienstboten im Haus konnten ihr auch nicht helfen. Als sie jung war, berichtet die Ludwigsburger Kinderbuchautorin Tony Schumacher, wollte die Mutter, dass das Kind kochen lerne. Beim Kaffeeklatsch mit der Baronin Palm besprachen die Frauen, wo das Mädchen die Rezepte studieren könne. Eine Gaststätte kam nicht in Frage, weil dort „die jungen Offiziere in die Küche kamen und sich mit den jungen Fräuleins unterhielten“. Die alte Königin Pauline von Württemberg aber hatte durch die Baronin von dem Anliegen gehört und lud das Töchterchen zum Kochkurs in die Hofküche ein. „Zagenden Herzens, in einem Päckchen sechs nagelneue, weiße Schürzen tragend“, ging Tony ins Schloss. Dem Koch und der Köchin war sie als Eindringling nicht willkommen. Immer nur zusehen durfte sie, lernte in sechs Wochen aber immerhin: fürstliche Speisezettel schreiben, Pfannkuchen wenden und einen guten Blätterteig machen. Zweimal waren die Eltern in dieser Zeit für Kostproben zum Diner ins Schloss geladen. Die Eltern ahnten nicht, schreibt Schumacher, dass die Tochter lediglich das Gemüse geputzt hatte. Daheim folgte der fade Nachgeschmack. Tonys Braten verbrannte im Ofen, die Kartoffeln verkohlten im Topf. Dann war es doch der Diener, der das Abendessen rettete – indem er schnell Würste, Brot und Butter holte.


Stadtführung (Teil 200): Die Stadtmauer

Von Ludwig Laibacher

Nur kleine Reste am Alten Friedhof oder am Schorndorfer und dem Stuttgarter Torhaus erinnern daran: Etwa 100 Jahre lang war Ludwigsburg von einer Stadtmauer umgeben. Allerdings hatte die im Durchschnitt dreieinhalb Meter hohe Brüstung nie der Verteidigung gedient. Den Feuerwaffen des 18. Jahrhunderts hätte die 70 Zentimeter dicke Steinwand auch nicht standhalten können. Historiker vermuten, dass Herzog Carl Eugen die Mauer bauen ließ, um die hier stationierten Soldaten an der Fahnenflucht zu hindern, um Zölle erheben zu können und um Gebietsansprüche durchzusetzen. Anfangs war dieses Soldatengefängnis von einem Palisadenzaun umgeben. Als dieser morsch wurde, ließ ihn der absolutistische Herrscher durch Steine ersetzen. In der Zeit von 1758 bis 1774 wurden insgesamt 15.000 Kubikmeter Mauersteine verbaut. Das Areal, das dieses Bauwerk einschloss, reichte in Nordsüd-Richtung 1500 Meter und in Ostwest-Richtung 1440 Meter weit. Zum Vergleich: die mittelalterlichen Mauern von alten Nachbarstädten wie Bietigheim, Besigheim oder Marbach schützten nur ein Areal von 500 Metern im Durchmesser. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts waren große Teile der Mauer einsturzgefährdet. Da die Stadt die Kosten für den Erhalt nicht aufbringen wollte, wurde die Einfriedung zwischen 1876 und 1880 weitgehend abgebrochen.


Stadtführung (Teil 199): Der Wassermann am Neckarufer

Von Christhard Henning

Er wendet seinen Blick vom Fluss ab. Und doch heißt er nach jenem Gewässer, das von Poppenweiler leise strömend die wenigstens 800 Jahre alte Burg Hoheneck respektive ihre kümmerlichen Ruinenreste passiert: Neckar. Der mächtige, in Stein gehauene Flussgott liegt rastend zur Seite einer schattigen Ahornallee, die den Müßiggänger von der mäßig salzhaltigen Heilbadtherme zum mittlerweile längst nicht mehr so verschmutzten Schifffahrtsweg gen Heilbronn und Heidelberg führt. Bis weit ins letzte Jahrhundert freilich war der Neckar nicht gerade ein Quell der Reinheit, die Industrie und die ungeklärten Hinterlassenschaf­ten seiner immer zahlreicheren Anlieger hatten der Flusshygiene mächtig zugesetzt. Der Stuttgarter Professor Ludwig Habig (1872 bis 1949) hat die Skulptur anno 1910 geschaffen. Bequem hat es sich der Wassermann auf einem Polster gemacht, das mit Reben, Trauben und zwei musizierenden und tanzenden Faunen dekoriert ist. Sein Bart reicht bis hinab auf die Brust, der linke Arm umfasst geschmeidig das angewinkelte Knie, das Haupt ist von Pflanzen umkränzt. Als „antikisierende Skulptur des ruhenden Neckar“ bezeichnen Experten des Landesdenkmalamts den epigonalen Stil, wie er sich in der Kolossalfigur zeigt. Die Hohenecker indes sehen in dem Traurigkeit oder wenigstens Nachdenklichkeit ausstrahlenden Flussgott den „Neck“, der in einer Legende aus dem 19. Jahrhundert eine romantische Rolle spielt. Danach bekehrte jener ehrbare Flussbewohner, der in einem Schloss auf dem Grund des Neckars hauste, die eitle Grafentochter Ulrike, die bereits ihren Vater samt etlicher Burgleute ins Verderben geführt hatte, zu einem tugendhaften Leben. Ulrike, als sie gewahr wurde, wie gegnerische Krieger ihres Vaters Burg brandschatzten, stürzte sich in den Fluss, wurde aber von einem jungen Fährmann gerettet. Die Adlige gewann die Liebe jenes Christoph, indem sie sich von ihrem letzten Ring und damit ihrer Hoffart trennte. Auf Geheiß des Neck warf sie das Geschmeide ins Wasser und lebte fortan bescheiden. Der Neck aber wurde Pate ihres Erstgeborenen. Auf dem Platz in der Neckarweihinger Kirche, auf dem er bei der Taufe gestanden hatte, soll sich eine große Lache gebildet haben, erzählt man sich in Hoheneck. Professor Habig hatte seine Figur ursprünglich für den Park des Kommerzienrates Carl von Ostertag-Sieglen geschaffen. Dort allerdings hielt sich nach einem Eigentümerwechsel die Schwesternkon­gregation der Karmeliterinnen vom Göttlichen Herzen Jesu auf, deren klösterliches Wirken Kindern und erholungsbedürfti­gen Müttern zugutekam. Die stattliche Männlichkeit des Wassergottes freilich trieb den frommen Schwestern die Schamesröte ins Gesicht. So verpflanzte man den heidnischen Neck im Jahr 1955 hinunter in die Neckarauen, wo er seither ruht.


Stadtführung (Teil 198): Margarete Steiff in Behandlung

Von Tobias Schiller

Hat die Welt den Teddybär einem Ludwigsburger zu verdanken? Mit etwas gutem Willen lässt sich die Geschichte so lesen. Und die geht so… Nachdem er Medizin studiert und in Neckarsulm eine Arztpraxis betrieben hatte, ließ sich August Hermann Werner 1834 in Ludwigsburg nieder. Im Mathildenstift war er tätig, einer „Rettungsanstalt für verwahrloste Kinder“. Nach deren Statuten konnten jedoch nur Gesunde gerettet werden. Werner selbst musste kranken Kindern die Aufnahme verweigern und gründete daraufhin eine eigene Kinderheilanstalt. Die wuchs schnell und hatte bald dank der orthopädischen Operationskünste des Doktors einen exzellenten Ruf. Der drang auch nach Giengen an der Brenz, wo 1847 Friedrich und Maria Steiff ein Mädel bekommen hatten, das sie Margarete tauften. Mit nur 18 Monaten erkrankte das Kind jedoch an schwerem Fieber und konnte seine Beine nicht mehr bewegen. Kinderlähmung lautete die Diagnose. Fortan kümmerten sich die Eltern mit fast erdrückender Fürsorge um ihr Kind. 1856 reiste die Mutter mit Margarete ins 110 Kilometer entfernte Ludwigsburg, um das Kind von dem berühmten Doktor behandeln zu lassen. Im Privathaus des Arztes kam die kleine Patientin unter – und genoss offenbar die Freiheit außerhalb des Elternhauses. Als aktives und selbstbewusstes Kind beschreibt sie der Doktor. Zwei Operationen in der Werner'schen Heilanstalt und ein Kuraufenthalt in Wildbad brachten aber keinen Erfolg. Die Zukunft des Kindes stand in den Sternen. Doch Doktor Werner ermutigte Margarete, ihr offensichtliches Handarbeitstalent weiterzuentwickeln. Auch riet er den Eltern, sie auf eine normale Schule zu schicken. Die hörten auf ihn, und Margarete absolvierte die Schule mit Bravour. Mit eisernem Willen lernte sie nähen, fertigte ein Nadelkissen in Elefantenform und schließlich einen Stoffbären, an dem der amerikanische Präsident Theodore „Teddy“ Roosevelt Gefallen fand. Der Rest ist Geschichte. Ob die allerdings ohne den Ludwigsburger Arzt ähnlich oder ganz anders verlaufen wäre, darüber lässt sich nur spekulieren.


Stadtführung (Teil 197): Ein Löschteich in der Innenstadt

Von Tobias Schiller

Wer am S-Bahnhof Feuersee in Stuttgart an die Oberfläche steigt, steht tatsächlich vor einer rechteckigen Wasserfläche. Wer aber bei der Ludwigsburger Feuersee-Mensa das namensgebende Nass sucht, steht im Staub. Allenfalls erahnen lässt sich, dass auch die Barockstadt ein solches Löschwasserbecken hatte. Bereits 1908 wurde der Ludwigsburger Feuersee zugeschüttet. Er war das letzte Überbleibsel der drei Schafhofseen. Bebenhäuser Mönche hatten die künstlichen Wasserflächen im Südwesten der heutigen Stadt 1356 angelegt, um Fische als Fastenspeise zu züchten. Aus dem Jahr 1682 ist dokumentiert, dass 228 Hechte, 26 Barsche und 1726 Karpfen ihr Leben ließen. Später gaben die Seen Schildkröten ein Zuhause, deren Schicksal es wiederum war, auf den Tellern des Herzogs zu landen. „Krottenteich“ tauften seine Untertanen deshalb eines der Gewässer. Ab 1726 begannen die Stadtväter, einen der Schafhofseen trockenzulegen. Die Wasserflächen reichten damals noch bis in die Gegend des heutigen Rathauses, Garten- und Talstraße zeichnen den Abfluss nach. Ab 1782 entnahmen die Ludwigsburger einem der Seen auch Löschwasser, um 1814 taucht er als „Feuersee“ in den Plänen auf. Besonders rasch schwanden die Gewässer im 19. Jahrhundert, um Platz für die wachsende Stadt zu schaffen. Als 1846 die Eisenbahn nach Ludwigsburg dampfte, schütteten Arbeiter einen Straßendamm quer durch die verbliebenen Wasserflächen auf. Reinem Pragmatismus ist es zuzuschreiben, dass sie die neue „Eisenbahn Strasse“ diagonal zum barocken Straßenraster anlegten – also auf kürzestem Weg vom Bahnhof in die Stadt. Noch heute ist dem später in Myliusstraße umgetauften Verbindungsweg seine Vergangenheit als Damm anzusehen: In die Höfe links und rechts der Fahrbahn geht's steil bergab. Letztlich blieb von den Schafhofseen allein der Feuersee übrig. Die heutige Mathildenstraße begrenzte ihn nach Norden, die prächtige Südfassade des 1874 vollendeten Zeughauses, heute Teil des Staatsarchivs, spiegelte sich in der Wasserfläche. Doch auch die verschwand nach und nach und wich weiteren Wohnhäusern. Über die Mücken und das Froschgequake aus dem von Plantanen umstandenen Restgewässer beschwerten sich prompt die Zugezogenen. 1908 lag auch der letzte Tümpel trocken, 1909 begann an seiner Stelle der Bau der Feuerseeschule, dem heutigen Mörike- und Schillergymnasium. Die Uferplatanen stehen noch immer: Die mächtigen Bäume sind älter als alle Gebäude des jetzt „Schulcampus Innenstadt“ genannten Geländes. Derzeit bekommt es einen neuen Innenhof. Eine Fläche mit farbigem Splitt und eine paar Bäumchen sollen an den alten Wasserspeicher erinnern – neben dem Namen Feuersee-Mensa natürlich. Einen Feuersee hatte Ludwigsburg übrigens auch nach 1908 nochmal: Im Zweiten Weltkrieg wurde ein solches Gewässer auf dem Holzmarkt angelegt. Lange Bestand hatte es allerdings nicht: Bereits 1954, zum 250-jährigen Stadtjubiläum, errichtete man an seiner Stelle den Obelisken mit Bildnissen bedeutender Söhne der Stadt .


Stadtführung (Teil 196): Der Wettemarkt in Oßweil

Von Tobias Schiller

Der Wettemarkt in Oßweil hat nichts mit Glücksspiel gemein. Entsprechend wenig Wetten werden wahrscheinlich beim jährlichen Wettemarktfest abgeschlossen. Mit Pferden hingegen, auf die ja auch gern mal Geld gesetzt wird, kann der Platz problemlos in Zusammenhang gebracht werden. Denn Wetten waren im Süden lange das, was der Rest der Republik als Pferdeschwemme bezeichnete: Ein Dorftümpel oder Weiher, in dem die Arbeitsgäule gewaschen und getränkt wurden. Vielerlei Ortsbezeichnungen zeugen davon: So kann man etwa in Pleidelsheim oder Asperg durch Wettestraßen wandeln, in Löchgau auch schlicht durch die „Wette“ – heute meist trockenen Fußes. Doch nicht nur zur Rossreinigung waren die Tümpel mitten im Ort gedacht. Wetten dienten auch als Löschteicheso auch in Oßweil. 1886 verzeichnete der vom Oberamt bestellte Feuerlöschinspektor im Dorfkern „eine Wette mit einem Füllgehalt 2 a 5 qm und einer Wasserdicke von 1 m“. Die war im Winter jedoch oft zugefroren. Ein prächtiges Fachwerkhaus in der Westfalenstraße brannte 1910 deshalb nieder. Da baute man allerdings schon an der Druckwasserleitung, die den Löschteich überflüssig machte. Allein ein Pumpbrunnen erinnerte später noch an die Wette, die 1911 kurzerhand zugeschüttet wurde. Als profanen Schuttplatz nutzten die Oßweiler fortan die Stelle des alten Tümpels. Einer, der den Verlust besonders bedauerte, war August Lämmle. „Stand hier nicht das Wunder unseres Dorfes?“ bejammerte der Dichter im Jahr 1913 das Fehlen der Wette „mit dem graugrünen, seltsam glitzernden Wasser“. 1941 verschwand auch der Brunnen wieder und mit ihm die letzte Erinnerung an das Nass im Dorfkern – bis 1954 der Gemeinderat den Platz in der Oßweiler Ortsmitte Wettemarkt taufte. Woher jedoch das Wort „Wette“ kommt, ist umstritten. Dass Mensch und Tier durchs flache Wettenwasser „waten“ können, wird als Hinweis genommen. Ob allerdings ein Zusammenhang mit dem englischen „wet“ für nass besteht, ist ungewiss.


Stadtführung (Teil 195): Freie Fahrt mit rotem Punkt

Von Christine Bilger

Wer heutzutage einen roten Punkt an der Windschutzscheibe kleben hat, der darf nicht mehr allzu lange durch Ludwigsburg rollen. In der Umweltzone weist diese Kennzeichnung Autos als jene der Schadstoffklasse zwei aus, die vom Jahr 2012 an nicht mehr in der Stadt gelitten sind, höchstens als Ausnahme. „Ich fahre Sie durch die Stadt“, war hingegen die Botschaft, die 1971 hinter einem roten Punkt steckte. Zwei Monate lang reagierten die Ludwigsburger mit dieser Kennzeichnung auf die Fahrpreiserhöhung der Ludwigsburger Verkehrslinie Jäger. Die Firma hob am 23. März 1971 den Preis für eine Fahrt durch die Stadt von 50 Pfennig auf eine Mark an. Das löste eine Welle des Protests aus. Eine unzufriedene Gruppe rief das Aktionskomitee Roter Punkt ins Leben. Die Autofahrer, die sich beteiligten, bekamen einen solchen an die Scheibe geklebt und signalisierten damit, dass sie bereit waren, Mitbürger mitzunehmen. Sie postierten sich an den Endhaltestelle – sowie an anderen Stationen in der Stadt – und boten ihren Fahrdienst als Alternative zur Busfahrt für eine Mark kostenlos an. Das Busunternehmen bekam die Konkurrenz schmerzhaft zu spüren und büßte etwa die Hälfte seiner Umsätze ein. Das Aktionskomitee sammelte 21.000 Unterschrif­ten zur Fahrpreissenkung und forderte die Übernahme des öffentlichen Nahverkehrs durch die Stadt. Der Streit ebbte ab, als die Stadtverwaltung beschloss, Sozialtarife für Rentner und Bedürftige einzuführen. Am 4. Mai 1971 wurde die Aktion Roter Punkt eingestellt. Der Fahrpreis blieb bei einer Mark.


Stadtführung (Teil 194): Das Marstallcenter hat einst den Fernsehempfang gestört

Von Ludwig Laibacher

Das Symbol für Ludwigsburgs Aufbruch in die Moderne hat seine Zukunft schon lange hinter sich: Anlässlich der Einweihung im Mai 1974 wurde das Marstall-Hochhaus samt Center vom damaligen Wirtschaftsminister Rudolf Eberle als „neuer Mittelpunkt der aufstrebenden Kreisstadt gefeiert“. Kritische Stimmen wie die des Historikers Otto Borst, der das Bauwerk als „brutalen Koloss“ brandmarkte, wurden von der Neuzeit-Rhetorik der Kommunalpolitiker übertönt. Allen voran Oberbürgermeister Otfried Ulshöfer, der den harten Einschnitt damit verteidigte, dass andernfalls aus der Stadt des Blühenden eine des Schlafenden Barocks geworden wäre. Mit dem Slogan „Beton und Barock“ verabschiedeten sich Politiker und Stadtplaner vom Programm des historischen Nachbaus. Mit mehr als einem Jahrzehnt Verzögerung sprangen sie auf den Zug der Zeit auf, der allerorten verlangte, die Innenstädte völlig umzukrempeln – ohne Rücksicht auf die benachbarte Bausubstanz oder gewachsene Strukturen. Die späte Bekehrung zur architektonischen Moderne wurde durch bauliche Superlativen wettgemacht: So befindet sich das höchstgelegene Apartment im 17-geschossigen Wohnturm 336,4 Meter über Normalnull (oder 42,4 Meter über dem Niveau der Kronenstraße). Mit dem Neubau sollte ein ganzes Stadtviertel saniert werden und wegen der Aussicht waren die Marstallwohunngen heiß begehrt. Einziger Wermutstropfen: Das Gebäude war so hoch, dass anfangs der Fernsehempfang bei den Nachbarn gestört war.


Stadtführung (Teil 193) : Franz Liszt erntet Beifallsstürme

Von Kathrin Haasis

Ein Star wie Franz Liszt hätte um Ludwigsburg normalerweise einen Bogen gemacht. Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Barockstadt längst nicht mehr Residenz der Württemberger war und als es längst noch keine Schlossfestspiele gab, hatten berühmte Klaviervirtuosen eher einen anderen Tourplan. Franz Liszt stand zu der Zeit am Zenit seiner epochemachenden Laufbahn, Berlin lag ihm nach einer Konzertserie in fast hysterischer „Lisztomanie“ zu Füßen, schrieb Heinrich Heine. Und dennoch schaffte es ein „unbekannter Kunstfreund“, den damals 32-jährigen Pianisten nach Ludwigsburg zu locken. Am 17. November 1843 trat er im Saal der Gaststätte Waldhorn auf. Wer dieser Ludwigsburger mit den guten Kontakten war, liegt bis heute im Dunkeln. Von dem Konzert zeugen lediglich Artikel des Ludwigsburger „Wochenblatts“. „Liszt in Ludwigsburg“ lautet der ehrfürchtige Titel der Besprechung. „Wer hätte diese Überschrift vor einigen Wochen für möglich gehalten“, fragte der Verfasser. „Wusste man doch, dass der berühmte Künstler nur die größten Metropolen auf seinem Siegeslauf berührte und kleineren Mittelpunkten von geringerer Zahl und zweifelhaftem Wert der Kenner nur ungern eine Seiten-Tour schenkte.“ Franz Liszt war am 5. November für mehrere Auftritte in Stuttgart eingetroffen, er residierte im Hotel Marquardt. Er war es gewohnt, vor großem Publikum zu spielen, in Sälen mit bis zu 3000 Plätzen. In Ludwigsburg stand dafür außerhalb des Schlosses aber nur der Saal des Waldhorns zur Verfügung. Er spielte dort nach den Angaben des Redakteurs vor „einer zwar nicht überzahlreichen, aber umso gewählteren Gesellschaft, welche die Minuten bis zur Ankunft des Gefeierten zählte“. In andächtiger Stille begann er mit seiner Klavierfantasie über Themen aus Mozarts „Don Giovanni“. Webers „Aufforderung zum Tanz“ soll an dem Abend auch zu hören gewesen sein. „Ein ohrenzerreißendes Beifallsgeschrei“ habe den Klaviervirtuosen aus dem Saal hinausgeleitet, berichtete der Redakteur. Allerdings vermutete er ein wenig enttäuscht, dass sich Franz Liszt nicht in seiner ganzen Größe in Ludwigsburg gezeigt habe. Doch die Persönlichkeit des Pianisten machte jede Schwäche wett: „Eine gewinnendere und liebenswürdigere Art lässt sich kaum denken“, stand in der Zeitung, „so viel jugendlich Frisches, so viel kindlich Naives haben wir noch bei keinem Künstler dieses Rufes gefunden.“ Für das Publikum muss das Konzert unvergesslich gewesen sein. Franz Liszt zog sich nur vier Jahre später für immer vom Beruf des Wandervirtuosen zurück ? um zu komponieren, dirigieren und zu lehren.


Stadtführung (Teil 192): Eine Insel für Behinderte

Von Tobias Schiller

Die Insel, die vor rund einem Vierteljahrhundert in Ludwigsburg auftauchte, hatte bis dato noch keiner gesichtet – allenfalls als Fata Morgana eines Platzes für Behinderte, an dem sie selbstständig wohnen und ihren Alltag mit wenig Hilfe nach den eigenen Bedürfnissen organisieren können. Eine ambulante Alternative zur stationären Rundumbetreuung im Behindertenheim gab es nämlich damals im ganzen Land noch keine. Dass sich das vor 26 Jahren zu ändern begann, ist einem Ludwigsburger zu verdanken: Albert Vogel, der vor sechs Jahren pensionierte Leiter der heutigen August-Hermann-Werner-Schule in Markgröningen, holte die Insel aus dem Reich der Illusionen. 1983 gründete er die Initiative Selbständiges Leben Behinderter im Landkreis Ludwigsburg – Insel e. V. Den Impuls hatten dem Sonderpädagogen einige seiner Schüler gegeben, die nach ihrer Schu1zeit nicht mehr bei ihren Eltern wohnen, aber auch nicht ins Heim wollten. Im Markgröninger Fliederweg kauften Vogel und seine Mitstreiter nach langem Geldsammeln eine 84 Quadratmeter große Wohnung. 1989 zogen dort die ersten drei Insulaner ein. Die erste Behinderten-WG Deutschlands war gegründet. Dort und in 15 weiteren Wohnungen im ganzen Landkreis finden mittlerweile mehr als 50 Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen einen Platz zum Leben. Und das nicht mehr nur in Wohngemeinschaften, auch Einzel- und Paarwohnungen gehören zum Angebot. Die Inselbewohner aus allen Altersgruppen von 18 bis 50 Jahren sind reguläre Mieter des Vereins und organisieren ihr Leben selbst mit Hilfe von Sozialpädagogen. Hauswirtschaf­tliches und pflegerisches Personal unterstützt sie nach Bedarf. Vogel ist nach wie vor der Vorsitzende der Initiative. Vor zwei Jahren hat ihn der Bundespräsident für sein beharrliches Engagement mit dem Bundesverdien­stkreuz geehrt. „Einzigartig“ sei die Initiative Vogels gewesen, sagte die baden-württembergische Sozialministerin Monika Stolz anlässlich der Übergabe der Medaille. Mittlerweile hat sich die Idee des Ludwigsburgers bundesweit durchgesetzt. Ambulant betreutes Wohnen ist eine anerkannte und verbreitete Alternative zur Heimunterbringung geworden. Die Fata Morgana einer Insel für Behinderte wurde Wirklichkeit. Fest verankert liegt das Eiland mitten im Leben Ludwigsburgs und vieler anderer Orte des Landes.


Stadtführung (Teil 191): Die Herberge der Jugend

Von Christine Bilger

Es gibt natürlich die Möglichkeit, mit dem Bus anzureisen, der 300 Meter von der Herbergstür entfernt anhält. Doch auch zu Wasser kann man ganz in der Nähe landen. Nur zwei Kilometer sind es von der Ludwigsburger Jugendherberge mit 121 Betten im Schlösslesfeld bis zur Anlegestelle der Neckarschifffahrt. Genauso weit haben es die Gäste zum Blühenden Barock von der Gemsenbergstraße aus. Hier steht die Jugendherberge seit 1973. Sie hatte zwei Vorläufer in der Stadt. Die erste Unterkunft dieser Art war nach dem Ersten Weltkrieg in der Leonberger Straße entstanden. Wenig später zog sie um und wurde in einem Gebäude der Reiterkaserne am Karlsplatz untergebracht. Der Stadtjugendring forderte in den fünfziger Jahren wegen des schlechten Zustands des Gebäudes einen Neubau. Doch die Jugendherberge blieb am Karlsplatz bis 1966 in Betrieb. Und das, obwohl das Gebäude nicht einmal eine Küche hatte. Die Herbergsmutter kochte in ihrer privaten Küche. Als sie aus gesundheitlichen Gründen aufhören musste zu arbeiten, wurde die Jugendherberge im September 1966 geschlossen. Als das neue Haus 1973 eröffnet wurde, beherbergte es zusätzlich zu den Gästebetten auch eine internationale Begegnungsstätte, die in erster Linie vom Deutsch-französischen Institut (dfi) genutzt wurde. Diese Partnerschaft unter einem Dach bestand bis zum Jahr 2003, als die Begegnungsstätte aufgegeben wurde. Eine Übernachtung mit Frühstück in der Ludwigsburger Jugendherberge kostet im Jubiläumsjahr für Junioren unter 27 Jahren 19,10 Euro, jede weitere Nacht kostet 15,90 Euro. Wer älter als 27 Jahre ist, bezahlt drei Euro mehr.


Stadtführung (Teil 190): Großer Bahnhof für erstes Schiff

Von Christine Bilger

Wie der Neckar einmal ausgesehen hat, bevor der Mensch eingriff und ihn zum schiffbaren Kanal machte, das sieht man noch zwischen Freiberg und Pleidelsheim. Dort ist ein Stück des Altneckars erhalten, es steht aufgrund seiner Einmaligkeit unter Naturschutz. Mit diesem Naturzustand hat es an den Ludwigsburger Neckarufern 1955 ein Ende gehabt. Denn am 24. Mai des Jahres wurde der 29 Kilometer lange Abschnitt des Neckarkanals als Schifffahrtsstraße von Marbach über Gemmrigheim bis nach Ludwigsburg eröffnet, der in den Jahren zuvor entstanden war. Der Ausbau hatte 1921 begonnen. Auf dem Abschnitt zwischen Mannheim und Heilbronn war der Kanal im Jahr 1935 vollendet. Das Ziel des Ausbaus war, sich von Natureinflüssen wie Hochwasser, Treibeis und Niedrigwasser unabhängig zu machen. Zudem sollten Schiffe der Klasse Rheinschiffe den Neckar passieren können. Deren Norm erlaubt eine Länge von bis zu 110 Metern und ein Ladegewicht von maximal 3000 Tonnen. Auf diese Größe wurden damals die Schleusen angelegt, so auch die bei Poppenweiler, deren Bauten der Stuttgarter Architekt Paul Bonatz entworfen hatte. Die Ludwigsburger feierten die Freigabe für den Schifffahrtsverkehr an jenem Tag mit einem Fest. Sie warteten geduldig bis zum Abend, als gegen 18.30 Uhr das erste Schiff ankam. Zu Hunderten säumten die Menschen auf beiden Seiten den Fluss bei Hoheneck.


Stadtführung (Teil 189): Ein nasskalter Abschied

Von Lukas Jenkner

Das Wetter meint es nicht sonderlich gut mit den „letzten Mohikanern“ der US-Streitkräfte in Ludwigsburg und Kornwestheim. Der 5. März 1993 ist ein trüber Wintertag, das nasskalte Wetter verhindert das eigentlich standesgemäße militärische Abschiedszere­moniell auf dem Hof der Krabbenlochkaserne. Die Soldaten des 51st Signal Batallion und deren Angehörige versammeln sich deshalb in der viel zu kleinen Turnhalle der Kaserne, und um 10.35 Uhr wird die Fahne der Einheit eingerollt. Für die US-Soldaten ist es nicht nur ein Abschied aus Ludwigsburg: Das Battalion wird anschließend aufgelöst. So kalt das Wetter, so warm die Worte des damaligen Oberbürgermeisters Hans Jochen Henke: Als Gegner und Besatzer seien die US-Streitkräfte gekommen, als gute und verlässliche Freunden würden sie nun verabschiedet. Der OB spricht Englisch. „Die Soldaten verlassen Ludwigsburg mit einem lachenden und einem weinenden Auge“, resümiert der US-Kommandeur Jerry McElwee. Dazu spielen extra aus Frankfurt angereiste Army-Musiker. Tatsächlich ist der Auszug der amerikanischen Soldaten ein historischer Einschnitt: Nachdem sie 1945 mit Panzern und schweren Waffen in Ludwigsburg eingezogen waren, prägten sie für fast ein halbes Jahrhundert das Bild der Stadt und ihrer Umgebung mit. Rund 12.000 US-Bürger lebten zuletzt zwischen dem Militärflugplatz bei Remseck und der Raketenstation bei Sachsenheim. Soldaten gab es aber nach dem 5. März 1993 immer noch in Ludwigsburg, und zwar die der Bundeswehr. Deren Tage in der einstmals größten Garnisonstadt Württembergs waren damals aber schon gezählt. Die Vorbereitungen für den Großen Zapfenstreich auf dem Marktplatz im Mai 1994 liefen bereits.


Stadtführung (Teil 188): Goethe in der Stadt

Von Miriam Hesse

Er wollte nicht ins Schwitzen kommen. Der 29. August 1797 war ein heißer Tag, und Johann Wolfgang Goethe drückte sich in den kühlen Räumen des Schlosses vor der Hitze. Um 9 Uhr morgens, so dokumentiert es sein Tagebucheintrag von der Reise in die Schweiz, ist er in Ludwigsburg angekommen. Er sieht sich Schloss und Theater genau an. Das Schloss, schreibt er danach, sei „sehr wohnbar, aber sowohl das alte als das neue in verhältnismäßig bösem Geschmack ausgeziert und meubliert“. Das Hoftheater, das sich der Herzog Carl Eugen als eines der prächtigsten Opernhäuser Europas hatte bauen lassen, wiederum nennt Goethe „ein merkwürdiges Gebäude aus Holz und leichten Bretern zusammengeschla­gen“. Bösartige Interpreten könnten aus den Zeilen herauslesen, dass es dem Dichter vor allem gefallen habe, aus Ludwigsburg herauszukommen. Abends sei er weggefahren, erzählt er und fügt schwärmerisch an: „Herrliche Allee, vom Schloß weg.“ Insgesamt hatte sich Goethe bei diesem Besuch in der Residenzstadt ganz privat gegeben. Er bat nicht um Audienzen und dachte nicht daran, den Honoratioren seine Aufwartung zu machen. So betonen der Ludwigsburger Stadtarchivar Wolfgang Läpple und Monika Schopf-Beige, Vorsitzende der hiesigen Goethe-Gesellschaft, in ihrem Aufsatz „Goethe in Ludwigsburg“: „Er vertieft sich in die Betrachtung der Natur ebenso, wie er seine Kenntnisse auf dem Gebiet der Kunst erweitert.“ Anders bei seinem ersten Besuch in Ludwigsburg am 15. Dezember 1779, als der Gelehrte auf dem Heimweg nach Weimar im Gasthaus Waldhorn absteigt. Da zitiert er Israel Hartmann zu sich, den Leiter des Ludwigsburger Waisenhauses. „Die Aufklärung bedeutet ihm nichts, göttliche Erleuchtung alles“, heißt es bei Läpple und Schopf-Beige über den frommen Schulmeister. Hartmann jedenfalls ließ sich nicht lang bitten, als Goethe nach ihm rief: „Gegen 4 Uhr kam ein Bote, der mich ins Waldhorn eilends holte; ich lief stark dahin.“ Man zeigte dem hohen Gast den Gebäudekomplex mit dem herzoglichen Zucht-, Arbeits-, Toll- und Waisenhaus. Zu verdanken hatte Hartmann den Besuch des hohen Gastes aber hauptsächlich seinem Sohn Gottlob David. Der hatte früh eine vielversprechende Karriere als Philosophiepro­fessor eingeschlagen, war aber 1775 mit nur 23 Jahren gestorben. Goethe war wohl beeindruckt von dem jungen Denker, der sich mit Mühe aus den theologischen Klauen des Vaters befreit hatte.


Stadtführung (Teil 187): Des Herzogs Hündin

Von Miriam Hesse

Die Schnauze hat die Hündin brav auf die ausgestreckten Vorderpfoten gelegt. Aber ein wachsam geöffnetes Auge fixiert den Betrachter und funkelt ihm angriffslustig entgegen. Eberhard Ludwig hat offenbar keine Angst vor dem Wadenbeißer. Seine schwarz gestiefelten Beine hat er lässig leicht gebeugt. Im roten Rock mit üppigen Goldstickereien wirkt der Herzog von Württemberg auf dem Gemälde des Ludwigsburger Schlosses sehr zurückgelehnt – als verleihe ihm nicht nur der reiche Ordensschmuck an seiner Brust Sicherheit, sondern auch das Tier zu seinen Füßen. Etwas versteckt liegt es im Dunkeln, allzeit bereit für einen fiesen Überraschungscoup. Tatsächlich soll die Lieblingshündin des Herrschers ihn auf Schritt und Tritt begleitet haben und selbst nachts nicht von seiner Seite gewichen sein. Für sie lag neben seinem Bett angeblich immer eine prachtvolle Tigerdecke bereit. Das Schoßhündchen des Herzogs trug auf dem Halsband einen gefürchteten Namen: Mélac. Der General hatte im Auftrag von Ludwig XIV. mit seinen Truppen der französischen Rheinarmee auch die Württemberger in Angst und Schrecken versetzt. Während des Pfälzer Erbfolgekriegs von 1688 bis 1697 wütete der gefürchtete Mordbrenner, der auch Heidelberg und Mannheim in Brand stecken ließ und die Menschen ihrer Lebensgrundlage beraubte. Nicht eindeutig belegt ist der Bericht, dass er in Esslingen eine junge Pfarrerstochter vergewaltigt haben soll. Aber die Liste seiner Schandtaten ist lang genug. So war er mit seinen Leuten in Heilbronn stationiert und hatte von dieser Basis aus in Marbach, Schorndorf und Donauwörth schlimme Verwüstungen angerichtet. Sein Ruf eilte dem brutalen General nicht bloß voraus, er hallte auch lange nach. In der Pfalz und in Baden war es wohl noch bis ins 20. Jahrhundert üblich, nicht nur Bluthunde, sondern selbst zahme Hausmischlinge Mélac zu nennen. Lag's am Namen oder am Erscheinungsbild, dass die Württemberger beim Anblick von Eberhard Ludwigs schwarzem Vierbeiner zu Angsthasen wurden, die an das Märchen vom bösen Wolf glaubten? Im ganzen Land erzählte man sich jedenfalls, dass des Herzogs Hündin in Wirklichkeit ein gezähmter Wolf sei. Zu den Gruselgeschichten gehört folgende Anekdote: Am ersten Advent des Jahres 1721 legte sich Mélac vor der Predigt an den Altar, so dass der Hofkaplan das Gebet nicht verrichten konnte. Etliche Hofdiener brauchte es, um das Tier von seinem Platz zu vertreiben. Aufgescheucht flüchtete der Wolfshund zu den Bürgermeistern, die auf einer Bank saßen und „die er während der ganzen Predigt nicht verließ und durch sein Bleiben in wahre Todesangst versetzte“. Hatte er doch zuvor einem Jugendfreund des Herzogs ein Stück aus der Wange gebissen. In manchen Erzählungen aber kam Eberhard Ludwigs Leibwächterin auch gut weg. So wird auch eine rühmliche Tat von dem Tier berichtet. Als der Herzog bei Benningen einmal über den Neckar fuhr, fiel gleichzeitig das Kind einer Bauersfrau in den Fluss und wäre der Legende nach ertrunken. Doch Mélac sprang dem Kind nach und zog es an den Haaren heraus. Und vielleicht hätten es manche auch gerngesehen, wenn der Wolf einmal den Hirsch gepackt hätte, den der passionierte Jäger Eberhard Ludwig niemals zum Abschuss freigegeben hätte. Sein „Lisele“ genannter Lieblingshirsch soll in der Stadt frei herumgelaufen sein und zum Ärger der Bürger die Gärten „sehr verderbt“ haben.


Stadtführung (Teil 186): Holzweg zum Ziel

Von Christine Bilger

Auf dem Holzweg zu sein ist deswegen ein Irrweg, weil dieser meist unvermittelt im Dunklen endet – dort, wo man im Wald das Holz holt. Daher die Redensart. Einen neuen Holzweg für Ludwigsburg ließ der Herzog Carl Eugen im Jahr 1760 anlegen. Er führte nicht in die Irre, sondern schnurstracks geradeaus von Bissingen zur Hohenstange, die heute ein Stadtteil von Tamm ist. Dort mündete er in die Straße, die Ludwigsburg mit Bietigheim verband. Der Weg diente als Ersatz für eine alte Strecke, die ausgetreten war. Er führte deswegen von Bissingen her zur Straße, weil dort der nächstgelegene Holzgarten für die Ludwigsburger lag. So hießen die Orte, an denen das auf dem Wasser transportierte Holz gesammelt wurde. Dafür staute man den Fluss an dieser Stelle auf. Der Transport von dort nach Ludwigsburg war für die Fuhrleute ein einträgliches Geschäft. Erst für den Schlossbau, später als Brennmaterial für die Öfen der Porzellanmanufaktur wurden große Mengen benötigt.


Stadtführung (Teil 185): Des Königs Grabbeigabe der Metzger

Von Markus Klohr

Dass gut gemeinte Huldigungen einen seltsamen Beigeschmack haben können, weiß man in Ludwigsburg schon lange. So berichtet der Stadtchronist Albert Sting von einem Fall, der sich mit ein wenig journalistischer Zuspitzung als „Metzgerkranzaf­färe“ bezeichnen ließe. Einige Jahre nach dem Ersten Weltkrieg und dem Tod von König Wilhelm II. soll ein Ludwigsburger Metzgermeister gestorben sein – wir vermuten: eines natürlichen Todes. Leider stand der Innungsmeister mit leeren Händen am Grab, er hatte verschwitzt, einen Kranz zu bestellen. Prompt vereinbarte er mit dem Gärtner, dass jener beim nächsten Tode eines Meisters aus Ludwigsburg sogleich einen Kranz bereitzustellen habe. Dummerweise wurde wenige Jahre später ein neuer Innungsobermeister eingesetzt. Als dann das Unvermeidliche in Form eines toten Metzgermeisters über die Innung hereinbrach, stand dieser dann mit zwei Kränzen da. Wohlwollend und hierarchiebewusst wie die Fleischer damals waren, fand man eine Lösung. Man legte den überschüssigen Kranz auf das Grab des württembergischen Königs. Erst der Friedhofsverwalter brachte die treuen Seelen auf die Idee, dass die Botschaft auf ihrer Schleife dem toten König seinen Frieden rauben könnte: „Unserem lieben Kollegen – Die Metzgerinnung Ludwigsburg“.


Stadtführung (Teil 184): Schwarze stürmen Militärgelände

Von Lukas Jenkner

Helle Aufregung herrscht Ende Juli 1972 in der Krabbenlochkaserne, wo 600 amerikanische Soldaten stationiert sind, unter ihnen ein hoher Anteil Afroamerikaner. Was am 23. Juli 1972 dort geschehen ist, bleibt einige Tage unklar: Die farbigen Soldaten hatten sich während eines Manövers und auch danach in der Kaserne von ihrem Kommandeur, Oberst Robert Goode, diskriminiert und benachteiligt gefühlt. An jenem Sonntag brachen Handgreiflichkeiten aus, bei denen 26 Soldaten verletzt wurden und zwei von ihnen ins Krankenhaus gebracht werden mussten. 40 bis 60 Mitglieder von Black Power, der Bürgerrechtsbe­wegung der Afroamerikaner, heißt es in Zeitungsberichten, hatten dabei die Wache der Kaserne gestürmt, das Eingangstor besetzt und in Sprechchören gefordert, mit ihrem zuständigen General zu sprechen. Die Situation in den Tagen danach ist unübersichtlich: Gerüchte kommen auf, dass Gruppen farbiger Soldaten planen, ihre Proteste auf den Straßen Ludwigsburgs fortzusetzen. Die Militärpolizei rückt mit 150 Mann an, auch die deutsche Polizei wird alarmiert. Erinnerungen an den Sommer 1971 werden wach, als einige US-Soldaten sich in der Stadt strafrechtlich relevante Übergriffe geleistet hatten. Doch es bleibt ruhig. Eine Woche später wird deutlich, dass die Proteste zumindest teilweise berechtigt gewesen sind. Oberst Robert Goode wird von seinem Posten abberufen. Allmählich kehrt in die Kaserne wieder Ruhe ein, die Krawalle bleiben eine Angelegenheit der US-Streitkräfte. Die Ludwigsburger blieben von den Vorgängen unberührt.


Stadtführung (Teil 183): Ameisen auf Abwegen

Von Christine Bilger

Eisbären haben hier schon gestanden, Schrottautos mit gesellschaftskri­tischer Botschaft, und auch sonst Zierrat und Getier in vielerlei Gestalt. Die Gärtner aus Montbéliard überraschen die Ludwigsburger alle Jahre wieder, wenn sie die Grünflächen auf der Sternkreuzung mit Blumen und allerlei Drumherum dekorieren. Doch nur in einem Falle hat die Polizei wegen der von den Franzosen dort abgestellten Objekte eine Überraschung erlebt, nämlich als leblose Krabbeltiere das Laufen lernten. Im Jahr 2000 brachten die Franzosen hölzerne Blumen und Ameisen als Ausdruck der Sommerfreude. Und jenen Ameisen haben an lauen Frühlings- und Sommerabenden Tunichtgute in der Stadt Beine gemacht. Es heißt, im Rathaus seien bereits, als die Freunde aus Montbéliard mit den Kunstobjekten anreisten und sich anschickten, sie zu installieren, Wetten abgeschlossen, wann denn die ersten davon geklaut werden würden. Wer von den Mitarbeitern auf die Nacht vom 13. auf den 14. Mai getippt hätte, hätte gewonnen. In jener Nacht ertappten Beamte einer Polizeistreife zufällig drei Jugendliche im Alter von 15 und 16 Jahren dabei, wie sie sich beim Ameisenabtransport abmühten. Wobei es die jungen Delinquenten den Polizisten denkbar einfach machten, trugen sie ihre Beute doch genau gegenüber vom Polizeirevier vorbei. Als die Beamten nahten, flüchteten die Diebe und ließen die Ameisen zurück. Die Jugendlichen wurden aber noch erwischt, die Ameisen dank der Ordnungshüter ordnungsgemäß an ihren Platz zurückgebracht. Dort blieben sie auch stehen – vorerst. Denn im Juli meldete die Ludwigsburger Polizeidirektion einen weiteren Fall von Ameisendiebstahl. Dieses Mal blieb das Kunstobjekt verschwunden. Jede Ameise hatte damals einen Wert von 500 Mark.


Stadtführung (Teil 182): Autoritärer Vater

Von Miriam Hesse

Seine autoritäre Erziehung scheint wenig gefruchtet zu haben. Ein schlechtes Verhältnis soll der erste König von Württemberg insbesondere zu seinem ältesten Sohn gehabt haben. Damals noch Thronanwärter war Friedrich mit seinen Söhnen, dem achtjährigen Wilhelm und dem fünfjährigen Paul, nach Ludwigsburg übergesiedelt. Seinem Wunsch entsprechend bekamen die beiden traditionsbewusste Erzieher, die die detailverliebten und strengen Regeln des Vaters umsetzten. Überliefert sind Friedrichs pädagogische Anweisungen für seine Söhne während des Aufenthalts in der Barockstadt. Demnach mussten die jungen Prinzen täglich um viertel vor sieben aufstehen. Ordnung und Reinlichkeit hatten nicht nur in den Zimmern, sondern auch am Körper zu herrschen. „Ich habe zum Beispiel mit Mißvergnügen bemerkt“, wetterte der Vater erbost, „daß sie öfters mit schmutzigen Fingern, langen Nägeln, nicht geputzten Zähnen zu mir gekommen.“ Da dürfte auch indirekte Kritik an der Mutter Auguste mitgeschwungen haben, mit der Friedrich zu dieser Zeit nur noch Streit hatte. Was die Erziehung zur Reinlichkeit angeht, sei bei den Kindern „viel versäumt worden“, stichelte er und stellte einen Stundenplan auf, der kaum Freiraum ließ. „Im Anschluß an das Ankleiden folgt das Gebet, das laut zu sprechen ist.“ Nach dem Frühstück wurde gebüffelt – unter anderem beim Pfarrer. Danach kamen die Schreibstunde, der Spaziergang „bei jedem Wetter“ und wieder Lesen und Auswendiglernen. Nach dem Nachmittagsun­terricht immerhin durften Wilhelm und Paul spielen, „doch sollte der Älteste Sohn allmählich den gar zu kindlichen Spielen entwöhnt werden“. Auch das Abendessen stand unter Aufsicht: „Bei der Tafel und auch zu anderer Zeit soll sorgfältig auf die Gespräche geachtet werden, damit die Kinder nicht Kenntnis von Dingen erhalten, die ihrem Alter nicht entsprechen, die ihnen schädlich sind.“ Auf rebellische Gedanken muss der spätere Wilhelm I. also wohl von ganz allein gekommen sein. Als er als 18-Jähriger aus Württemberg fliehen wollte, ließ ihn sein Vater vorübergehend in Arrest nehmen. Wie sorgfältig Friedrich seine Worte auswählte, nachdem er ein Jahr zuvor im Zimmer des Sohnes pornografische Schriften entdeckt hatte, ist nicht bekannt.


Stadtführung (Teil 181): Wo die Trauben reifen

Von Kathrin Haasis

Einst reichten die Reben in Ludwigsburg bis an den Unteren Schlossgarten heran, heute erinnern nur noch die Straßennamen an frühere Weinberge. Imbröder, Neuhalde und Reichertshalde hießen die Lagen damals. 30 000 Liter Wein sind im Jahr 1751 aus den dort gewachsenen Trauben produziert worden. So begehrt waren die Früchte, dass drei Weinbergshüter beschäftigt wurden, um auf die Reben in der Favorite, im Imbröder und im Täle aufzupassen – Tag und Nacht. Und auch Herzog Friedrich, später der erste König von Württemberg, fand offenbar Gefallen am Weinbau: Im unteren Schlossgarten wurde 1799 auf seine Anweisung hin ein bestehender Weinberg instand gesetzt und erweitert. Sogar ein rundes Weinberghäusle ließ er sich in den Park bauen, dessen Decke mit Weinranken bemalt wurde. Vielleicht war das Klima an der Stelle nicht das beste oder die Fläche wurde anderweitig gebraucht, spätestens um 1830 sind die Weinberge an der Stadt ganz aufgegeben worden. Heute wachsen nur noch in den Stadtteilen Hoheneck, Neckarweihingen und Poppenweiler Reben. Die Lagen sind im 1961 rechtsgültig gewordenen Rebenaufbauplan vom Stuttgarter Regierungspräsidium und den jeweiligen Kommunen bestimmt worden. Immerhin 46 Hektar umfasst die Weinanbaufläche auf Ludwigsburger Gemarkung, bei mehr als der Hälfte davon handelt es sich um Steillagen. Vor allem in Hoheneck kommen die Wengerter bei der Arbeit im Weinberg ins Schwitzen, von den 20 Hektar dort befinden sich fast 19 am Hang. In dem Stadtteil sollen die Burgherren laut Ortsbuch mindestens seit dem 13. Jahrhundert Weinanbau betrieben haben. In Poppenweiler werden auf zehn Hektar Trauben angebaut, in Neckarweihingen auf knapp 16 Hektar. Neckarhälde heißt die Ludwigsburger Lage, in Hoheneck kommt der Obere Berg dazu. Ein Weingut im klassischen Sinn gibt es in der Stadt allerdings nicht. Die Herzöge von Württemberg haben zwar ihre Hofkammer 1981 von Stuttgart nach Ludwigsburg verlagert. Früher wurde der Wein zuerst in Stuttgart-Untertürkheim, dann im Alten Schloss gekeltert. Ein Neubau wurde für die Kelter in den Park von Schloss Monrepos gestellt. Aber über Weinberge verfügt die adlige Familie in der Stadt nicht, die liegen zwischen Heilbronn und Stuttgart-Untertürkheim verstreut. Der Wein von der Ludwigsburger Neckarhälde wird vor allem von der Genossenschaft in Marbach ausgebaut. Trollinger und Riesling haben die Weingärtner von der Ludwigsburger Neckarhälde im Programm. Das Weingut Graf Adelmann in Kleinbottwar produziert einen Trollinger aus Hoheneck. In Hoheneck selbst wird die Kelter, in der ansonsten der Verein Kultur Alt-Hoheneck Programm macht, von zwei Hobbywinzern in Anspruch genommen – vor 30 Jahren sollen es noch rund 15 gewesen sein. Die Geräte dafür sind alle vorhanden. Sie produzieren ausschließlich für den eigenen Keller und vielleicht den Freundeskreis. Ein richtiges Ludwigsburger Eigengewächs hat Christian Kopp im Programm. Der Landwirt gründete in Neckarweihingen einen Weinbaubetrieb, seine Tropfen werden auch bei der gerade eröffneten Weinlaube auf dem Rathaushof ausgeschenkt. Eine Sonderabfüllung von der Ludwigsburger Neckarhälde für das Fest ist im Zelt der Prädikatsweingüter (VDP) im Angebot: Trollinger mit Lemberger und Trollinger Weißherbst. Zur Liga der VDP-Betriebe gehört Christian Kopp jedoch eigentlich nicht, er beackert nur 30 Ar. In seiner Familie wird seit Generationen Weinbau betrieben, mit der Gründung der Genossenschaft in Marbach in den 1960er Jahren wurden die Kopps ebenfalls Mitglied. Zwei von ihren 25 Hektar sind mit Reben bepflanzt, die Familie baut noch Äpfel und Himbeeren, Getreide und Kartoffeln an. Aus Trollinger, Lemberger und Spätburgunder macht der Grünen-Stadtrat Christian Kopp Ludwigsburger Wein.


Stadtführung (Teil 180): In der Wagnerei Tafelmaier lief es rund

Von Carola Stadtmüller

Gemütlich ging es zu in der Unteren Stadt. Dort im Täle standen und stehen die Häuser nicht so akkurat wie in der gerade strukturierten Oberen Stadt. Und die Handwerker, die dort wohnten, hatten es auch gemütlich. Daran erinnert sich Gertrud Tafelmaier noch. Sie hat in die ehemalige Wagnerei eingeheiratet, deren Tradition bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts zurückreicht. Um 1900 wurde sie gegründet. Wagner waren wichtige Handwerker in der Unteren Stadt. Sie stellten die Räder für die Fuhrwerke her, die nach und nach das Stadtbild der Residenzstadt prägten. Im Ludwigsburger Stadtmuseum kann man das Inventar dieser Werkstätten sehen. Geräte und Mobiliar, das von Generation zu Generation weitervererbt wurde und ein wertvoller Besitz war. Darunter sind auch Geräte aus der Wagnerei Tafelmaier – und einige Fotografien, die den Betrieb in der Reithausgasse zeigen. In den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts waren bis zu sechs Mann in der Wagnerei beschäftigt. „Das war dann schlagartig vorbei“, erinnert sich Gertrud Tafelmaier an Erzählungen. Der Gummireifen löste das Holzrad ab. Nur die Fuhrwerke aus der Landwirtschaft mussten noch einige Zeit weiterhin mit Holzrädern ausgestattet werden. Tafelmaiers waren aber nicht der einzige Betrieb, der mit Holz zu tun hatte. Gleich nebenan lag das Sägewerk und die Schreinerei Haas. Dort wurden die Holzstämme aus dem Wald hinverfrachtet, Bretter daraus gesägt – denn schon früh hatte die Schreinerei eine dampfbetriebene Sägemaschine – und die Bretter aufgestapelt. Nach und nach wurde das Holz dann verarbeitet. „Man hat eben zusammengeschafft“, erzählt Gertrud Tafelmaier. Das galt nicht nur für die Männer. „Ohne uns Ehefrauen wäre da nichts gelaufen“, sagt sie und lacht. Die Frauen haben allesamt im Betrieb mitgearbeitet, aber auch den Haushalt und die Kinder versorgt – und trotzdem war die ganze Familie stets versammelt. Es gab zur Mittagszeit ein warmes Essen auf den Tisch, bei dem eben auch der Vater dabei war. Auch wenn ihr Mann Heinrich aus gesundheitlichen Gründen schließlich die Werkstatt geschlossen hat. Manchen Auftrag hat er gleichwohl erledigt. Darunter war eine hochherrschaftliche Auftraggeberin, wie Pauline Fürstin zu Wied, die 1877 als Tochter des letzten württembergischen Königs geboren wurde. Die Prinzessin von Württemberg, die wegen ihrer volkstümlichen Art geschätzt wurde, später aber als NS-Anhängerin negative Schlagzeilen machte, hatte spezielle Wünsche. „Sie hat immer kleine Holzkisten bei uns bestellt. Das waren Maßanfertigungen“, erinnert sich Gertrud Tafelmaier. Die Zofe der königlichen Familie hat die kleinen Kisten dann abgeholt. Manchmal sei Pauline zu Wied, die bis ins hohe Alter die königliche Traberzucht Marienwahl leitete, sogar höchstpersönlich im grünen Jägerkostüm erschienen. Gebraucht hat sie die Kisten übrigens als sichere Verpackung für den Proviant, den sie bis zu ihrem Tod 1965 in die ehemalige DDR geschickt hat. Auf das solide Ergebnis des guten alten Handwerks aus der Ludwigsburger Unterstadt war eben Verlass.


Stadtführung (Teil 179): Die Armen zahlen Spatzensteuer

Von Miriam Hesse

Heutzutage sähen einige gern den Spitzensteuersatz für die Reichen erhöht. Früher hat es unter Eberhard Ludwig einen Spatzensteuersatz gegeben, der die Armen hart traf und irgendwann nurmehr der Finanzierung des Ludwigsburger Schlossbaus diente. Ursprünglich aber hatte der Herzog die Spezialabgabe 1719 als Strafe für mangelnden Einsatz gegen die schlimme Spatzenplage eingeführt. So war am 6. November zur Ausrottung der in der Masse schädlichen Vögel die Order ergangen, dass jeder erwachsene und mündige Bürger in den nächsten drei Jahren jährlich zwei Dutzend Spatzen auf dem Feld und auf seinen Gütern schießen solle. Andernfalls müsse er sechs Kreuzer pro Jahr zahlen. Als Beweis für die erfolgreiche Jagd mussten die Spatzenfüße abgeliefert werden. Den Untertanen passte die Verordnung gar nicht. Mancher Schultheiß versorgte sie mit heimlich vom Vorjahr aufbewahrten Spatzenfüßen. Die Förster hinwieder gerieten unter Beschuss, weil sie das Privileg genossen, im Wald ein Gewehr zu tragen. So kämen sie selbst nie auf die geforderte Spatzenzahl, schimpften die Bürger. Doch die Förster schossen zurück. Unter dem Vorwand der Spatzenjagd würden die Untertanen ständig mit Waffen im Wald herumlungern und das Wild stören, murrten sie. Deshalb folgte 1726 der Erlass, dass die Spatzenjagd den Förstern vorbehalten sei. Die anderen mussten trotzdem löhnen. Ob die Vogelplage durch die Steuer gebannt werden konnte, ist nicht überliefert. Der Herzog aber behielt die Sonderabgabe nachweislich bis zum Ende seiner Herrschaftszeit bei. Noch am 8. Januar 1733 wurden die Beamten in einem Schreiben wegen des „saumseligen Einzugs der Spazen Gelder“in den Senkel gestellt, Sie sollten diese eintreiben und bei der Bauverwaltung abliefern, zumal „die Baukasse von Geldmitteln völlig entblöst sei“.


Stadtführung (Teil 178): Der Experte für Bildung

Von Kathrin Haasis

Zwei Einrichtungen, ein Gründer: Erwin Ackerknecht hat 1946 in Ludwigsburg die Volkshochschule eröffnet. Als mittelloser Flüchtling war der Philologe nach dem Zweiten Weltkrieg in die Stadt gekommen. In Stettin hatte er bereits 1919 eine Volkshochschule gegründet, im Alter von 65 Jahren setzte er dann zu einer zweiten Karriere an: Als Ackerknecht erfuhr, dass Ludwigsburg eine Stadtbücherei aufbauen wolle, meldete er sich im Rathaus. Die Stadtverwaltung zögerte nicht und ernannte den Experten zum Leiter des Kulturamtes – mit dem Auftrag, neben der Bücherei auch eine Volkshochschule zu gründen. Im darauffolgenden Januar war es bereits so weit, sechs Vorträge standen auf dem Programm, einen über Goethes „Faust“ lieferte der Leiter selbst. Im nächsten Jahr hatte er bereits 22 Veranstaltungen zu bieten. Auch nach Marbach, Besigheim, Bietigheim, Kornwestheim und Markgröningen schickte er seine Dozenten. Und er ging auf die Bedürfnisse der Menschen ein: Als auswanderungswi­llige Besigheimer 1952 einen Englischkurs wünschten, kam er der Bitte sofort nach. „Wissen ist Macht – Bildung ist Glück“, hieß der Werbespruch für die Einrichtung. Schiller-Volkshochschule ist sie getauft worden, um den bildungspolitischen Anspruch und die Heimatverbundenheit auszudrücken. Dass die Stadt und der Landkreis eigentlich gar keine gemeinsame Sache machten, fiel jahrzehntelang nicht auf: Zwar hatten die Volkshochschulen schon immer einen getrennten Haushalt, doch mit Erwin Ackerknecht und seinem Nachfolger Karl-Heinz Schiller bis 1986 einen gemeinsamen Leiter und ein gemeinsames Programm. Mittlerweile spiegelt sich die Trennung im Namen der Bildungsinsti­tutionen wieder. Die Schiller-Volkshochschule ist in 35 Kommunen des Kreises, aber nicht in Ludwigsburg vertreten. Ihre 4300 Veranstal­tungen wurden im vergangenen Jahr von 42.300 Teilnehmern besucht. Die Volkshochschule Ludwigsburg hat 2008 rund 1600 Angebote gemacht und damit 20.000 Menschen angesprochen. Die jeweiligen Programme für das im September beginnende Wintersemester sind übrigens kürzlich erschienen.


Stadtführung (Teil 177): Rätselraten mit Hans Rosenthal

Von Kathrin Haasis

Otfried Ulshöfer wirkte von Anfang an siegesgewiss. „Oh, prima“, sagte der Oberbürgermeister nur, als seine Stadt auch die fünfte Frage richtig beantwortet hatte. Dabei ging es an diesem 22. Januar 1972 um eine große Sache: Ludwigsburg durfte in der Radiosendung „Allein gegen Alle“ antreten – beim Moderator Hans Rosenthal. Immerhin war die Sendung in den 1960er und 1970er Jahren, als die deutschen Wohnzimmer noch nicht vom Fernseher beherrscht wurden, etwa so wichtig wie heute „Wetten, dass…“. Eine einzelne Person durfte dabei einer Stadt fünf Fragen stellen, die in 15 Minuten beantwortet werden mussten. Zurzeit laufen die alten Aufnahmen im Deutschlandradio Kultur, am vergangenen Sonntag war die erste Runde zu hören, nächsten Sonntag, 9. August 2009, geht das Rätselraten auf UKW 87,9 MHz um 8.05 Uhr weiter. Otfried Ulshöfer hatte für den Wettstreit ums Wissen Verstärkung an der Seite, den Chefredakteur der Lokalzeitung und den Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer. Im Staatsarchiv und in den Gymnasium warteten an jenem Samstag viele Experten auf die Fragen von Karl Mack aus Bremen. Der Bundespostbeamte hatte bereits eine andere Stadt in die Knie gezwungen. Woher kommt laut Sage die dänische Nationalflagge, wollte er als Erstes wissen. „Sie ist vom Himmel gefallen“, antwortete Otfried Ulshöfer. Er wusste auch, was die Friesen dem Reichskanzler Otto von Bismarck zum Geburtstag schenkten: 101 Kiebitzeier. „Der Daumen geht nach oben“, berichtete Hans Rosenthal von der Reaktion der Jury. Dass in Norwegen das Rauchen beim Autofahren innerhalb von Ortschaften verboten ist, war den Ludwigsburgern ebenso bekannt wie Leon M. Boudecroix, der Erfinder des kussechten Lippenstifts. Und welche Melodie spielte der Astronaut Schirra in der Raumkapsel Gemini auf der Mundharmonika? „Nehmen wir mal an, es wäre ‚Jingle Bells‘ gewesen“, sagte der OB locker. Hans Rosenthal war beeindruckt: „Das ist eine Sensation!“, rief er. „Nach 13 Minuten und 56 Sekunden beendete Ludwigsburg das Ratespiel.“ Sensationell war auch die Gesangskunst auf dem Marktplatz: 6000 Menschen sollen dort gewesen sein, um die 15 gefragten Lieder zum Thema „Haus“ darzubieten, weil in der Stadt eine Bausparkasse sitzt. „Schaffe, schaffe, Häusle baue“ schallte es unter anderem bundesweit aus dem Radio oder „In meiner Badewanne bin ich Kapitän“. Nächsten Sonntag wird sich die Stadt den Fragen des Studenten Werner Müller aus Saarbrücken stellen, die Show ist am 19. Februar 1972 aufgenommen worden. Nach drei überstandenen Runden durften sich die Sieger übrigens „unschlagbare Rätselstadt“ nennen. Ob Ludwigsburg es geschafft hat, ist am 16. August im Radio zu hören. Aber das dürfte doch eigentlich keine Frage sein!


Stadtführung (Teil 176): Die brave Stute Helene

Von Miriam Hesse

Vor ihm sind die Untertanen in die Knie gegangen, unter ihm die Pferde. Friedrich I. Wilhelm Karl von Württemberg soll seine Mitmenschen nicht zuletzt mit seiner Körpergröße und seiner gewaltigen Leibesfülle beeindruckt haben. Auch der kleine große Napoleon hatte sich einer Anekdote zufolge angesichts des 200-Kilo-Schwergewichts erstaunt gezeigt, „dass sich die Haut überhaupt so weit ausdehnen kann“. Ein Gaul aber ist geduldig. In Freudental, unweit des eigens für seinen Bauch ausgesägten einstigen Jagdstands des Dicken, steht denn auch ein hohes steinernes Denkmal mit einer Widmung für Helene. Die weiße Stute war dem ersten württembergischen Königswürdenträger zeitlebens treu ergeben. Der Vater hatte dem Sohn das Tier vererbt. „Gebohren auf dem Dobel 1785, geritten von dem Herzog Friedrich Eugen und von dem König Friedrich, gestorben den 20. Mai 1812“, lautet die Kurzbiografie auf dem Stein, der als Andenken an die brave Helene an einer Wegkreuzung nahe dem jüdischen Friedhof in Freudental steht. Groß und stark soll das Pferd der Überlieferung nach gewesen sein. Musste es auch. Wie berichtet wird, war dem fülligen Friedrich das Aufsteigen aufs Pferd mühsam geworden und auch die Spezialkonstruktion einer Aufstieghilfe hatte bald ausgedient. Der Stallmeister soll es jedoch geschafft haben, die Stute so zu trainieren, dass sie in die Knie ging, wann immer der Herr aufsteigen wollte. Das klappte so gut, dass der Mächtige über die schlechte Nachricht tief betroffen war, die man ihm beim Aufenthalt in Freudental brachte: Helene sei schwer krank. Wer ihm als erster die Botschaft von ihrem Ende bringe, dem soll er gedroht haben, den werde er einkerkern. Als die Stute kurz danach endgültig alle Viere von sich streckte, traute sich keiner heraus mit der Sprache. Ein schlauer Gärtner aber überließ dem Herrn die Feststellung ihres Todes. „Sie frisst nicht, sie sauft nicht, sie schnauft nicht, Majestät“, sagte er. „Der Schimmel“, kombinierte der König, „ist ja tot.“ Ein Spottvers, weniger gegen das Ross als gegen den hohen Reiter, wurde noch im Nachhinein ins Grabmal graviert. „Oh Schimmel, kommst nicht in Himmel. Wird ein Frag sein: Kommt dein Herr drein?“


Stadtführung (Teil 175). Tod eines Basketballfans

Von Lukas Jenkner

Auch dies ist ein Stück Ludwigsburger Geschichte: am 21. Oktober 1990 nachmittags ist die Stimmung rund um das Basketballspiel der BG Ludwigsburg und dem SSV Ulm bereits reichlich aufgeheizt und nur ein großes Polizeiaufgebot verhindert, dass eine Gruppe von rund 20 jungen Leuten, die der Ludwigsburger Skinhead- und Hooliganszene zuzurechnen sind, ihr Ziel erreicht: Randale. Doch später, am Ludwigsburger Bahnhof, geschieht nichtsdestotrotz die Katastrophe. Aus der Mitte der Krawallmacher fliegt ein Molotowcocktail in die Menge der auf die S-Bahn wartenden Ulmer Fans. Eine 50 Zentimeter hoch Stichflamme und eine Feuerlache mit zwei Meter Durchmesser lösen Panik aus. Dabei stürzt ein 23 Jahre alter Mann auf die Gleise, direkt vor die einfahrende S-Bahn, und wird überrollt. Den „Molli“, wie es später im Prozess heißt, hatten die jungen Männer hinter der Musikhalle hergestellt. Zehn der Krawallmacher müssen sich im Sommer 1991 vor dem Stuttgarter Landgericht verantworten. Der ursprüngliche Vorwurf des Mordes lässt sich am Ende der mehrtägigen Verhandlung aber nicht mehr aufrechterhalten: Selbst der Staatsanwalt plädiert schließlich auf schweren Landfriedensbruch und fahrlässigen Tötung. Für viereinhalb und sieben Jahre müssen die beiden Haupttäter ins Gefängnis. Auch die Mittäter müssen bis auf einen, der mit Bewährung davonkommt, ins Gefängnis. Im November 1991 schließlich werden vom Amtsgericht sechs Mitläufer zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt.


Stadtführung (Teil 174): Turm mit Aussicht beim Salonwald

Von Christine Bilger

Der höchste im ganzen Land ist er in seiner Zeit gewesen, der Aussichtsturm auf der Karlshöhe. In ganz Württemberg fand sich im Jahre 1903, als das 43,5 Meter hohe Bauwerk fertiggestellt war, kein größerer Aussichtsturm. Ebenso vergeblich wie nach seinesgleichen suchte man seinerzeit nach dem edlen Spender, der mit seinen 30 000 Mark den von den Ludwigsburgern schon längst ersehnten Bau ermöglicht hatte. Das Geld ging an die Karlshöhe, verbunden mit der Bedingung, dass der sozialen Einrichtung ein unbeschränktes Verfügungsrecht für den neuen Turm eingeräumt werden sollte. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts hatten Leserbriefschreiber in der Ludwigsburger Zeitung mehrfach darauf gedrungen, die Anhöhe des Salonwaldes doch mit einem Aussichtsturm zu krönen. Das Geld dafür stand etwa fünf Jahre später, im Jahr 1902, dank des unbekannten Stifters dann zur Verfügung. Anfang Mai diskutierte das Komitee der Karlshöhe über den Turm, Ende Mai schon stellte die Karlshöhe einen Bauantrag, dem Pläne des Ludwigsburger Architekten Friedrich Haußer zugrunde lagen. Am 15. Mai 1903 war der Turm fertig. Der Bau kostete 27 571 Mark. 248 Stufen waren zu erklimmen, um das erhebende Gefühl des freien Blicks in die Landschaft zu genießen. Der Aufstieg sei – zumindest bis zur Höhe von 27,5 Metern, wo sich die Turmstube befand – nicht beschwerlich gewesen, da es unterwegs mehrere Ruhebänke gab. Oben angelangt, fanden die Aufsteiger unter den Ausflüglern eine Orientierungstafel und von 1908 an auch ein Fernrohr. Der gute Ausblick wurde während der beiden Weltkriege auch von den Militärs geschätzt. Sie nutzten den Salonturm als Beobachtungsposten. Im Jahr 1915 wurde dafür sogar ein Telefonanschluss installiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die Ludwigsburger noch zehn friedliche Jahre, um ihren Aussichtsturm aufzusuchen. Mit den Plänen für die Bundesstraße 27 war sein Ende besiegelt. Im März 1955 erfuhr der Ludwigsburger Gemeinderat, dass kein Weg an einem Abriss des Turmes vorbeiführte, der mitten auf der geplanten Strecke stand. Im Oktober des Jahres 1955 wurde der Turm abgerissen und verursachte ein letztes Mal Aufsehen. Die herabfallenden Turmteile waren zum Teil so schwer, dass durch die Wucht ihres Aufpralls auf dem Boden Wasser- und Gasleitungen beschädigt wurden.


Stadtführung (Teil 173): Der französische Nachbar

Von CHristine Bilger

Es hat eine Weile gedauert, bis sich die Nachbarn in Europa nach dem Krieg wieder annäherten. So war es auch zwischen Deutschland und Frankreich. Fünf Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges knüpften zwei Städte wieder zarte Bande, um vorbildlich verbunden in eine neue, friedensreiche Zukunft zu starten. Die älteste deutsch-französische Städtepartnerschaft besteht zwischen Ludwigsburg und Montbéliard. Allerdings hatten sich die Partner schon lange gekannt, bevor sie sich vertraglich anfreundeten. Rund 600 Jahre reichen die Wurzeln der Partnerschaft zurück, bis in das Jahr 1397. Ein bisschen Liebe, ein bisschen Politik, ein bisschen Pragmatismus mögen es gewesen sein, die einst den Grafen Eberhard von Württemberg und Henriette von Montbéliard einander näherbrachten. Und nicht nur diese beiden. Es prüften und banden sich im Zuge dieser Partnerwahl auch die beiden Nachbarn als Partnerländer. Die Beziehungen, die die Liaison nach sich zog, sind eng geblieben. Dafür gibt es hüben wie drüben kleine (Liebes-)Beweise. Künstler aus Frankreich verwirklichten ihre Ideen im Ludwigsburger Schloss, und der Baumeister Heinrich Schickhardt hinterließ seine Werke in Montbéliard. Bis zur Zeit der Französischen Revolution war ohnehin keine Grenzüberschreitung notwendig, da Montbéliard zum Herzogtum Württemberg zählte. Was die Nachbarn damals verband, dient für Christine Süß, die bei der Stadt Ludwigsburg die Städtepartner­schaften betreut, heute noch als Vorbild für den Austausch: „Immer das Beste aus der anderen Stadt fand seinen Weg über die Grenze“, sagt sie. Die Hilfe für die Nachbarn ließ ganz nebenbei im 16. Jahrhundert den wohl ältesten Studentenaustausch Europas entstehen. Montbéliard war aufgrund der engen Bindung an Württemberg protestantisch geprägt, Frankreich katholisch. Entsprechend waren die theologischen Fakultäten ausgerichtet. Die evangelischen Theologiestudenten aus Montbéliard wichen ins württembergische Tübingen aus. Der enge Kontakt riss ab, als die lange Reihe der Kriege begann, die das Land jenseits der Grenze für die Nachbarn zeitweise zum Feindesland machte. Die napoleonischen Kriege, der deutsch-französische Krieg und die beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert entzweiten die einst in Einigkeit lebenden Deutschen und Franzosen. Nur langsam legten sich über die Kriegswunden zarte verbindende Freundschaftsbande, allmählich jedoch verdrängte der hehre Gedanke der Versöhnung die Feindschaft. Dem alten Feindbild wollte man Positives entgegensetzen. In diesem Geiste besiegelten die beiden ehemaligen Residenzstädte württembergischer Herzoge, Ludwigsburg und Montbéliard, im Jahr 1950 ihre Freundschaft mit der ersten Städtepartner­schaft. Zwei Jahre zuvor war Ludwigsburg bereits zum Sitz des deutsch-französischen Instituts (dfi) auserkoren worden. Was mit einer Liebesbeziehung, eben jener zwischen Eberhard und Henriette, mehrere Jahrhunderte zuvor begonnen hatte, was die jungen Partner 1950 wieder wachküssten, dafür fand der französische Staatspräsident Charles de Gaulle zwölf Jahre später große Worte. Eine schwärmerische Liebeserklärung ist es geworden, welche er am 9. September 1962 an Hunderte junger Menschen richtete, und die nicht nur in Ludwigsburg nolange nachhallte: „Die Zukunft unserer beiden Länder, der Grundstein auf dem die Einheit Europas gebaut werden kann und muss, und der größte Trumpf für die Freiheit der Welt bleiben die gegenseitige Achtung, das Vertrauen und die Freundschaft zwischen dem französischen und dem deutschen Volk“, sagte er. Ein Jahr später schlossen Deutschland und Frankreich einen Freundschaftsver­trag, das deutsch-französische Jugendwerk entstand. Das feierte sein 25-jähriges Bestehen 1988 an zwei Orten, von denen einer die Stätte sein muss, an der de Gaulle 1962 zur Jugend beider gesprochen hatte: Ludwigsburg. Die Jugendlichen, die hier und in Paris feierten, erlebten das Fest einer ausgezeichneten Freundschaft: Im selben Jahr erhielten Montbéliard und Ludwigsburg den Adenauer-de-Gaulle-Preis.


Stadtführung (Teil 172): Historische Reklame als Geschäft

Von Verena Mayer

Am Anfang war die Verlegenheit. Detlef Berg benötigte ein Weihnachtsgeschenk für seine Gattin – und befand die Replik eines Reklameschildes für passend. Dann kam die Gelegenheit. Detlef Berg entdeckte auf einem Flohmarkt ein original-altes Reklameschild  – und schlug zu, für 150 Mark. Dann kam die Verwegenheit. Detlef Berg, der seit jenem Flohmarktfund noch öfter ein kleines Vermögen für nostalgische Reklame ausgegeben hatte, beschloss, seine Leidenschaft zum Beruf zu machen: in der Solitudestraße 42 eröffnete er seinen Laden – Phoenix. Zehn Jahre ist das jetzt her, dass Detlef Berg seine solide Stelle als Industriekaufmann aufgegeben hat. Eben für Schilder, für ein ausrangiertes Boxauto, eine nicht mehr benötigte Parkuhr oder den knallroten Kühlschrank aus Stahlblech, der ein halbes Jahrhundert lang in der Kantine der Porzellanmanufaktur Seltmann Weiden schnurrte, ehe die Kantine aufgelöst wurde. Der Direktor aus der Oberpfalz rief den Chef im Schwäbischen an – und seither bringt der knallrote Kühlschrank Detlef Berg zum Schnurren. „Wer ‚crazy antiques‘ verkauft, muss selbst auch ein bisschen verrückt sein“, sagt Detlef Berg, der auch ziemlich geduldig sein muss. Weil es nicht so leicht ist, die Kuriositäten zu finden. Schließlich werden keine mehr hergestellt, und dass Berg in einem Haufen vermeintlichen Sperrmülls einen Haufen Original-Werbetafeln von Bosch und Optimus findet, kommt nur selten vor. Oder dass er in einer zu räumenden Garage über eine Jukebox oder eine Zapfsäule stolpert. Deshalb muss ein professioneller Sammler wie Detlef Berg ziemlich viel unterwegs sein. Auf Antik-Börsen, im Internet und in Zeitschriften. „Verkaufen ist leichter als Einkaufen“, sagt Berg, der auch ziemlich humorvoll ist. Zumindest hat er lachen müssen, als vor Jahren eine betagte Dame in einem betagten Sessel Platz nahm und um Schuhberatung bat. Dabei handelte es sich bei dem Möbel um einen ehemaligen Frisierstuhl. Laut Detlef Berg ist sein Phoenix eines von nur vier Geschäften dieser Art in Deutschland. Seine Kundschaft kommt dafür aus ganz Europa. Manchmal aber ist der Chef auch sein eigener Kunde. Den geschätzten Schätzen gibt er in seiner Wohnung eine ewige Heimat. Die befindet sich in dem roten Backsteinhaus über dem Laden.


Stadtführung (Teil 171): Ein Appetithäppchen zur Hochzeit

Von Miriam Hesse

Romantische Sehnsucht haben die Hochzeiten der Adelsleute meist nur vordergründig befriedigt. Als Carl Eugen und seine Elisabeth Friederike Sophie von Brandenburg-Bayreuth 1748 frisch vermählt in Ludwigsburg eintrafen, wussten wohl alle: hier ging es nicht um das Glück des Paares, sondern um ein politisches Geschäft, das die Verbindung von Württemberg und Brandenburg besiegelte. Mit seiner Gattin konnte sich der Herzog in jeder Hinsicht blicken lassen. Das „sicherlich schönste Kind in Europa“ soll sie dem Augenzeugen Voltaire zufolge gewesen sein, ein Appetithäppchen ersten Ranges also – wie die jugendliche Habsburgerin Marie Antoinette, die aus Machterhaltun­gsgründen 1770 in ihren ausladenden Kleidern als zuckriges Petit Four dem französischen Dauphin Ludwig angetraut wurde. Andere führen strategische Kriege, Österreich heiratet, hieß das geflügelte Wort. Die französischen Revolutionäre dagegen legten der unglücklichen Marie andere Spottworte in den vollen Mund: „Wenn das Volk kein Brot hat, soll es Brioche essen.“ Als weniger angedichtet gilt dagegen der arrogante Ausspruch von Carl Eugens schöner Elisabeth. Als das Paar am 12. Oktober 1748 mit einem gigantischen Festzug in Stuttgart ankam, sollen Wengertermädle mit Blumen und Trauben in Händen auf den Wagen der jungen Herzogin zugehüpft sein. Die Blaublüterin ließ die freudige Erregung nicht nur kalt, sie war davon regelrecht abgestoßen. „Carl“, stöhnte sie, „was will das Geschmeiß?“


Stadtführung (Teil 170): Die glücklosen Azzurri im Monrepos

Von Miriam Hesse

Die Deutschen haben bei der Weltmeisterschaft 1974 ihren Heimvorteil ausspielen können. Den italienischen Nationalkickern brachte ihre hübsche Unterkunft hinwieder kein Spielerglück. Dabei logierten die dunkelhaarigen Machomänner quasi luxuriöser als im Hotel Mamma. Während die Brasilianer für die Dauer des Turniers im Schwarzwald residierten, die Schotten ein günstig gelegenes Quartier in einer alten Mühle fanden und Uruguay sowie Haiti spartanisch in Sportschulen untergebracht waren, wählten die Italiener das edle Schlosshotel Monrepos. 300 Zaungäste, darunter viele Gastarbeiter, empfingen die Hoffnungsträger am 9. Juni 1974 an ihrer Residenz auf Zeit. Ludwigsburger Porzellan gab?s als Vorschusslorbeeren und ein Spielmannszug rückte an. Die Spielermänner aus dem Süden aber kamen bei dieser WM nicht so recht zum Zug – obwohl sie um den idyllischen Monrepossee beim Angeln gesichtet wurden. In aller Frühe und Stille reiste das als Favorit gehandelte Team viel früher als erwartet wieder ab, bereits nach der ersten Finalrunde. Für die WM 2006 hatten die Italiener übrigens noch einmal erwogen, im Monrepos abzusteigen – und sich dann doch für Duisburg entschieden.


Stadtführung (Teil 169): Das erste Haus der First Lady

Von Verena Mayer

So ganz genau weiß man es nicht. Und ganz genau wird man es wahrscheinlich auch nie wissen. Aber es spricht einiges dafür, dass an dem Ort, der heute die Adresse Hungerberg 4 in Hoheneck trägt, Eva Köhler zur Welt gekommen ist, die Gattin des Bundespräsidenten. Bis vor kurzem war der Hungerberg 4 das mutmaßlich hübscheste Hotel der Stadt. Am 2. Januar anno 1947 jedoch befand sich in dem Gebäude das Geburtshaus der Bad Cannstatter St.-Anna-Klinik, die nach dem Zweiten Weltkrieg vorübergehend in Hoheneck untergebracht war. Und weil Eva Köhler in Hoheneck zur Welt kam, ist es zu 99 Prozent wahrscheinlich, dass der heutige Hungerberg 4 das Geburtshaus der First Lady ist, mutmaßt Heinz Mutschler, dem das Haus heute gehört und der es mit seiner Frau Heiderose zu dem gemacht hat, was er heute ist: ein kleines Paradies. Begründet wurde es anno 1916 als Kurhaus am Heilbad mit Gartenwirtschaft und Café. Während des Zweiten Weltkrieges dient es als Lazarett und danach als Unterkunft für eben jene St.-Anna-Klinik aus Bad Cannstatt. 1966 übernahmen es schließlich die Mutschlers. Er war der frisch geprüfte Küchenmeister, sie die verlobte Diätassistentin – und gemeinsam waren sie die Unzertrennlichen, denen das Hotel samt Restaurant und dazugehörigem Café zum Ein und Alles wurde. Hochzeiten, Taufen, Geburtstage und Trauerfeiern fanden hier statt; Geschäftsleute wurden beherbergt, Fußballspieler, Sänger wie Drafi Deutscher logierten hier ebenso wie der Schauspieler Willy Millowitsch. Heute beherbergt es in seinen 15 Zimmern oberhalb der Uferstraße nur noch Heiderose und Heinz Mutschler. Mit fast 70 führt sich ein Hotel noch etwas anstrengender als früher. Nun hoffen die Mutschlers auf einen Käufer, der das Hotel so liebt wie sie. Vielleicht schaut eines Tages noch Eva Köhler vorbei. Denn selbst falls sie nicht hier zur Welt gekommen ist – am Hungerberg 4 möchte wohl jeder gerne geboren sein. Und vielleicht sogar begraben.


Stadtführung (Teil 168): Der erste Schulmeister

Von Lukas Jenkner

Als am Schloss bereits munter gebaut wurde und auch das Städtchen Ludwigsburg ganz frisch erblühte, da stellte sich bald die Frage nach einer Schule. Anfänglich waren die kleinen Ludwigsburger noch in die umliegenden Dörfer wie Oßweil und Eglosheim gegangen, doch das war auf Dauer keine Lösung. Auch hier schuf Eberhard Ludwig mit herzoglicher Nonchalance Fakten: 1711 erhielt Richard Boklet, ein Ordensgeistlicher, die Erlaubnis, in Ludwigsburg zu unterrichten, übrigens vom Herzog selbst und ohne die entsprechende Legitimation kirchlicherseits, wie dort spitz vermerkt wurde. Mit 14 bis 15 Kindern im Alter von sechs bis neun Jahren startete Boklet den Unterricht, wie der Stadthistoriker Albert Sting herausgefunden hat. Die Umstände waren wenig erbaulich: Ein eigenes Schulhaus gab es lange nicht, des Ausweichquartiers im rechten Flügelbau des Schloss ging man bald verlustig, weil der Flügel im Zuge der Neugestaltung der Schlossanlage abgerissen wurde. Danach wurde es nicht besser: In der nächsten Unterkunft, einem Häuschen hinter dem Waldhorn, pfiff der Wind durch alle Ritzen. Ob dies an der Gesundheit des ersten Ludwigsburger Schulmeisters gezehrt hat, ist nicht bekannt. 1717 jedenfalls starb Richard Boklet.


Stadtführung (Teil 167): Feier für Schiller

Von Kathrin Haasis

Ein so wichtiges Datum konnte nicht nur Marbach und Stuttgart überlassen werden: Am 10. November 1859 erwiesen auch die Ludwigsburger ihrem Dichter Friedrich Schiller die Ehre – mit viel mehr Aufwand als heutzutage. Zu seinem 100. Geburtstag erklang morgens ein Choral vom Turm der Stadtkirche. Das Lyzeum und die Realschule veranstalteten eine Schulfeier. Und abends um 19 Uhr wurde, wie in Stuttgart und an anderen Orten, auf dem Römerhügel ein Freudenfeuer entzündet. Am 11. November fuhr ein Extrazug mit Festgästen um 8.30 Uhr in Stuttgart ab. Sie wurden am Bahnhof vom Schultheiß Karl Friedrich Bunz begrüßt. Dann marschierte der Tross mitsamt dem Schützencorps, dem Männergesangverein, dem Turnverein und den Schiller-Verehrern bis zur Wilhelmstraße 17, wo der Dichter von 1793 bis 1794 gewohnt hatte und wo sein erster Sohn geboren wurde. Der Lateinschule wurde noch ein Besuch abgestattet. Vom Kaffeeberg aus fuhr die Gesellschaft schließlich nach Marbach weiter. Der Rest vom Fest zog vor das Rathaus. Abends gab es Musik vor dem Schillerhaus, das mit bengalischen Flammen erleuchtet war.


Stadtführung (Teil 166): Edelmetall für den Fürstenhof

Von Carola Stadtmüller

Es sind 48 Seiten mit 750 Abbildungen von Konditorei-, Bäckerei-, Großküchen-, Fleischerei-, Molkerei- sowie allgemeinen Haus- und Küchengeräten: so umfangreich war der Spezialkatalog der Firma Kallenberg und Feyerabend von 1952. Die Ludwigsburger Blechwarenfabrik war in den 50er Jahren nicht nur auf dem modernsten Stand der Technik, sondern hatte auch eine 175-jährige Tradition in der Produktion von Blech- und Zinngeschirr mit im Gepäck. Im 18. Jahrhundert hatten die prunksüchtigen Herren bei Hofe mit großer Vorliebe aus silbernem Tafelgeschirr gespeist. Aber schon die einfacheren Hofleute mussten ihr Essen vom Zinnteller genießen. Umso größer war die Nachfrage nach guten und zugleich erschwinglichen Zinn- und Kupferwaren. Nachfrage kurbelt das Geschäft an, das war schon im 18. Jahrhundert so. Und so wurden viele gute Metallarbeiter nach Ludwigsburg gelockt. Zwei davon blieben: der Kupferschmied Christian Friedrich Bührer und der Zinngießer Christoph Kallenberg, die mit ihren Werkstätten den Grundstock für Betriebe legten, die bis ins 20. Jahrhundert Bestand hatten. Christoph Kallenberg ließ sich 1770 in der Stadt nieder. Er brachte es zum Hofzinngießer und begründete darüber hinaus eine ganze Dynastie von Metallhandwerkern. Stattlich war die Belegschaft von Kallenberg und Feyerabend – so der spätere Name – bis 1910 auf mehr als 60 Mitarbeiter angewachsen. Auch die Nachkommen des Firmengründers hatten ein glückliches Händchen: Als die Blütezeit des Zinnhandwerks vorüber war, setzte der Enkel, Louis Kallenberg, auf die Maschinenproduk­tion. Er gründete 1851 eine Fabrik für Blech-, Eisen- und Drahtwaren und begann mit der Herstellung von Haushaltswaren aus verzinntem Blech. Aus dem Einzelstück war in nur 70 Jahren Massenware geworden. Noch in den 1950er Jahren produzierte das Unternehmen in der Solitudestraße 46 in Ludwigsburg mit 70 Arbeitern und 20 Angestellten Blechwaren. 1957 wurde die Produktion eingestellt.


Stadtführung (Teil 165): Skulpturen in der Stadt

Von Kathrin Haasis

In Zeiten der Wirtschaftskrise bietet sich an der Pfarrgartenmauer bei der Ludwigsburger Stadtkirche ein tröstlicher Anblick: „Der Träumer“ heißt die Skulptur von Michael Plaetschke. Ein Mann liegt dort auf einer Bank, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, er scheint aus dem Stein heraus- oder in ihn hineinzuwachsen. Dieser Träumer hat jedenfalls keine Eile und offenbar auch keine Sorgen. „Ohne Traum geht nichts, ohne ihn verliert die Gegenwart an Substanz und das Individuum verkommt zur Funktion“, sagte der Bildhauer zu seinem Werk. Ohne Traum ist das Leben nicht erträglich, weil der Mensch dann zur Maschine wird, könnte eine Übersetzung dieser Worte lauten. Einen Glücksfall nennt Christian Rehmenklau, Mitautor des Ludwigsburger Kunstführers, den Standort der Skulptur am nördlichen Stadtkirchenplatz. "In der barocken Stadt ist dies die Stelle mit dem einzigen sichtbaren Innenstadtgarten, nur hier unterbricht das Grün die Häuserfronten?, schreibt er. 1979 hat Michael Plaetschke den Träumer bereits in Stein gemeißelt, sieben Jahre später wurde er an die Pfarrgartenmauer angebracht. Der in Rottenburg lebende Künstler steuerte sie zur Ludwigsburger Freilichtgalerie bei. Lange vor dem sich aktuell durch die Stadt ziehenden Skulpturenpfad hat es in Ludwigsburg regelmäßig solche Veranstaltungen gegeben. Mitte der 1980er Jahre, als die Kirchstraße zur ersten Fußgängerzone der Innenstadt wurde, fand die erste Freiluftgalerie statt, die künftig Kunstverein und städtisches Kulturamt gemeinsam organisierten. Der Standort variierte, 1991 stellte beispielsweise Patricia Waller zwei Belchlilien auf der Königsallee zwischen Schloss und Forum aus. Der jetzige Skulpturenpfad ist allerdings größer und mit renommierteren Künstlern angelegt: Er beginnt an der Myliusstraße und endet bei der siebten Station vor dem Schloss.


Stadtführung (Teil 164): Entwürdigender Spießrutenlauf

Von Lukas Jenkner

„Ich bin eine ehrlose Frau“, steht auf dem Schild, das Margarete Tietze (Name geändert) am 6. Juni 1941 um den Hals tragen muss, ebenso wie ihre Freundin. Zuvor sind die beiden Frauen verhaftet und in einen Raum ihrer Firma, bei der sie beschäftigt sind, geführt worden. Dort schor ein Friseur ihnen die Haare ab. Der Grund für diese Strafaktion: Die beiden sollen mit französischen Kriegsgefangenen mehr als nur geliebäugelt haben. Richard Aeckerle, der Kreisleiter der Deutschen Arbeitsfront, einer Nazi-Organisation, sieht offenbar die Zeit für ein Exempel gekommen: Die beiden Frauen sollen, kahl geschoren und mit den Schildern um den Hals, durch Ludwigsburg marschieren. Doch zunächst einmal wird Margarete Tietze ohnmächtig, als sie von Aeckerles Ansinnen erfährt. Ein Eimer Wasser bringt die Frau wieder zu sich, danach geht es tatsächlich über den Bahnhof am Arsenalplatz vorbei bis zum Ludwigsburger Marktplatz, durch Reihen mehrerer Dutzend Schaulustiger, die offenbar eigens zu diesem geschmacklosen Spießrutenlauf delegiert worden sind. Auf dem Marktplatz erfährt dann der Oberbürgermeister Karl Frank von dem Treiben und setzt ihm ein Ende. Sieben Jahre später, Aeckerle sitzt im Internierungslan­ger, muss sich der Nazi-Scherge vor Gericht verantworten und offenbart, dass er nichts dazu gelernt hat: Das Treiben der Frauen sei ein Ärgernis und ein Ausdruck ?animalischen Trieblebens? gewesen, das man habe unterbinden müssen – übrigens auf Befehl. Er, sagt Aeckerle, sei immer nur das Werkzeug der Gestapo gewesen. Das war indes nicht die ganze Wahrheit: Tatsächlich hatte sich Aeckerle während des Dritten Reiches durch regelmäßige Hetztiraden hervorgetan und Angestellten und Arbeitern, die mit jüdischen Frauen verheiratet waren, ständig Schwierigkeiten gemacht. Nach der Befreiung vermerkte ein Mitarbeiter der US-Militärregierung in der Ermittlungsakte von Richard Aeckerle, dieser sei ein „Big Nazi“, ein großer Nazi. Von der Entnazifizierun­gskammer wird Aeckerle im Juni 1948 tatsächlich zu fünf Jahren Arbeitslager verurteilt. Der Spruch hat allerdings nicht lange Bestand, Aeckerle legt Berufung ein und erreicht tatsächlich eine geringere Strafe: Im Juni 1949 kommt er wieder frei. Danach streitet er noch jahrelang mit dem Justizministerium um die 500 Mark Sühne, die er zahlen soll. 1953 werden ihm auch diese erlassen. Die beiden Frauen, die Aeckerle am 6. Juni 1941 öffentlich gedemütigt hatte, sind dafür hingegen nie entschädigt worden.


Stadtführung (Teil 163): Aufstieg und Fall des Stukkateurmeisters Donato Giuseppe Frisoni

Von Lukas Jenkner

Das Schloss sowieso, aber auch der Marktplatz mit der Stadtkirche, überhaupt die Topografie des heutigen Stadtkerns und vor allem auch das so typische, zweigeschossige Ludwigsburger Haus, das die Altstadt optisch bis heute prägt: All dies ist mit vielen Namen, vor allem aber mit einem verbunden – Donato Giuseppe Frisoni. Als Stukkateurmeister kam der Italiener nach Ludwigsburg, hier brachte er es bis zum Landbaudirektor und leitenden Architekten für den Bau von Schloss und Stadt Ludwigsburg. Doch als er 1735 starb, wurden zum letzten Geleit nicht einmal die Kirchenglocken geläutet. Die Intrigen nach dem Tode des Herzogs Eberhard Ludwig und das Antritts Herzogs Carl Alexander hatte Frisoni nicht unbeschadet überstanden. Geboren wurde Donato Giuseppe Frisoni 1683 im italienischen Laino am Comer See. 1709 wirkte er in Prag als Stukkateur und hatte sich ein Renommee erarbeitet, von dem sich der Ludwigsburger Schlossbaumeister Johann Friedrich Nette einiges versprach, als er Frisoni in diesem Jahr nach Ludwigsburg holte. Zu Recht, hat der italienische Historiker Remo Boccia befunden, der sich den italienischen Künstlern am württembergischen Hof intensiv beschäftigt hat: Frisonis Ruf in die eigentlich noch gar nicht vorhandene Stadt sei ein unschätzbarer Dienst gewesen. Dabei muss allerdings auch geschrieben werden, dass Frisoni, nachdem er 1715 der Nachfolger des einem Schlaganfall erlegenen Nette geworden war, seine herausgehobene Position nicht nur für sich, sondern auch für seine Familie und viele Bekannte durchaus zu nutzen verstand. Während der Zeit des Schlossbaus, hat der Stadthistoriker Albert Sting festgestellt, zählte Frisoni zu den wohlhabendsten und einflussreichsten Männern in Ludwigsburg. Dies galt auch für Paolo Retti, einem Neffen Frisonis. Retti war einer von vier Söhnen von Lorenzo Mattia Retti, einem Schwager Frisonis. Von den Söhnen gelangten drei sogleich in verantwortungsvolle Positionen, der vierte machte später an den Höfen von Württemberg und Brandenburg-Ansbach glänzend Karriere. Doch wie so oft in der Historie ging die Geschichte übel aus. 1733 starb Eberhard Ludwig, und in den anschließenden Machtkämpfen zogen Donato Giuseppe Frisoni und Paolo Retti den Kürzeren. Die beiden Italiener wurden eingekerkert, ihre Gegner reichten Klage ein wegen Unterschlagung und unrechtmäßigem Reichtum ein. Zu selbstherrlich offenbar hatten Frisoni und Retti das Ludwigsburger Baugeschäft betrieben. Immerhin, die Prüfung der Sachlage ergab keine schwerwiegenden Verfehlungen. Die beiden wurden freigelassen, doch Donato Giuseppe Frisoni starb 1735 kurz nach seiner Rehabilitierung. Offenbar hatte ihm die Haft schwer zugesetzt. Ein Ersuchen Paolo Retti, zur Überführung des Leichnams die Glocken der Stadtkirche läuten zu lassen, fand kein Gehör. Im Machtgefüge unter dem neuen Herzog Carl Alexander hatte der Baumeister und Unternehmer keine guten Karten mehr.


Stadtführung (Teil 162): Zuflucht für Heimatvertriebene

Von Ludwig Laibacher

Was haben Sigmund Freud und Gregor Mendel gemeinsam? Es ist nicht überliefert, ob sich der Erfinder der Psychoanalyse und der Vater der Vererbungslehre je begegnet sind, aber beide sind im „Kuhländchen“ im östlichen Sudetenland geboren. Und nur wegen dieser Herkunft, nicht etwa wegen ihrer Leistungen für die Medizin und die Botanik, sind in Ludwigsburg Straßen nach diesen Herren benannt. Die Gregor-Mendel-Straße gibt es seit 1965, Sigmund Freud kam 1972 dazu. Die Ludwigsburger dokumentierten damit ihre besondere Verbundenheit mit dem Kuhländchen genannten Landstrich im Sudetenland. Wiederholt hatten sich die Landsmannschaften in der Barockstadt getroffen. Dass daraus eine tiefergehende Patenschaft wurde, ist Waltraud Zips zu verdanken, die nach dem Krieg in Ludwigsburg eine neue Heimat gefunden hatte. 1962 wurde in einer Urkunde besiegelt, dass Ludwigsburg allen von dort Vertriebenen „zur Stätte für die Pflege ihres überlieferten Kulturguts“ und zu einem Zentrum für die Erinnerung an die alte Heimat werden sollte. Die Landsmannschaft hat seit 1971 ihr Domizil im Torhaus an der Stuttgarter Straße. Der Name Kuhländchen leitet sich vom Umstand ab, dass in der Gegend, in der Futterpflanzen wie Rotklee hervorragend gediehen, seit 1700 auch erfolgreich Rinder gezüchtet wurden: „Das Vieh war rotbraun, vielfach mit weißem Abzeichen, genügsam, gesund und widerstandsfähig“, heißt es.


Stadtführung (Teil 161): Straße für Nazi-Widerständler

Von Markus Klohr

Nein, ein überzeugter Demokrat soll er nicht gewesen sein. Ein Kommunist oder Anarchist schon gar nicht, viel eher galt Cäsar von Hofacker als gemäßigter Nationalist. Dennoch lässt sich der Stabsoffizier im Rückblick als „subversiv“ bezeichnen – im wörtlichen und somit besten Sinne. Cäsar von Hofacker war einer der Drahtzieher des sogenannten Stauffenberg-Attentats vom 20. Juli 1944, mit dem Hitler beseitigt und der Krieg und die Nazidiktatur beendet werden sollten. Dass das Attentat scheiterte und die Verantwortlichen brutal hingerichtet wurden, ist bekannt. Noch immer weitgehend unbekannt ist die Rolle Cäsar von Hofackers, der 1896 in Ludwigsburg geboren wurde. Hofacker war der Vetter Claus von Stauffenbergs und für die Widerstandsgruppe der „Mann in Paris“. Er stand in Verbindung zur Résistance. Zuvor war Hofacker in die NSDAP eingetreten. Nachdem er von der Verfolgung der jüdischen Mitbürger gehört hatte, wandte er sich von den Nazis ab. Von 1938 an verkehrte er regelmäßig in faschismuskri­tischen Zirkeln. Am kommenden Mittwoch, 22. Juli 2009, erfährt Cäsar von Hofacker in seiner Geburtsstadt eine späte Würdigung. Um 16 Uhr wird, in Anwesenheit seines ältesten Sohnes Alfred, die zentrale Fußgängerachse des neuen Baugebiets Hartenecker Höhe nach ihm benannt. Um 19 Uhr beginnt ein Vortrag im Garnisonsmuseum, der sich mit dem Leben von Hofackers beschäftigt.


Stadtführung (Teil 160): Die Ludwigsburger Hütte

Von Verena Mayer

Es gibt Menschen, die machen in Ludwigsburg Urlaub. Warum auch nicht? Schließlich hat die Stadt manches zu bieten, mit dem sich die freie Zeit hübsch füllen lässt. Es gibt aber auch Menschen, die machen auf Ludwigsburg Urlaub. Und auch das ist toll. Denn dieses Ludwigsburg ist eine Hütte auf 1935 Metern im Tiroler Pitztal. Wer dort seine freie Zeit verbringt, hat Gesellschaft von Steinböcken, Gemsen, Murmeltieren, Schneehühnern und einen Ausblick, der für den eineinhalbstündigen Aufstieg belohnt oder für den nächsten Gipfelsturm stärkt. Gehören und betreiben tut dieses rustikale Klein-Ludwigsburg die hiesige Sektion des Deutschen Alpenvereins (DAV), der die Hütte anno 1955 als Lehnerjochhütte von den Österreichern übernehmen durfte – und umbenannt hat. Die Sektion sorgt natürlich auch dafür, dass die Hütte nicht nur den Namen der schönen großen Kreisstadt trägt, sondern auch ein bisschen an sie erinnert. So können die Besucher des Hauses in den Bergen – für die es dort 75 schlichte Schlafplätze und kaltes Wasser gibt – in einem Ludwigsburg-Buch blättern, umgeben vom Wappen der Stadt, das den Aufenthaltsraum schmückt. Und wenn die Wirtin freundlich wie immer ist, händigt sie ihren Gästen gewiss auch mal den Band über das Residenzschloss aus, das der hiesige DAV ihr vor zwei Jahren zu ihrem 20. Bewirtungsju­biläum geschenkt hat. Gut, wenn der Landrat angewandert kommt, wird natürlich auch die Flagge des Landkreises gehisst. Aber so viel Freiheit darf sein, erst recht in den Bergen.


Stadtführung (Teil 159): Die Juniorbahn im BlüBa

Von Markus Klohr

Was tut ein hauptamtlicher Lokführer in seiner Freizeit? Richtig! Er führt eine Lok, die etliche Nummern kleiner ist. Wolfgang Marx jedenfalls, von Berufs wegen bei der Württembergischen Eisenbahngese­llschaft angestellt, verfährt so mit seiner Freizeit. Vor 22 Jahren fuhr Marx erstmals mit einer weitgehend selbst gebauten Minilok durch die Welt – damals der Bahnhof in Münchingen. Es folgten 13 Jahre, in denen das Ehepaar Wolfgang und Marta Marx auf Festen in ganz Deutschland ihre Bahn dampfen ließen. Mit einer mobilen Eisenbahnausrüstung von rund 180 Metern Schienen, der Spurweite fünf Zoll und 3 Loks – zwei Dampfloks und eine Diesellok – zogen sie von Fest zu Fest. „Die strahlenden Kinderaugen haben uns für all den Stress entschädigt“, sagte Marta Marx, als sie mit ihrem Mann im Jahr 2007 das 20-Jahr-Jubiläum der Juniorbahn feierte. Eine Anfrage von der Verwaltung des Blühenden Barocks in Ludwigsburg machte dem Dasein als Minibahnnomaden ein Ende. Für 160 000 Mark bauten Wolfgang und Marta Marx eine siebeneinhalb Zoll große Bahn für den Märchengarten. Dort wurde sie als verschlungener Achter auf einer Länge von 400 Metern angelegt. Der Tunnel mag mit 47 Metern relativ kurz sein – aber er ist lange genug, um Kinderwangen zum Glühen zu bringen.


Stadtführung (Teil 158): Spielwaren Rees, eine Institution

Von Verena Mayer

Besonders groß ist die Rees-Passage in der Asperger Straße von Ludwigsburg nicht. Aber immerhin erinnert sie an eine große Vergangenheit: an die des Spielwarenges­chäftes Rees, das anno 1811 als kleiner Laden an der Ecke Asperger Straße und Kirchstraße gegründet wurde und im Laufe der Jahrzehnte zu einer Institution wurde. Es dürfte nur wenige in der Stadt geben, die im Laufe ihrer Kindheit kein Plüschtier, Modellauto oder Playmobil-Männchen vom Rees bekommen haben. Das Geschäft verkaufte auf seinen über drei Etagen verteilten 1000 Quadratmetern schließlich nichts anderes. Begonnen hatte das Unternehmen als Nadlerei, gegründet von Ludwig Schäffler. 1849 übernahm sein Neffe Christian Albrecht Rees den Laden, der es sogar zum königlichen Hoflieferanten brachte. Dort gab es einst Fächer, Geschirr, Werkzeug, Zeichenartikel, Korbwaren, Kinderbetten – und eben Spielwaren. In den besten Jahren schafften bei Rees 40 Mitarbeiter. Doch diese Zeiten sind vorbei. Ende 2005 schloss Wolf-Albrecht-Kainz das Geschäft, das er von seinen Eltern übernommen hatte. Der Umsatz war zu gering.


Stadtführung (Teil 157): Herzog Carl Eugen verkauft ganze Regimenter, um an Geld zu kommen

Von Lukas Jenkner

Immer dreht sich?s nur ums Geld: Die prachtvolle Entfaltung des württembergischen Hofes unter dem Herzog Carl Eugen kostet horrende Summen. Da ist es kaum verwunderlich, dass der Herzog auf eine Praxis verfällt, die schon der Stadtgründer Eberhard Ludwig betrieben hat – er verschachert die Söhne seines Landes als Soldaten ins Ausland. Im Jahr 1786 geht es um ein Regiment mit knapp 2000 Mann, das an die „Holländisch-Ostindische Kompagnie“ verkauft werden soll, die für ihre Kolonien in aller Welt dringend frische Truppen benötigt. 300 000 Gulden soll Württemberg dafür erhalten und noch einmal 72 000 Gulden für den Transport nach Holland. Der in Aussicht gestellte Sold ist üppig, trotzdem gestaltet sich die Werbung der Soldaten schwierig. Abenteurer und Tunichtgute, die es in die Ferne zieht, melden sich. Weil das Potenzial an tauglichen jungen Männer im Land noch nicht reicht, ziehen die Werber in der Nachbarschaft umher, mit der skurrilen Folge, dass sie in Worms mit preußischen und pfälzischen Werbern aneinandergeraten. Doch es gelingt: Im Februar und September 1787 rückt jeweils ein Bataillon aus Ludwigsburg aus. Das erste Ziel ist das niederländische Vlissingen, von dort aus geht es ans Kap der Guten Hoffnung im südlichen Afrika. Dort angekommen, ist das sogenannte Kapregiment deutlich dezimiert. Viele Soldaten waren bereits auf dem Marsch nach Holland auf der Strecke geblieben, auf der Überfahrt haben 134 weitere ihr Leben gelassen, hat der Ludwigsburger Stadthistoriker Albert Sting recherchiert. Am Kap der Guten Hoffnung herrscht erst einmal drei Jahre lang Stillstand. Die Soldaten werden um ihren Sold betrogen, weil sie unter anderem in minderwertigen Kapgulden bezahlt werden. Im Frühjahr 1791 schließlich wird das Regiment nach Südostasien verlegt. Im feucht-heißen Tropenklima auf der Insel Java ist das Schicksal der Söhne Württembergs endgültig besiegelt. Mehrere militärische Expeditionen nach Indien und bis nach China reduzieren die Kräfte weiter, bis nach der Eroberung Ceylons durch englische Truppen im Jahr 1795 der Rest des Kapregiments in Kriegsgefangen­schaft gerät – für zehn Jahre. 1805 schließlich, werden die letzten knapp 230 Mann freigelassen und wiederum auf Java im Jahr 1807 in die dortigen holländisch-malaysischen Truppen einsortiert. Beendet war die Episode des Württemberger Kapregiments aber noch lange nicht. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zogen sich die Prozesse, in denen die Hinterbliebenen einiger Soldaten klagten. Es ging um einen Teil des Soldes, der ihnen vom einstigen Regimentskommandeur versprochen worden war, den dessen Erben aber später für sich behielten.


Stadtführung (Teil 156): Französische Truppen werden an Ludwigsburg vorbeigeschleust

Von Lukas Jenkner

Fremde Truppen in der Stadt, noch dazu in der Residenz – das hat kein Herrscher gern. Der Herzog und Kurfürst Friedrich hat im Herbst 1805 allerdings kaum eine Wahl. Zu zahlreich und zu schlagkräftig sind die französischen Truppen, die sich im September und im Oktober unter Napoleons Führung durch Württemberg wälzen und auf Ludwigsburg zumarschieren. Aufhalten können die Württemberger das fremde Heer nicht – aber durch Ludwigsburg hindurch sollen die Soldaten dann doch nicht ziehen. Darob verfallen Friedrich und seine Ratgeber auf die Idee, eine Umgehungsstraße zu bauen, die vielleicht erste der Stadt überhaupt. Herhalten muss ein Sträßchen, das außerhalb der Stadtmauern von Kornwestheim nach Eglosheim verläuft. In aller Eile wird der Weg zu einer festen Straße ausgebaut, so dass die französischen Heereszüge um die Stadt herumgelenkt werden und südlich den Weg ins Remstal nehmen können. Die Ludwigsburger nennen den Weg „Franzosensträßle“. Der Name hat sich über die Jahre nicht erhalten, in der Topografie der Stadt hat sich die Trasse aber verewigt. Dort entlang führen heute die Kurfürsten- und die Martin-Luther-Straße – teilweise offenbar noch in dem Zustand von vor 200 Jahren.


Stadführung(teil 155): Die Obere Stadt als Wohnquartier

Von Verena Mayer

Den heutigen Bewohnern der Leonberger Straße mag es unvorstellbar vorkommen, doch der Zustand ihrer Straße hat die Bürger schon vor mehr als 100 Jahren echauffiert. Wobei, exakt vergleichbar ist die Situation von anno dazumal nicht. Grund zu Beanstandungen hatte vor allem der schlechte Zustand des Trottoirs auf der Südseite der Straße gegeben. Damals haben sich allerdings nicht einzelne Betroffene der Sache angenommen, sondern gleich ein ganzer Verein: der Bürgerverein der Oberen Stadt. Zugegeben, die Leonberger Straße war nicht das einzige Thema, das die 105 Mitglieder beschäftigte, die den Verein am 20. Dezember 1899 gründeten. Sie wollten laut ihrer Satzung „die öffentlichen, materiellen und geistigen Interessen zunächst der Oberen Stadt nach allen Kräften hin wahrnehmen und nach Kräften fördern“. Dazu gehörte auch die Auseinandersetzung mit der Frage, ob der Feuersee, den es damals noch auf dem heutigen Campusgelände gab, als Eisbahn benutzt werden könne. Auch dies ein Thema, das die Ludwigsburger Jahrzehnte später wieder heimsuchen sollte: Im Winter des Jahres 2006 sorgte eine Schlittschuhbahn auf dem Platz hinter der Stadtkirche in der Asperger Straße für Ärger. Dabei handelte es sich allerdings um eine künstliche Anlage, die nach dem Weihnachtsmarkt wieder ab- und nie wieder aufgebaut wurde. Der Bürgerverein der Oberen Stadt indes war nicht so langlebig wie die Themen, die seine Mitglieder beschäftigten. „Der Verein bestand noch 1934 und ist dann verschwunden“, hat der Stadthistoriker Albert Sting herausgefunden.


Stadtführung (Teil 154): Der Teufelskerl in Ludwigsburg

Von Verena Mayer

Dass Horst Köhler ein Kind dieser Stadt ist, wissen seit dessen Aufstieg zum Bundespräsidenten mutmaßlich nicht nur die restlichen 85 000 Kinder dieser Stadt. Dass nur wenige Monate nach Horst Köhler ein Bub zur Welt kam, der es zu ähnlicher Berühmtheit gebracht hat, und den man mindestens so berechtigt wie Horst Köhler als Kind dieser Stadt bezeichnen könnte, wissen hingegen nicht so viele: Fritz Teufel heißt dieser Zeitgenosse. Der hat es zwar nicht zum ersten Mann im Staat gebracht. Geprägt hat dieser Mann den Staat allerdings ebenfalls. Ein paar Jahre früher als Horst Köhler, und auch ein bisschen anders als er. Weil Fritz Teufel auf der anderen Seite stand. Er war einer der Mitbegründer der Kommune 1, der spektakulärsten Wohngemeinschaft Deutschlands; er war eine der Kultfiguren der Außerparlamen­tarischen Opposition; und er war einer der meistgesuchten Terroristen der 70er Jahre. Weil er als vermeintlicher Kopf der „Bewegung 2. Juni“ an der Entführung des Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz anno 1975 beteiligt gewesen sein soll; und auch an der Ermordung des damaligen Kammergerichtspräsi­denten Günter von Drenkmann im November 1974. Wie sich im Lorenz-Drenkmann-Prozess allerdings herausstellt, war Teufel weder am Mord noch an der Entführung beteiligt. Nach fünf Jahren in Untersuchungshaft präsentiert der vermeintliche Terrorist den fassungslosen Ermittlern ein Alibi, das ihn das Berliner Gericht am 13. Oktober 1980 als freien Mann verlassen lässt. 17 Jahre zuvor hatte Teufel seine Heimat verlassen. Bis zum Mai 1963 ist das für ihn Ludwigsburg, wo er in der Imbröderstraße 8 mit seinen Eltern und seinen fünf älteren Geschwistern aufwächst. Lieselotte und Alfred Teufel sind 1946 von Ingelheim am Rhein in das Städtchen am Neckar gezogen, wo Vater Alfred – dessen Eltern ihrerseits in Ludwigsburg leben – als Lebensmittelkon­trolleur beim Landratsamt anfängt. Fritz ist drei Jahre alt, als er in Ludwigsburg heimisch wird, wo es der achtköpfigen Familie gut geht. Teufel zumindest kommt als Erwachsener zu der Überzeugung, er habe eine glückliche Kindheit gehabt, schreibt der Journalist Marco Carini in seiner Biografie über Fritz Teufel. Er besucht die Volksschule und danach das Schiller-Gymnasium, wo er als aufgeweckter, stets vergnügter Schüler auffällt, der zumeist auch noch gute Noten bekommt. Doch vor dem Abitur geht es bergab. Teufel findet den Unterricht langweilig und autoritär, beträgt sich schlecht und arbeitet wenig mit. Die Reifeprüfung besteht er nicht, er muss eine Ehrenrunde drehen. Nach dem Abitur im Frühling 1963 dann verlässt er Ludwigsburg und geht nach Berlin, wo er auf die Studenten um Rudi Dutschke trifft. Vier Jahre später gründet er mit sieben Männern und Frauen die Kommune 1, die mit dem vereitelten „Pudding-Attentat“auf den amerikanischen Vize-Präsidenten Hubert Humphrey weltbekannt wird. Legendär wird auch Teufels Replik an den Richter, der den wegen eines angeblichen Steinwurfs auf den Schah von Persien angeklagten Teufel auffordert, sich zu erheben: „Wenn?s der Wahrheitsfindung dient.“ Das Zitat wurde zur Metapher für die Kritik an konservativen Verknöcherungen der gesellschaftlichen Institutionen, wie es der Teufel-Biograf Carini formuliert. Mit einer ähnlichen Motivation hatte Teufel übrigens auch sein Alibi im Lorenz-Drenkmann-Prozess so lange zurück gehalten. Im Februar 1982 erregte der ehemalige Sohn der Stadt Ludwigsburg zum bisher letzten Mal für Aufsehen. In einer Talkshow diskutierte Teufel mit dem damaligen Bundesfinanzmi­nister Hans Matthöfer über gutes Benehmen – zückte eine Wasserpistole und bespritzte den Minister mit Zaubertinte. Inzwischen lebt der gesundheitlich angeschlagene Fritz Teufel sehr zurückgezogen. Horst Köhler wurde gerade zum zweiten Mal zum Bundespräsidenten gewählt. Immerhin: Beide sind jetzt in Berlin.


Stadtführung (Teil 153): Die Nazis und die jüdischen Friedhöfe

Von Lukas Jenkner

Auch dieses „Problem“ gilt es aus der Sicht der braunen Machthaber im Nazireich zu lösen: Was geschieht mit den jüdischen Friedhöfen, was überhaupt mit Juden, die in Ludwigsburg das Zeitliche segnen? Im Herbst 1939 debattieren die Lokalpolitiker darüber: Ein Ratsherr spricht sich dafür aus, die jüdische Gräberstätte hinter dem alten Friedhof am Schorndorfer Tor aufzulassen, da er verwahrlost sei. Ein weiterer Stadtrat meint, eine Änderung der Friedhofsordnung sei vonnöten: „Die Friedhöfe der Stadt Ludwigsburg einschließlich der Vorstädte dienen der Beisetzung aller Personen, ausgenommen der Juden . . .“ Bereits ein Jahr zuvor hatte die lokale Presse von einer Verfügung des Oberbürgermeisters berichtet: Jüdische Verstorbene würden nicht mehr auf dem städtischen Friedhof beigesetzt, außerdem werde das städtische Personal nicht mehr tätig. Begründung: die Angestellten hätten sich ohnehin geweigert, bei Erd- und Feuerbestattungen von Juden mitzuwirken. Nun sollen also auch die jüdischen Friedhöfe selbst verschwinden. Der alte Friedhof war 1870 eröffnet und bis 1923 belegt worden. 1939 nun kaufte die Stadt die beiden Areale auf, mit dem Auftrag, die Friedhöfe aufzulassen. Ein Weile wurde darüber debattiert, ob auf den Flächen verstorbene russische Kriegsgefangene und polnische Zwangsarbeiter beerdigt werden sollten. Andere wollten die Friedhöfe als Lager- und Arbeitsplätze verwenden. Der Oberbürgermeister Karl Frank erließ schließlich folgende Regelung: Die russischen Kriegsgefangenen würden wie bisher auf dem Begräbnisplatz bei der Kläranlage in Hoheneck beerdigt. Die Zwangsarbeiter hingegen sollten auf einem Geländestreifen im städtischen Obstgarten an der Neckarstraße, entlang der östlichen Mauer des alten jüdischen Friedhofs beigesetzt werden. Dass damit en passant die geplante Auflassung und Zerstörung der jüdischen Friedhöfe vermieden wurde, ging in dem Erlass unter.


Stadtführung (Teil 152): Ludwigsburger Klogeschäfte der Firma Benkiser

Von Lukas Jenkner

Was ist in Ludwigsburg nicht alles erfunden worden: Zündhölzer, Zichorienkaffee, Klopapier, Orgeln. Und das auch noch: Toilettenspülungen. Von Ende der 1920er Jahre an bis 2004 war in der Stadt die Firma Benkiser ansässig, benannt nach ihrem Gründer Emil Benkiser. 1909 hatte der Erfinder in Straßburg mit der Herstellung eines Wasserhahns mit Auslaufventil seine erste Patentanmeldung. Vor dem Ersten Weltkrieg brachte Benkiser die erste wassersparende Armatur mit Selbstschlussventil auf den Markt. Neuartig war auch die Klosettspülung, die 1920 vorgestellt wurde. Ende der 20er Jahre zog das Unternehmen Benkiser dann von Straßburg nach Ludwigsburg und produzierte mehrere Jahrzehnte lang seine sanitären Bedienelemente in der Stadt. 1972 begann jedoch der Auszug auf Raten: Weil es in Ludwigsburg zu eng wurde und das Unternehmen sich nicht erweitern konnte, zog die Produktion von Benkiser ins bayrische Burglengenfeld um. Immerhin: Verwaltung, Vertrieb und Montage blieben in Ludwigsburg. Doch 2004 ist es auch damit vorbei gewesen: Da stellte sich Benkiser neu auf und ist seither nur noch in Burglengenfel­d aktiv.


Stadtführung (Teil 151): Eine verhängnisvolle Liebe

Von Verena Mayer

Eigentlich sollte die Geschichte von Emilie Stadler und Wilhelm Dengler eine Liebesgeschichte sein. Doch ihr Verhältnis wurde zu einer Geschichte, die das Paar unglücklich machte, ihr gemeinsames Kind das Leben kostete und schließlich zu einem Prozess führte, der auch 159 Jahre später noch spektakulär anmutet. Im Staatsarchiv am Arsenalplatz gibt es dazu am morgigen Dienstag um 19 – Uhr einen spannenden Vortrag. Emilie Stadler und Wilhelm Dengler lernen sich im Frühling anno 1845 kennen und werden ein Liebespaar. Obwohl das Mädchen aus Marbach und der alte Goldarbeiter aus Ludwigsburg nicht verheiratet sind, wird Emilie schwanger. Die Schande der Untugend ließe sich womöglich noch ertragen, wenn die junge Frau nicht bereits zwei uneheliche Kinder hätte. Eine Abtreibung soll die Lösung sein. Doch das regelmäßige Hinunterwürgen eines Gebräus von Weingeist und Salmiak oder Schafgarbentee und Serenkraut bringen die Leibesfrucht nicht um – am 14. August 1850 kommt das Mädchen zur Welt. Unbemerkt. Ebenso wie zuvor die Schwangerschaft. Doch als ein Putzmann eine Woche später in einem Eisenbahnwaggon im Esslinger Bahnhof eine Kindsleiche findet, beginnen Ermittlungen. Und an deren Ende kommen Emilie Stadler und Wilhelm Dengler ins Gefängnis. Denn über den Leichenfund wird in der Zeitung berichtet. Daraufhin wird der Oberamtsrichter zu Marbach misstrauisch. Dass der immer runder werdende Bauch der Emilie Stadler Mitte August plötzlich verschwunden ist, hat den Richter wie manchen Nachbarn verwundert. Und tatsächlich: Die 23-Jährige gesteht, heimlich ein Mädchen geboren zu und dann umgebracht zu haben. In jener Nacht des 14. August habe sie das neu geborene Kind zunächst mit den Füßen gegen das Bettende gedrückt, bis es still war. Am folgenden Morgen schließt sie es in einem Schrank ein. Doch das Kind lebt weiter, wie die Mutter 40 Stunden später überrascht feststellte. Dann erdrosselt sie das Mädchen – und ihr Geliebter Dengler legt es, zum Paket verschnürt, in jenen Zug nach Esslingen. Beim Prozess vor dem Ludwigsburger Schwurgericht widerruft Emilie Stadler jedoch. Sie habe das Kind zwar versteckt, aber nicht erdrosselt. Die Todesstrafe bleibt ihr so erspart. Nicht aber die lebenslange Haft im Zuchthaus. Dieses Urteil trifft auch den Kindsvater. Beide werden später begnadigt – Dengler aber nur unter der Prämisse, dass er nach Amerika auswandert.


Stadtführung (Teil 150): Die Firma Ortema

Von Markus Klohr

Das hätte sich der Menschenfreund August Hermann Werner wohl selbst in seinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt. Aus einem kleinen Seitenast seiner 1841 in Ludwigsburg gegründeten Heilanstalt für verkrüppelte Kinder ist fast 200 Jahre später ein profitables, modernes Unternehmen geworden. Die Ortema, heute ein Tochterbetrieb des Landkreises, ist nämlich der direkte Nachfolger der Orthopädischen Werkstatt der Werner?schen Kinderheilanstalt, die im Jahr 1940 in der Stadt gegründet wurde. Dies war aufgrund der wachsenden Zahl an Patienten und dem dadurch steigenden Bedarf an orthopädischen Hilfsmitteln notwendig geworden. Nach dem Zweiten Weltkrieg stand neben der Versorgung von Kindern vor allem der Bau von Arm- und Beinprothesen für Kriegsversehrte im Vordergrund. Aus der Werkstatt ist inzwischen die Ortema geworden, die mittlerweile zur Orthopädischen Klinik Markgröningen gehört. Behandelt werden dort zahlreiche Leistungssportler, zum Beispiel das Eishockeyteam der Steelers aus Bietigheim. Am kommenden Wochenende wird bei der Ortema Jubiläum gefeiert. Die Sektkorken knallen am heutigen Samstag von 11 Uhr an allerdings nur für das formal korrekte 15-jährige Bestehen des Unternehmens. Geboten werden medizinische Fachvorträge, eine Motorradshow und eine Autogrammstunde mit einigen Steelers-Spielern. Näheres zum Festprogramm findet sich im Internet unter www.ortema.de.


Stadtführung (Teil 149): Berühmte Personen auf dem Friedhof

Von Lukas Jenkner

Der alten Schule der Dramatiker folgend, die ihr Personenverzeichnis nach der jeweiligen gesellschaftlichen Bedeutung der Figuren strukturierten, muss ein Gang über den alten Friedhof von Ludwigsburg wohl an der Grablege Wilhelms II., des letzten württembergischen Königs, beginnen. 1921 ist er gestorben, zeit seines Lebens hatte er sich eher den Bürgern als dem Adel seines Landes verbunden gefühlt und war deshalb auf eigenen Wunsch nicht in der Gruft im Ludwigsburger Schloss beigesetzt worden. Tatsächlich aber ist das Grab des Königs auf dem direkt an der 1764 fertigges­tellten Stadtmauer beim Schorndorfer Torhaus angelegten Friedhof nur eines von vielen, das von der Geschichte des Landes und der Stadt erzählt. Zum Beispiel liegt im Südwesten des Friedhofs die Porträtmalerin Ludovike Simanowiz bestattet, die eines der bedeutendsten Gemälde ihres Jugendfreundes Friedrich Schiller geschaffen hat. Im Frühjahr wurde sie den heutigen Ludwigsburgern aus einem eher unrühmlichen Anlass wieder in Erinnerung gebracht: Ein Unbekannter stahl aus dem Ludwigsburger Stadtmuseum eines ihrer Ölgemälde. Bei einer Führung über den Friedhof fehlt auch nicht der Abstecher zum Mausoleum des Reichsgrafen Carl von Zeppelin. Dieser Graf ist nicht nur Staatsminister, sondern auch einer der intimsten Freunde des Herzogs und späteren ersten württembergischen Königs Friedrich gewesen. Der Gunst des Herrschers verdankt der Graf von Zeppelin das eigentlich etwas überdimensionierte Mausoleum: Der Herzog, in tiefer Trauer, ließ es 1801 erbauen und wollte eigentlich nach seinem Tod neben seinem Freund bestattet werden. So geht es fort auf dem alten Ludwigsburger Friedhof: Jakob Friedrich Kammerer, der Erfinder des Zündholzes, liegt hier ebenso wie August Hermann Werner, der 1871 eine orthopädische Heilanstalt für Kinder begründete, etwa 11000 Patienten behandelte und sich auch um die Berufsausbildung seiner körperbehinderten Schützlinge kümmerte – eine Ludwigsburger Tradition, die bis heute mit der Arbeit der Diakonie auf der Karlshöhe fortlebt.


Stadtführung (Teil 148): Markt für Vogelkäfige

Von Carola Stadtmüller

Ludwigsburg ist für seine Porzellanmanufaktur bis heute bekannt. Aber die Stadt war bereits Mitte des 19. Jahrhunderts eine wichtige Brutstätte für die Vogelkäfigindustrie ? und bis vor wenigen Jahren wurden noch Vogelkäfige aus Ludwigsburg in die Welt verschickt. „Auf dem Gebiet der Metall- und Haushaltswaren ist Ludwigsburg führend, und es ist auch heute noch der bedeutendste Sitz der Vogelkäfigindustrie in der Welt.“ Zum 250. Geburtstag Ludwigsburgs hat der Landeshistoriker Oscar Paret diese Worte gesprochen und damit einen bedeutenden Teil der Ludwigsburger Handwerkstradition umschrieben. Denn schon Mitte des 19. Jahrhunderts waren die Metaller hier äußerst aktiv: 1877 zählte man stolze zwölf Betriebe mit fast 700 Beschäftigten. Ein Produkt, das die Zeit überdauert hat, ist der Vogelkäfig der Firma Wagner & Keller, die 1842 unter dem Namen Vetter und Hezel als Blechwarenfabrik gegründet wurde. Die Herren Friedrich Wilhelm Wagner und Edmund Keller setzten nicht von Beginn an ausschließlich auf das Vogelheim. Zunächst produzierten sie in ihrer Fabrik auch noch Koksfüller, Ofenschirme, Sparbüchsen und Erdöllampen. Die Firma muss gut gelaufen sein, denn schon kurze Zeit später wurde ein großes Gelände In den Schafgärten gleich neben dem Bahndamm erworben. Vor rund 100 Jahren läutet dann Hans Wagner, ein Sohn Wilhelm Wagners, eine Zeitenwende ein: Er setzt auf die industrielle Fertigung seiner Vogelkäfige. Die Bauteile eines Vogelhains mussten zuvor mühsam per Hand zusammengeschweißt werden. Endlich konnte diese Kleinstarbeit maschinell stattfinden. Darauf setzte die Firma viele Jahre äußerst erfolgreich. Schließlich wurde dem Vogelkäfigher­steller aber die billige Konkurrenz aus Fernost doch zum Verhängnis und die Firma musste aufgeben.


Ludwigsburger Stadtführung (Teil 147): Hans und Sophie Scholl

von Miriam Hesse

Einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und einen festen Glauben soll Sophie Scholl schon als Kind gehabt haben. Weil ihr Vater in Stuttgart eine Stelle gefunden hatte, waren die Zweitjüngste von fünf Kindern und ihr älterer Bruder Hans mit der Familie nach Ludwigsburg gezogen. Den Eltern war die Stadt schon gut bekannt. Sie hatten sich hier während des Ersten Weltkriegs in einem Lazarett kennengelernt, wo Robert Scholl als Sanitäter und seine künftige Frau Magdalena als Krankenschwester arbeitete. In einem Haus am heutigen Schillerplatz 7 lebte die Familie Scholl in der Zeit von 1930 bis 1932. Der Klassenbeste soll Hans an der Oberrealschule gewesen sein. Die damals neun Jahre alte Sophie kam auf die Mädchenschule. In den Favoritegärten spielten die Geschwister oft. Der Vater hatte einen Schlüssel für den Park gemietet, weil die Kinder im Grünen ihren Auslauf haben sollten. Aber auch auf dem Papier konnte sich Sophie Scholl austoben. Eine begabte Zeichnerin soll sie gewesen sein, die in Poesiealben wunderschöne Bilder zauberte. So schrieb sie im Januar 1932 mit krakeliger Schrift einer Freundin zur Erinnerung: „Laß nie den frohen Mut dir rauben/ Und halte fest an deinem Glauben/ In guten, wie in schlimmen Tagen/ So wirst die Last du leichter tragen/ Ein fester Stab ist kindlich Gottvertrau?n!“ Den Mut hat sich die spätere Kämpferin gegen Hitlers Naziregime nie nehmen lassen. Als Mitglieder der Widerstandsgruppe Weiße Rose wurden Sophie und Hans beim Verteilen von Flugblättern in der Münchner Uni erwischt, am 22. Februar 1943 verurteilt und hingerichtet.


Ludwigsburger Stadtführung (Teil 146): Ode an die Zichorie

Von Markus Klohr

Der politische Schriftsteller Klaus Mehnert will Ludwigsburg am Geruch erkannt haben. Bei der Heimkehr per Güterzug aus einem amerikanischen Lager in Schanghai, so berichtet es der Historiker Karl Moersch, bewies Mehnert am Abend des 6. August 1946 ein feines Näschen. „Es roch, wie es in ganz Deutschland nur in einer einzigen Stadt am Bahnhof riecht: nach gerösteter Zichorie, nach Kaffee Franck-Kathreiner“, erzählte er Moersch 35 Jahre später. Der amerikanische Leutnant, dem Mehnert dolmetschte, habe nicht schlecht gestaunt über den Ludwigsburger Bahnhofsgeruch. Mehnert soll es auch gewesen sein, der Moersch ein einst populäres, heute aber weitgehend vergessenes Gedicht rezitierte. Friedrich Theodor Vischer, Theosoph und Dichter, setzte der olfaktorischen Spezialität seiner Vaterstadt Ludwigsburg damit ein gereimtes Denkmal: „O Ludwigsburg,/du edle Stadt,/wo es so viel Soldaten hat,/Artillerie, Infanterie,/Und zweierlei Cavallerie,/wie mehrt sich deine Gloria,/Zumal durch die Cichorie!/Juchhe! Einst warst du zweite Residenz,/Doch nur im Sommer und im Lenz,/Jetzt thront in dir/mit Prachtgestank/A­llzeit der Wurzelsieder Franck./Dich rühmt die Welthistoria/Al­sHauptstadtder­Cichorie!/Juche! Lieb Ludwigsburg, kannst ruhig sein!/Bricht je ein Feind ins Land herein,/Schnell geht der Feuerwerker her/Und füllt die Bomben zentnerschwer/Der Stinkdampf der Cichorie/Dem Feinde zur Memorie,/Juchhe! Zerplatzt ein solches Hohlgeschoß/Co­lonnenweis fällt Mann und Roß;/Und mehrt sich erst das/Bum, Bum, Bum,/Divisionen stürzen um,/Potz Donner,/Blitz und Doria,/Wer trotzt noch der Cichoria,/Juchhe!“ Ein Schelm mag sein, wer diesen Zeilen ein Gschmäckle andichten wollte.


Ludwigsburger Stadtführung (Teil 145): Prozess gegen aufsässige Demokraten

Von Markus Klohr

Bei so einem Verfahren kann man sich nur blamieren. Kein Wunder, dass die zuständigen Richter sich durchweg hintanstellten, als es im Frühsommer 1851 galt, im Ludwigsburger Schloss einen elendig langen Mammutprozess gegen 147 aufständische Demokraten zu führen. Weil die Justiz schon im Voraus wusste, dass sie mit dem Verfahren überfordert sein würde und der Prozess darüber hinaus als einer der ersten Schwurgerichtspro­zesse in der Öffentlichkeit nicht für allzu gute Schlagzeilen sorgen würde. Der Ludwigsburger Historiker Karl Moersch hat die Ausreden der verschreckten Richter überliefert: Gicht und Hämorrhoidenpro­bleme machten die einen geltend, ein anderer lehnte den Vorsitz aus „politischen Motiven“ ab. Als sich neben einem Richter auch ein Ankläger gefunden hatte als Staatsanwalt trat der Oberjustizrat Graf Leutrum, ein Vorfahre des Schwieberdinger Grafen Magnus Leutrum zu Ertringen, auf konnte die 175 Seiten starke Anklageschrift verlesen werden. Die prominentesten Angeklagten waren die Demokraten August Becher und Julius Haußmann. Ihnen wurde vorgeworfen, dass sie sich bei der sogenannten Reutlinger Versammlung nach Auflösung des in Stuttgart tagenden Rumpfparlaments im Jahr 1849 für eine einheitliche Reichsverfassung und moderate Reformen ausgesprochen hatten. Das wurde als Aufruhr gewertet, dabei wollten Becher und Haußmann eigentlich gar nicht viel mehr erreichen als die Errichtung einer konstitutionellen Monarchie. Einige der Angeklagten hatten sich allerdings später den badischen Revolutionären angeschlossen – aus Sicht der Anklage eine Todsünde. Das Verfahren dauerte letztlich acht Monate. Sieben Tage und sieben Nächte brüteten die Geschworenen über ihren Urteilen. 98Verfahren wurden eingestellt. August Becher wurde freigesprochen, ebenso 26 weitere Angeklagte. Zu verdanken hatten sie dies der geschickten Verteidigungsstra­tegie des Demokraten Adolph Schoder, der sich die Öffentlichkeit der Verhandlung zunutze machte und stets argumentierte, den Angeklagten sei gar nicht bewusst gewesen, dass ihr Verhalten als rechtswidrig gesehen werden könne. Eine kluge Anwendung des Grundsatzes „Im Zweifel für den Angeklagten“. Der Verteidigung soll zudem geholfen haben, dass der Ankläger, Graf Leutrum, sich „beklagenswerte Widersprüche“ geleistet habe. Haußmann hingegen erhielt zweieinhalb Jahre Festungshaft. Ihm konnte der Ankläger einige aufrührerische öffentliche Aufrufe nachweisen. In Anbetracht der schwerwiegenden Anklage kam er jedoch glimpflich davon. Und immerhin: Haußmann soll es im Gefängnis auf dem Hohenasperg nicht allzu schlecht ergangen sein.


Stadtführung (Teil 144): Die Silberschmiedestadt

Von Ludwig Laibacher

Ludwigsburger Porzellan ist weithin bekannt. Dass in der Stadt aber auch das Schmieden von Silber und Zinn eine Blütezeit hatte, ist fast vergessen. Ebenso wie der Name Harald Buchrucker, der diesem Handwerk in der Barockstadt zu großem Ansehen verholfen hat. Von den 30er bis in die 60er Jahre gab es auch viele internationale Preise für die metallenen Kunst- und Gebrauchsgegen­stände aus dessen Ludwigsburger Werkstatt, in der zeitweise 40 Menschen arbeiteten: So erhielten gleich drei Buchrucker-Modelle während der Weltausstellung 1937 in Paris einen Grand Prix. Der 1897 in Wuppertal-Elberfeld geborene Harald Buchrucker hatte sich zunächst für eine Offizierslaufbahn entschieden. 1928 quittierte der zu dieser Zeit in Ludwigsburg stationierte Berufssoldat den Dienst und suchte nach einer neuen Aufgabe. Bei einem Bummel durch die Stuttgarter Geschäftsstraßen stieß er auf ein Objekt, das seinem Leben die entscheidende Wende geben sollte: „Die Schönheit des Zinn war mir – merkwürdig genug – an einer schlichten Zigarettendose aufgegangen“, berichtete er später. Gesehen hatte er das Stück in einem Schaufenster der Zinnwerkstatt Merz: „Die kleine Dose wurde für mich zum Schicksal.“ Als sich wenig später die Möglichkeit dazu eröffnete, übernahm er die Stuttgarter Zinnwerkstatt Merz. Im Januar 1931 eröffnete er an der Eberhardstraße 31 in Ludwigsburg die „Schwäbische Zinn- und Silberschmiede“. Schon drei Monate später präsentierte er erste Werkstücke auf der Leipziger Frühjahrsmesse. Zunächst hatte der Maler Wilhelm Blutbacher alle Modelle entworfen, welche die Ludwigsburger Zinnschmiede verließen. Aber der Metallkünstler fand das unbefriedigend, er brachte sich selbst die Grundtechniken des Malens und Zeichnens bei und übernahm von 1945 an auch diesen Part der Arbeit. Das Markenzeichen des Meisters waren schlichte, aber edle Formen. Aus seiner Werkstatt kamen nicht die bekannten rustikalen Zinnteller, sondern kunstvolle geschmiedete Dosen, Etuis, Kelche, Leuchter, Vasen, Schüsseln und Schalen. Vor vier Jahren wurde zuletzt eine Auswahl seiner Werke im Städtischen Museum gezeigt. Die Kulturamtsleiterin Wiebke Richert hatte damals betont, Buchruckers Objekte seien „versteckte Geheimnisse der Stadtgeschichte“. In allen großen deutschen Kunstgewerbemuseen sind Objekte von Harald Buchrucker zu finden. Auch in Katalogen über klassisches Design kann man immer wieder auf Werke des Wahl-Ludwigsburgers stoßen: das reicht von „Deckeldosen im Bauhausstil“ über „Salzschalen“ bis zum Cocktailshaker. Als Buchrucker 1985 starb, ging auch die Ära der Ludwigsburger Schmiedekunst zu Ende. Der Schwiegersohn des Meisters, der seit Mitte der 70er Jahre das Geschäft führte, musste die überschuldete Firma verkaufen. Der damalige Betriebsleiter Johann Böhm übernahm die inzwischen nach Hoheneck umgesiedelte Schmiede.


Stadtführung (Teil 143): Eine besondere Verbindung

Von Verena Mayer

Als Reinhard Renner im Frühjahr 1959 nach Montbéliard gefahren ist, hat er sich mit seinen 15 Jahren nicht allzu viel dabei gedacht. Hauptsache, er käme mal ein bisschen fort von daheim. Und vielleicht wäre der Austausch ja auch gut für seine Französischken­ntnisse, meinten die Eltern. Heute, ein halbes Jahrhundert später, schwärmt Reinhard Renner noch immer von der Zeit in Montbéliard: von Henri, seinem Partner, mit dem er sich auf Anhieb gut verstand; dessen Familie, die ihn aufgenommen hat wie einen Sohn; von den gemeinsamen Ausflügen, Kinobesuchen und dem Mädchen, das dem jungen Reinhard ein bisschen den Kopf verdreht hat. Und doch war die Reise sehr viel mehr als ein kurzweiliger Ausflug. Sie war Politik. Weil sie der erste offizielle Austausch in Baden-Württemberg zwischen einer deutschen und einer französischen Schule war. Das 50-jährige Bestehen wird heute Abend (26. Juni 2009) um 19 Uhr in der Aula des Mörike-Gymnasiums gefeiert. Sogar der Ministerpräsident Günther Oettinger wird kommen. Die Besiegelung der Schulpartnerschaft anno 1959 war deshalb so besonders, weil sie zustande kam, lange bevor die Aussöhnung nach dem Krieg staatlich besiegelt wurde. Dies geschah erst 1963 mit dem deutsch-französischen Freundschaftsver­trag. Die Initiative für das Zusammenwachsen auf schulischer Ebene kam vom Deutsch-Französischen Institut (DFI), das seinen Sitz in Ludwigsburg hat. Das DFI wollte die Städtepartnerschaft mit Montbéliard vertiefen, die bereits seit 1950 bestand und ebenfalls besonders war. So reisten im Frühjahr 1959 die ersten Mörike-Schüler an das Lycée Cuvier. Damals dauerte der Austausch noch zwei Wochen, inzwischen verbringt man nur noch eine starke Woche miteinander. Ebenso haben sich die Inhalte verändert. So gibt es Projektgruppen. Eine davon studiert zurzeit ein zweisprachiges Theaterstück ein, das nächstes Jahr aufgeführt wird. Heute hat das Mörike-Gymnasium Partnerschaften in rund zehn Ländern. Eine Reise nach Montbéliard scheine vielen Schülern dabei eher unspektakulär, weiß der organisierende Lehrer. Aber wenn sie dort sind, seien alle total begeistert. So wie Reinhard Renner. Und ihm hat der Austausch tatsächlich auch viel für seine Sprachkenntnisse gebracht: Er ist Französischlehrer geworden.


Stadtführung (Teil 142): Die Affäre Bullinger und der Fall der Basketballer

Von Verena Mayer

Was auf die Stadt zukommen würde, hat an jenem 3. Mai 1993 niemand geahnt. An diesem 3. Mai ist ein Mann verschwunden, der Ludwigsburg eine Geschichte beschert hat, wie es sie in der Stadt nicht viele gibt. Günther Bullinger heißt dieser Mann – und bis zum Tag seines Verschwindes gilt er als eine der schillerndsten Persönlichkeiten der Stadt. Günther Bullinger ist der Vorsitzende der Bundesliga-Basketballer der BG Stuttgart/Lud­wigsburg; er mischt im Stadtverband für Leibesübungen ganz vorne mit; er organisiert das Marktplatzfest; er führt die Geschäfte der Ludwigsburger und der Bietigheimer Eisbahnen; er ist Vize-Chef der Freien Wähler im Gemeinderat. Und dann ist er verschwunden. Bekannt wird das mit einer Vermisstenmeldung der BG am 9. Mai. Die Basketballer rätseln und sind ratlos. Die Polizei schließt einen Freitod nicht aus, zumal Bullinger einen Brief hinterlassen hat, in dem er die finanziellen Angelegenheiten seiner Basketballer zu regeln versucht. Nun, der Multifunktionär ist nicht tot. Zeugen sehen den damals 51 Jahre alten Junggesellen auf dem Frankfurter Flughafen. Und wenig später verrät seine Kreditkarte, dass er sich in Amerika aufhält. Fünf Jahre später kommt er zurück. Nicht freiwillig allerdings. Die USA schieben ihn in seine alte Heimat ab, wo er mit internationalem Haftbefehl gesucht wird. Denn das, was nach Bullingers Flucht aufgedeckt worden ist, gehört auch zu den Dingen, die wohl niemand in der Stadt jemals zu ahnen gewagt hätte – und die den Multifunktionär schließlich vor das Stuttgarter Landgericht führen. Günther Bullinger hat mit den Penunzen privater (Eisbahn-)Investoren und öffentlichen Mitteln so jongliert, als wäre es sein eigenes Geld gewesen. Mittels verschachtelter Transaktionen nutzte Bullinger das Geld gerade so, wie es ihm für seine Zwecke passend schien – um seinen über alles geliebten Sport, hauptsächlich den Basketball, zu unterstützen. Letztlich stürzen wegen seiner finanziellen Drahtseilakte aber nicht nur die Basketballer ab, nämlich zuerst in die Pleite und dann in die Regionalliga. Vor allem sich selbst bringt Bullinger ans Ende. Als er merkt, dass er sich in seinem Zahlengeflecht verheddert hat, will er sich zunächst umzubringen. Unverhofft kommt er an ein Flugticket nach New York, und mit 1000 Dollar in der Tasche flüchtet er in die USA. Dort hält er sich vier Jahre lang als Gelegenheitszocker über Wasser, bis er wegen Unterschlagung und Vergehen gegen Aufenthaltsbes­timmungen für sechs Monate ins Gefängnis muss. Danach wird er nach Deutschland ausgeliefert. Er wisse, dass er vieles falsch gemacht habe, räumt Günther Bullinger vor Gericht ein. Und dass er froh sei, endlich einen Schlussstrich ziehen zu können. Im November 1998 wird er zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Nach der Haft absolviert der einst gescheiterte Jurastudent eine Lehre zum Beruf des Buchhändlers. Schließlich beginnt er eine neue Karriere bei einem Sportartikelher­steller, für den er noch heute als Berater tätig ist.


Stadtführung (Teil 141): Das Logo von Ludwigsburg

Von Kathrin Haasis

Vom Quadrat zum Alleinstellun­gsmerkmal: seit 25 Jahren stellt das geschwungene L das Logo der Stadt Ludwigsburg dar. Am Anfang stand es in einem mächtig umrandeten Quadrat. Als Hans-Jochen Henke das Sagen in der Stadt hatte, schaffte er 1986 den Karton ab und erließ eine strenge Richtlinie zum Gebrauch des neuen „einheitlichen Erscheinungsbilds“. Nicht bei allen Bürgern kam es gut an: Das L stehe nun in einem plump-kitschigen und gelben „Pflatscher“, schimpften manche. Es verleite in seinem Sonnenkranz zu Assoziationen mit dem französischen Sonnenkönig Ludwig XIV., kritisierten andere. Doch der Oberbürgermeister ließ sich sein Corporate Design nicht vermiesen: „Barock im Stil – Modern im Leben“ lautete die Formel. Aber da so gut wie nichts dem Wandel der Zeit standhält, musste auch die Grafik irgendwann modernisiert werden. 21 Jahre später gab Henkes Nachfolger Werner Spec eine weitere Aufhübschung in Auftrag. Er wollte dem Buchstaben nur einen neuen Look verpassen: Aus den Pflatschern, die sich um das L gruppierten, wurden Quadrätchen, und die Schrift ist nun schlichter. Die Idee, den geschwungenen Buchstaben als aufsehenerregendes Markenzeichen zu verwenden, sollen als Erste die kreativen Betreiber des Blühenden Barock gehabt haben. Ein besonders kunstvolles L schmückt nun das Rathaus: Die Stadt ersteigerte eines der mannshohen Logos, die in der Stadtjubiläum­sausstellung im Breuningerland gezeigt worden sind. Das vom Landesarchiv gestaltete Kunstwerk heißt „Kulturgüter brauchen Schutz“.


Stadtführung (Teil 140): Mobiles Menü für Ältere

Von Miriam Hesse

In Gold hat man Elfriede Breitenbach wohl nicht aufwiegen können. In Schokolade schon. Bei einer Werbeaktion stellte sich die Ludwigsburger Kommunalpolitikerin 1979 auf die Waage und ließ ein Gegengewicht aus dem braunen Süßstoff auftürmen, der dann an alle Kindergärten in der Stadt verteilt wurde. Nun soll die engagierte Sozialdemokratin, die zeitlebens eine Fülle von Ämtern und Aufgaben hatte, an sich schon recht stattlich gewesen sein. Um ihr Gewicht in die Höhe zu treiben, stopfte sie Steine in ihren Mantel. Doch auch das leibliche Wohl der Senioren lag ihr am Herzen. In den sechziger Jahren war der langjährigen Geschäftsführerin des Kreisverbandes der Arbeiterwohlfahrt, die später das Bundesverdien­stkreuz bekam, eine regelrechte Pionierleistung gelungen: Als erste Stadt im Großraum Stuttgart führte Ludwigsburg damals auf ihr Betreiben hin das Essen auf Rädern ein. Von ihrem Abstecher nach London während eines Besuch des Gemeinderats in der walisischen Partnerstadt Caerphilly hatte die Stadträtin die Idee vom mobilen Menü mitgebracht. Sie ließ nicht locker, bis dies auch in ihrer Heimatstadt angeboten wurde. Mit ihrer Arbeit hat sich die 1922 als Kind einer Arbeiterfamilie geborene Gewerkschafterin stark identifiziert. Fürs Privatleben soll dabei wenig Zeit geblieben sein. So wird in den „Ludwigsburger Frauenportraits“ von Monika Bergan eine Anekdote erzählt. Eines ihrer Enkelkinder soll einst gefragt worden sein, wie die Oma heiße. „Elfriede, und ich glaube auch Arbeiterwohlfahrt“, soll es geantwortet haben. Als Musterschülerin hatte Elfriede Breitenbach mit Sophie Scholl die Mädchenvolksschule besucht. Ihre Ausbildung machte sie bei Bleyle. Nach der Geburt ihrer Kinder begann sie bei den Alliierten als Putzfrau, wurde aber bald Sachbearbeiterin für Wohnungsbeschaf­fung. 1964 wurde sie die Chefin des Awo-Ortsvereins. Den chronischen Geldmangel der Einrichtung glich sie durch die erfolgreiche Suche nach Sponsoren aus. So schickte eine Keksfabrik in den Siebzigern vor Weihnachten drei Güterwagen voll mit Keksen und Christstollen für Bedürftige nach Ludwigsburg. So manchen soll die schiere Masse schockiert haben. Elfriede Breitenbach aber fand genug Helfer, um alles zu verteilen.


Stadtführung (Teil 139): Die Leute vom Täle

Von Carola Stadtmüller

Die Häuschen in der Unteren Stadt reihen sich bis heute dicht aneinander. Das ist gemütlich, und die Gassen und Straßen scheinen manchmal gar nicht zur Stadt zu gehören, sondern wirken dörflich und in sich abgeschlossen. Aber als sich in der Unteren Stadt, ganz in der Nähe zur Großbaustelle des Schlosses, das Quartier für Handwerker und Bauleute entwickelte, war das Leben im Viertel nicht nur beschaulich, sondern hatte auch Nachteile. Die „Tälesbewohner“ wohnten eng beieinander. Im Übrigen galt das auch für verschiedene soziale Schichten, die eben in der Nachbarschaft zum herzoglichen Marstall in Lohn standen. Tagelöhner, aber auch Zunftmeister residierten in den verwinkelten Häuschen, die kreuz und quer standen. Ganz anders, als in der Weite der Oberen Stadt. Ein mancher fand dieses Leben herrlich, weil es frei und unkompliziert war. Friedrich Maurer, Sohn einer armen Wäscherin, wird im Ludwigsburger Stadtmuseum zitiert: „Das ganze Viertel bestand beinahe aus lauter armen Leuten.“ Die Kinder wurden von der Nachbarschaft mitversorgt, die Erwachsenen verdienten sich ihr Auskommen durch harte Arbeit. Für den Schlossbau war der Personalbedarf riesig, aber auch die angrenzenden Kasernen und der Marstall hatten Arbeit für das Fußvolk: Sattler, Küfer, Wagner , Büchsenmacher, Wäscherinnen und Näherinnen wurden gesucht und gebraucht. Viele Werkstätten wurden eingerichtet, die bis ins 20. Jahrhundert existierten. Eine davon ist die Alte Schmiede in der Unteren Reithausgasse, ein lebendiges Museum aus der längst vergangenen Zeit, das heute vom Stadtmuseum betreut und zu regelmäßigen Führungen geöffnet wird. Selbstredend musste das arbeitende Volk auch speisen und vor allem trinken. Deshalb war die Wirtshausdichte stattlich. Bei allem Sonnenschein im Täle: das soziale Gefälle löste nicht selten Streit aus, zum Beispiel auch die Zugehörigkeit zu verschiedenen Zünften wie Küfer und Kübler. Die angesehene Arbeit des Fassmachers für die Winzer stand im krassen Gegensatz zur Arbeit des Küblers, der nur einfache Bottiche herstellte. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die Zünfte in Württemberg aufgelöst und die Arbeit freier. Konkurrenz bekam die Handwerkerschaft erst Ende des 19. Jahrhunderts mit der Technisierung und der Industrialisierung von Gebrauchsgütern. Diese Veränderungen schlugen sich auch auf die Wohn- und Arbeitsstruktur im Täle nieder. Viele Betriebe mussten schließen oder investierten an neuen und modernen Standorten. Trotzdem waren die „Tälesbewohner“ wohl von Anfang an ein besonderes Völkchen, eben anders als das in der Oberstadt. Das zeigt sich auch in der Gründung des ersten Bürgervereins Ende des 19. Jahrhunderts. Der Verein der Unteren Stadt besteht bis heute, und er war eine der ersten Bürgerinitiativen.


Stadtführung (Teil 138): Die ersten Ludwigsburger

Von Kathrin Haasis

Baron Karl Ludwig von Pöllnitz hat es sich kaum vorstellen können, nach Ludwigsburg zu ziehen. In einem Brief von dem Adligen kommt die neu gegründete Stadt nicht gut weg: Die Lage Ludwigsburgs sei wegen der Unebenheit des Terrains höchst unvorteilhaft, was den Verkehr außerordentlich erschweren werde, schrieb er 1730. „Wer hier baut, tut es widerwillig, entweder aus Not oder dem Herzog zu Gefallen.“ Der Baron glaubte jedenfalls, dass der Fürst aus Ludwigsburg niemals eine richtige Stadt machen würde. Tatsächlich zogen nach dem ersten Aufruf von 1709 nur wenige Menschen in die Nähe des neuen Schlosses, die meisten waren Bauarbeiter, Handwerker oder Bäcker, Metzger, Schneider oder Hufschmied. Garantiert wurde ihnen ein Bauplatz und 15 Jahre Steuerfreiheit. Der Historiker Albert Sting vermutet, dass der allererste Ludwigsburger Reinhardt Schweikert war. Er kam schon 1705 als ausgedienter Gardesoldat und Fahnensattler auf die Schlossbaustelle. Als Bauknecht beaufsichtigte er die Arbeiter. Für sich selbst baute er das Eckhaus an der Schlossstraße 27. In der 1710 begonnenen Bürgerliste steht aber der Nagelschmied Christoph Hutzke auf Platz eins. Als zweiter Bürger wurde der Bäcker Johann Heinrich Phausback vermerkt. An dritter Stelle folgt der Waldhorn-Wirt Valentin Arnsperg, der die anderen in einer anderen Reihenfolge dann doch überholte: Er wurde der erste Bürgermeister Ludwigsburgs. Die Liste ist Teil der Ausstellung des Stadtarchivs, die bis 29. Juli 2009 im Kulturzentrum zu sehen ist.


Stadtführung (Teil 137): Viermal Aschenputtel auf einer Bühne

LUDWIGSBURG. Wenn im Blühenden Barock gefeiert wird, darf das Märchentheater nicht fehlen: Anlässlich des 50. Geburtstags der Parkanlage stellen Ludwigsburger Schulkinder ein sehr eigenwilliges Aschenputtel vor – eine Übersetzung ins multikulturelle Zeitalter.

Von Ludwig Laibacher

Nur gut, dass wenigstens die Tauben zu Aschenputtel halten. Die gurrenden Vögel helfen dem Mädchen, die unsinnige Hausarbeit, zu der es von der Stiefmutter verdonnert worden ist, in Rekordzeit zu bewältigen. „Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen“, heißt es, als sie Linsen aus der Asche sortieren muss, während ihre Stiefschwestern sich auf einem Ball bei Hofe vergnügen. Zumindest ist das so in der Version der Brüder Grimm. Kroatische Kinder lernen dagegen, dass Aschenputtel sogar Milch, die die böse Stiefmutter absichtlich verschüttet hat, wieder in den Krug zurückschaffen muss. Vom Aschenputtel gebe es ungefähr so viele Varianten, wie es Völker auf der Erde gibt, sagt der Direktor des Blühenden Barock, Volker Kugel. Die Schauspielerin und Regisseurin Adelheid Schulz hat sich für ihre Inszenierung auf vier Lesarten beschränkt. Diese hat sie zu dem Stück „Aschenmädchen aus aller Welt“, das morgen Mittag (20. Juni) im Barockpark Premiere hat, zusammengeführt. Der rote Erzählfaden stammt aus einer Epoche, in der das Wünschen noch geholfen hat; er ist überall gleich: Das Mädchen leidet an der Lieblosigkeit der Menschen in seiner Patchworkfamilie. Und es kann sich am Ende nur deshalb aus diesen bedrückenden Verhältnissen befreien, weil es an seiner eigenen Sehnsucht festhält. Um dieses Gerüst herum agieren in der Ludwigsburger Aufführung vier Grundschülerinnen als Aschenmädchen: Eine Cenerentola (die italienische Variante), eine Soluschka (das russische Aschenbrödel), Külkedisi (die türkische Spielart) und Pepeljuga (die kroatische). Aus jeder Tradition werden aber lediglich Elemente übernommen und auf dem nur einmal komplett durchgespielten Handlungsbogen aufgereiht. Dadurch und durch das internationale Ensemble – 60 Schulkinder unterschiedlicher Herkunft – sollen die kulturellen Unterschiede sichtbar werden. Der Probenaufwand für die kleinen Schauspieler aus der Friedens-, der Osterholz und der Oststadtschule war enorm: Seit einem halben Jahr haben sie sich wöchentlich zum Theaterspielen getroffen. Unterstützt wurden die Schüler der 3. und 4. Jahrgangsstufe von ihren Lehrerinnen und Lehrern sowie von der Ludwigsburger Tanz- und Theaterwerkstatt. Monica Schwarzenthal hat eine Choreografie beigesteuert. Ein erster Lohn für diese Mühen wurde dem Ensemble schon zuteil: Das Projekt „Aschenmädchen aus aller Welt“ wurde für den Landeswettbewerb Im-Puls ausgewählt und wird deshalb am Freitag, 3. Juli, auf dem Stuttgarter Schlossplatz aufgeführt. Als „märchenhafte Kulisse“ (Volker Kugel) für das aus Anlass des 50. Geburtstags des Blühenden Barock entwickelten Theaterstücks dient die Emichsburg im Unteren Ostgarten der Anlage. Dort wurde eine Freilichtbühne aufgebaut. Gestern wurde von den ursprünglich zwei geplanten Aufführungen eine kurzfristig abgesagt: „Wegen der vorhergesagten Wetterlage“ werde am heutigen Freitag nicht gespielt, teilte der Geschäftsführer des Parks mit.


Stadtführung (Teil 136): Der Weinbaupionier Immanuel August Ludwig Dornfeld

LUDWIGSBURG. Lange Zeit war er vergessen. Heute ist der nach Immanuel August Ludwig Dornfeld benannte Wein in vieler Munde. Geboren wurde der Pionier des Weinbaus in Neckarweihingen.

Von Markus Klohr

Rauh schmeckt er, struppig wild, für manchen sogar angeberisch – wohl auch wegen seiner für württembergische Verhältnisse intensiven Farbe. Der Dornfelder hat bei Weinfreunden einen eher zwiespältigen Ruf. Die einen schätzen ihn als kräftiges Rückgrat in Cuvée-Weinen und genießen sogar hin und wieder ein Gläschen vom reinrassig Ausgebauten. Die anderen finden ihn schlicht primitiv, halten ihn für einen Muskelprotz ohne Geist, einen Prahlhans ohne Tiefgang. Aber nur die wenigsten wissen: der Namenspatron des Dornfelders ist ein Ludwigsburger. Der Weinhistoriker Richard Hachenberger aus Vaihingen/Enz war einer der Ersten, die öffentlich auf den beinahe vergessenen Sohn des Stadtteils Neckarweihingen hingewiesen hat. Auf seine Initiative hin veranstaltete der Neckarweihinger Bürgerverein sogar ein kleines Fest, als im September 1999 eine Gedenktafel am Geburtshaus von Immanuel August Ludwig Dornfeld, dem ehemaligen evangelischen Pfarrhaus, angebracht wurde. Immerhin gilt Dornfeld heute als einer, der weintechnisch einiges bewegt hat. Doch am Anfang sah seine Karriere ganz anders aus. Der 1796 geborene Dornfeld durchschritt in seinen ersten 23 Berufsjahren die rekordverdächtige Zahl von 18 Dienststellen im Verwaltungsdienst – zum Beispiel beim „Catasterbureau“ in Stuttgart, als „Umgeltkommissär“ in Öhringen oder als Revisionsassistent bei der Königlichen Hofkammer in Ludwigsburg. Über die Frage, wie genau Dornfeld zu seinen profunden Weinkenntnissen gelangte, rätseln die Historiker noch heute. Womöglich hatte sein Vater einen landwirtschaf­tlichen Nebenerwerbsbetrieb mit etwas Wein. Jedenfalls trat Immanuel Dornfeld in seinen Endvierzigern erstmals als sachkundiger Autor von Aufsätzen zur Weinwirtschaft und Rebsortenpflege in Erscheinung. Es ist keine Übertreibung, Dornfeld als Pionier des heute wieder in Mode gekommenen Terroir-Konzeptes beim Weinbau zu bezeichnen. Immerhin gewann er mit seinem Werk „Aus dem Boden kommt der Reichtum“ den Wettbewerb der Weinsberger Weinverbesserun­gsgesellschaf­t. Die Arbeit gilt als erster Entwurf für eine Weinbauschule, für deren Einrichtung Dornfeld sich später immer wieder stark machte. Auch als Praktiker konnte Dornfeld glänzen. Für seine eigenen in Weinsberg gewachsenen Weine wurde er 1867, zwei Jahre vor seinem Tod, von einer internationalen Jury ausgezeichnet. Auch als Pionier des Verbraucherschutzes hat Dornfeld sich hervorgetan. Bei einer Versammlung der Weinverbesserun­gsgesellschaft deckte er einen Etikettenschwindel auf, der viele in Rage versetzte: rund um Heilbronn, vor allem in Flein, werde Schwarzriesling oft als Clevner verkauft – wobei „der erstere der letzteren Sorte in der Qualität weit nachstehe“, wie Dornfeld betonte. Er fügte noch hinzu: „diesem Unfug müsse entgegengesteuert werden“ und bemängelte, dass der leckere, aber weniger ertragreiche Clevner von vielen Wengertern „wieder herausgehauen würde“. Zu seinem 175. Geburtstag würdigte ihn der Weinsberger Weinfachmann August Herold mit einer Besonderheit: Seine Neuzüchtung aus Heroldrebe und Helfensteiner benannte er nach Immanuel August Ludwig Dornfeld. Wie das dem Weinbaupionier wohl geschmeckt hätte?


Stadtführung (Teil 135): Die Schmalspurbahn von Ludwigsburg nach Vaihingen

Von Markus Klohr

Die Wege der Eisenbahnplanung sind verschlungen. Nicht viel hätte gefehlt und der Gleisanschluss der Kreisstadt Ludwigsburg hätte einen zackigen Knick nach Westen gemacht. Doch die Politik wollte es anders.

Beinahe wäre schon vor rund 100 Jahren ein Projekt realisiert worden, das der Ludwigsburger Landrat Rainer Haas zur aktuellen Herzensangele­genheit erklärt hat: eine Bahnverbindung von Ludwigsburg über Möglingen bis nach Markgröningen. Die Schäferlaufstadt war seit Beginn des Eisenbahnzeitalters bestrebt, einen Direktanschluss in die Zentralstadt Ludwigsburg zu bekommen, berichtet die Markgröninger Stadtarchivarin Petra Schad in einem historischen Artikel. Ausgebootet fühlte man sich in der westlichen Nachbarstadt Ludwigsburgs bereits bei der 1853 eröffneten Verbindungsstrecke Württemberg-Baden. Ursprünglich hätte diese nämlich über Markgröningen und Eglosheim führen sollen. Doch der zuständige Baurat Karl Etzel ließ die Trasse über Bietigheim legen. Über die Hintergründe kursieren wilde Verschwörungsthe­orien, immerhin heiratete Etzel später die Tochter des Bietigheimers Karl Gärttner, der 1844 zum ersten Eisenbahnfinan­zminister berufen worden war. Wer weiß, wie sich der Autoverkehr in Eglosheim entwickelt hätte, wenn viel früher ein Gleisanschluss gebaut worden wäre? So kam er aber erst weit mehr als 100 Jahre später mit der S-Bahn. Dennoch hatte Markgröningen als Eisenbahnstadt durchaus Fürsprecher. Bereits im Jahr 1896 stellte das Berliner Unternehmen Havestadt und Contag Pläne für eine Schmalspurbahn von Ludwigsburg über Markgröningen bis nach Vaihingen vor. Doch die Vaihinger, so wird es überliefert, zogen eine Verbindung ins benachbarte Sersheim vor. Als Kompromiss kam die Idee einer Bahn Ludwigsburg-Markgröningen-Vaihingen-Sersheim auf, die auch eine Abzweigung bis nach Enzweihingen, Riet und Eberdingen berücksichtigte. Für die knapp 19 Kilometer lange Nebenbahn wurden im Frühjahr 1906 Baukosten von 2,1 Millionen Mark veranschlagt. Um die Kostenlücke zu schließen, erhöhte die Gemeinde Möglingen immer wieder ihren finanziellen Beitrag. Die beteiligten Gemeinden gingen mit der württembergischen Eisenbahngese­llschaft bindende Verträge ein. Doch die wurden hinfällig, weil die württembergische Staatsregierung es ablehnte, einen Zuschuss beizusteuern. Das Projekt landete in der Schublade. Erst viel später wurde auf Drängen der westlichen Nachbarn ein Stichgleis von Ludwigsburg in das Bauernörtchen Möglingen und die Industriestadt Markgröningen gelegt. Doch die 1916 eingeweihte Strecke war der Konkurrenz des Autos nicht gewachsen. Bereits rund 50 Jahre später stellte die Bahn den dortigen Reisezugbetrieb ein. Ob der Versuch gelingt, die Strecke als Stadtbahnvariante bis Schwieberdingen im Westen und Waiblingen im Osten wiederzubeleben, wird der weitere Gang der Geschichte zeigen.


Stadtführung (Teil 134): Guillotinen im Strafvollzugsmuseum

LUDWIGSBURG. Im Neckar versenkt, um Spuren zu verwischen: Wie in Ludwigsburg drei Guillotinen nach dem Zweiten Weltkrieg vor den Alliierten versteckt worden sind. Im Einsatz waren die Tötungsmaschinen in der Stadt aber nicht.

Von Christine Bilger

Sogar Treibgut ist auf dem Schwarzmarkt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs angekommen. Nach verwertbarem Schrott haben die Ludwigsburger bis zur Währungsreform im Jahr 1949 am Ufer des Neckars gesucht. Und so tauchten die Teile von drei Geräten wieder auf, die kurz vor Kriegsende in den Fluten des Flusses vor den Blicken der alliierten Streitkräfte verborgen werden sollten, vermutet Erich Viehöfer, der Leiter des Ludwigsburger Strafvollzugsmu­seums: drei Guillotinen. Zwischen Neckarweihingen und Hoheneck sollen die Tötungsmaschinen in ihre Einzelteile zerlegt in die Fluten geworfen worden sein. Just dort sind sie versenkt worden, wo in den letzten Kriegstagen die Neckarweihinger Brücke gesprengt worden ist. Verschwinden ließen die Ludwigsburger die Guillotinen, weil die Franzosen der Stadt näher rückten. Im Gefängnis saßen unter anderem auch politische Gefangene aus Frankreich. „Da konnten sich die Verantwortlichen ausrechnen, was passiert wäre, hätten die Franzosen Landsmänner und im gleichen Gebäude Guillotinen gefunden“, sagt Erich Viehöfer. Dabei seien diese gar nicht aufgebaut gewesen. Der Gefängnisdirektor Klaus, der in den letzten Kriegsjahren das Sagen hatte, sei zwar „ein strammer Nazi, aber nicht dumm“ gewesen. Er habe es lange hinausgezögert, Ludwigsburg als Hinrichtungsstätte einzurichten. So lange, dass dies bis zum Kriegsende nicht vollzogen war. Bis zum September 1944 hatte die Hinrichtungsstätte in Stuttgart gelegen, im Bereich der Archiv- und der Urbanstraße. Nach der Zerstörung dieser Stätte bei einem Luftangriff sollte Ludwigsburg diese Rolle übernehmen – was dem Anstaltsleiter wohl nicht sonderlich behagte. Man habe die Geräte, drei an der Zahl, bei Wind und Wetter draußen stehen lassen, das hat Erich Viehöfer vor ein paar Jahren von einem ehemaligen Vollzugsbeamten erfahren. Es sei fraglich gewesen, ob die aus Metall und Holz bestehenden Guillotinen überhaupt noch funktionstüchtig waren. Die Hinhaltetaktik funktionierte: Statt Ludwigsburg wurde Bruchsal zur neuen Hinrichtungsstätte. Die Geräte, die heute im Strafvollzugsmuseum zu sehen sind, waren in den Jahren 1946 bis 1949 teilweise tatsächlich im Einsatz – aber eben nicht in Ludwigsburg. Eine wurde sogar neu in einer Fabrik in Hamm in Westfalen bestellt. Denn das Ludwigsburger Gefängnis ereilten mehrere Anfragen, ob in der Stadt Guillotinen stünden – als diese längst im Neckar lagen. Eine stammt aus der Zeit der Nazidiktatur und war in Bruchsal im Einsatz. Die dritte kam aus Berlin, über ihre Herkunft ist nicht viel bekannt. In Ludwigsburg haben sich der Gefängnisdirektor und seine Mitarbeiter nicht mehr mit Blut befleckt. Zwei zum Tode verurteilte Männer saßen zwar im Gefängnis, sie wurden aber beide 1948 begnadigt. „Die letzten Köpfe sind in Ludwigsburg wohl im frühen 19. Jahrhundert gerollt“, sagt Erich Viehöfer. Durch die Hinhaltetaktik in den letzen Kriegsjahren hat sich der Gefängnisdirektor einen Gefallen getan: Weil einige Zeugen, darunter auch Gefangene, für ihn aussagten, wurde er im Zuge der Entnazifizierun­gsprozesse nur als Mitläufer und nicht als Täter eingestuft. Endgültig abgeschafft wurde die Todesstrafe in Deutschland mit dem Inkrafttreten des Grundgesetzes im Jahr 1949.


Stadtführung (Teil 133): Kinderfest im Jubiläumsjahr

Das Ludwigsburger Kinderfest wird seit mehr als 180 Jahren gefeiert. Anlässlich des Stadtjubiläums ist in diesem Jahr auch der Rathausplatz zum Festgelände geworden.

Von Ludwig Laibacher

En Garde! 60 Vereine und Organisationen haben die Herausforderung angenommen und anlässlich der 300-Jahr-Feier ein besonders buntes Kinderfest auf die Beine gestellt. Dazu gehörte auch eine „Fechtstunde am Hofe des Herzogs“: eine Mitmachaktion der Schlossverwaltung, in der den Kleinen der elementare Umgang mit – garantiert stumpfen – Degen gezeigt wurde. Die Fechteinlage war Teil des Bühnenprogramms auf dem Marktplatz. Gleich nebenan standen zwischen allerlei Spielparcours zwei große Busse, welche die Kinder endlich einmal bemalen konnten, ohne dafür bestraft zu werden. Die Kosten für die Reinigung der Fahrzeuge dürfte sich in Grenzen halten: Es wurden wohlweislich nur Fingerfarben zur Verfügung gestellt. In Anbetracht der Hitze waren nicht nur die Eisstände dauernd umlagert. Alles, was mit Wasser zu tun hatte, war begehrt: Ob es nun die Simulation einer Löschübung der Feuerwehr war oder der Brunnen an der Ecke Asperger und Kirchstraße, blieb sich gleich. Hauptsache, es versprach Erfrischung. Das Ludwigsburger Kinderfest hat eine sehr lange Tradition. Schon im frühen 19. Jahrhundert sind am kleinen Exerzierplatz die ersten Spielgeräte aufgebaut worden. Nicht einmal in Jahren ärgster Not musste das Fest ausfallen, berichtet der Stadthistoriker Albert Sting. So zum Beispiel im Jahr 1923, in dem der Stadtrat Adolf Noz gegen alle Kritiker zu einer Spendenaktion aufrief, bei der zwei Millionen Reichsmark zusammenkamen. Einer Feier am 10. Juli stand damit nichts mehr im Wege. Erst in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts verlor das Kinderspektakel vorübergehend seine Anziehungskraft. 1965 riss die Tradition ab. An die Stelle der Kinderspiele war der Sport getreten: Im Sommer drehte sich alles um die Bundesjugendspiele. 1994 regten sich erste Stimmen, man solle doch das Fest in der Ludwigsburger City wiederbeleben. Schließlich waren der Bürgerverein Lebenswerte Innenstadt und die Stadtmarketing GmbH erfolgreich. Seither sind auch stets die Kinder selbst aufgerufen, Ideen für mögliche Spiele beizusteuern.


Stadtführung (Teil 132): Oscar Paret

Von Ludwig Laibacher

Was sollte man von einem Jungen erwarten, der schon mit 14 Jahren einen Altertumsverein gegründet und im gleichen Jahr die Voraussetzungen für eine Sammlung antiker Fundstücke geschaffen hat? Im Leben des am 14. Juni 1889 in Dachtel im Kreis Böblingen geborenen Oscar Paret deutete schon früh alles auf eine Laufbahn als Archäologe oder Frühgeschichtler hin. Auch dass er wenig später bei Ausgrabungen an der Villa Rustica in Heutingsheim die Bekanntschaft von Peter Goessler machte, dem damaligen Leiter der Altertümersammlung in Stuttgart, schien solche Pläne nur weiter zu verfestigen. Dennoch erkor der Sohn des Pfarrers Otto Paret, nachdem er in Ludwigsburg Abitur gemacht hatte, die Architektur zum Studienfach. Von 1908 an besuchte er die Technische Hochschule in Stuttgart, später ging er nach München. Was ihn aber nicht davon abhielt, sich weiterhin an Ausgrabungen in seiner Heimatregion zu beteiligen. Tatsächlich gelang Paret bereits im Jahr 1911 ein bedeutender Fund: Er entdeckte die Überreste eines römischen Gutshofs auf der sogenannten Eglosheimer Burg. Dieser sensationelle Erfolg dürfte den Entschluss befördert haben, doch noch das Fach zu wechseln. Im Jahr 1912 schrieb sich Oscar Paret an der Tübinger Universität für das Studium der Archäologie und Alten Geschichte ein; später wechselte er an die Berliner Hochschule. Doch nach Ausbruch des Krieges musste er die Studien unterbrechen. Erst im Jahr 1919 konnte der Altertumsforscher in Tübingen seine Dissertation über Wandmalereien in Pompeji abschließen. Im August des gleichen Jahres wurde er Assistent und Konservator am Stuttgarter Landesmuseum. Im Jahr 1930 zog Oscar Paret – inzwischen mit Ida Feldweg verheiratet und Vater von vier Kindern – zurück nach Ludwigsburg. 1938 wurde er zum Hauptkonservator ernannt. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges musste er als Adjutant beim Landesschützen­bataillon 405 Dienst tun. 1941 wurde der 52-Jährige als Hauptmann entlassen. Paret wirkte bis 1944 als stellvertretender Direktor der Stuttgarter Altertümersammlung. Von 1941 an agierte er als Vorsitzender des Historischen Vereins in Ludwigsburg; eine Aufgabe, die er bis 1961 ausübte. Von 1957 bis 1960 gab Paret die Ludwigsburger Geschichtsblätter heraus. Kaum verwunderlich, dass er auch anlässlich der 250-Jahr-Feier der Stadt Ludwigsburg eine Denkschrift veröffentlichte. 1949 wurde der Althistoriker und Archäologe Mitglied der in Frankfurt ansässigen Römisch-Germanischen Kommission. Seit 1954 gehörte er auch der Kommission für Geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg an. Seit 1948 war er als Honorarprofessor an der Technischen Hochschule in Stuttgart tätig. Parets späte Jahre sind vor allem durch zahlreiche Ehrungen gekennzeichnet: So wurde er etwa 1964 Ehrenmitglied der Gesellschaft für Vor- und Frühgeschichte in Württemberg und Hohenzollern. Fünf Jahre zuvor hatte er bereits das Bundesverdien­stkreuz und die Bürgermedaille der Stadt Ludwigsburg erhalten. Daneben engagierte sich der umtriebige Wissenschaftler auch in der Kommunalpolitik: Von 1953 an war er zwölf Jahre lang Kreisverordneter der CDU und stellvertretendes Mitglied im Kreisrat. Oscar Paret ist am 27. Juni 1972 gestorben. Heute erinnern eine Straße im Ludwigsburger Stadtteil Hoheneck sowie eine kooperative Gesamtschule in Freiberg am Neckar an den Forscher, dessen Geburtstag sich am Sonntag, 14. Juni 2009, zum 120. Mal jährt.


Stadtführung (Teil 131): Erinnerungen an US-Soldaten in der Stadt

Fast 50 Jahre sind US-Soldaten in Ludwigsburg stationiert gewesen. Kurt Spinnler arbeitete in ihren Kasernen, Wolfgang Köpcke tanzte mit ihnen Squaredance. Den Zeitzeugen ist die Erinnerung geblieben. Ansonsten haben die Amerikaner wenig hinterlassen.

Von Kathrin Haasis

Vom Kriegsgefangenen zum Budget Officer: Kurt Spinnler hat bei den US-Amerikanern eine steile Karriere hingelegt. Im Februar 1946 zog der Sudetendeutsche mit den Besatzern nach Kornwestheim, 40 Jahre lang blieb er im Dienst der amerikanischen Soldaten. „Im Organisationstalent übertrifft die Deutschen niemand“, ist er von seinem Arbeitgeber stets gelobt worden. Wolfgang Köpcke hat die Amerikaner von einer anderen Seite kennengelernt: Erst prügelte er sich mit dem Nachbarsjungen Billy, dem Sohn des Stadtkommandanten, dann wurden die beiden beste Freunde. Weil der deutsche Junge dadurch praktisch perfekt Englisch lernte, hielt er den Kontakt mit den Soldaten und wurde Mitglied im Squaredance-Club. 1992 sind die Amerikaner aus Ludwigsburg abgezogen. Kurt Spinnler und Wolfgang Köpcke haben sich bei einem Gespräch im Stadtmuseum an die längst vergangene Zeit erinnert. Mit ihrer Ausstellung „Echo Amerika“, die noch bis 21. Juni im Kulturzentrum zu sehen ist, hat die Künstlerin Sara F. Levin den Hinterlassenschaf­ten des US-Militärs nachgespürt. Fotografien von den verlassenen Wohnblocks in Pattonville zeigt sie, Klingelschilder mit den Namen der ehemaligen Bewohner, heruntergekommene Fassaden, leere Schaukeln sind darauf zu sehen. Eine Installation mit Gegenständen aus einer Versteigerung nach dem Abzug der Soldaten gehört auch zu der Schau: Ein Baseballhelm, eine Eismaschine und Handschuhe zählen unter anderem dazu. Ludwigsburg ist für die Künstlerin ein Ausnahmefall. „In keiner anderen Stadt haben sich die Kasernen so schnell und vollständig geleert“, erklärt Sara F. Levin. Geblieben seien eigentlich nur die Erinnerungen der Zeitzeugen. Für Kurt Spinnler war das US-Militär vor allem ein Wirtschaftsfaktor. In der Kaserne verdiente er sein Geld, mit Hilfe von Kollegen kam er an seinen ersten Kühlschrank, als Budget Officer verwaltete er für die Greater Stuttgart Military Community mit ihren 24.000 Soldaten einen Haushalt von 100 Millionen Dollar im Jahr. „Das Geld wurde zu 80 Prozent in D-Mark ausgegeben, der Abzug des Militärs hat für manche Firmen deshalb einen großen Einschnitt bedeutet“, sagt der 86-Jährige. Wurden die Amerikaner um Hilfe gebeten, seien sie immer eingesprungen -zum Beispiel mit ihren Gabelstaplern beim Abladen von Lastwagen in der benachbarten Produktion von Mann und Hummel oder mit Armeezelten für die Pferde beim Reit- und Fahrturnier. Aber als er 1986 in den Ruhestand ging, pflegte er kaum noch Verbindungen. „Die Amerikaner bilden immer für sich einen eigenen Staat“, erzählt er. Kleinamerika in jeder Kaserne – so beschreibt auch Wolfgang Köpcke die Parallelwelt der US-Soldaten. 1945 habe außerdem noch die Non-Fraternisation-Vorschrift gegolten, das Verbot, sich mit Deutschen anzufreunden. Als Deutschland 1955 Mitglied des Verteidigungspaktes Nato wurde, habe sich das Verhältnis schlagartig geändert, erzählt der 77-Jährige. Doch viel Zeit blieb nie, um Freundschaften aufzubauen: Die GIs waren für drei bis fünf Jahre an einem Ort stationiert, und die Sprachbarriere beiderseits zu hoch. Im Squaredance-Club von Pattonville kam Wolfgang Köpcke, der als Fernmelder bei der Post arbeitete, privat mit den Amerikanern zusammen. „Wir haben viel Spaß gehabt“, erzählt er, etwa beim Feiern des Unabhängigkeitstags am 4. Juli. Er glaubt allerdings nicht, das allzu viele Ludwigsburger Kontakt zu den US-Soldaten hatten. Und als der Abzug anstand, seien zumindest die Oßweiler heilfroh gewesen – weil dadurch Ruhe in der Flakkaserne einkehrte.


Stadtführung (Teil 130): Mathildenareal wird Akademiehof

Von Kathrin Haasis

Mitten in der Stadt und dennoch jahrzehntelang eine Brachfläche: das Gelände der früheren Mathildenkaserne hat den Stadträten viel Kopfzerbrechen bereitet. Unzählige Ideen sind gewälzt und verworfen worden. Mittlerweile ist das Problem gelöst, der Rohbau für die Tiefgarage steht. Im Oktober ist von der Baustelle nichts mehr zu sehen: Bis dahin hat sich der provisorische Parkplatz zum Akademiehof zwischen der Film- und der Schauspielhochschu­le gewandelt. Als „unglaubliche Bereicherung für die Innenstadt“ bezeichnete der Oberbürgermeister Werner Spec das bis 2010 endgültig umgestaltete Mathildenareal beim Richtfest am Dienstag (9. Juni 2009). Es sei sträflich, solch ein Filetstück ungenutzt zu lassen, war immer wieder in den kommunalen Gremien moniert worden. Eine Tiefgarage hatten die Stadträte seit den 1980er Jahren im Sinn, sie sollte sogar noch vor der Garage unter dem Rathaushof verwirklicht werden. Ein Viersternehotel war ebenfalls angedacht, dann bevorzugten die Geldgeber die frühere Bäckereikaserne. 1991 genehmigte der Gemeinderat den Bau eines Verwaltungsgebäudes für die Ludwigsburger Volksbank. Daneben wollte ein Stuttgarter Wohnungen, Büros und kleine Läden bauen. Mal stand auch ein Einkaufszentrum auf der Tagesordnung oder eine Ansammlung von Fachmärkten. Aber als die Wilhelmgalerie spruchreif wurde, war ein Konkurrenzprojekt nicht mehr gewünscht. Stattdessen kam 1997 ein Kinopalast ins Gespräch: das Mathildengelände als idealer Standort für ein Großkino mit acht Sälen, 2000 Sesseln, Kneipen, Discotheken und 670 Tiefgaragen­plätzen. Nun haben Stadt und Land sowie der Bund über Millionenzuschüsse die Umwidmung des Kasernengeländes selbst geregelt. Die Initialzündung dafür habe die Theaterakademie gegeben, erklärt der OB. Neu gebaut wurden der Theaterturm und die Probenbühne, die Gebäude entlang der Stuttgarter Straße wurden für die Verwaltung hergerichtet. Demnächst nutzbar sind die Gebäude Mathildenstraße 29 und 31, in die der Fachbereich Kultur und die Filmakademie einziehen. Die Tiefgarage hat 7,5 Millionen Euro gekostet und bietet von Herbst an Platz für 240 Fahrzeuge. Bis dahin sind der Gewächshausweg und die Mathildenstraße herausgeputzt. Und bis 2010 verwandelt ein Investor die Gebäude an der Ecke zur Alleenstraße in ein Gästehaus und ein Lokal.


Ludwigsburger Stadtführung (Teil 129): Das Kulturzentrum im modernen Baustil

Funktion bestimmt die Form: Vor 30 Jahren hat das Ludwigsburger Kulturzentrum neue architektonische Akzente in der Barockstadt gesetzt. Das Gebäude war bundesweit eines der ersten multifunktionalen Kulturhäuser.

Von Kathrin Haasis

Als mutiger Schritt in die Moderne galt der Entwurf für das Ludwigsburger Kulturzentrum Ende der 1960er Jahre. Die strenge und klar gegliederte Architektur sollte sich bewusst vom verspielten Barockstil absetzen, der Ludwigsburg prägt. Am 3. Oktober 1969 wurde das Gebäude am Rathausplatz eingeweiht. In den vier ineinander verschränkten Bauwürfeln aus Beton wurden mehrere Einrichtungen untergebracht: Volkshochschule, Kulturamt, Stadtbücherei, Haus der Jugend und die städtische Kantine. Im großen Saal tagt seither der Gemeinderat. Für rund 3,5 Millionen Euro entstand in Ludwigsburg bundesweit eines der ersten multifunktionalen Kulturhäuser. 1978 zog zudem das Städtische Museum in die Souterrainräume des Hauses der Jugend. 1989 wurde der Platz für die Sammlung um den benachbarten Sängersaal erweitert. Vor allem wegen der Bücherei ist das Kulturzentrum bis heute das öffentliche Gebäude mit der größten Publikumsfrequenz. Täglich kommen bis zu 3000 Besucher. Um den Platzmangel zu beheben, wurden seit Anfang der 90er Jahre im Rathaus Pläne geschmiedet. So sollte unter anderem das Museum ins Jägerhofpalais oder ins Haus Elsas umziehen. Doch auch als im Jahr 2000 wegen Sicherheitsmängel eine Generalsanierung anstand, wurde das Bauwerk wegen seiner architektonischen Qualität und seiner Funktionalität nie infrage gestellt. Es sollte allerdings etwas freundlicher gestaltet werden – und die fensterlosen Säle erhielten einen Durchbruch zum Tageslicht. Die Eingangsbereiche sowie die Sanitäranlagen wurden ebenfalls neu gestaltet. Vom Keller bis zum Flachdach wurde das Gebäude bis auf den Rohbau ausgebeint. Rund 7,5 Millionen Euro investierte die Stadt, um ihren modernen Architekturklas­siker zu überholen. Nach vierjähriger Umbauzeit ist das Kulturzentrum im April 2002 wieder eröffnet worden. Der Wandel des multifunktionalen Gebäudes setzt sich demnächst fort: Nach jahrelangen Diskussionen erhält das Stadtmuseum tatsächlich ein eigenes Haus. Für die historische Sammlung soll das barocke Gebäude an der Ecke zwischen Eberhardstraße und Wilhelmstraße hergerichtet werden. Der Baubeginn könnte noch in diesem Jahr erfolgen.


Ludwigsburger Stadtführung (Teil 128): Wo der Beat wummert

Sie haben sich Namen wie The Shatters, The Lions oder The Synphonies gegeben – und in den 1960er Jahren den Beat nach Ludwigsburg gebracht. Rund 100 Bands gab es damals in der Stadt. Eine ganze Generation ließ sich von den neuen Rhythmen mitreißen.

Von Kathrin Haasis

Bill Haley war einer der Vorboten. 1959 machte der Rock ?n? TH>Roller mit seinen Comets in Ludwigsburg Station. In einem Club für US-Soldaten am Arsenalplatz, wo heute Hamburger serviert werden, brachte er mit „See you later, Alligator“ die Menge zum Toben. Über Radio Luxemburg oder AFN, den Sender der US-Streitkräfte, kam der neue Rhythmus nach Deutschland. Die Songs der Beatles, der Rolling Stones, von The Who, The Rattles oder The Lords sagten den Jugendlichen viel mehr als die Schlager oder die Volkslieder ihrer Eltern. Beat, das war damals der gebräuchliche Begriff für Rockmusik. Und in und um Ludwigsburg fand die Bewegung besonders viele begeisterte Anhänger. Während sich das Musikleben der Stadt Anfang der 1960er Jahre hauptsächlich in den Kapellen und Orchestern der Vereine sowie in den Kirchen abspielte, nahm die Jugend das Musizieren nun selbst in die Hand. Allein in Ludwigsburg waren bald 100 Bands aktiv. Die Shatters gründeten sich 1962, The Synphonies drei Jahre später. Und in der Unteren Stadt tanzte der Bär – im Café Seeger am Holzmarkt, im Eden gegenüber dem Marstallgebäude, im Metropol ein Stück täleabwärts. Auch der Hampelmann in der Seestraße wurde überregional bekannt. Gruppen aus England und Holland kamen in die Stadt. „Ihr Auftritt erregt Aufsehen“, schreibt Ludwig Stark, Mitglied von The Synphonies und Autor des Buchs „Beat in Ludwigsburg“: „Ein Stöhnen geht durch die Spießerwelt.“ Die Amateure fanden im Bietigheimer Starclub eine Bühne. Dessen Betreiber organisierten in den Turnhallen der Region Veranstaltungen für die lokale Beatszene. Im Kornwestheimer Kino Koralle und in der Ludwigsburger Stadthalle gab es große Beat-Wettbewerbe. Auch die Shatters sind im Starclub groß geworden. Sie bestritten dort das Vorprogramm von Bands wie The Rattles, jammten mit den britischen Rockern The Gun und tourten durch Süddeutschland. „Der Traum vom Durchbruch war immer da“, erzählt deren Bassist Rolf Iseler. Beim Weihnachtsball eines Sportvereins debütierte dagegen Ludwig Stark mit seiner Schülerband The Synphonies. „Balla Balla“ spielten sie und „Hang on Sloopy“, erinnert er sich. Die Gage bestand aus vier Stangen Toblerone. Ihr Ehrgeiz sei gewesen, so gut zu werden wie die Shatters, schreibt er, diese hohe Schule der Nachspielkunst so perfekt zu beherrschen. In der Erwachsenenwelt stieß der Beat eher auf taube Ohren. „Drei Stunden im Stil der neuen Zeit. Lärmorgie in der Stadthalle. Ein Saal voll tanzender Derwische“, berichtete ein Journalist 1965: „Die ehrwürdige Stadthalle, die so häufig Raum bot für die harmlosen Lustbarkeiten wohlerzogener Bürger, drohte in ihren Festen zu wanken.“ Für Ludwig Stark war der Beat „Ausdruck eines Lebensgefühls, das sich von der Zwangsjacke der Ach-so-vernünftigen-Zeit befreien will, gegen die Autorität der Väter, gegen den marionettenhaften Zeitgeist, der aus Menschen Holzpuppen macht“. Die jungen Leute ließen sich die Haare wachsen, trugen Stiefel, enge Hosen, Westen ? und sahen nach Ansicht ihrer Eltern unordentlich aus. Zehn Jahre lang, etwa von 1960 bis 1970, folgte eine ganze Generation den neuen Helden. „Es war schon ein Glück, da geboren zu sein und mitmachen zu dürfen“, sagt Rolf Iseler von den Shatters, der zum Jahrgang 1947 gehört. Aufschwung war damals, es herrschte eine Aufbruchstimmung, es gab neue Freiheiten, viele Feiern und einen heftigen Generationskon­flikt. Aber jede schöne Zeit geht zu Ende. „Die Shatters verkörpern die Buddenbrooks des Beat“, hat Ludwig Stark in „Beat in Ludwigsburg“ analysiert: Ihre Karriere sei ein permanenter Höhenflug gewesen, das Ende Dekadenz. Es kam mit den 1970er Jahren, als sie sich in Zero umbenannten und ihren Stil änderten. In der Zeit zog es die Jugend längst an einen anderen Ort – in die damals neuartigen Discotheken.


Ludwigsburger Stadtführung (Teil 127): Aufstieg und Fall von Joseph Oppenheimer

Juden haben in Ludwigsburg im 18. Jahrhundert nur wenige gelebt. Einer von ihnen, der in Erinnerung geblieben ist, war Joseph Oppenheimer, diffamierend „Jud Süß“ genannt. Er erlebte einen steilen Aufstieg und einen jähen Absturz: Er endete am Galgen.

Von Lukas Jenkner

Als Joseph Oppenheimer am 4. Februar 1738 in Stuttgart gehenkt wurde und 12 000 Schaulustige das grausige Schauspiel verfolgten, war dies im Grunde das Ergebnis eines Justizskandals. Oppenheimer war der Prozess gemacht worden wegen Hochverrats, Majestätsbele­idigung, Betrugs und Amtserschleichung gemacht worden. Eigentlich jedoch hatte Joseph Oppenheimer, dessen diffamierender Spitzname „Jud Süß“ war, lediglich im Auftrag des Herzogs Carl Alexander zwischen 1733 und 1737 die chronisch klammen Finanzen Württembergs saniert. Dabei allerdings hatte sich Oppenheimer reichlich Feinde gemacht, und als der Herzog ganz unvermutet unter bis heute nicht ganz geklärten Umständen dahingerafft wurde, entlud sich noch am selben Tag der Hass auf den vermeintlichen Parasiten. Oppenheimer wurde verhaftet und in dem Gefängnis Hohenasperg eingekerkert. Der Aufstieg und Fall des Joseph Oppenheimer ist einzigartig in der Geschichte Württembergs. Zu seiner Zeit lebten im Land und zumal in Ludwigsburg nur sehr wenige Juden. Die wenigen waren überdies stark benachteiligt, nach einem Landesgesetz aus dem Jahr 1498 war ihnen die dauerhafte Ansiedlung im Land verwehrt. Es gab lediglich so genannte „Handelsjuden“, denen gegen Entgelt erlaubt wurde, durch das Land zu reisen und Geschäfte zu machen. Die zweite Gruppe waren die „Schutzjuden“, die sich in Orten ansiedeln durften, die nicht dem Landesrecht unterworfen waren, sondern direkt zum Herrscherhaus gehörten. Um Ludwigsburg herum zählten dazu im 18. Jahrhundert Aldingen, Hochberg und Freudental. Schließlich bekamen als dritte Gruppe einzelne „Hofjuden“ vom Landesherrn die Erlaubnis, sich in Württemberg niederzulassen. Zu diesen zählte damals Joseph Oppenheimer. Jahrzehnte nach dessen skandalumwitterter Hinrichtung, zu Beginn des 19. Jahrhunderts, lebten in ganz Württemberg ganze 534 Menschen jüdischen Glaubens. In Ludwigsburg gab es nach einer von Albert Sting in seine Ludwigsburger Stadtgeschichte aufgenommenen Statistik im Jahr 1800 keine Juden, in den Jahren darauf stieg ihre Zahl allmählich an. Im Jahr 1818 waren 54 von 5936 Ludwigsburgern Juden, was einem Anteil von knapp einem Prozent entspricht und über dem Landesdurchschnitt lag. Um 1810/1815 lebten nach bedeutenden Gebietserweite­rungen 1,4 Millionen Menschen in Württemberg, darunter 7000 Juden, was einem Anteil von lediglich 0,5 Prozent entsprach. Im zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts verfestigten sich – auch in Ludwigsburg – die Strukturen jüdischen Lebens im Land. Im Hause Mömpelgardstraße 18, das einmal Joseph Oppenheimer gehört hatte, ist 1817 ein jüdischer Betraum eingerichtet worden. Zu Ende des Jahrhunderts, als in der Solitudestraße die große Synagoge errichtet wurde, schien die Emanzipation des Judentums und dessen Integration in die Gesellschaft in der Stadt wie im Rest des Deutschen Reiches auf dem besten Wege gewesen zu sein. Pogrome und öffentliche Exekutionen wie die Joseph Oppenheimers schienen der Vergangenheit anzugehören – bis die Nazis an die Macht kamen.


Ludwigsburger Stadtführung (Teil 126): Der Brunnen am Marktplatz wird moderne Kunst

Der Brunnen am Ludwigsburger Marktplatz wird mit einem Pavillon überdacht – allerdings nur bis November. „Audienz bei Herzog Eberhard Ludwig“ heißt das Kunstwerk. Das Standbild, das den Wassertrog schmückt, hatte der Stadtgründer selbst fertigen lassen.

Von Kathrin Haasis

Demnächst können die Ludwigsburger ihrem Stadtgründer auf Augenhöhe begegnen. Um den Brunnen am Marktplatz, den ein Standbild von Herzog Eberhard Ludwig ziert, wird momentan eine begehbare Installation aufgebaut. Der überdachte Pavillon besteht aus 28 Stahlteilen, die zusammen rund sechs Tonnen schwer sind. Über eine Treppe gelangen die Betrachter ganz in die Nähe der Statue, um die eine Art Balkon gebaut wird. Der Boden, das Geländer und das Dach werden aus Holz gefertigt. Der Künstler Timm Ulrichs hat die Konstruktion für den erstmals stattfindenden Ludwigsburger Skulpturenpfad entworfen ? und „Audienz bei Herzog Eberhard Ludwig“ getauft. Er besetzt damit den prominentesten Platz Ludwigsburgs. Angeblich sollen sich an der Stelle einst die fruchtbarsten Äcker der Umgebung befunden haben. Sie wurden geopfert ? für die Stadtplanung nach den Ideen des Baumeisters Donato Giuseppe Frisoni. Am 25. August 1718 wurde der Grundstein für die heutige Stadtkirche gelegt und damit auch für den Marktplatz. Genau 375 mal 275 schwäbische Fuß misst die freie Fläche, umgerechnet etwa 110 mal 80 Meter. Vermutlich erst seit 1991 sieht der Marktplatz so aus, wie Frisoni ihn sich vorgestellt hatte: In dem Jahr wurde die 10 000 Quadratmeter große Fläche mit Granitplatten belegt und ansonsten freigehalten. Seither dürfen dort keine Autos mehr fahren und parken. Allein der Marktplatzbrunnen lockert die schnörkellose Gestaltung auf. Den hatten sich die Anwohner von Anfang an gewünscht. „Zwar habe der Herzog das lebensgroße Bildnis seiner höchsten Person zur Aufstellung bei dem Brunnen zum tiefsten Dank der Bürgerschaft schon vor Jahren fertigen lassen, aber der Brunnen selbst fehle noch“, schrieb Georg Thomas Schönleber, der von 1755 bis 1785 Bürgermeister war, in seinen Nachrichten. Erst um 1730 wurde der achteckige Brunnentrog nach den Plänen von Paolo Retti gefertigt. Die Statue stammt von Carlo Ferretti und zeigt den Herzog als Reichsgeneral­feldmarschall mit Marschallstab, Degen und Kriegstrommel. Mitsamt Sockel kommt sie auf eine Höhe von vier Metern. Heute schmückt eine 1954 gestaltete Kopie den Brunnen, das Original steht im Schloss. Der Ludwigsburger Marktplatz symbolisiert die „bürgerliche Mitte“ der Stadt. Der Künstler Timm Ulrichs setzt mit seiner Architekturskulptur die Demokratisierung fort. Sein Kunstwerk gilt rein rechtlich sogar als Versammlungsstätte. Die Vorschriften verlangen, dass die Konstruktion 500 Kilogramm Gewicht pro Quadratmeter aushält. „Aber am Platz wird nichts beschädigt“, versichert der ausführende Architekt Terrence Poe. Von 11. Juni an, wenn der Skulpturenpfad um 17 Uhr auf dem Marktplatz eröffnet wird, empfängt der Herzog zur Audienz. In der gegenüber gelegenen Galerie „5Räume“ findet zu dem städtischen Kunstprojekt anlässlich des 300-Jahr-Jubiläums eine Ausstellung statt. Am 22. November wird das Gerüst abgebaut.


Stadtführung (Teil 125): New Yorker Brauerei mit Ludwigsburger Wurzeln

LUDWIGSBURG. Bier und revolutionäre Gedanken, das war 1848 ein gefährliches Gemisch im Königreich Württemberg. Samuel und Sarah Liebmann trieb ihr Geschäft und ihre Überzeugung von Ludwigsburg in die weite Welt hinaus.

Von Kathrin Haasis

Für moderne Menschen hat Ludwigsburg Mitte des 19. Jahrhunderts offenbar keine Entfaltungsmöglichke­iten geboten. In der ehemaligen Residenzstadt machte sich die deutsche Revolution von 1848 kaum bemerkbar. Aber eine Keimzelle gab es: „Allein die Brauerei Zum Stern war republikanischer und damit oppositioneller Mittelpunkt in der konservativen Beamten- und Soldatenstadt“, schreibt Monika Bergan in dem Buch „Ludwigsburger Frauenportraits“ über Sarah Liebmann. Mit ihrem Mann hatte die damals 39-Jährige die Kneipe 1840 übernommen. Zehn Jahre später wanderte die Familie nach New York aus – und gründete dort eine der erfolgreichsten Brauereien. Mit „Rheingold“ schufen sie eine der populärsten Biermarken. Das jüdische Ehepaar stammte aus Aufhausen am Nördlinger Ries. Doch Samuel Liebmann, dessen Vater ein hoch angesehener Schriftgelehrter war, wollte höher hinaus. Zuerst erwarb er mit seinem Bruder Heinrich das Schlossgut Schmiedelfeld bei Schwäbisch Gmünd, das sie zu einem ökonomischen Musterbetrieb aufbauten. Dann zog er mit seiner Familie nach Ludwigsburg weiter, auch wegen der besseren Ausbildung für seine Söhne. Er kaufte das in der Seestraße 9 gelegene Gasthaus Zum Stern mit der dazugehörigen Brauerei. Am gewerblichen und wissenschaftlichen Leben in der Stadt soll er regen Anteil genommen haben, für die Israelitische Gemeinde war er eine Autorität. Doch Samuel und Sarah Liebmann waren in Geist und Grundsatz eben Republikaner – und gerieten deshalb bald in Schwierigkeiten. „Die Sternwirtin war von zwei Soldaten angezeigt worden, in ihrer Gaststube aufrührerische Reden geführt zu haben“, heißt es in dem im Hackenberg Verlag erschienenen Buch. Nachdem ein Soldat namens Hartmann im Juni 1848 wegen revolutionärer Umtriebe verhaftet worden war, soll sie für seine Freilassung Freibier versprochen haben. Bei ihrer Vernehmung hat sie dann laut Monika Bergan energisch bestritten, „zur gewaltsamen Befreiung eines Gefangenen aufgestachelt zu haben“. Das Verfahren wurde mangels Beweisen eingestellt – und den Soldaten vorsichtshalber der Besuch des Sterns verboten. Samuel Liebmann schickte alsbald seinen ältesten Sohn Joseph auf zu den neuen Ufern in die USA. Nach kurzer Zeit erwarb er eine Brauerei und holte die Familie nach. In Brooklyn bauten die Liebmanns eine der größten und modernsten Brauereien im Großraum New York auf. Ihr Unternehmen florierte, für die Nachbarschaft drum herum bauten sie Straßen und Wohnhäuser und sorgten für die Kanalisation. Als Joseph Liebmann 1913 mehr als 30 Jahre nach dem Tod seines Vaters starb, wurde über ihn auch in der „Ludwigsburger Zeitung“ ein Nachruf geschrieben. 1000 Fässer produzierten die Liebmanns am Anfang im Jahr, 1914 erreichten sie 700.000 Fässer. Von einem Dirigenten des Metropolitan Opera House soll der Name für das Bier der deutschen Brauer stammen. Bei einem Abendessen in deren Haus im Jahr 1883 hielt er sein Glas ans Licht und rief: „Was für eine wunderschöne Farbe dieses Bier doch hat – die Farbe des Rheingolds!“ Vor allem nach dem Ende der Prohibition 1932 war Rheingold 30 Jahre lang das meistgefragte Bier im Großraum New York. Die Werbekampagne mit der jährlichen Wahl einer Miss Rheingold gilt als legendär. Doch 1976 wurde die Brauerei mit den Ludwigsburger Wurzeln geschlossen, große Konzerne wie Anheuser & Busch verdrängten die Regionalbetriebe. Die Liebmanns geraten aber nicht in Vergessenheit: Seit 1998 hat es mehrere Versuche gegeben, das Bier wieder in New York zu etablieren.


Stadtführung (Teil 124): Lektionen aus dem Bilderbuch

LUDWIGSBURG. Den Inbegriff der Biederkeit könnte man aus Tony Schumachers Büchern herauslesen. Jüngere Publikationen über die Ludwigsburgerin sehen in ihrer Literatur allerdings mehr als immer nur den pädagogischen Zeigefinger.

Von Miriam Hesse

Mit solchen Gutenachtgeschichten würden Eltern heutzutage vermutlich von ihren Kindern von der Bettkante gestoßen. Mehr als drei Jahrzehnte lang aber stand Tony Schumacher an der Spitze der deutschsprachigen Jugendliteratur, bis in die fünfziger Jahre hinein wurden ihre Werke gelesen. In Ludwigsburg zählt sie zu den berühmten schriftstellernden Kindern der Stadt – wie ihr Großonkel Justinus Kerner. Dabei hatte die ebenso talentierte Zeichnerin erst im Alter von knapp 40 Jahren begonnen, Bücher zu schreiben. Doch schon bald wurden die meisten ihrer Veröffentlichungen zu Bestsellern. „Mütterchens Hilfstruppen“ hieß das 1895 erschienene Buch mit dem Zusatz: „eine hübsche Geschichte und Anleitungen, wie Kinder im Haushalt helfen können“. Die militärische Erziehung aus dem Elternhaus hört man in dem Titel anklingen – und viel pädagogische Schwerstarbeit. Dabei hat es die Ludwigsburgerin, die keine eigenen Kinder hatte, mit denen anderer offenbar ganz gut gemeint. Als Antonie von Baur-Breitenfeld wurde sie am 17. Mai 1848 im Grävenitz-Palais in Ludwigsburg geboren. Ihr Vater war ein General, die Mutter eine strenge Pietistin. Das Nesthäkchen in der Familie wuchs im festen Glauben an eine scheinbar festgefügte Welt heran. Dass die Geschwister sie ein „Dickerle“ und „Dummerle“ nannten, trübte das Kindheitsparadies auch in ihren autobiografischen Rückblicken nicht: „Ludwigsburg! Ob wohl jedem in späteren Zeiten das Herz auch so überwallt, wenn er zurückdenkt an den Ort seiner Geburt?“ Begeistert erinnert sie sich an das ausgelassene Spielen im Schlosspark, der gegenüber dem Elternhaus lag. „Hier gab es des Geheimnisvollen genug“, schreibt sie: „Das Gruseln in allen Arten war vielleicht auch ein Hauptreiz dieses Gartens.“ Behütet aufgewachsen wurde sie auch standesgemäß verheiratet: Mit dem 18 Jahre älteren Karl von Schumacher, einem Vermögensverwalter der Regentenfamilie, ging sie 1875 nach Stuttgart. Dort sei sie allerdings keineswegs ein Heimchen am Herd gewesen, betont Irmgard Wagner in ihrer 2006 erschienenen Publikation über „Kaiserreich und Republik in Tony Schumachers Jugendbüchern“. Dass die Schriftstellerin mit ihrem Ehemann gemeinsam an einem großen Schreibtisch arbeitete, sei ein Zeichen von Emanzipation gewesen. Das sind ganz andere Töne über eine Autorin, die vielen in jüngerer Zeit mit ihrem gouvernantenhaften Getue und den ständigen guten Ratschlägen als Inbegriff der Biederkeit galt. Doch die Germanistin Wagner entdeckt in Tony Schumachers Werk alles andere als Gartenlaubenidylle und Backfischromantik. Eher habe die leidenschaftliche Krippen- und Puppensammlerin ihren jungen Lesern realistische Lektionen fürs Leben auf den Weg gegeben. Sie habe der heranwachsenden Generation die Welt mit allen Schwierigkeiten und Katastrophen als zu bewältigende Aufgabe darzustellen versucht. So gehe es in „Reserl am Hofe“ auch um die abnehmende Bedeutung der Monarchie, in „Dummerchen“ um die Angst vor dem Absturz in der Ständegesellschaft, in „Ferienkinder in den Bergen“ um die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Viel Wirklichkeitsnähe und Bodenständigkeit und kein verklärtes Bild von der Jugend entdeckt Irmgard Wagner in dem Werk der vornehmen Aristokratin. So ist zum Beispiel ihre Protagonistin Bärbel „überglücklich“, dass sie eine Ausbildung zur Sekretärin machen darf. Ganz realistisch bezieht sie aber die damals üblichen häuslichen Pflichten in ihre Karrierepläne ein: „Vaters Sonntagsbraten machen und seine Hemden bügeln, das überlässt auch das Fräulein Sekretärin niemand.“ In Watte gepackt war Tony Schumacher selbst schließlich auch nicht. Für die Angehörige des gutbürgerlichen Beamtenadels bedeutete der Zusammenbruch des Kaiserreichs das Ende all ihrer vorherigen Lebensumstände. Verarmt zog sie sich 1923 in eine kleine Wohnung der Werner'schen Heilanstalt in Ludwigsburg zurück und kümmerte sich fürsorglich mit um die dort untergebrachten Heimkinder. Am 10. Juli 1931 ist sie in Ludwigsburg gestorben.


Stadtführung (Teil 123): Ein Flugzeug namens Ludwigsburg

Ludwigsburg geht regelmäßig in die Luft: Seit 22 Jahren fliegt die Lufthansa mit dem Namen der Stadt in alle Welt. 2007 wurde ein Airbus „Ludwigsburg“ getauft. Zuvor war eine Boeing unter diesem Namen unterwegs.

Von Kathrin Haasis

Lange Zeit landete Ludwigsburg nur in Europa. Doch seit 2007 kommt die Stadt auch in Kairo, Boston oder Muskat an. Ein Airbus 330–300 der Lufthansa trägt nämlich den Namen der Stadt in alle Welt hinaus. Die Erlaubnis dazu hat Werner Spec dem Unternehmen gegeben: Im Rathaus unterzeichneten der Oberbürgermeister und der Lufthansa-Vertriebsdirektor eine Urkunde zur Namensübertragung. Der Airbus ist in Toulouse zusammengeschraubt worden, er startet von Frankfurt aus. „Jetzt können unsere Filmleute mit der Ludwigsburg in die USA fliegen“, freute sich der OB damals – obwohl er die Filmakademie-Absolventen lieber mit Jobs in der Stadt halten würde. Eine feierliche Taufe war nicht nötig, die hat bereits 12. Juni 1987 stattgefunden. Damals gab Astrid Henke, die Gattin des früheren Oberbürgermeisters Jochen Henke, auf dem Stuttgarter Flughafen einer Boeing 737 den Namen der Stadt. Mit Sekt, versteht sich. Die Maschine kam nur in Europa zum Einsatz und wurde schließlich ausgemustert. Seit der Namensübertragung schwebt die zweite Generation Ludwigsburg im Himmel. Der Airbus hat eine Reichweite von 10 000 Kilometer und schafft bis zu 870 Kilometer in der Stunde. 221 Menschen haben in dem Flugzeug Platz. Die Ludwigsburg hat bereits fast 20 500 Flugstunden hinter sich und war auf mehr als 4100 Flügen für Lufthansa am Start. Das Unternehmen hat insgesamt 25 Flugzeuge des Typs Airbus 330–300 in der Flotte. D-AIKG lautet das offizielle Luftfahrtkennze­ichen der Ludwigsburg. Die täglich wechselnde Crew nennt sie kurz Kilo-Golf – entsprechend dem internationalen Fliegeralphabet sind dies die beiden letzten Buchstaben des Kürzels. Bei der Lufthansa ist es seit 1960 Tradition, dass deutsche Bundesländer und Städte über den Wolken für sich werben dürfen. Damals fand in Frankfurt die erste Flugzeugtaufe statt, als der allererste Langstrecken-Jet, eine Boeing 707, in den Dienst gestellt wurde. Er erhielt den Namen Berlin und Taufpate war der damalige regierende Bürgermeister Willy Brandt.


Stadtführung (Teil 122): Zeppelin über Ludwigsburg

LUDWIGSBURG. An Pfingsten vor 100 Jahren (also im Jahr 1909) begeisterte ein alternder Graf die Ludwigsburger Bevölkerung. Als der 70-Jährige mit seinem Zeppelin die Stadt überflog, standen die Bürger auf den Dächern und in den Fenstern, um einen Blick auf die „silberne Zigarre“ zu werfen.

Von Franziska Kleiner

Man muss es nur wollen, dann wird es gelingen – das soll einer der Leitsprüche des Luftfahrtpioniers Ferdinand Graf von Zeppelin gewesen sein. Nach Probefahrten über den Bodensee war für den 29. Mai 1909 eine große Fahrt des 136 Meter langen, 13 Tonnen schweren Zeppelins von 13 Meter Durchmesser geplant. Die Fahrt sollte von Oberschwaben über Bayern bis Bitterfeld und zurück über Stuttgart an den Bodensee führen. Der Zeppelin war bereits 36 Stunden in der Luft, ehe er sich am 31. Mai Ludwigsburg näherte. Die Presse berichtete: „Plötzlich um 8.45 Uhr wurde von Beihingen her Nachricht gegeben, dass Z II den Ort passierte, von der Dragonerkaserne war das Luftschiff um dieselbe Zeit gesichtet worden. Auf Dächern dort postierte Soldaten gaben Signalschüsse ab. Bereits hörte man das Knattern der Propeller und in wenigen Augenblicken tauchte der Koloss, von Monrepos herfliegend über der unteren Stadt auf, kreuzte die Reithausstraße, Aspergstraße, Ulanenkaserne, Arsenalkaserne und flog dann, nachdem er noch einige Manöver in der Luft vollführt hatte, in Richtung Stuttgart weiter. Es war gerade 9 Uhr und die Glocken läuteten zur Kirche, als Z II in merkwürdig niederem Fluge, scheinbar die Dächer streifend, die Wilhelmstraße kreuzte. In den Straßen hatten sich Menschenmengen angesammelt und in den Fenstern und auf den Dächern erschienen die Neugierigen in vielfach noch recht fragwürdigen Toiletten; mit lautem Zurufen begrüßten sie das Luftschiff.“ Da durch andauernden Gegenwind die Treibstoffvorräte knapp geworden waren, hatte der Graf über Ludwigsburg eine an die Daimlerwerke in Cannstatt gerichtete Meldung abgeworfen, in der er um die Bereitstellung von Sprit bat. Doch kurzfristig entschlossen sich Zeppelin und die siebenköpfige Besatzung doch zur Weiterfahrt nach Friedrichshafen. Am Steilabfall der Schwäbischen Alb bei Göppingen verstärkte sich der Gegenwind aber so sehr, dass der Graf nach fast 38-stündiger Dauerfahrt auf einer Anhöhe bei Jebenhausen die Landung befahl. Weit blicken konnten die Steuerleute wegen des zügigen, steilen Abstiegs von 1220 Meter Höhe auf die Erde nicht – mit der Spitze des Luftschiffes rammten sie den weit und breit einzigen Birnbaum. Zum Glück wurde niemand verletzt, nach 29-stündiger notdürftiger Reparatur stieg der Zeppelin wieder auf – um am 2. Juni am Bodensee zu landen. Jahrelang war der Graf vom Bodensee zuvor wegen verunglückter Flugversuche als Spinner verlacht worden, 1908 hatte er gar einen Unfall zu verantworten, der in den Medien zu einer nationalen Katastrophe gereichte. Bei einer 24-stündigen Dauerfahrt von Manzell bei Friedrichshafen nach Mainz steuerte er auf dem Rückflug wegen technischer Probleme Stuttgart an, landete auf einer Wiese bei Echterdingen – 100.000 Schau­lustige sollen damals zu der „silbernen Zigarre“ geeilt sein. Doch Windböen rissen den Zeppelin aus seiner Halterung nach oben, er verfing sich in einer Baumkrone, im Nu entzündeten sich 15.000 Kubikmeter Wasserstoff – binnen Sekunden war er ausgebrannt. Ein Monteur starb bei dem Versuch, das Luftschiff zu retten, ein anderer wurde schwer verletzt. Danach geschah, womit niemand gerechnet hatte: Ein unbekannter Zeuge des Unglücks rief zu Spenden auf; die landesweite Anteilnahme am Unglück war so groß, dass binnen weniger Wochen über sechs Millionen Mark zusammenkamen. Damit war erst der Bau eines neuen Luftschiffs, des Z II, möglich.


Stadtführung (Teil 121): Die Politikerin, Pädagogin, Journalistin und Pazifistin Mathilde Planck

Die Eltern Planck hatten ihren Kindern einst eingebläut, sie sollten sich nicht kritiklos der Masse anpassen. Ihr „Thildele“ hat das konsequent umgesetzt. Mathilde Planck, die auch in Ludwigsburg wirkte, ist eine Pionierin der Frauenbewegung gewesen.

Von Miriam Hesse

Hinter jeder starken Frau steht ein starker Mann, muss sich der Bundespräsident Theodor Heuss wohl gedacht haben, als er im Jahr 1951 Mathilde Planck das Bundesverdien­stkreuz überreichte. Sie war die erste Frau, die diese Auszeichnung bekam. Heuss jedoch dankte der damals in Ludwigsburg lebenden 90-Jährigen ausdrücklich für die Arbeit, „der Sie als Tochter und geistige Erbin eines großen Vaters ein Leben in Hingabe gewidmet haben“. Ein zweifelhaftes Kompliment für die engagierte Feministin, die sich nach dem Tod ihres Vaters Karl Christian sehr für die Verbreitung seines philosophischen Werks eingesetzt hatte, die aber vor allem ihre eigenen Wege in der Frauen- und Friedenspolitik ging und bahnbrechende Erfolge im Kampf um Gleichberechtigung erzielte. 1919, als gerade das Wahlrecht für Frauen eingeführt ist, wird die überzeugte Vegetarierin, Nichtraucherin und Alkoholgegnerin für die von ihr mitbegründete liberale Deutsche Demokratische Partei in den Landtag gewählt. Zwei Jahre später entsteht durch ihr Zutun die „Gemeinschaft der Freunde“, aus der die erste deutsche Bausparkasse hervorgeht, die GdF Wüstenrot. 1929 kann sie so den Bau eines der ersten Altersheime in Ludwigsburg durchsetzen. Sie zieht als 70-Jährige in das Heim und übernimmt die Hausverwaltung. Tüchtig fortschrittlich ist diese Frau, deren Motto ist: „Wenn etwas nötig ist, muss es getan werden.“ Dabei ist das am 29. November 1861 in Ulm geborene „Thildele“ als Kind gar keine selbstbewusste Kämpfernatur. Verträumt und zerstreut wirkt das Kind auf seine sechs ehrgeizigen Geschwister. „Sie sagen, die Fantasie sei bei mir stärker als der Verstand.“ Das Mädchen liebt die Texte von Schiller und Mörike und hat Sehnsucht, Bedeutendes zu schaffen. Die Eltern bestärken Mathilde darin. Denn sie haben den hehren Erziehungsgrun­dsatz, dass sich die Kinder nicht kritiklos der Masse anpassen und dass auch die Töchter einen Beruf ergreifen sollen. Als junge Frau aber muss sich Mathilde Planck nach dem frühen Tod ihres Vaters und an Stelle ihrer kranken Mutter um den Haushalt kümmern, bevor sie sich an einem Privatseminar zur Lehrerin ausbilden lässt – und das, obwohl sie sich eigentlich zu schüchtern findet, um vor einer Klasse an der Tafel zu stehen. Als Frau hat sie jedoch kaum berufliche Alternativen. Schließlich verbreiten zu dieser Zeit auch angesehene Universitätspro­fessoren, dass die geistige Arbeit für Frauen generell schädlich sei. Die junge Lehrerin unterrichtet am neu gegründeten ersten württembergischen Mädchengymnasium in Stuttgart, übernimmt bald die Schulleitung, gibt den Beruf im Alter von 40 Jahren jedoch erschöpft auf. Mathilde Planck braucht ihre Energie für die Frauenbewegung. Mit dem Württembergischen Lehrerinnenverein setzt sie sich gegen das Zölibatsverdikt ein, wonach Lehrerinnen nach der Heirat ihren Arbeitsplatz und ihr Beamtenrecht aufgeben müssen. Sie arbeitet als Journalistin bei der Zeitschrift „Frauenberuf“ und gründet 1900 einen Zweigverein der Deutschen Friedensgemein­schaft. Von Scheu kann keine Rede mehr sein. Mitten in die kriegseuphorische Stimmung hinein verlangt sie in einem Telegramm an Kaiser Wilhelm II., er solle den Ersten Weltkrieg vermeiden. Hitlers Nationalsozialismus nennt die glühende Pazifistin später „den Triumph des Niedrigen, Hässlichen und Gemeinen“. Hören wollen das nur wenige. Mathilde Plancks Artikel werden nicht mehr gedruckt: Weil sie ausländische Zeitungen abonniert hat, gerät sie ins Visier der NS-Machthaber. Als sie 1936 eine schwer kranke Freundin auf Teneriffa pflegt, verkauft die GdF das Altersheim an die Reichswehrver­waltung. Zurück in Deutschland, baut Mathilde Planck ein Haus auf der Gerlinger Höhe und schreibt dort in den Jahren vor ihrem Tod eine Biografie über den wahrscheinlich wichtigsten Mann in ihrem Leben: ihren Vater.


Stadtführung (Teil 120): Der Pfarrer Johann Friedrich Flattich

LUDWIGSBURG. Er ist Pädagoge gewesen und Pfarrer, vor allem aber war er ein Mensch unter Menschen: Johann Friedrich Flattich. Ewald Gaukel und Eugen Völlm haben ein Buch über ihn, den Münchinger Seelsorger verfasst, der als Vikar auch in Hoheneck wirkte.

Von Franziska Kleiner

Eines nimmt Ewald Gaukel bei der Vorstellung des neuen Buches „Wenig Brod für arme Leuth“ gleich vorweg: „Das Buch war nicht geplant“, sagt er lachend, und Eugen Völlm schmunzelt. Es sei vielmehr das Ergebnis intensiver Auseinandersetzung mit bisher nicht ausgewerteten historischen Quellen gewesen. Nun aber seien die beiden doch froh, dank der Unterstützung vieler das Buch über Johann Friedrich Flattich gemacht zu haben. Nicht, weil sie darin von jenem rasch aufbrausenden Mann erzählen konnten, der von seiner künftigen Ehefrau wissen wollte, ob sie zu ihm passe, und sie deshalb vor der Hochzeit kurzerhand zur Prüfung ohrfeigte. Vielmehr ging es den beiden darum, die Bedeutung des Pfarrers und Pädagogen für die heutige Zeit herauszuarbeiten. So schreibt Gaukel im Vorwort: „Für Flattich galt: ‚Wenig brauchen, damit man nicht viel erwerben muß‘ und ‚Geben ist seliger als nehmen‘. In unserer Generation ist es als neues Motto verkündet worden: Geiz ist geil. Es könnte sich lohnen, Flattichs Denkweise und unser heutiges Verständnis miteinander im Dialog zu betrachten.“ Völlm fügt an, Flattich sei „ein Mensch unter Menschen“ gewesen. Flattich, der Pfarrer und Pädagoge, der 1713 in Freiberg-Beihingen geboren wurde und 1797 in Münchingen starb, hat unter anderem die Hausregeln verfasst, die lange zu den Grundlagen evangelischer Erziehungsarbeit gehörten. Flattich hatte in Tübingen evangelische Theologie studiert, war in den Jahren von 1738 bis 1742 in Hoheneck bei seinem Onkel, Pfarrer Kapff, Vikar und wirkte später bis zu seinem Tod als Pfarrer in Münchingen. Er sei kein Mensch gewesen, der sich wichtig nahm und deshalb Einfluss auf die Menschen haben wollte. Er habe Einfluss auf sie gehabt, weil er sie ernst genommen habe und dabei authentisch geblieben war, erklären die Autoren. Auch das erzählen die Protokolle des Kirchenkonvents, die Schriften jenes kommunalen Sittengerichts also, dem sowohl der Pfarrer als geistliches wie auch der Schultheiß als weltliches Oberhaupt angehörten. „Er hat Diakonie gelebt, nicht verwaltet“, sagt der Korntal-Münchinger Kirchenpfleger der evangelischen Kirchengemeinde, Karl Krell. Insofern verwundert es nicht, dass die Kirchengemeinde Münchingen sich als Herausgeber des Buches in das Projekt eingebracht hat. Johann Friedrich Flattich sei eben nicht nur eine wichtige Person in der Geschichte Münchingens, sondern auch eine Persönlichkeit, die noch heute zum Vorbild gereiche. Dazu mag auch gehören, dass Flattich offenbar recht unerschrocken mit der Obrigkeit umging: Als Herzog Carl Eugen auf Schloss Solitude weilte, war auch Flattich dorthin zu einem Gastmahl eingeladen. Er hatte als Einziger seine Haare nicht gepudert, auf Nachfrage des Herzogs antworte er bodenständig schwäbisch: „Weil ich mein Mehl zu den Knöpfle brauche.“ Auch in diesem Moment war die Verbundenheit groß zu den Bürgern im Land, die der Herzog durch den Bau von Schloss Solitude in den Ruin getrieben hatte. Die Abgaben, die sie ihm bringen mussten, hatten sie beinahe um ihre Existenz gebracht. Flattich wusste dies wohl. Seine Braut hat die Ohrfeige damals übrigens ruhig weggesteckt. „Es war aber ihre erste und letzte Ohrfeige, denn es mag wohl keine friedlichere Ehe gegeben haben, als die von Pfarrer Flattich“, so die Autoren.


Stadtführung (Teil 119): Hans Klenk - der Erfinder von Hakle

Von Franziska Kleiner

Hans Klenk, der Cousin des Dichters August Lämmle und erfolgreiche Unternehmer, muss ein Universaltalent gewesen sein. Am 3. April 1906 in Oßweil geboren, gründete er 1928 nach Oberrealschule, Banklehre und mehrjähriger Tätigkeit in der Papier- und Markenartikelin­dustrie im Alter von gerade mal 22 Jahren das erste Werk in seiner Heimatstadt Ludwigsburg. Doch in der Startphase war weniger von einem Betrieb die Rede: Vormittags stellte Klenk die Klopapierrollen her, nachmittags verkaufte er sie. Er war Produzent, Buchhalter und Verkäufer in einem. Seine Firma benannte er nach den Anfangsbuchstaben seines Namens, nämlich Hakle. Zwar begann er die Produktion mit Toilettenpapier, aber sein Ziel war eine komplette Palette an Hygieneartikeln. Die von ihm garantierte Blattzahl war neu und lockte Kunden, 1932 bot er als Erster die 1000-Blatt-Rolle an. 1954 zog Klenk aus dem Ludwigsburger Proviantamt an den Rhein nach Mainz, dort baute er sein Werk aus. Ein Papierverarbe­itungswerk in der Stadt, die Nähe zu den Rohstoffen hatten offenbar den Ausschlag für den Umzug gegeben. In den 1960er Jahren war Hakle die größte Papierspezialfabrik im Raum der damaligen Europäischen Wirtschaftsge­meinschaft (EWG). Klenk war weltläufig, er sprach Englisch und Spanisch und blieb der Fabrikvater alten Stils. Im Jahr 1964 wird er zitiert mit den Worten, dass eine Leistung wie die seines Werkes „zu einem guten Teil von einem guten Betriebsklima und von der sozialen Einstellung der Werksleitung“ abhänge. Weiter heißt es von ihm: „Wer nicht erreicht, dass an jedem Arbeitsplatz ein zufriedener Mitarbeiter steht, der kann auch mit der aufwendigsten Werbung nicht weiterkommen.“ Klenk engagierte sich für seine Stadt vor allem für die Altenarbeit. Seine Geldspenden machten den Bau eines Altenheims am Salonwald, das Hans-Klenk-Haus, möglich. Als das nicht mehr den Anforderungen der Altenpfleger entsprach, wurde in der Talstraße ein neues Altenheim, ein neues Hans-Klenk-Haus errichtet. Als Erster ausgezeichnet mit der Bürgermedaille der Stadt, seit 1976 war er außerdem Ehrenbürger der Stadt. 1983 starb Klenk in Mainz.


Stadtführung (Teil 118): Der Lichtkorb an der Sternkreuzung

Hirsche und Rehe, Mammuts und Eisbären, Grasigel und Fußballer – auf der Ludwigsburger Sternkreuzung ist stets etwas geboten. Diesen Sommer blüht auf den Verkehrsinseln der Film. Die Installation ist beweglich.

Von Kathrin Haasis

Wenn das Wasser aus der drei Meter hohen Säule abfließt, heben sich die weißen Objekte und formen Halbkugeln. Steigt das Wasser wieder an, senken sich die korbartigen Objekte und pressen scheinbar das Wasser zurück in die Säule. Wechselwirkungen können diesen Sommer auf den beiden Verkehrsinseln an der Sternkreuzung beobachtet werden. Ludwigsburg als Film- und Medienstandort sollte zum 300. Geburtstag der Stadt in der Öffentlichkeit sichtbar werden. Die an der Filmakademie ausgebildete Szenenbildnerin Maite Lozano und der Kommunikation­sdesigner Felix Wolfer haben dafür die Installation „Der Film blüht“ geschaffen. ?Wir wollen zeigen, wie sich Film und Realität gegenseitig beeinflussen?, erklärt Felix Wolfer, wie der Film Spiegelbild der Realität sei und umgekehrt. Das Wasser in der Säule ist schließlich nicht echt, auf den beiden Bildschirmen sind nur Filmaufnahmen zu sehen. Die Bewegung der Objekte ist darauf abgestimmt. Ein Muster haben die beiden in Kunststoffplatten geschnitten, weshalb sich netzartige Halbkugeln bilden, wenn die Platten in der Mitte angehoben werden. Drei Monate lang haben Maite Lozano und Felix Wolfer an ihrer Installation gearbeitet. „Besonders eindrucksvoll ist sie bei Dämmerung“, findet der Kommunikation­sdesigner. Dann wirken die Bewegungen zwischen den blau beleuchteten Objekten und dem Wasser in der Säule wie Wellen. Somit bleibt die Sternkreuzung bis Oktober nicht nur wegen des Verkehrs in Bewegung, sondern auch wegen der bewegten Bilder auf der Verkehrsinsel. Dort blüht der Film tatsächlich auf: Zwischen den Objekten wachsen auch Blumen. Seit Jahren ist die Sternkreuzung an der B 27 der Ort, wo sich vor allem Mitarbeiter vom Fachbereich für Grünflächen mit den Kollegen aus der Partnerstadt Montbéliard künstlerisch verwirklichen. Hirsche und Rehe waren es vergangenen Winter, fast jede Tierart war an dieser Stelle in Ludwigsburg wohl schon heimisch.


Stadtführung (Teil 117): Ein Mitgestalter des Grundgesetzes

LUDWIGSBURG. Ein Mann aus Ludwigsburg hat am Grundgesetz mitgeschrieben. Dass es zu einer Erfolgsgeschichte wurde, erlebte Felix Walter jedoch nicht mehr. Als es heute vor 60 Jahren in Kraft trat, war der CDU-Politiker schon tot.

Von Eberhard Wein

Es war ein Februartag im Jahr 1949. Felix Walter war am Abend aus Bonn zurückgekehrt. In Heilbronn hatte der CDU-Politiker noch eine Versammlung abgehalten. Die nächsten beiden Tage arbeitete er im Stuttgarter Justizministerium, am Abend wollte er zurück nach Bonn, wo der Parlamentarische Rat tagte. Ein Schwächeanfall hielt ihn von der Reise ab. Mit Verdacht auf einen Herzinfarkt wurde er ins Stuttgarter Marienhospital eingeliefert, wo er schon wenige Stunden später starb, am 17. Februar 1949. Der Tod kam viel zu früh, nicht nur weil Walter erst im 59. Lebensjahr stand. Vielmehr wurde er mitten aus seiner Arbeit gerissen. Seine letzten fünf Monate dürften die arbeitsreichsten und ergiebigsten seines Lebens gewesen sein. Im Dritten Reich war der vormalige Spitzenbeamte des württembergischen Staatsministeriums von den Nazis kaltgestellt und auf einen unpolitischen Posten am Stuttgarter Landgericht versetzt worden. Nun nahm er als Verfassungsexperte der nordwürttember­gischen CDU an den Beratungen des Parlamentarischen Rats teil. Dort gehörte er hinter Carlo Schmid (SPD) und dem späteren Bundespräsidenten Theodor Heuss (FDP) zu den profilierten Vertretern Südwestdeutschlan­ds. Nur sein früher Tod bewirkte, dass er weitgehend in Vergessenheit geriet. Dabei hatte er schon an einer weiteren Karriere im neuen Bundesverfassun­gsgericht gearbeitet. „Sein tiefer Glaube erklärt seine persönlichen Werte“, sagte der CDU-Abgeordnete Theophil Kauffmann, der bei der Beerdigung auf dem Pragfriedhof stellvertretend für den Präsidenten des Parlamentarischen Rats, Konrad Adenauer, die Trauerrede hielt. Walter war streng katholisch erzogen worden. Dass die protestantische Residenzstadt Ludwigsburg als Geburtsort in seinem Pass stand, entsprang eher einer Zufälligkeit. Der Vater, ebenfalls ein Jurist, arbeitete damals einige Jahre am örtlichen Amtsgericht. Doch bald zog die Familie fort. Felix Walter verbrachte den größten Teil seiner Jugend im katholischen Ellwangen, wo sein Vater 1906 für die Zentrumspartei in den Landtag einzog. Auch Felix Walter engagierte sich beim Zentrum, das er nach dem Krieg gerne wieder gegründet hätte. Die Gründung der überkonfessionellen CDU war ihm zunächst suspekt. Allerdings hatte er die Grenzen der katholischen Zentrumspartei während der Weimarer Republik deutlich vor Augen geführt bekommen. Mehrfach scheiterte er in Stuttgart mit seinen Landtagskandi­daturen. Die evangelisch geprägte Landeshauptstadt war in fester Hand von SPD und der linksliberalen Demokratischen Partei (DP). Erst als nach dem Krieg das Land Württemberg-Baden gegründet wurde, zog Walter in den Landtag ein, und zwar wie zuvor sein Vater für den Wahlkreis Ellwangen. Schnell profilierte er sich als Verfassungsexperte. Bei der Schaffung des Grundgesetzes, das für ihn selbstverständlich nur einen vorläufigen Charakter haben konnte, ging es ihm darum, die richtigen Lehren aus dem Scheitern der Weimarer Republik zu ziehen. Von besonderer Wichtigkeit war für ihn die Regierungssta­bilität, weshalb er sich für ein Mehrheitswahlrecht und die Einführung des konstruktiven Misstrauensvotums einsetzte, bei dem ein Bundeskanzler nur durch die Wahl eines Nachfolgers abgesetzt werden kann. Nicht immer konnte sich Walter durchsetzen, auch nicht bei der Frage des künftigen Regierungssitzes. Hier hatte er zusammen mit Theodor Heuss die Bewerbung Stuttgarts unterstützt.


Stadtführung (Teil 116): Der Sternekoch in der Alten Sonne

Von Erik Raidt

Neben der katholischen Dreieinigkeit­skirche steht die Kathedrale des Genusses. Bürgerlich wirkt ihr Name, bescheiden gibt sie sich nach außen, und auch ihr Chef trägt mit Worten nicht dick auf: Die Alte Sonne ist das Sternerestaurant der Stadt Ludwigsburg. Hier kocht Laurent Durst auf internationalem Topniveau, seine Lebensgefährtin Kerstin Pozybill kümmert sich in der Patisserie um die süßen Kreationen. Durst, 38 Jahre alt, kocht seit acht Jahren in der Alten Sonne, im Herbst 2005 hat er das Restaurant auch als Pächter übernommen. Der junge Chef jagt dabei nicht wie ein Besessener den neuesten Trends in der Luxusklasse der Gastronomie hinterher. Hier noch ein Schäumchen, wie beim spanischen Spitzenkoch Ferran Adria, dort noch eine verschwurbelte Delikatesse, die mehr an den Chemieunterricht als an den Herd erinnert. All das entspricht nicht der Philosophie des Laurent Durst – der gebürtige Elsässer ist noch von der klassischen Handwerkskunst, der Haute Cuisine seines Heimatlandes, geprägt worden. Vor mehr als zwanzig Jahren begann er seine Kochlehre im Cheval Blanc im französischen Lembach. Er tingelte in den darauffolgenden Jahren, wie die meisten Spitzenköche, von einer Topadresse zur nächsten. Mal zog es ihn nach München, dann schulte er sein Geschmacksempfinden im luxuriösen Hotel Martinez in Cannes. Er arbeitete in Luxemburg und in Portugal, bevor er schließlich im Erbprinz im badischen Ettlingen Küchenchef wurde. Der Weg in die Spitzengastronomie ist kein Zuckerschlecken – er ist vielmehr eine Ochsentour. Durst stellte sein Privatleben lange Zeit zurück, sein Ehrgeiz trieb ihn immer weiter voran. Wer vom „Guide Michelin“ mit einem Stern ausgezeichnet wird, der kann sich keinen schlechten Tag erlauben. So hat Laurent Durst für sich eine einfache Regel aufgestellt: Sein Sternerestaurant öffnet nur an den Tagen, an denen er selbst hinter dem Herd steht. Wenn Durst im Urlaub ist, hat höchstens die Weinstube im Restaurant geöffnet – dort können die Gäste dann Bodenständiges wie eine elsässische Zwiebelsuppe auslöffeln oder einen schwäbischen Rostbraten probieren. Der Alten Sonne merkt man die Verwurzelung ihres Chefkochs in seiner nordfranzösischen Heimat an. Laurent Durst wuchs in dem kleinen Dorf Seebach unweit von der deutsch-französischen Grenze auf. In seinen Erinnerungen an die Kindheit tauchen immer wieder die Küchen seiner Mutter und seiner Großmutter auf. Der einen sah er zu, wie sie den Saumagen im Tontopf anrichtete, bei der Großmutter half er, den Kartoffelbrei zu stampfen. Das Kochen war Handarbeit, die Früchte und das Gemüse kamen aus dem eigenen Garten oder wurden von der Hecke gepflückt. Hier wurde Laurent Durst die Liebe zu den einfachen Produkten in die Wiege gelegt. Den kulinarischen Feinschliff holte er sich später in seinen Lehr- und Wanderjahren. In seiner Küche vermengt Durst beide prägenden Erfahrungen: die aus seiner Kindheit und die von den Toprestaurants vor seiner Zeit in Ludwigsburg. Heute funkelt sein Stern nicht nur über dem Gourmetrestaurant – wer einige der Geheimnisse der Haute Cuisine kennenlernen will, der kann in der Alten Schule auch einen Kochkurs belegen. Eben hat er seine Gäste in die Geheimnisse des Spargels eingeweiht ?-im Juni verrät er Tricks zu Fonds und Soßen. Laurent Durst wird das auf seine bescheidene Art tun. Den großen Showauftritt überlässt der Elsässer lieber anderen.


Stadtführung (Teil 115): Die Marienwahl

Von Kathrin Haasis

Marie Prinzessin von Württemberg hatte die Wahl: Sie suchte sich ein relativ bescheidenes Landhaus in Ludwigsburg aus. Die 1826 erbaute Villa Marienwahl steht heute wieder so gut da wie einst. Eine Zeit lang war sie jedoch von allen guten Geistern verlassen.

Ein königliches Liebesnest hatten sich Marie Prinzessin von Württemberg und der Thronfolger Wilhelm in der Marienwahl eingerichtet. So romantisch wirkte die Villa, dass sich die damals 20-jährige Ehefrau und junge Mutter in das Anwesen am Ludwigsburger Stadtrand verliebte. Wilhelm und seine Gattin wollten nicht ins vom Protokoll beengte Ludwigsburger Schloss oder in das Stuttgarter Wilhelmspalais ziehen. Das Paar, das die Liebe und nicht die Politik zusammengebracht hatte, suchte nach der Hochzeit im Jahr 1877 einen Landsitz abseits des Trubels. Marie wählte die 1826 erbaute Villa, fortan trug diese ihren Namen. Sie wurde auch zum Lieblingsaufen­thaltsort von Wilhelm. Dabei erlebte er dort seine traurigsten Stunden. Drei Jahre nach der Tochter Pauline, die 1877 geboren wurde, kam der Stammhalter Ulrich zur Welt. Er starb fünf Monate später. 1882 überlebten weder Marie noch ihr drittes Kind die Geburt. Wilhelm, von 1891 bis 1918 der letzte König von Württemberg, wollte ein Stück Marienwahl mit ins Grab nehmen: Auf seinen Wunsch führte sein Leichenzug an der Villa vorbei zum Alten Friedhof. Seine Tochter Pauline schien die Liebe für das Landgut geerbt zu haben. Die Prinzessin, verheiratet mit dem Erbprinz Friedrich zu Wied, kehrte als Witwe auf die Marienwahl zurück. Sie baute dort ein großes Trabergestüt auf und ließ sich 1965 auf einer Pferdekoppel beerdigen. Ihr Sohn Dietrich zu Wied erbte das Anwesen. Er, seine Frau Antoinette und die drei Söhne Ulrich, Wilhelm und Ludwig waren die letzten adligen Bewohner. Von 1988 an standen das Hauptgebäude und die zwei Kavaliershäuser links und rechts davon leer und drohten allmählich zu verfallen. Für Ulrich Prinz zu Wied war die Marienwahl ein schweres Erbe. Um es zu retten, erschien ihm ein Großprojekt als einzige Lösung: Mit dem Verkauf des Geländes war für den Investor die Verpflichtung verbunden, die Villa zu renovieren. Dafür erteilte der Ludwigsburger Gemeinderat in dem Landschaftsschut­zgebiet auch eine Ausnahmegeneh­migung. „Leider mündete die ganze Geschichte in eine Katastrophe“, resümiert der Prinz. Zuerst war ein 120-Betten-Tagungshotel geplant, das aber aufgegeben wurde, weil die Hotelkette Nestor die Garnisonsbäckerei umbaute. Eine Seniorenwohnanlage folgte dann. Im Herbst 1996 wurde damit begonnen, einen 150 Meter langen und mehrere Stockwerke hohen Betonrohbau zwischen dem Wohnsitz des letzten Königs von Württemberg und den Stallungen zu errichten. Ein Jahr später ging der Bauträger Pleite, die Bank blieb auf dem Grundstück sitzen und die Ruine verschandelte den Park. Mittlerweile ist über die Fläche Gras gewachsen. 2002 kaufte schließlich die Stadt das Grundstück – unter einer Bedingung: die Bank musste die Bauruine abreißen. Die Verwaltung finanzierte den Handel über neue Bauplätze für Einfamilienhäuser am Rand der Marienwahl, Ulrich Prinz zu Wied trat dafür ein Stück Wiese ab. Die Pavillons, das Weinberghaus und das Bedienstetenhaus waren nicht mehr zu retten. Die Königsvilla aber und die Kavaliershäuser ließ er für rund zwei Millionen Euro renovieren. Besser hätte die Geschichte nicht ausgehen können: Die Marienwahl und der Park sehen wieder prächtig aus, die Ludwigsburger dürfen auf einem öffentlichen Weg flanieren, und die Villa ist an ein Softwareunternehmen vermietet. Ulrich Prinz zu Wied hat sein Erbe nie aufgegeben, die Häuser blieben stets in seinem Besitz, seine zwei Brüder zahlte er mit dem Grundstückserlös aus. Er hat es auf eine Kommanditgese­llschaft übertragen, an der sein Sohn und seine Tochter sowie die fünf Enkelkinder beteiligt sind. „Es ist ein ganz großes Fragezeichen, ob meine Investition überhaupt vertretbar ist“, sagt er, „aber die Marienwahl ist ein Stück Geschichte.“


Stadtführung (Teil 114): Linker Stachel im Barock

LUDWIGSBURG. Das Demokratisches Zentrum in Ludwigsburg hat ein wachsames Auge auf die Stadt und ihre Bürger. Das Demoz versteht sich als Kaktus im Blühenden Barock. Doch manchmal sticht dieser sich auch selbst ins Fleisch.

Von Verena Mayer

Kakteen brauchen viel Licht und ab und zu auch Wasser. Es gibt aber Ausnahmen. Man muss nur mal in die Wilhelmstraße 45/1 gucken. Viel Licht fällt in das Haus nicht, und auch Wasser – in Form von Geldregen – fließt eher spärlich. Trotzdem grünt der Kaktus in der Wilhelmstraße seit beinahe 30 Jahren fast immer prächtig. Und stechen kann er auch ganz gut. Muss er auch. Stechen ist Programm in der Wilhelmstraße 45/1, der Heimat des Demoz, des Demokratischen Zentrums, des selbst ernannten „Kaktus im Blühenden Barock“. Ins eigene Fleisch stechen zählt natürlich nicht zum Programm, und doch ist es anno 2002 beinahe passiert. Der Plan, an Heiligabend einen „Jesus-Ähnlichkeitswet­tbewerb“ zu veranstalten, hatte die Ludwigsbürger arg aufgeschreckt. Sogar so sehr, dass die Stadträte darüber diskutieren mussten, ob ein solch gott- und geschmackloser Haufen eines städtisches Zuschusses würdig sei. Wobei vermutlich einiges, was in der Wilhelmstraße 45/1 stattfindet, nicht so ganz den Geschmack des gesetzten Bürgers findet. Für Dauerstudenten, Arbeitsvagabunden, Lebenskünstler und andere „gescheiterte Existenzen“ gibt es in arrivierten Kreisen wohl keinen Galaabend. Und auch blamablen Zeugnissen, peinlichen Fotos und verhäkelten Topflappen als „Zeugnisse subjektiven Versagens“ werden eher selten Ausstellungen gewidmet. Im Demoz aber hat tiefer, langsamer, kürzer Konjunktur und alles andere, was nicht im Mainstream schwimmt, sowieso. Nun, den städtischen Zuschuss hat der Verein schließlich trotz der blasphemischen Veranstaltung am 24. Dezember 2002 bekommen und trotz des eigenen Anspruchs, der es eigentlich geboten hätte, die städtische Förderung aus freien Stücken zurückzuweisen. Schließlich will das Demoz in jeder Hinsicht unabhängig sein. Doch wären die 3200 Euro der Stadt versiegt, hätte auch das Land seine 3200 Euro behalten. Und ganz ohne finanzielle Zuwendung kommt auch der Kaktus im blühenden Barock nicht aus. Schließlich hat das Demoz einen Auftrag, schließlich steht dahinter ein Verein für politische und kulturelle Bildung. In den Filmen, die hier gezeigt werden, ist Atomkraft immer gefährlich; wird Rassismus immer entlarvt. Die Ausstellungen lassen den Nationalsozialismus nie vergessen und erklären Revolutionen, nach denen sonst kaum noch einer fragt. Im Demoz ist Kapital immer verdächtig, und die Diskussionen über Umweltschutz werden dort so wenig enden wie die Seitenhiebe auf das Bürgertum: „300 Jahre Langeweile“ lautet das Motto des Demokratischen Zentrums zum 300-Jahr-Jubiläum der Stadt. Im Demoz ist es natürlich nie langweilig. Was an den vielen Nutzern liegt: Im Haus in der Wilhemstraße sind unter anderem Atomkraftgegner, Antifaschisten und Feministinnen heimisch. Die wiederum ein vielseitiges Programm machen: Im Haus in der Wilhelmstraße finden außer Filmen und Ausstellungen auch Discos, Theater, Lesungen und Konzerte statt. Gehalten und gegeben von renommierten Artisten wie Max Goldt und Bernd Begemann – oder jedem, der Lust hat: darauf, die Ärzte nachzuahmen oder Madonna, oder darauf, ein „Lied für Ludwigsburg“ zu komponieren und zu präsentieren. Außerdem gibt's die Mittwochskneipe und den „Kaktusfunk“, das freie Radio aus dem Demoz. Immer – oder zumindest meist – geht es dabei sittsam ruhig zu, aus Rücksicht auf die Nachbarn und sich selbst. Rausfliegen aus dem Haus will keiner, das früher eine Druckerei war und das ein paar sozial bewegte Menschen Ende der 70er Jahre entdeckt und renoviert haben. Im Februar 1980 schlossen sie sich zum Demokratischen Zentrum e.V. zusammen. Die Miete für das Vereinsheim zahlen die rund 100 Mitglieder. Gärtner sind auch darunter, aber als „Gesellschaftsbo­taniker“ verstehen sich ohnehin alle.


Stadtführung (Teil 113): Däumelinchen ist neu im Märchengarten

Szenen aus Andersens Mär vom daumenkleinen Mädchen, das von einer Kröte entführt wird, sind seit Samstag beim Ludwigsburger Schloss zu sehen. Damit wird der Märchengarten gefeiert, der das Blüba vor 50 Jahren aus der finanziellen Misere holte.

Von Miriam Hesse

Das Leuchten der Kinderaugen, gab der frühere Ludwigsburger Gartendirektor einst unumwunden zu, habe ihn weniger zum Bau eines Märchengartens inspiriert als der Glanz des Geldes. 1957, auf einer Reise durch Holland, hatte Albert Schöchle die Idee, wie er sein strauchelndes Pflanzenparadies finanziell zum Sprießen bringen könnte. Denn von der Märchenlandschaft beim niederländischen Tillburg hatte man ihm berichtet, dass der dort vorhandene Parkplatz mit 1000 Stellplätzen an den Wochenenden regelmäßig überfüllt sei. Eine solche Publikumsattraktion vor allem für Familien könne seinem Blüba nur guttun, befand Schöchle, und setzte die Idee gegen „Kitsch“- und „Rummelplatz“-Vorurteile um. Der Erfolg war überwältigend. In der ersten Woche nach der Eröffnung am 16. Mai 1959 kamen 60 000 Besucher. Im Jahr 1960 waren die Einnahmen des Schlossparks doppelt so hoch wie im Vorjahr. Das machte den gelernten Gärtner Schöchle zum Helden eines Blüba-Märchens. Schließlich sind Frau Holle, Schneewittchen und Co. noch immer eine Riesenattraktion. Etwa die Hälfte der mehr als 500 000 Besucher im Jahr komme wegen des Märchengartens, sagt der Blüba-Direktor Volker Kugel: „In unserer technisierten Welt schätzen die Menschen den alten Charme begreifbarer Geschichten.“ Die müssen aber im Vorbeigehen funktionieren. Heutzutage blieben die Leute nicht mehr so lange bei einer Szene wie früher, sagt Kugel: „Das lange, staunende Verweilen gibt es nicht mehr.“ Maximal eine Minute Text erklingt deshalb aus den Lautsprechern. Das gilt auch für die acht neuen Stationen, die vom Däumelinchen erzählen. Zum 50. Geburtstag des Märchengartens hat der Schlossgarten-Chef die „letzte Chance genutzt“, die zauberhafte Landschaft zu erweitern – auch flächenmäßig. Ein Nachbargrundstück wurde angekauft und ein Erdhaus mit 350 Quadratmetern Fläche errichtet. Insgesamt 575 000 Euro hat sich Kugel dieses Geburstagsgeschenk kosten lassen, das von außen einer von wildem Wuchs bedeckten Höhle gleicht und im Inneren zwei Zwecke erfüllt: Auf der einen Seite ist Platz für eine Ausstellung, die aktuell die Geschichte des Märchengartens illustriert. Auf der anderen gibt es den neuen Szenenreigen, den die Bühnenbildnerin Kersten Paulsen nach Andersens Abenteuern vom Mini-Mädchen entworfen hat. Gleich nach dem Eingang ist in eine Tulpenblüte die Nussschale gebettet, in der das Däumelinchen schläft. Die Bettwäsche ist mit Fragmenten aus dem Märchentext bedruckt – ebenso das Tuch auf dem Tisch, an dem die miese Maus und der alte Maulwurf sitzen. In ihrem unterirdischen Loch hat die von einer Kröte entführte kleine Heldin Unterschlupf gefunden und wünscht sich doch nichts sehnlicher, als das Sonnenlicht wiederzusehen. Mit witzigen Details hat Kersten Paulsen die Figuren ausgestattet. Der Krötensohn trägt eine Fliege um den warzigen Hals, der junge Elfenprinz Turnschuhe zur Ballonhose. Und auch wenn sich das Däumelinchen in der Dunkelheit „superunglücklich“ nennt, ist doch das Happy End programmiert. Letzten Endes wusste im Übrigen auch Albert Schöchle das Glück der Kleinen zu schätzen. „Das Lächeln eines Kindes ist mir mehr wert“, zog er nach dem gelungenen Start des Märchengartens Bilanz, „als das Nicken von hundert Rauschebärten.“


Stadtführung (Teil 112): Brand am Marktplatz - zwei zündelnde Kinder sterben

Von Franziska Kleiner

Am Nachmittag des 8. Juli 1929 brannte es im Magazingebäude des Warengeschäfts von Albert Hagen am Marktplatz 4. Die vier Kinder des Stadtpfarrers Max Sting, darunter Sohn Albert, der spätere Stadtchronist, spielten an jenem Tag wie so oft im Hof und Magazingebäude, wo die beiden Älteren unter dem Dach Streichhölzer fanden. Doch sie wussten nicht, dass dort auch Sprengpulver aufbewahrt worden war. Sie zündelten – und der Dachstock brannte sofort, das Feuer breitete sich in Windeseile aus. Für die beiden Kinder kam jede Hilfe zu spät. Natürlich war die Feuerwehr schnell am Brandort gewesen – doch nur die Reservisten waren im Einsatz, da die aktive Wehr an diesem Tag einen Betriebsausflug machte. Als die nach einem schönen Tag frohgemut nach Ludwigsburg kam, wollte sie mit Musik in die Stadt einziehen. Nachdem einige Bürger ihnen von dem berichteten, was an diesem Tag in der Stadt geschehen, seien sie stattdessen still zum Rathaushof gelaufen, berichtet Albert Sting in seiner „Geschichte der Stadt Ludwigsburg“.


Stadtführung, (Teil 111): Christian Belschner, Lehrer, Geschichtsforscher und Autor

Von Roland Böckeler

Das Interesse für Geschichte hat sein Leben geprägt, und sein Name ist in Ludwigsburg untrennbar mit der Historie verbunden: Professor Christian Belschner, der am 22. Februar 1948 in Ludwigsburg starb, war neben seinem Lehrberuf auch als Geschichtsforscher aktiv. Er ist ein Sohn des Kreises gewesen, geboren am 30. August 1854 in Kirchheim am Neckar. Als Volksschullehrer startete Christian Belschner seinen beruflichen Weg zunächst in Esslingen und Geschwend. Nach Stationen am Markgröninger Lehrerinnenseminar und an einem Stuttgarter Gymnasium fasste er von 1881 an dauerhaft in Ludwigsburg Fuß. Auch hier wirkte er am Gymnasium 42 Jahre lang „sehr segensreich als Erzieher“, wie der Archäologe, Forscher und Denkmalpfleger Oscar Paret in einem Nachruf schrieb. Paret blickte bewundernd auf Belschners nicht nachlassendes Interesse für das Altertum ? und führte als Beweis eine Reise des Professors nach Griechenland an, die er als 80-Jähriger gemacht hatte. Nicht nur dem Lehrerberuf war Christian Belschner treu, auch dem ehrenamtlichen Engagement. 1897 gründete er den Historischen Verein Ludwigsburg, dem er stolze 44 Jahre vorstand. In jener Ära schuf er auch das Ludwigsburger Heimatmuseum. 1901 gab es eine erste Ausstellung in zwei Sälen des Ratskellers, bestückt mit Exponaten, die der Verein zusammengetragen hatte. 1905 zog das Heimatmuseum in die Schlossanlagen. Als es dort 1921 für die Sammlung schlicht zu feucht wurde, ward das Favoriteschlösschen auserkoren. In den 1930er Jahren klagte der Historische Verein über die unzulängliche Unterbringung der Exponate, für die nun etliche Jahre der ?Wanderzeit? anbrachen. 1942 wurden die Museumsstücke der Stadt übergeben und aus Sicherheitsgründen eingelagert. Erst 1958 wurden sie wieder präsentiert: in Räumlichkeiten des Stadtmuseums in der Brennstraße. Durch die Übernahme der Bestände des Historischen Vereins ist das Stadt – quasi der Nachfolger des Heimatmuseums. Belschner hatte nicht nur ein Händchen für „greifbare Geschichte“. Über die Stadtgrenzen hinaus blickte er als Buchautor: „Württemberg in Wort und Bild“ erschien 1902. Ausführliche 576 Seiten widmete er später zusammen mit Walter Hudelmaier „Ludwigsburg im Wechsel der Zeiten“. Ein Werk über die Geschichte von Schloss und Stadt, das der Online-Buchhändler Amazon noch immer im Programm führt, wenn auch nur gebraucht ? in einer dritten Auflage aus dem Jahr 1969. Das Engagement in und für seine Stadt wurde mehrfach zu seinen Lebzeiten geehrt. Bereits 1909 hatte Christian Belschner eine Goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft verliehen bekommen, 1924 wurde er Ehrenbürger. Als dauerhaftes Zeichen für seine Verdienste um die Geschichtsforschung wurde schließlich 1932 eine Straße nach ihm benannt: Die Belschnerstraße ist in der Weststadt zu finden, unweit der neuen Multifunktion­sarena. Sein Andenken werde noch lange lebendig bleiben, sagte Oscar Paret ? von 1941 an Vorsitzender des Historischen Vereins ? in seinem Nachruf voraus, „und in seinen Werken weiterleben“.


Ludwigsburger Stadtführung (Teil 110): Aus Kasernen werden Fabriken

Von Franziska Kleiner

Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg war für die Garnisonsstadt Ludwigsburg mit großen Veränderungen verbunden. Je mehr sich die militärische Präsenz im Ort verringerte, umso mehr fiel durch den Wegzug die Kaufkraft der Soldaten weg und die Händler nahmen dementsprechend weniger ein. Durch den Wegzug von Offizieren und Militärbeamten standen außerdem viele Wohnungen leer. Die zuvor mit Rüstungsaufträgen wohl ausgelasteten Fabrikbetriebe mussten sich verkleinern oder ganz aufgeben. Um die wirtschaftliche Situation zu verbessern, bot die Stadt nicht nur Gewerbeflächen günstig an, sondern förderte ganz allgemein Industrienieder­lassungen und bot dafür leer stehende militärische Gebäude an. Als erste griff die Porzellanmanufaktur das Angebot der Stadt auf. Die Produktion begann 1920 im Alten Laborbau in der Solitudeallee. Das Gelände, das die Stadt dem Unternehmen vermacht hatte, war 19 Ar groß. Grundstücke zu günstigen Konditionen der Stadt erhielten von 1919 an zwei Dutzend Unternehmen. So etwa im Jahr 1921 die Seilerwarenfabrik Karl Rupp, die Süddeutschen Ölwerke und die Firma G. Weber & Cie., eine Spezialfabrik für Ölmühlen und Ölpressen. Die Firma hatte sich nach dem Krieg erst in der ehemaligen Körner'schen Brauerei niedergelassen, übernahm nun 91 Ar. In den Räumen der ehemaligen Garnison untergebracht waren etwa auch die Schuhfabrik Neumann & Co in einem Teil der früheren Proviantamtes, die Schuhfabrik Tänzer & Helbl in der früheren Feuerseekaserne, die hohenzollerische Schuhindustrie in Teilen des ehemaligen Bekleidungsamtes, ebenso die Wilhelm Bleyle GmbH. Ein Zweigbetrieb der chemischen Fabrik von Julius Richter in Stuttgart befand sich in einem ehemaligen Militärgebäude am Karlsplatz, die Spielzeugfabrik O. und M. Hausser kam im Zeughaus unter. In dem neuen Laborierbau wurden eine Wäschereianlage und die dazu gehörigen Maschinen eingerichtet. Begehrt waren die Militärgebäude nicht nur als Fabrikations, sondern auch als Arbeits- und Lagerräume. Nicht jedem gefiel der Erhalt der alten Ludwigsburger Kasernen, auch im Gemeinderat war dies umstritten. Demnach soll der ein oder andere Kommunalpolitiker hinter vorgehaltener Hand bemerkt haben, dass sich beim Anblick der staatlichen Front der Ulanenkaserne der Gedanke auf Abbruch aufdränge. Aus dem alten Baumaterial sei stattdessen ein Wohn- und Geschäftshaus zu errichten. Die im Westen angesiedelten Betriebe nutzten hingegen das Industriegleis. Die Firma Lotter hatte schon 1909 das erste Gleis gebaut, das vom Personenbahnhof ausging; ein zweites Gleis wurde 1919 vom neuen Güterbahnhof begonnen und 1922 weiter ausgebaut. Es führte mitten durch das Industriegebiet und erhielt mit der Zeit mehrere Abzweigungen – sechs Jahre später, im Jahr 1928, war es 2693 Meter lang.


Ludwigsburger Stadtführung (Teil109): Spielzeughersteller O. und M. Hausser

Die Brüder Otto und Max Hausser haben 1905 in Ludwigsburg eine Spielwarenfabrik gegründet. Anfangs fertigten sie in Holz, später in Metall. Die Produktion umfasste vieles, was vor allem Kinderherzen höher schlagen ließ, vom Kinderroller bis zu „Elfer raus“.

Von Franziska Kleiner

Weit über die Landesgrenzen hinaus wurde das Unternehmen Hausser mit den eigens entwickelten Elastolin-Figuren bekannt. Später galten diese als speziell Ludwigsburger Produkt. Die Elastolin-Figuren entführten die Kinder in bunte Abenteuerwelten, sie waren Legionär in Rom oder eroberten gemeinsam mit Prinz Eisenherz Burgen, an der Seite Winnetous waren sie im Wilden Westen unterwegs. Aber auch Erwachsene gehörten zu den erklärten Fans von O.-M.-Hausser-Produkten. Graf Zeppelin etwa hatte am 17. Mai 1929 aus dem Luftschiff Graf Zeppelin ein Telegramm an die Firma Hausser geschickt. Darin hieß es: „hausserspiele an bord sind sehr unterhaltend, graf zeppelin“. Die Firma Hausser passte sich bei ihrem Produktsortiment offenbar schnell den aktuellen Umständen an und gestaltete ihre Spiele dem Zeitgeschmack entsprechend. In den 1930er Jahren beschäftigte das Unternehmen 500 Arbeiter, dazu ebenso viele Heimarbeiterinnen sowie 70 kaufmännische und technische Angestellte. Die Firma war zu dieser Zeit einer der bedeutendsten Spielzeughersteller in Deutschland. Gefragt waren neben ihren Spielen und Bilderbüchern vor allem die Elastolin-Figuren: Allein im Jahr 1938 wurden drei Millionen Figuren aus diesem flexiblen Material hergestellt und in aller Welt verkauft. Die Hausser-Modelleure Eugen Bauersachs, Rudolf Schrade und vor allem der Atelierleiter Max Weißbrodt achteten auf Detailtreue, historische Korrektheit und lebensechten Ausdruck der handbemalten Figuren. So wurde Elastolin zum Markennamen der Firma, die zwischen 1904 und 1983 Masse und Plastik zu Figuren formte. Die bis 1969 verwendete Masse zur Figurenherstellung bestand unter anderem aus Sägemehl und Leim. Im Inneren waren die Figuren durch Draht verstärkt. Zunächst wurde die Masse in Zinnformen gegeben und dann unter Hitze gepresst. Obwohl andere Hersteller ebenso Figuren aus Masse herstellten, bezeichnen inzwischen Sammler aus aller Welt Massefiguren als Elastolin-Figuren. Vom Jahr 1937 an produzierte das Unternehmen in Neustadt bei Coburg. Die Haussers selbst hatten den Umzug angestrebt, weil die Produktionsräume im ehemaligen Zeughaus vom Staat nur angemietet waren. Ende der 30er Jahre war eine Kündigung des Mietverhältnisses zu erwarten. Zudem waren die Löhne in Ludwigsburg höher als im thüringischen Neustadt, was es der „Firma schwer macht, konkurrenzfähig zu bleiben“, wie es in einem Gemeinderatspro­tokoll der Sitzung vom 25. Juli 1935 heißt. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat es die Firma Hausser nicht geschafft, ihr sehr auf Spielzeugsoldaten und Nationalsozialismus ausgerichtetes Sortiment umzustellen. Das Elastolin wurde zudem in den 50er Jahren durch neue Kunststoffe verdrängt. Im Jahr 1983 kam dann das endgültige Aus für Hausser: Die Firma ging Konkurs.


Stadtführung (Teil 108): Der 241. Pferdemarkt

LUDWIGSBURG. Größer, schöner und früher: der Pferdemarktumzug im Jubiläumsjahr hat mehr zu bieten als jemals zuvor. Er beginnt am Sonntag bereits um 11.15 Uhr. In Ludwigsburg wird von Freitag, 15. Mai 2009, bis Montag, 18. Mai, gefeiert.

Von Kathrin Haasis

Die Generalprobe war 2008, zur Feier des 300-Jahr-Jubiläums wird alles noch einmal getoppt: Nicht nur 900, sondern 1500 Teilnehmer laufen am Sonntag, 17. Mai, im Pferdemarktumzug durch die Ludwigsburger Innenstadt. 150 Pferde sind außerdem mit von der Partie. Anders als in den Vorjahren setzt sich der Festzug schon um 11.15 Uhr in Bewegung. Neu ist darüber hinaus die Route. Los geht es in der Jägerhofallee, über die Schorndorfer Straße läuft der Umzug zum Marktplatz und über die Körnerstraße am Arsenalplatz vorbei zum Bahnhof hoch. Zur Feier des Jubiläums sind am Wochenende außerdem ein paar einzigartige Höhepunkte zu sehen. In acht Kapiteln wird dabei die Ludwigsburger Stadtgeschichte vorgestellt – von den ersten Siedlern bis zur Gegenwart. Die mitmarschierenden Musikkapellen spielen die passende Musik, die Stücke sind eigens für den Umzug ausgewählt und arrangiert worden. 78 Vereine beteiligen sich an dem Umzug. Die Innungen der Bäcker, Zimmerer und Maler zeigen zum Beispiel, wie ihre Zunft vor 300 Jahren auf der Baustelle Ludwigsburg gewirkt hat. Stadträte aller Fraktionen bilden unter dem Motto „Die Hüter der Demokratie“ die Ständeversammlung nach, die 1819 mit König Wilhelm I. über die Landesverfassung verhandelt hat. Richtig beeindruckend soll eine barocke Kutsche sein, die eigens für den Pferdemarkt aus Ravensburg nach Ludwigsburg geschafft wird: Sie ist beachtliche sechs Meter lang und mehr als drei Meter hoch. Außerdem laufen erstmals 80 aufwendig verkleidete Kindergartenkinder in der Formation mit, die Kostüme wurden speziell dafür entworfen, schließlich wird dieses Jahr das 50-jährige Bestehen des Blühenden Barocks gefeiert. Ein bayerischer Schleppjagdverein bereichert mit seinen 40 Hunden die Parade. Und als Höhepunkt werden den Zuschauern zwei überdimensionale Skulpturen aus Luftballons geboten. Damit fliegt der barocke Herrscher Eberhard Ludwig über die Köpfe hinweg, die zweite Skulptur stellt eine riesige Sonne dar. Die Pferdefachfrau Anette Mezger kommentiert den Umzug an der Schorndorfer Straße, der SWR-Moderator Gerd Motzkus steht am Schillerplatz. Eröffnet wird der 241. Pferdemarkt am Freitag, 15. Mai – wenn der OB Werner Spec auf dem Rathaushof den Fassanstich bei den Brautagen meistert. Am Samstag sind von 15 Uhr an und am Sonntag von 13 Uhr an auf der Bärenwiese fast 30 verschiedene Aufführungen mit Pferden zu bewundern, von der Stadtgarde über Westernreiter bis hin zu edlen Tieren der spanischen Hofreitschule. Für die Pferdebesitzer beginnt der Samstag bereits um 8 Uhr und der Sonntag um 10 Uhr, denn dann bewertet eine Jury aus Züchtern und Tierärzten ihre Tiere auf der Bärenwiese. Das Residenzschloss stellt am Samstag von 14 Uhr an die Kulisse für die Kutschenschau. Im Südgarten drehen Ein-, Zwei-, Drei- und Vierspänner ihre Runden. Eine Premiere ist auch das Fest der Alten Schmiede: Am Samstag und am Sonntag ist in der Museumsschmiede Tag der offenen Tür. Die mehr als 100 Jahre alte Werkstatt ist mit ihrer original erhaltenen Einrichtung einzigartig und ein Kleinod in der Unteren Stadt. Zum Pferdemarkt gehört natürlich der Krämermarkt, die Händler säumen mit ihren Ständen von Samstag bis Montag die Königsallee. Am Sonntag öffnen außerdem die Innenstadthändler ihre Geschäfte von 13 bis 18 Uhr. Bei den Brautagen spielt jeden Abend einschließlich Mittwoch Livemusik auf dem Rathaushof. Der Vergnügungspark auf der Bärenwiese wird erst am Donnerstag, 21. Mai, wieder abgebaut.


Stadtführung (Teil 107): Geschichte geht gut

LUDWIGSBURG. Seit gestern (10. Mai 2009) hat Ludwigsburg einen offiziellen Rundwanderweg. Der 300-Minuten-Weg führt auf 18 Kilometern zu 24 ausgewählten Stationen. Damit kann die Stadt in ihrem Jubiläumsjahr angemessen begangen werden.

Von Verena Mayer

Man könnte es etwas vermessen finden: binnen fünf Stunden durch 300 Jahre marschieren und dabei auf 18 Kilometern sehen wollen, was das 4333 Hektar umfassende Ludwigsburg nebst seinen Stadtteilen zu zeigen hat. Aber vermessen hat sich Henning Misgeiski nicht. Im Gegenteil: im Auftrag der Geburtstag feiernden Stadt hat der Wegewart des Schwäbischen Albvereins einen 300-Minuten-Weg durch die Stadt konzipiert – und Ludwigsburg damit nicht nur seinen ersten offiziellen Rundwanderweg beschert, sondern zugleich einen, der selbst für Einheimische Überraschungen bereithält. Gestern ist die Route eröffnet worden, an der Henning Misgeiski fast ein Jahr lang getüftelt hat, und die durch die Innenstadt über den Favorite-Park bis nach Hoheneck und zurück führt. Den Ausgangspunkt für seine Tour fand der Wegewart bei Albert Sting, dem Ludwigsburger Stadthistoriker, auf dessen Initiative vor Jahren ovale Schilder an bedeutsamen Gebäuden und anderen Stätten angebracht wurden. Misgeiski hat die Schilder auf einer Karte miteinander verbunden, und fertig war der neue Rundwanderweg. Naja, beinahe, denn die solchermaßen kreierte Strecke war 60 Kilometer lang – und die schaffen nicht einmal die forschen Wanderer vom Albverein in 300 Minuten. Also musste Misgeiski kürzen und ein bisschen „fummeln“ und sich hin und wieder mit den zuständigen Menschen im Rathaus abstimmen, bis die Strecke auf gangbare 18 Kilometer zurechtgebogen und eine 300-minütige Geh-Geschichte herausgekommen war. Oder, wie es die Stadt nennt, eine Mischung zwischen Stadtführung und Wanderung. Sie führt die Geschichtsgeher zu historischen Stätten wie dem Waldhorn in der Schlossstraße, dem ersten bürgerlichen Gebäude Ludwigsburgs, oder dem Alten Friedhof in der Schorndorfer Straße, der allein wegen seiner historischen und klassizistischen Grabmäler sehenswert ist. Die Route führt aber auch zu modernen Einrichtungen der Stadt, wie dem Film- und Medienzentrum in der Königsallee oder der neuen Arena in der Schwieberdinger Straße. Auch die Natur ist natürlich bemerkenswert, in Gestalt der Bärenwiese oder des Neckarufers. Und die Schlange über der Sternkreuzung lernen die Rundwanderer ebenso kennen wie die Grüne Bettlade im Salonwald. „Wenn Sie sich auf Stadtgeschichte einlassen, kommen Sie überall hin“, sagte Misgeiski, bei der Premierentour, auf die sich so viele Geschichtsgeher einließen, dass sich die Gruppe von zunächst geschätzten 50 Personen später beinahe verdoppelte. Solche geführten Touren sollen aber die Ausnahme sein. Schließlich sind die Albvereinler keine Stadtführer, und schließlich ist das Erkunden auf eigene Faust kein Problem. Die Strecke ist mit 450 orangefarbigen Aufklebern markiert, und es gibt Wanderkärtchen, auf denen die Route nebst den 24 ausgewählten Sehenswürdigkeiten erläutert ist. Mit Plänen wie dem Ludwigsburger erkundet Henning Misgeiski alle Städte, in die er reist. Dass es nun auch eine Strecke durch seine Wahlheimatstadt gibt, findet er ?richtig gut?, zumal er bei der Konzeption selbst noch einiges gelernt hat. Unter anderem, wie hübsch es in der vermeintlich verruchten Unteren Stadt ist. Um das zu entdecken, bräuchte es zwar nicht zwingend ein Stadtjubiläum, aber um das – und manch anderes – nicht wieder zu vergessen, bleibt der 300-Minuten-Weg auch nach dem 300. Geburtstag­sjahr bestehen. Das Wanderkärtchen liegt unter anderem im Rathaus aus. Im Internet ist es auch abrufbar: www.albverein-ludwigsburg.de.


Stadtführung (Teil 106): Das Dorfmuseum Poppenweiler

LUDWIGSBURG. Poppenweiler ist der einzige Stadtteil Ludwigsburgs, der ein Dorfmuseum hat. Das Haus in der Reinhold-Maier-Straße ist nicht nur eine Fundgrube für Nostalgiker. Davon kann man sich morgen (10. Mai 2009)überzeugen.

Von Verena Mayer

Die alte Mähmaschine sollten sich die Besucher des Dorfmuseums in Poppenweiler ebenso gut merken wie die ungetümliche Wäschemangel und die längst ausrangierte Schuhmacher-Nähmaschine. Am Dienstag (12. Mai 2009) nämlich werden diese Geräte – und noch einige andere Altertümlichkeiten – fortgeräumt; kaum, dass sie eingeräumt worden sind. Das Museum wird seine Exponate an das Breuningerland verleihen. Für die Ausstellung zum Ludwigsburger Stadtjubiläum, die dort Ende Mai beginnt. Dass das große Unternehmen auch den kleinen Heimatverein um Unterstützung gebeten hat, erfüllt Hilde Klotz, eine der beiden Vorsitzenden, mit Stolz. Doch das ist nicht der Grund, warum es morgen einen Tag der offenen Tür gibt. Es ist vielmehr so, dass das Museum fast ein Jahr lang geschlossen war und nun wieder eröffnet wird. Das ehemalige Bauernhaus in der Reinhold-Maier-Straße hat einen neuen Putz verpasst bekommen und einen neuen Anstrich. Im Keller wurden Kanalrohre verlegt, nun wird kein Regen mehr die alten Wein- und Mostfässer darin zum Schwimmen bringen. Dafür hat ausgerechnet das Dach, das ebenfalls neu abgedichtet wurde, nasse Füße verursacht. Just an dem Tag, als die Ziegel abgedeckt waren, zog über Poppenweiler ein derart heftiges Unwetter, dass Hilde Klotz und ihre Mitstreiter danach knöcheltief im Morast auf dem Dachboden standen – und den Leiterwagen von anno dazumal, die schwere Nagelwalze, den eisernen Notherd und jede Menge andere nostalgische Schätze erst bergen und dann waschen mussten. „Das war viel Arbeit“, sagt Hilde Klotz, deren Verein das aber natürlich gerne gemacht hat. Schließlich hat er einige Jahre lang auf die Sanierung seines Museums gewartet. Vor einem Jahr dann hat die Stadt Ludwigsburg die dafür nötigen 60.000 Euro bewilligt. Und der Heimatverein hat, um Platz für die Handwerker zu machen, ein Zimmer nach dem anderen leer geräumt, danach wieder neu dekoriert – und sich bei dem vielen Hin und Her oft an die Anfänge der Gruppe erinnert gefühlt. Seit rund 30 Jahren kümmern sich Hilde Klotz und die etwa 80 Mitglieder um die „Erhaltung und Pflege des Kulturguts, der Geschichte und des örtlichen Brauchtums der ehemaligen Gemeinde Poppenweiler“. Den Poppenweilerern schien das recht zu sein. Sie vermachten den Geschichtspflegern so viel Hab und Gut, dass der Verein vorübergehend als „Alteisenverein“ verspottet wurde und – vor allem – die vielen Exponate in Scheunen und Garagen im ganzen Ort einlagern musste. Im Jahre 1982 konnte der Verein in seine neue Heimat ziehen. An die 1000 Besucher führen Hilde Klotz und ihre Kollegen pro Jahr durch das einstige Bauernhaus. Sie versetzen Kinder in Staunen, die dort davon hören, dass früher die ganze Familie aus einer einzigen Schüssel gegessen hat; sie lassen Schüler rätseln, wie eine Waschmaschine ohne Schalter funktionieren konnte und erfreuen Gäste einer goldenen Hochzeit mit dem Anblick eines Volksempfängers, eines Spinnrades oder eines schwarzen Brautkleids. „Mein Heim ist meine Welt!“ ist auf einem Stück Stoff vor der musealen guten Stube zu lesen. Und weiter: „Grüß Gott, wem's drin gefällt.“


Ludwigsburger Stadtführung (Teil 105): Frauen im Gefängnis

Ein Zufallsfund auf einem Flohmarkt hat ein neues Detail der Geschichte des Ludwigsburger Gefängnisses offenbart: Die ersten Insassen waren Frauen. Wie es ihnen hinter Gittern erging, zeigt die aktuelle Sonderschau im Ludwigsburger Strafvollzugsmu­seum.

Von Christine Bilger

Die erste Seite des Gefängnisbuches hat Erich Viehöfer als Beleg für die erste Belegung der Strafanstalt kopiert. Bekommen hat der Museumsleiter das Buch jedoch nicht, auch Kollegen des Stadtarchivs sei es nicht gelungen, das Dokument zu erwerben. Denn der Flohmarkthändler, der es anbot, wollte kein Geld dafür. Ihm stand der Sinn nach einem Tauschgeschäft, Orden oder Militaria wollte er dafür haben. Das hatte der Leiter des Strafvollzugsmu­seums nicht zu bieten. Die Information bekam Erich Viehöfer dann aber doch, und sie passte ihm hervorragend ins Konzept. Denn in der ersten Zeile des Buches aus dem Jahr 1736 steht der Name des ersten Häftlings im Ludwigsburger Gefängnis, und diese Notiz hängt an der ersten Tafel der Sonderausstellung „Frauen hinter Gittern“. Am 18. August 1736 eröffnet, fielen nur vier Tage später die Gefängnistore hinter Johanna Unterwänger aus Hoheneck ins Schloss. Ihr Vergehen: Scortation, also Unzucht. Ihre Strafe: vier Wochen Zuchthaus. Der erste Mann wurde drei Tage später, am 21. August 1736, in die Anstalt eingeliefert. Unzucht, Kindsmord, Aberglaube: das mussten die Frauen hinter Gittern büßen. Eine von ihnen war Christine Müller, die Konkubine des berüchtigten Räubers Johann Friedrich Schwahn. Die Frau, die den „Sonnenwirtle“ genannten Schurken liebte, erlebte am eigenen Leib, was „mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen“ bedeutet. Sechs Tage nach ihrer Hochzeit mit dem Sonnenwirtle – die ohne Einverständnis ihres Vaters stattfand – wurde Christine Müller verhaftet. Ihrem Gatten gelang die Flucht. Wie das Leben so spielt, konnte sie nach 14 Monaten Haft nicht in die Arme ihres Gatten zurückkehren. Der hatte sich inzwischen eine neue Frau auserkoren. Als das Sonnenwirtle im Jahr 1760 dann aber doch seinen Häschern ins Netz ging, ersparte ihr dessen Untreue eine weitere Haftstrafe nicht. Ähnlich ist es auch Henriette Luciana Fischer ergangen, der offiziellen Mätresse von Joseph Süß Oppenheimer. Oppenheimer diente als Berater des Herzogs Karl Alexander am Hof. Er wurde nach dessen Tod verhaftet, wegen Hochverrats und Beraubung der staatlichen Kassen. Er wurde zum Tode verurteilt. Luciana Fischer kam wegen Unzucht für ein Jahr ins Zuchthaus. Ihr Kind, das sie dort zur Welt brachte, erlebte ihre Freilassung im Mai 1738 nicht. Es starb kurz nach der Geburt. Der Tod ihres Kindes brachte im Januar 1785 die ledige Tochter eines Schultheißen aus Uhlbach bei Stuttgart hinter Gitter. Sie wurde für schuldig befunden, ihr Kind nach der Geburt erwürgt zu haben. Erst lautete das Urteil Todesstrafe, es wurde dann aber in eine zehnjährige Haftstrafe umgewandelt. Überlebt hat sie sie wohl dennoch nicht. Schließlich hießen lange Haftstrafen damals „poena morti proxima“, der Todesstrafe am nächsten. Denn die hygienischen Verhältnisse waren so schlecht, dass eine lange Haftzeit einer Verurteilung zum Tode in vielen Fällen gleichkam. Das Ludwigsburger Gefängnis wurde 1872 zu einem Zuchthaus für Männer. 1990 wurde es geschlossen, das Strafvollzugsmuseum entstand. Es ist dienstags bis freitags von 9 bis 12 Uhr und von 14 bis 16 Uhr, sonntags von 13 bis 17 Uhr geöffnet.


Ludwigsburger Stadtführung (Teil 104): Der Chronist Albert Sting wird 85

Mehr als 2000 Seiten über Ludwigsburgs Geschichte stammen aus seiner Feder: Albert Sting kennt sich in der Stadt aus wie kein anderer. Am heutigen Donnerstag (7. Mai 2009) wird der ehemalige Direktor der Karlshöhe 85 Jahre alt.

Von Kathrin Haasis

Kein bisschen müde scheint Albrecht Sting zu sein. Regelmäßig zieht er seine Runden durch Ludwigsburg. Am Sonntag, 24. Mai, steht er um 11 Uhr wieder am Start: „Die Carlstadt“ lautet das Thema dieser Führung. Am 13. Juni stellt er dann „Die Dichter und ihre Häuser“ vor. Im Juli steht der Alte Friedhof auf dem Programm und im August erzählt er seinen Zuhörern die Geschichte vom Holzmarkt und vom Marktplatz. Albert Sting kennt sich in Ludwigsburg aus, wie kein anderer. Auf 2000 Seiten über drei Bände verteilt hat er schließlich die Stadtgeschichte zusammengefasst. Am heutigen Donnerstag, 7. Mai, feiert er seinen 85. Geburtstag. Als Lokalchronist sitzt Albert Sting also nicht nur im stillen Kämmerlein. Generationen von Ludwigsburgern und Gästen hat er seine Heimat nahegebracht. Längst ist er deshalb zum Ehrenbürger avanciert, der einzige noch lebende. Dass er ein Mann des Geistes ist, zeigen schon seine Studien: Theologe ist er, Diplompsychologe und Doktor der Philosophie. Mehr als ein Jahrzehnt hat Albert Sting als Direktor die diakonische Einrichtung Karlshöhe geleitet. Sein Einsatz für hilfsbedürftige Menschen mit Behinderung, seine Verdienste um die Ausbildung in der Diakonie sowie in der Religions- und Sozialpädagogik sind auch mit dem Bundesverdien­stkreuz ausgezeichnet worden. Dass Albert Sting auf den Tag genau 220 Jahre nach der Gründung der Stadt Ludwigsburg geboren wurde, kann eigentlich kein Zufall sein. Im Pfarrhaus am Stadtkirchenplatz kam er 1924 zur Welt. Dort hatte 117 Jahre zuvor auch die Wiege des Ästhetikers und Philosophen Theodor Vischer gestanden. Weil sein Vater Dekan in Besigheim wurde, zog die Familie um. Der Sohn träumt davon, eines Tages Flugzeuge zu bauen. Er wird eingezogen, kurz vor Kriegsende, als die Front bereits bei Wien angekommen war. Dort geriet er in russische Kriegsgefangen­schaft und kehrte erst 1949 heim. In den kalten Wintern dort hatte er zwar beschlossen, Bäcker zu werden – weil es Bäcker immer warm haben und immer etwas zu essen. Er habe aber auch einen richtigen Hunger auf Bücher gehabt, erzählte er in einem Interview, und begann deshalb doch ein Studium. Nach Ludwigsburg kam Albert Sting 1961 zurück, als Pfarrer der Stadtkirche. Zehn Jahre darauf beginnt seine Karriere an der Karlshöhe, acht Jahre später wird er zum Direktor befördert, 1989 verabschiedet er sich in den Ruhestand. Aber Albert Sting wird eben von einer nicht nachlassenden Energie angetrieben. Nach dem Krieg und der Gefangenschaft habe er eine krisensichere Beschäftigung gesucht – und das war seiner Meinung nach Geistesarbeit, weil dazu weder Werkzeuge noch sonstige Instrumentarien nötig sind. „Für alles, was ich seither mache, brauche ich nichts anderes als meinen Kopf“, erklärte er. Seit Jahren wohnt er zwar schon in Löchgau, der Heimatgemeinde seiner verstorbenen Frau Elisabeth, mit der er vier Kinder hatte. Doch von Ludwigsburg und seiner 300-jährigen Geschichte kann ihn offensichtlich nichts fernhalten.


Stadtführung (Teil 103): Fußball in der Stadt

Von Holger Gayer

Als die Ludwigsburger Fußballer noch in einem Verein namens VfB gekickt haben, dürften Disziplinlosig­keiten eher selten gewesen sein. Gespielt wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts nämlich auf jenen Gevierten, über welche die Garnisonsstadt zur Genüge verfügte: den Exerzierplätzen. Überliefert ist, dass die Fußballer vor dem Ersten Weltkrieg auf dem kleinen Exerzierplatz spielten; heute befinden sich dort das Arbeitsamt und Teile des Landratsamtes. Wenig später kickten die Ludwigsburger auf dem großen Exerzierplatz im heutigen Stadtteil Grünbühl. Zudem soll auch in Eglosheim auf dem Gelände der Hirschbergsiedlung ein Fußballplatz gewesen sein. Wirklich interessant wird die lokale Kickergeschichte freilich am 2. März 1919. An jenem Tag weihte der Vorgängerverein der heutigen Sportvereinigung 07 sein neues Spielfeld ein. Es lag auf der sogenannten Planie an der Nordseite des Schlosses. Längst zählt dieser Platz, der einst von den Böllern spielwütiger Athleten umgepflügt wurde, zum Gelände des Blühenden Barocks. Damals aber waren sportliche Siege wichtiger als Blumen, weswegen die Ludwigsburger Fußballer ihre neue Heimstatt vom württembergischen Staat zur Pacht erhielten. Dumm nur, dass es gleich im Eröffnungsspiel die erste Niederlage setzte. Aus den Chroniken geht jedenfalls hervor, dass die Adler Heilbronn zumindest in den 90 Minuten auf dem Platz keine netten Gäste waren; sie gewannen 2:1. Aus heutiger Sicht luxuriös aber könnte das Drumherum gewesen sein. Als Umkleideort für die Spiele auf der „Planie“ diente nämlich der Gasthof Alte Sonne. Der ist mittlerweile bekanntlich mit einem Michelin-Stern dekoriert.


Stadtführung (Teil 102): Der Bauaufruf des Herzogs

LUDWIGSBURG. „Dem Wort entlang“ arbeiten Wolfgang Kern und Heide Bauerle: Diesen Titel haben die Künstler ihrer Ausstellung im Ludwigsburger Staatsarchiv gegeben. Der Bauaufruf von Herzog Eberhard Ludwig inspirierte sie dazu.

Von Kathrin Haasis

Schrift und Papier stehen am Anfang. Im August 1709 hat Eberhard Ludwig den ersten Versuch gestartet, neben seinem neuen Lustschloss eine Stadt zu gründen. „Gnädigst resolvierte“ der Herzog zu Württemberg allen und jeden, der in Ludwigsburg bauen und sich häuslich niederlassen wollte, „nicht nur den Platz und die Baumaterialien gratis und ohne Entgelt zu überlassen“, sondern auch von allen Beschwerden zu befreien. In barock geschnörkelter Schrift tat er seinen ersten Bauaufruf kund, dem noch weitere bis 1715 folgen sollten. Die Originale lagern im Ludwigsburger Staatsarchiv. Eine Kopie des Plakats von 1709 ist nun im Erdgeschoss des Gebäudes am Arsenalplatz zu sehen. Die Ludwigsburger Künstler Wolfgang Kern und Heide Bauerle haben sich von dem Bauaufruf zu einer Ausstellung inspirieren lassen. Schrift und Papier sind ihre gemeinsame Grundlage. „Die Künstler treten in einen Dialog mit historischen Dokumenten“, sagt Peter Müller. Eine Brücke zu schlagen zur Gegenwart ist für den Archivleiter schon von Berufswegen ein Ziel. Die Verbindung zwischen der Behörde und der Ausstellung ist offensichtlich: Schrift und Papier stehen auch im Mittelpunkt der Archivarbeit. „Ohne schriftliche Zeugnisse gäbe es keine Stadtjubiläen“, erklärt Peter Müller. Außerdem handelt es sich im Fall von Ludwigsburg nicht nur, wie bei fast jeder Stadt, um eine urkundliche Erwähnung, sondern um einen Akt, der sich nach außen richtet – im Prinzip also um eine Marketinginitiative des Herzogs. Für solche Initiativen ist Wolfgang Kern ein Fachmann. Dass der erste Aufruf des Herzogs praktisch ohne Resonanz blieb, sei in der Werbebranche ganz normal, weiß der Grafikdesigner. Für die Ausstellung hat er sich mit verschiedenen Aspekten von Ludwigsburg auseinandergesetzt. Als Grundlage dienen ihm dabei immer Schrift, Sprache und ganze Texte. Er zeigt die Entwicklung der Stadtheraldik vom herzöglichen Wappen bis zum heutigen Logo. Eine Illustration zeigt den Herzog, der ein großes Maßband in den Händen hält. „Entlang an Achsen gewachsen“, steht in verschlungener Schrift daneben. Er verbildlicht die Werke der großen, einst in der Stadt heimischen Dichter. So nimmt bei ihm das Gedicht „In der Vaterstadt“ von Friedrich Theodor Vischer die rechteckige Form des Marktplatzes an. Er sinniert auch über Visionen für Ludwigsburg: „Das Publikum ist eine Kuh, die grast und grast nur immer zu“, steht auf einer Arbeit unter der Frage „Findet Stadt statt?“. Die Schrift wird bei Wolfgang Kern zum Ornament, und dabei kommt er dem barocken Bauaufruf des Herzogs sehr nah. „Wir sind beide Kalligrafen“, sagt er über sich und seine Kollegin. Heide Bauerle widmet sich mehr der handwerklichen Seite dieses geschichtlichen Textes: Wie anno dazumal ist ihr Material das von Hand geschöpfte Papier. Auch sie hat Werke von Ludwigsburgs Dichtern noch einmal kunstvoll niedergeschrieben. In einer Bilderreihe verwandeln sich die Linien dann zu Gemälden: Mit einer Pipette hat sie auf nasse Bögen Vögel gemalt, ein Bild zeigt den Kosmos. Einzelne bunte Schnipsel fügen sich zu Collagen zusammen, die wie Blumenwiesen und Blätterwälder aussehen. Außerdem widmet sich Heide Bauerle in ihrer Werkstatt dem Buchdruck mit selbst hergestellten Bleisätzen. Zwei Unikate sind unter anderem zu sehen, die Lyrik von Rose Ausländer und Hilde Domin hat sie illustriert. Die Ausstellung „Dem Wort entlang“ ist bis 30. Mai 2009 im Staatsarchiv Ludwigsburg am Arsenalplatz zu sehen. Auch in der Buchhandlung Aigner werden einige Exponate gezeigt.


Stadtführung (Teil 101): Wie das Militär den Alltag geprägt hat

Von Lukas Jenkner

Eine Kompanie schmucker Soldaten, die mit Tschingderassabum durch die Straße zieht: vorneweg die Spielleute mit Pfeifern und Trommlern, hinterher die Soldaten. Kinder, Marktweiber und Spaziergänger laufen zusammen oder bleiben stehen, um sich das Spektakel anzuhören und anzusehen. In Ludwigsburg ist dies Alltag gewesen. Mit seinem Regierungsantritt ordnete König Wilhelm I. im Jahr 1817 das Heer neu. Ludwigsburg wurde zum ersten Waffenplatz und zur wichtigsten Garnison des Landes. Im Jahr 1820 waren 3000 des 7000 Mann starken württembergischen Heeres in Ludwigsburg stationiert. Für den Alltag der Menschen in der Stadt hatte dies Konsequenzen. Das Militär war allerorten präsent, und dies nicht nur durch die zahlreichen Kasernen, Magazine und Verwaltungsgebäude. Allein sechs Musikeinheiten waren am Ort, erzählt Walter Wannenwetsch vom Ludwigsburger Garnisonmuseum: „Die waren ständig unterwegs.“ Dauernd waren auch Truppen bei Exerzierübungen und Manövern in und um Ludwigsburg anzutreffen. In den umliegenden Dörfern gehörte es zum Alltag, dass berittene Soldaten für eine Rast anhielten und mit Heu und Wasser versorgt werden mussten. Und mit den Schießübungen der Soldaten hatten die Menschen manchmal ihre liebe Not. Auf dem 1830 eingerichteten Exerzierplatz südlich der Stadt, auf Kornwestheimer und Aldinger Markung, wurde 1843 ein Schießplatz erbaut. Die Schussrichtung verlief von Ost nach West, so dass sich die Kornwestheimer Bauern trotz eines Erdwalls als Kugelfang nicht mehr sicher fühlten und an den zwei Vormittagen in der Woche, an denen zwischen Mai und August geschossen wurde, ihre Felder nicht mehr betraten. Immerhin erwirkten die Landwirte schließlich eine Entschädigung von drei Gulden je Morgen Land in der Gefahrenzone, berichtet der Ludwigsburger Stadthistoriker Albert Sting in seiner dreibändigen Geschichte der Stadt. Allerdings reichte der Schießstand auf dem großen Exerzierplatz knapp 30 Jahre später nicht mehr aus. Ein weiterer Platz musste her, geeignet erschien ein Areal am linken Neckarufer zwischen Poppenweiler und Neckargröningen. 1870 wurden die Grundstücke gekauft und mehrere Schießbahnen mit bis zu 400 Meter Länge wurden eingerichtet. Die Funktion des Areals hat sich bis heute im Namen der Markung erhalten. Remseck, zu dem heute die Fläche der früheren militärischen Einrichtung gehört, nennt das dortige Gewerbegebiet „Schießtal“.


Stadtführung (Teil 100): Der Lemberg, der höchste Punkt der Stadt Ludwigsburg

Von Holger Gayer

Manche Kneipengänger können?s kaum glauben und halten den Überbringer der Nachricht für einen lügnerischen Witzbold vom Schlage Münchhausens. Doch es stimmt wirklich: wer von Affalterbach aus den Lemberg erklimmt, um oben angekommen den Ausblick in Richtung Stromberg, Schwarzwald oder Fernsehturm zu genießen und sich mit einer Einkehr im Wirtshaus 7 Eichen zu belohnen, der steht nicht am Gipfel der Gemeinde Affalterbach, sondern an der höchsten Stelle der Stadt Ludwigsburg. 365 Meter hoch ist der Berg und von der Ludwigsburger Innenstadt so weit entfernt, dass man mit dem Auto fast eine halbe Stunde unterwegs ist, um dort anzukommen. Dass der Lemberg dennoch zum Dach der Kreisstadt anvanciert ist, hat mit einer Begebenheit von 1975 zu tun. Damals ist das bis dahin selbstständige Dorf Poppenweiler als siebter und letzter Stadtteil nach Ludwigsburg eingemeindet worden. 3438 Einwohner, eine Fläche von 818 Hektar und eine Hälfte des Lembergs (inklusive des Gipfels) brachte der Flecken als Mitgift ein. Das Wichtigste aber: Ludwigsburg verfügt seither über eine Erhebung, die sogar neun Meter höher ist als der legendäre Hohenasperg. Den Lemberg deswegen als Ludwigsburger Hausberg zu bezeichnen wäre dennoch vermessen und extrem ungerecht den Affalterbachern gegenüber, denen die andere Hälfte des Lembergs gehört. Sie sind es, die ihre Festhalle nach dem Lemberg benannt und neulich auch eine neue Infotafel zu ihrem Berg enthüllt haben. Weniger bekannt ist inzwischen, dass bis vor zwanzig Jahren eine Mülldeponie am Lemberg betrieben wurde. Von 1960 bis 1989 wurden dort 3,5 Millionen Kubikmeter Haus- und Gewerbeabfälle gelagert. Weil auf dem Gelände nach wie vor Gase austreten, die abgesaugt und in elektrische Energie umgewandelt werden, ist der Deponiebereich bis heute gesperrt. Es wird wahrscheinlich noch sieben Jahre bis zehn Jahre dauern, bis aus der Deponie Lemberg ein öffentlich begehbarer Naturbereich mit Anbindung an den nahen Wald geworden ist.


Stadtführung (Teil 99): Das Kino "Central Theater"

Von Kathrin Haasis

LUDWIGSBURG. Von Anfang an eine gute Adresse für die Unterhaltung: in die Ludwigsburger Arsenalstraße 4 ist sogar der König ins Kino gegangen. In dem Gebäude war zuerst eine Gaststätte untergebracht, seit 1907 laufen dort Filme.

Zum reinen Vergnügen gehen die Ludwigsburger seit mehr als 180 Jahren in die Arsenalstraße 4. Ein Metzger namens Flurer hatte hier 1820 ein Haus gebaut – mit Restaurant. 1851 veräußerte er es an den Bierbrauer Gottlieb Körner. Ein Vierteljahrhundert betrieb er die Kneipe an der zentralen Stelle. 1876 machte Gottlieb Rummetsch eine gutbürgerliche Gaststätte daraus, und 1900 übernahm der Wirt Johann Bohn. Viel Aufsehen erregte dann Wilhelm Nagel: Als er das erste ordentliche Kino in Ludwigsburg eröffnete, schaute sogar König Wilhelm II. von Württemberg vorbei. Der 1867 in Stuttgart geborene Schriftsetzer und Buchdrucker war ein Pionier des Filmvorführens und zog mit einem Wanderkino von Gaststätte zu Gaststätte. Bereits 1907 eröffnete Wilhelm Nagel in Esslingen das Ladenkino „Kinematograph National“. Nach und nach schuf er ein kleines Kinoimperium mit Spielstätten von Zuffenhausen bis Rottweil. Das Central Theater in Ludwigsburg ragte als erstes repräsentatives Großkino in der Umgebung Stuttgarts heraus. König Wilhelm II. schaute sich dort Kurzfilme wie „Unsere gute Stadt Ludwigsburg“, „Der Großvater“ und „Lyonelly“ an. Ein Orchester spielte dazu die Musik. Bis heute ist das Central im Besitz der Familie. Von 1916 an saß die Tochter Elise Nagel an der Kasse. 1921 stieg ihr Mann Eugen Wollenschläger mit ein. Ihr Sohn Hasso ist in dem Kino groß geworden. Nicht einmal im Zweiten Weltkrieg stellte das Central Theater den Betrieb ein: Als Ablenkungsmanöver und zu Propagandazwecken sollten stets Filme laufen. 1945 beschlag­nahmten die US-Soldaten den Vorführsaal und besetzten ihn vier Jahre lang. Die Wollenschlägers bauten einfach ein zweites Kino: Das Union in der Solitudestraße wurde 1951 eröffnet. Hasso Wollenschläger, der 1975 Chef wurde, erweiterte das Central Theater auf fünf Leinwände. Das Gebäude von 1820 steht längst nicht mehr. Heute führt sein Sohn Claus die Geschäfte. „Wer einmal vom Kino infiziert ist, kommt nicht mehr davon los“, sagt er über seine Familie.


Ludwigsburger Stadtführung (Teil 98): Der Fürst in zwei Särgen

Mit Glanz hat sich Herzog Carl Eugen zu Lebzeiten umgeben. Seine Grabstätte in der Ludwigsburger Schlosskirche dagegen ist eher kärglich.

Von Holger Gayer

Nicht viel ist hier unten geblieben vom Prunk und Protz, der das Leben und die Amtszeit des 1793 gestorbenen Herzogs Carl Eugen von Württemberg kennzeichnete. Ein mit rotem Samt bezogener Sarg ist es, der neben dem seiner Mutter Maria Auguste auf der einen Seite steht, und auf der anderen Seite flankiert wird vom Sarg seines Bruders Ludwig Eugen, der ihm auf den Thron folgte. Doch kein zusätzliches Geschmeide, kein Gold und Edelstein ziert die Grabstätte des zu Lebzeiten so schillernden Fürsten in der Gruft der Ludwigsburger Schlosskirche. Letztlich ist auch Carl Eugen nach demselben, eher bescheidenen Ritus bestattet worden wie auch mehr als fünfzig Jahre zuvor sein Vater Carl Alexander. Von dem ist, laut dem Historiker Harald Schukraft, überliefert, dass die Leichenfeier erst Monate nach der Beisetzung des sogenannten Innensargs in der Gruft abgehalten worden war. In seinem Standardwerk „Die Grablegen des Hauses Württemberg“ schreibt Schukraft über Carl Alexander: „Nachdem seine Eingeweide bereits am 17. März im Fußboden der Gruft versenkt worden waren, erfolgte am 6. April mit der ,stillen Beysetzung? die Bestattung des Leichnams in einem mit schwarzem Samt bezogenen Sarg. Stattdessen wurde im Schloss auf dem Paradebett bis zur ,solennen Beysetzung? der leere und mit rotem Samt bezogene Prunksarg aus Holz aufgestellt. Dieser Außensarg befand sich am 11. Mai in dem aufwendig gestalteten Castrum doloris, und über ihm wurde auch die Aussegnung vollzogen. Danach senkte man den geweihten Sarg in die Gruft und stellte den schwarzen Innensarg mit dem Leichnam Carl Alexanders in diesen hinein. Erst jetzt war die Bestattung des Herzogs vollzogen.“ In der Tat war es bei den Württembergern zu jener Zeit üblich, dass ihre sterbliche Hülle zunächst in einen relativ schmucklosen, schwarzen Holzsarg gebettet wurde. Davon unabhängig wurden die Eingeweide der Toten entweder im Fußboden der Gruft versenkt oder in einem Behälter am Fußende des Sarges aufbewahrt. Das Herz bekam dagegen einen Ehrenplatz in einer Kapsel unter dem Kopfkissen des Verstorbenen – oder es wurde, wie etwa jenes von Katharina, der Königin von Westfalen, in die Nähe des liebsten Gemahls verbracht, der in diesem Fall Jérôme Bonaparte heißt und im Invalidendom zu Paris bestattet ist. Übrigens sind die roten Übersärge, die zwischen 1737 und 1798 in Ludwigsburg aufgestellt wurden, noch nicht durch eine Metalltafel gekennzeichnet, wie es etwa seit 1800 üblich ist. Sie sind nur durch die mit Stoffstreifen an den Stirnseiten der Särge angebrachten Initialen und das Todesjahr des Verstorbenen zu identifizieren.


Stadtführung (Teil 97): Ludwigsburger Fayencen

LUDWIGSBURG. Normaler Töpferton hat einst bürgerliche Kaffeetafeln geziert. Denn neben kostspieligem Porzellan produzierte die Manufaktur im 18. Jahrhundert auch die derbere Version des weißen Golds: Fayencen aus Ludwigsburg.

Von Christine Bilger

Der Stoff, aus dem des Herzogs Blumentöpfe sind, ist einst unter dem Dach der Ludwigsburger Porzellanmanufaktur hergestellt worden. Nein, so nobel ging es bei Hofe auch wieder nicht zu, dass zerbrechliche Preziosen aus Porzellan das Gießwasser auf der Fensterbank auffingen. Dafür verwendete man dessen derbere Artverwandte, die Fayencen. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erfreute sich die Fayence als preisgünstige Alternative zum Porzellan in bürgerlichen Haushalten großer Beliebtheit. Dieser Modewelle verdankt die Fayencemanufaktur, 1760 unter dem Dach der Porzellanmanufaktur gegründet, ihren kurzen Höhenflug. Die Fayencen waren aus zwei Gründen günstiger. Zum einen ist das Rohmaterial keine Seltenheit, der ganz normale Töpferton tut es für den Hausgebrauch. Zum anderen braucht das Material eine wesentlich niedrigere Brenntemperatur. Das senkt die Heizkosten, und das war in Ludwigsburg ein Vorteil – musste doch alles Brennholz aus dem Schwarzwald importiert werden. Die niedrigeren Temperaturen senkten die Kosten und das Risiko, Ausschuss durch Fehlbrände zu produzieren. Zudem brauchte die Fayence einen Brand weniger. Porzellan kommt einmal bemalt, aber unglasiert, im nächsten Schritt glasiert in den Ofen. Fayencen werden in einem Arbeitsgang bemalt und glasiert. Dabei muss der Maler eine flinke Hand haben, denn die Glasur saugt schnell die feuchte Farbe auf. Die Brennöfen teilten sich die beiden Manufakturen, auch wenn der Fayencenzweig von 1762 an als eigener Betrieb geführt wurde. Im Jahre 1795 kehrte der Ableger wieder zurück in den Stammbetrieb, da die Nachfrage nach den Gebrauchsstücken allmählich wieder nachließ. Essgeschirr und Terrinen, Bierkrüge und Blumenvasen finden Sammler auf Märkten, zu mitunter stolzen Preisen. Die Kulturstiftung der Ludwigsburger Kreissparkasse hat eine Sammlung mit Fayencen gekauft und präsentiert sie in ihren Geschäftsräumen. Für die 44 Stücke sei ein „sechsstelliger Betrag“ fällig gewesen. Verwunderlich erscheint es da zunächst, dass die wertvollen Stücke Macken und Risse haben. Das macht sie jedoch erst begehrenswert und damit für den Sammler nicht nur lieb, sondern auch teuer. Das Material ist anfällig und bricht leicht, zudem waren die meisten Teile Gegenstände des täglichen Gebrauchs. Kleine Macken bürgen im Falle der Fayencen also für die Echtheit. Der Kenner erkennt zudem am Farbton, aus welchem Werk die Fayence einst kam. Der Ludwigsburger Manufaktur schreibt man ein Weiß wie das süßer Sahne zu, wohingegen Fayencen aus Schrezheim bei Ellwangen mit dem Attribut „Weiß wie Magermilch“ versehen sind.


Stadtführung (Teil 96): 133. Jahresfest Karlshöhe

LUDWIGSBURG. Die ursprünglich für Waisenkinder gegründete Ludwigsburger Karlshöhe gehört heute zu den größten diakonischen Einrichtungen in der Region. Gestern (Sonntag, 26. April 2009) wurde zum 133. Mal Jahresfest gefeiert: mit Spielen, Führungen, Vorträgen und einer großen Hocketse.

Von Ludwig Laibacher

Das Fest stand unter dem Motto „Lebensräume – Lebensträume“. Und dafür hatten die Verantwortlichen den gewohnten Ablauf mächtig durcheinander gewirbelt. Für das Publikum sollten die meisten Gebäude offen stehen und die Vielfalt des diakonischen Angebotes sollte sich in der Vielzahl von festlichen Aktivitäten spiegeln. Der Andrang war entsprechend groß. Wichtige Anregungen für die Gründung der „Brüder- und Kinderanstalt“ auf der Karlshöhe hatten sich die damaligen Diakone und Bautechniker in Hamburg geholt. Im Jahr 1874 besuchten sie das von Johann Hinrich Wichern geschaffene „Rauhe Haus“, um die dort geltenden pädagogischen Prinzipien und die räumliche Ausdehnung dieser frühen Sozialeinrichtung zu studieren. Auch in Ludwigsburg wurde nach einer Lösung für vernachlässigte und verwaiste Kinder gesucht. Im Gegensatz zu der damals üblichen Kasernierung hatte der Theologe Wichern die Kinder in kleinen, familienähnlichen Gruppen untergebracht. Auch wenn die diakonische Einrichtung seither enorm gewachsen ist und zur ursprünglichen Zielsetzung viele neue Aufgabengebiete wie die Betreuung von körperlich und geistig behinderten Menschen, die Altenhilfe oder die Ausbildung von Diakonen sowie eine Fachhochschule für Diakonie und Religionspädagogik hinzugekommen sind, an der grundsätzlichen Festlegung auf christliche Maximen hat das nichts geändert. Die Heilige Schrift und die Bekenntnisse der Reformation sind maßgeblich. Im Jahr der Gründung 1876 führte das zu ernsthaften Spannungen. Der Plan, von Beginn an das bereits seit 1825 bestehende Kinderheim Mathildenstift in der Brüderanstalt aufgehen zu lassen, missfiel vielen Vertretern der Stadt Ludwigsburg. Schultheiß Heinrich von Abel betonte, er sehe „die Notwendigkeit der Vergrößerung des kirchlichen Einflusses auf Erziehungsfragen nicht“. Doch nachdem auch König Karl I. Druck auf die Vertragspartner ausgeübt hatte, musste Abel sich geschlagen geben, die Stadt hatte kaum Einfluss auf die Brüderanstalt. In einer im Jahr 2001 veröffen­tlichten Chronik über damals 125 Jahre Karlshöhe fällt auf, dass in den ersten 75 Jahren die eigene Standortsuche und -bestimmung im Mittelpunkt der Bemühungen standen. Immer wieder kaufte die Bruderschaft bestehende Immobilien hinzu oder errichtete auf ihrem Grundstück neue Gebäude. Ein deutlicher Anstieg bei den Mitarbeiterzahlen und eine Vervielfachung der Bilanzsumme setzte erst nach dem Zweiten Weltkrieg ein. So betreuten 1951 nur 50 Diakone 200 Heimbewohner. Die Bilanzsumme betrug im gleichen Jahr 1,1 Millionen Mark, der Gewinn wurde mit 516.012 Mark angegeben. 1970 betrug die Bilanzsumme schon 7,6 Millionen Mark und der Gewinn 3,5 Millionen Mark. Zugleich wurden 400 Heimbewohner von 150 Mitarbeitern betreut. Im Jahr 1999 verzeichnete die Bilanz 54,7 Millionen Mark, als Gewinn wurden 35,7 Millionen Mark verbucht. Knapp 500 Diakone und Diakoninnen betreuten 900 Heimbewohner. Immer wieder hat die evangelische Sozialeinrichtung im Laufe ihres 133-jährigen Bestehens versucht, angemessen auf veränderte gesellschaftliche Bedingungen zu reagieren. Jüngstes Beispiel ist das Aufgabengebiet alte Behinderte. Im vorigen Jahr lebten im Kreis Ludwigsburg 71 Behinderte, die älter als 65 Jahre alt sind. Für diese hat die Karlshöhe jetzt ein neues Wohnheim geschaffen. Auf 400 Quadratmetern Fläche gibt es Wohn-, Werk- und Ruheräume für 25 Personen.


Ludwigsburger Stadtführung (Teil 95): Die Schlange an der Sternkreuzung

Von Kathrin Haasis

Die Platzverführung ist so manchem Ludwigsburger viel zu weit gegangen: „Zum Fenster hinausgeworfenes Geld“, schimpften die Leute damals, scheußlich und „fehl am Platz“. Denn 1992 kam die Schlange nach Ludwigsburg auf die Sternkreuzung.

Platzverführung hieß der Skulpturenpfad, den die Vereinigung Kulturregion durch die fünf Landkreise rund um Stuttgart gelegt hatte. Am 28. Mai 1992, an Christi Himmelfahrt, wurde die zwölf Meter lange Skulptur in 21 Metern Höhe über der Sternkreuzung an der B 27 aufgebaut worden. Zuvor hatte der niederländische Künstler Auke de Vries acht Monate lang an dem mehr als 180 Kilogramm schweren Kunstwerk gearbeitet. Was eine Schlange in der Barockstadt zu suchen hat, fragten sich die aufgebrachten Ludwigsburger. Und der Künstler schwieg! Er erkläre „eigentlich nie etwas“, erklärte Auke de Vries damals, weil er möchte, dass „die Leute selbst nachdenken“. Jene Kritiker aber, die in der Schlange etwas Dämonenhaftes, Böses und Bedrohliches sehen wollten, beschwichtigte er: „Die Schlange hat immer etwas mit Nachdenklichkeit zu tun“, sagte der Künstler, „sie ist ein gutes Symbol im Märchen und in fast allen Kulturen.“ Irgendwann ist sein Geheimnis dann doch gelüftet worden. Bei einem Spaziergang hatte der Bildhauer an einem Hauptportal des Schlosses einen Türklopfer in der Form des Tieres entdeckt. Und fortan sei die Schlange in seinem Kopf gewesen, erzählte Auke de Vries, der ansonsten eigentlich nur abstrakte Skulpturen schafft. Als das Polyester-Stahl-Reptil dann Anfang 2006 für eine Verjüngungskur von der Stange geholt worden ist, vermissten die Ludwigsburger das einst verschmähte Kunstwerk sofort. „Hoffentlich kommt die Schlange bald wieder“, sagten viele Bürger zu Beatrice Soltys, damals stellvertretende Leiterin des Ludwigsburger Hochbauamts. Dabei glänzte die Schlange nur knapp zwei Monate bis in den März durch Abwesenheit. Ein paar wenige Widerstandskämpfer nutzten allerdings erneut die Gelegenheit der verwaisten Sternkreuzung und schrieben Appelle ans Rathaus: Die Schlange sei ein Symbol der Versuchung, und diese moderne Kunst im öffentlichen Raum hielten sie auch nach 14 Jahren noch für Gift. Sie haben kein Gehör gefunden. Ursprünglich hätte die Skulptur nur ein Jahr auf der Kreuzung bleiben sollen. Doch mittlerweile ist die Dauerleihgabe der Bundeskreditanstalt zu einem Wahrzeichen der Stadt geworden.


Ludwigsburger Stadtführung (Teil 94): Der Fuchshof

Von Holger Gayer

Einer der ältesten Teile der jetzigen Stadt Ludwigsburg ist der Fuchshof. Wo heute gekickt wird, haben im Mittelalter Leibeigene Dienst getan – im Auftrag des Klosters Bebenhausen. Wenn die Fußballer der Sportvereinigung 07 Ludwigsburg auf eigenem Geläuf versuchen, ihre Gegner zu besiegen, tun sie das auf historischem Gelände. Denn der Fuchshof, auf dem das heutige Ludwig-Jahn-Stadion steht, zählt zu den ältesten Teilen einer späteren Residenzstadt, von deren Entstehung vor knapp 640 Jahren noch kein Mensch zu träumen wagte. Damals sah das alles noch ganz anders aus. Ludwigsburg bestand aus ein paar Höfen, die zu einem Ort zusammengefasst waren, den die Menschen Geisnang nannten. Die Ländereien gehörten zum Kloster Bebenhausen und wurden zunächst von Mönchen bewirtschaftet. Als den bärtigen Brüdern die Arbeitskräfte ausgingen, suchten sie nach Bauern, die willens waren, sich der Leibeigenschaft zu unterziehen und die Klostergüter zu pachten. Aus heutiger Sicht kann man sich die Leibeigenschaft als eine Art von jährlicher Leibsteuer vorstellen, die der Leibeigene seinem Herrn gegenüber zu leisten hatte. Im Todesfall wurde darüber hinaus eine Sonderabgabe fällig: beim Mann das beste Stück Vieh, bei der Frau das beste Kleidungsstück. Unter diesen Voraussetzungen wurde Alt-Geisnang im Jahre 1470 an Hans Fuchs und seine Frau Marianne Imel verliehen. 1487 wurde der Hof an Alexander Fuchs und Eva Wiprecht von Beilstein zum Lehen gegeben. Ihnen folgten die Söhne Mathis und Alexander Fuchs, denen der Hof Geisnang seinen neuen Namen Fuchshof verdankte. Aus dem Lagerbuch des Klosters Bebenhausen von 1568 geht hervor, wo seinerzeit die Grenzen der Fuchshofgüter verlaufen sind: „Von der Neckarweihinger Steig zu der Stelle, wo die Markung von Neckarweihingen und Oßweil zusammenstießen, dann oberhalb am Palmhölzle vorbei zu den Weingärten in der Winterhalde und Neuhalde, von da an bis zum Weg ob dem Brühl und weiter auf den Pflugfelder Weg an der neuen Wiese bis zur Westheimer Straße, dann zum Rotbaum und zur Kornwestheimer Markungsgrenze, schließlich der Oßweiler Markungsgrenze entlang bis an die Neckarweihinger Steig.“


Stadtführung (Teil 93): Der Ortschronist Jakob Seyfang

LUDWIGSBURG. Wer in Ludwigsburg den Namen Seyfang hört und ihn verorten will, landet häufig im Stadtteil Eglosheim. Dort ist der Familienname weit verbreitet. Jakob Seyfang ist in Eglosheim seit dem Jahr 1956 sogar eine Straße gewidmet. Er ist Autor einer Ortschronik.

Von Roland Böckeler

Jakob Seyfang wurde 1870 geboren. Er habe ein großes Interesse für seine Umgebung gehabt, für Sitten, Gebräuche und die Geschichte des Dorfes, schreibt Hermann Burkhardt im „Ortsbuch Eglosheim“. Auch ein Faible für Zahlen hatte Seyfang. Seine „Beschreibung der Königlich Württembergischen Staatseisenbahnen“ versah er als 22-Jähriger mit Tabellen, Fahrplänen und Streckenabschnit­ten. Tagsüber spielten Zahlen keine Rolle. Seyfang war ein Vollblutbauer, sein Betrieb in der einstigen Hauptstraße 23. Die Lokalzeitung bezeichnete ihn später einmal als „Dichter hinter dem Pfluge“, der trotz aller Arbeit auf dem Feld und großer Familie – fünf Söhne kamen in der Ehe mit Louise Sophie zur Welt – Zeit fand, Gedichte zu verfassen und sich an eine Ortschronik zu machen. Akribisch führte Seyfang sein „Hausbuch“, in dem er die Vorgänge im landwirtschaf­tlichen Betrieb, Erträge und erzielte Preise festhielt – und der Nachwelt damit ein Stück greifbaren Alltag hinterließ. Nicht minder akribisch ist die „Beschreibung von dem Pfarrdorf Eglosheim“, die Jakob Seyfang von 1892 an verfasste. Es wurden letztlich zwei Bände mit annähernd 1000 Seiten in sauberer Handschrift. Im ersten Band gibt es ein Verzeichnis aller Einwohner und Häuser, zahlreiche Zeichnungen, Karten und Statistiken. Band zwei führt die Aufzeichnungen bis zum Zweiten Weltkrieg weiter. In dieser Zeit starb Seyfang, 1942, im Alter von 72 Jahren. Manche Kuriosität findet sich in der Chronik. So ist ein Eintrag einem gut 100 Jahre alten Birnbaum gewidmet, den der Autor mit 22 Metern bis zum Wipfel vermessen hatte und der einen Umfang von 4,25 Metern gehabt haben soll. Ein Beweisfoto gibt es nicht, nur eine Zeichnung. Ohne Jakob Seyfang wäre wohl auch in Vergessenheit geraten, wie einst im Sommer Störche auf der Katharinenkirche ein Nest bevölkerten oder dass in Eglosheimer Sumpfwiesen Fischotter gesichtet wurden, Wildkatzen und Marder den Ort bevölkerten. Klar, dass der Landwirt Seyfang auch seiner Passion Raum gab und viel über die Ernten festhielt. So erfährt der Leser von einstmals 25 Mostkeltern im Ort. Und weil jede Familie ihren eigenen Most zubereiten wollte, reichte das Eglosheimer Obst nicht aus – es musste zugekauft werden. Seyfangs Interesse für Eisenbahnen wurde sicherlich auch von der Entwicklung im eigenen Ort genährt, als 1880 die Linie Ludwigsburg-Beihingen gebaut wurde. Bei einer Volkszählung Ende jenen Jahres wurden in Eglosheim 778 Einwohner registriert. Deren Zahl wuchs nur langsam, so dass der Chronist zehn Jahre später noch ein komplettes alphabetisches Familienverzeichnis in sein Werk aufnehmen konnte. Seine Genauigkeit brachte Jakob Seyfang manche Zusatzaufgabe ein. So war er Schriftführer des Ende 1901 gegründeten „Bürger-Vereins der Vorstadt Eglosheim“, von 1919 an für fünf Jahre der Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr oder von 1928 an Rechner der „Eglosheimer Spar- und Vorschußbank“. Wer die lange Liste seiner Vereinsmitgli­edschaften studiert, fragt sich, wann er eigentlich Zeit für Familie und Feldarbeit fand.


Stadtführung (Teil 92): Potpourri der Nationen

Von Christine Bilger

Alle zwei bis vier Jahre wieder fragt man sich, wenn auf dem Globus die scheinbar wichtigste Kugel der Welt über Fußballrasen rollt: wer hupt denn da? Geschulte Ohren erkennen an der Lautstärke und an der Himmelsrichtung, aus der bei Fußballgroßere­ignissen die hupenden Autohorden zuerst losfahren, wie das WM- oder EM-Spiel wohl gelaufen ist. Nun sind die Ludwigsburger nicht erst seit Erfindung des Autokorsos ein bunt gemischtes Völkchen. Bereits in den Anfangsjahren siedelten sich hier nach dem Aufruf des Stadtgründers Eberhard Ludwig nicht nur Hiesige, sondern auch schon viele „Rei?gschmeckte“ an. Die Italiener dürften als Baumeister des Schlosses wohl die ersten Mitbürger mit Migrationshin­tergrund in Ludwigsburg gewesen sein. Sie sind heute die zweitgrößte Gruppe mit Wurzeln im Ausland in der Stadt, mit 2397 Personen, darunter 359 Bambini. Nur die Türkei ist noch stärker vertreten, mit 4629 Personen führen sie die Liste an. Kein Wunder also, dass der Torjubel einer dieser beiden Nationen es vermag, den Verkehr auf den Straßen der Stadt lahm zu legen. Vorne mit dabei sind auch noch die Kroaten (1122 Personen) und die Mitbürger mit Wurzeln in Serbien und Montenegro (1299), während deren Nachbarn aus Bosnien-Herzegowina lediglich mit 440 Vertretern in der Statistik auftauchen. Wesentlich weniger auffällig wäre hingegen ? Turnierteilnahme vorausgesetzt ? ein Fußballsieg für Luxemburg, gerade zwei Menschen aus dem Winzstaat haben sich hier niedergelassen. Damit spielen die Luxemburger in einer Liga mit den Mitbürgern aus Neuseeland. Von der Nachbarinsel Neuseelands „down under“, aus Australien, fanden immerhin 19 Menschen den Weg nach Ludwigsburg.


Stadtführung (Teil 91): Ein Orden für Pferde

Von Lukas Jenkner

Mit dem treuen Gefährten durch dick und dünn – das Verhältnis eines berittenen Soldaten zu seinem Pferd ist bisweilen romantisch verklärt und deshalb schwer verdaulich. Vor allem nach dem Ersten Weltkrieg, erzählt Walter Wannenwetsch vom Ludwigsburger Garnisonmuseum, habe es eine ganze Flut von Militärmemoiren gegeben, in denen Soldaten ihre Erlebnisse darstellten. Dabei ging es wohl vor allem auch um die persönliche Verarbeitung der erlittenen Niederlage. Und weil das Pferd dabei als Transport- und Fortbewegungsmittel eine zentrale Rolle spielte, kommt es in dieser Erinnerungsli­teratur auch entsprechend häufig vor. Dass die Wirklichkeit tatsächlich so romantisch gewesen ist, darf getrost bezweifelt werden. Die Soldaten haben in den opferreichen Schlachten und Stellungskriegen zwischen 1914 und 1918 vor allem gelitten, und den Pferden, sagt Wannenwetsch, „ist es nicht besser und nicht schlechter gegangen als den Menschen“. Insofern ist es vermutlich aus militärischer Sicht nur konsequent, dass den vierbeinigen Militärangehörigen zumindest vergleichbare Auszeichnungen zukamen. Eine solche hat sich im Ludwigsburger Garnisonmuseum erhalten. „Kriegskamerad“ steht auf der weißen Plakette aus Emaille, die in einer der Vitrinen des Museums ausgestellt ist. Auf der Stirn tragen durften diese Auszeichnung jene Pferde, die im Ersten Weltkrieg im Einsatz gewesen waren und in die spätere Reichswehr übernommen wurden. Ob die treuen Gefährten sich über diese Ehrung freuten oder ob sie nicht vielleicht doch eine Extraportion Heu bevorzugt hätten, darüber ist indes nichts überliefert. In Ludwigsburg dürfte es einige Soldatenpferde gewesen sein, die diese Auszeichnung am Saumzeug getragen haben. Um das Jahr 1914 herum, sagt Walter Wannenwetsch, seien in der Garnisonstadt nach seinen Schätzungen rund 2000 Pferde stationiert gewesen. In den Jahren danach nahm diese Zahl zwar nach und nach ab, doch selbst im Zweiten Weltkrieg, sagt Wannenwetsch, sei das Pferd noch immer das wichtigste aller Transportmittel gewesen. Dies änderte sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg. In der nunmehrigen Bundeswehr spielte das Pferd militärisch gesehen nur noch eine untergeordnete Ro­lle.


Ludwigsburger Stadtführung (Teil 90): Offene Torhäuser

LUDWIGSBURG. Die Barockstadt feiert Jubiläum und hat dafür gestern ihre sechs Torhäuser geöffnet. Bei aller Ähnlichkeit im äußeren Erscheinungsbild: das Programm hätte unterschiedlicher kaum sein können.

Von Ludwig Laibacher

Ob es die farbenprächtigen Uniformen waren? Das Asperger Torhaus mit seinem Garnisonsmuseum zog gestern wohl die meisten Besucher an. Die davor paradierenden Herren trugen die Uniformen von Soldaten aus der Ära der Napoleonischen Kriege. Allein seine Uniform sei gut und gerne 4500 Euro wert, verriet Thomas Schunter. Der 33-jährige Marbacher mit imposantem Backenbart ist im Zivilberuf Drucker, stand aber gestern (19. April 2009) als „Chasseur a Pied“ (was so viel wie Jäger zu Fuß heißt) vor dem Asperger Torhaus auf Wache. In der Hand hielt er einen Vorderlader mit Bajonett. Die gestrigen Frühlingstempe­raturen brachten Schunter in seinem hochgeschlossenen Filzrock aber nicht ins Schwitzen. Wirklich heiß sei es 2006 in Waterloo gewesen, wo er mit 4000 gleichge­sinnten Freizeitsoldaten bei 36 Grad Napoleons Untergang nachgespielt habe. Viele Besucher ließen sich mit dem Shuttlebus von Torhaus zu Torhaus fahren. Roland, Simon und Jeannette Maier aus der Weststadt zogen es jedoch vor, auf dem Fahrrad von Station zu Station zu fahren. „Wir wollen die Kultur mit etwas sportlicher Betätigung verbinden“, sagte Jeanette Maier. „Aber wir haben uns vorgenommen, alle sechs Torhäuser zu schaffen.“ Doch nicht alle einstigen Wachposten sind der Kultur gewidmet, das Torhaus an der Schorndorfer Straße hat die Unkultur zum Thema: die Erinnerung an die Naziherrschaft und den Judenmord. Während eine Musikgruppe auf dem Vorplatz Romalieder und Klezmerstücke spielte, eröffneten sich im kleinen Gebäude sowie im angrenzenden Bundesarchiv zur Aufklärung nationalsozia­listischer Gewaltverbrechen Blicke auf die bürokratische Vorbereitung und Umsetzung des Völkermordes. Der Fokus der Ausstellung lag auf einer Selbstdarstellung der Ermittler aus Ludwigsburg und deren Schwierigkeiten bei ihren Nachforschungen. Während sich am Stuttgarter Torhaus die dort ansässigen Vertriebenen aus dem sudetendeutschen Kuhländchen präsentierten, wurden im Pflugfelder Torhaus die Entwicklungsstränge des Städtebaus nachvollzogen. Am Heilbronner Torhaus, das dem Oberbegriff Leben gewidmet ist, wurde den Gästen Kunsthandwerk gezeigt. Die Veranstalter – der Bürgerverein Untere Stadt 1893 – mussten nicht lange nach etwas besonders Typischem suchen: Sie zeigten Kännchen, Tassen oder Figuren, die zwischen 1919 und 1927 in der Ludwigsburger Porzellanmanufaktur hergestellt worden sind. Das dem Thema Kunst gewidmete Aldinger Torhaus ist bekanntlich das ganze Jahr über der Filmkunst vorbehalten – genauer: dem Kinderfilm. Auch an diesem Wochenende boten Mitarbeiter der Filmakademie Führungen durch das Haus. Mit dem feinen Unterschied, dass diesmal nicht nur die Jüngsten ihre kleinen Filme drehen durften. Auch Otmar Lang (48) und seine Frau Monika (45) betätigten sich als Schauspieler und Regisseurin. Ohne Drehbuch, aber mit viel Spaß versuchten sich die Bietigheimer an einem Remake von Tarzan, Sohn des Dschungels.


Ludwigsburger Stadtführung (Teil 89): Die Musikhalle

Von Kathrin Haasis

Was heute Stadtverwaltungen übernehmen, war früher offenbar die Aufgabe von reichen Fabrikanten: Die Zichorienröster Franck haben Ludwigsburg jedenfalls die erste Multifunktionshalle beschert. Nachdem im Schlosstheater 1852 der letzte Vorhang gefallen war, hatten die kulturinteres­sierten Ludwigsburger praktisch kein Dach mehr über dem Kopf. Vor allem in den Sälen der Gasthäuser „Zum Bären“ und „Zum Waldhorn“ fanden ab und an noch Aufführungen statt. Hinter dem Rathaus gab es außerdem eine alte Turnhalle, in der zum Beispiel im Jahr 1887 die Feierlichkeiten zum 90. Geburtstag von Kaiser Wilhelm I. abgehalten wurden. Und im Betz'schen Garten ist 1865 aus der Not heraus ein Bühnen-Provisorium errichtet worden: Das „Sommertheater“ war ein hölzernes, einstöckiges Bauwerk, das für kleine Theaterstücke und Possen genutzt wurde. Hermann Franck sorgte dann mit seiner Stiftung für einen Prachtbau: Nach den Plänen von Johann Schmohl und Albert Bauder entstand 1889 im Anschluss an das etwa 20 Jahre vorher erbaute (und 1989 abgerissene) Bahnhofhotel ein repräsentativer Veranstaltungssaal. Der spätgründerze­itliche Repräsentationsbau aus Backstein in Kombination mit Werksteinen ist im Renaissancestil französischer Spielart gestaltet. Sie bot bald den Rahmen für das bürgerliche Leben in der Stadt und wurde schon damals als einer der schönsten Konzertsäle Süddeutschlands bezeichnet. Bis heute wirkt das Gebäude architektonisch reizvoll – mit den Türmen, der Vorhalle, der hölzernen Veranda auf der Rückseite, der Ornamentik auf der Fassade. Reich verziert und geschmückt ist auch der Festsaal mit den Kronleuchtern, seinen Säulen, dem Deckenstuck und einem umlaufenden, zweigeschossigen Arkadengang. Kaum zu glauben ist, dass die Musikhalle in den 1970ern abgerissen werden sollte – um einem Supermarkt Platz zu machen. Doch stattdessen kaufte die Stadt das nun denkmalgeschützte Gebäude und investierte 1985 in eine Generalüberholung und die Wiederbelebung des einstigen Glanzes elf Millionen Mark. Kunstvolle Bemalungen und Formen, Reliefs, Gusseisen, Holz und Stuck wurden mit viel Liebe zum Detail freigelegt und restauriert. Vier Jahre später ist die Musikhalle nach einem Wettbewerb von der Architektenkammer des Landes zu einem der herausragenden Gebäude des Landkreises Ludwigsburg gekürt worden. Als Kleinod und als Attraktion gilt die Franck'sche Stiftung heute – die Multifunktionshalle hat vielleicht mehr Plätze zu bieten, aber längst nicht so viel Charme.


Ludwigsburger Stadtführung (Teil 88): Bohrungen rund ums Heilbad

Voller Ironie steckt die Geschichte der Bohrungen rund um das Hohenecker Heilbad. Zuerst, 1906, lechzten die Stadtväter nach Trinkwasser, fanden aber Sole. Später, 1962, als die gesundheitsförder­nde Quelle zu versiegen drohte, entdeckte man Trinkwasser.

Von Christhard Henning

Der Zufall hat die 103-jährige Historie des Bads am Neckarufer gespeist. Zunächst dürsteten droben die stark sich mehrenden Ludwigsburger, denn drunten in Hoheneck kam das städtische Wasserwerk an den Neckarwiesen dem steigenden Bedarf nicht mehr nach. Geologen trieben daher vom 7. Juli 1906 an einen Bohrkern durch den oberen, mittleren und unteren Muschelkalk stolze 143 Meter tief ins Erdreich. Lange Zeit erfolglos. Mancher dachte schon ans Aufgeben. Indes, der Oberbürgermeister Gustav Hartenstein und der Buchhalter Jakob Schönleber drängten, nicht nachzulassen. Ihr Nachbohren wurde belohnt: Am 17. Dezember, abends um 21 Uhr, spritzte Wasser aus dem inzwischen 147 Meter tiefen Schacht. Einem artesischen Brunnen gleich ergoss sich ein 18 Grad warmes Elixier – pro Sekunde 25 Liter, unvermindert über Stunden und gar Tage. Nur: es schmeckte unangenehm salzig und eher abgestanden als vital-frisch. Das Projekt war ein Schlag ins Wasser, unkten nicht wenige – voreilig. Gutachten bescheinigten, dass die angezapfte Wasserader im Buntsandstein untauglich für den Genuss ist. Doch Trübsal zu blasen sei nicht angezeigt, ermutigten diverse Labors die Stadtschultheißen. Der Eisensäuerling mit Spuren von Glauber- und Bittersalz sei für medizinische Bäder und Trinkkuren geeignet. Und alsbald witterten zumindest die Ludwigsburger, dass sich mit den Mineralquellen gute Geschäfte machen lassen sollten. Sie kauften kurzerhand von Hoheneck 120 Ar Boden rund um die Bohrstelle, den Quadratmeter für läppische zwei Mark, um ein erstes provisorisches Badehaus mit Trinkhalle zu errichten. Dass die Ludwigsburger Ratsherren den Hintergrund ihres Kaufbegehrens verschwiegen und somit die arglosen Hohenecker gehörig über den Tisch zogen, begründete eine längere Phase des gegenseitigen Misstrauens zwischen „denen droben“ und „denen drunten“. Derweil das Bad prosperierte, bohrten die geprellten Hohenecker mehrfach für eine bessere Bezahlung nach – vergeblich. Mit der Eingemeindung 1926 schließlich erwarben sie sich wenigstens das Recht „zur unentgeltlichen Entnahme von Quellwasser außerhalb des Heilbads“, wie der Chronist Herbert Felden in seinem Buch über Hoheneck berichtet. Indes, die Schüttung der Heilwasserquelle ging zurück, 1962 kamen gerade noch fünf bis sechs Liter in der Sekunde aus dem alten Brunnen. Den Badegästen drohte, im Trockenen sitzen zu müssen. Man trieb wiederholt einen Bohrkern in die Tiefe – und wurde alsbald fündig: bereits 27 Meter unter der Erdoberfläche, im oberen Dolomit des Muschelkalks, fand sich Wasser. Freilich: erneut nicht das Wasser, das man suchte. Diesmal sprudelte bestes Trinkwasser aus dem Bohrloch. Mineralreich und ergiebig, aber nicht heilsam bei Gicht und anderen Zipperlein. Vorsorglich sicherten die Stadtväter dieses Reservoir und gingen 100 Meter nordöstlicher in der Talaue erneut in die Erdkruste. Im Buntsandstein schließlich, 177 Meter tief, ward die Mühe belohnt. Eine neue Sole wurde entdeckt, die der Qualität jenes Brunnens von 1906 entsprach. Die zudem, so urteilt ein hydrogeologisches Gutachten von 1970, auf Generationen unerschöpflich sei. Damit war zugleich der Grundstein für den 12,4 Millionen Mark teuren Neubau des Hohenecker Heilbads in seiner heutigen Gestalt gelegt. Einweihung war am 14. Juli 1978. Die alte Einrichtung wurde abgerissen – bis auf den 1919 errichteten Bohrturm und das Eingangstor, das bereits 1907 die Badegäste empfing. In dem überdachten Relikt zapft heute nicht nur die Hohenecker Bevölkerung aus einem dreiarmigen Brunnen kostenlos Wasser. Mancher brave Schwabe lässt hier, derweil einige Meter unterhalb sein dieselgetriebener Mercedes wartet, Kanister um Kanister aus zwei Hähnen volllaufen, auf dass der Posten „Flüssiges“ im Haushaltsbudget nicht unnötig strapaziert werde. Wer?s dagegen leicht uran- und arsenhaltig mag, ist bei der dritten Zapfstelle richtig. Dort fließt für Trinkkuren 17 Grad warme Sole mit 2,17 Prozent Salzgehalt.


Ludwigsburger Stadtführung (Teil 87): Die grüne Bettlade

Von Ludwig Laibacher

Für Feudalherren des 18. Jahrhunderts, die auf sich hielten, waren die Städte Paris und Versailles das Maß aller Dinge. In Ludwigsburg ist der Einfluss französischer Barockvorbilder nicht zu übersehen, doch auch abseits von Schloss und Schlosspark hat der Franzosenkult viele Spuren hinterlassen. So hat etwa Herzog Carl Eugen an den Kreuzungen der großen Alleen so genannte Cabinets des verdure anlegen lassen: Grüne Rechtecke, die vor allem eine Zuflucht für politikmüde Fürsten bieten sollte – ganz so wie an den großen Prachtstraßen in Paris. Ein solches lauschiges Hainbuchen-Geviert an der Kreuzung von Königs- und Königinallee hat der Volksmund schon vor mittlerweile 300 Jahren Grüne Bettlade getauft. Die im prüden 19. Jahrhundert nachgereichte Namenserklärung lautete, der Herzog habe „in manchen schönen Sommernächten unter einem Zelt in der erfrischenden Höhenluft Erholung gesucht und dem Gesang der Nachtigallen gelauscht“. Gewiss, man sollte den Einfluss des Naturverherrlichers Jean Jacques Rousseau nicht unterschätzen. Nur leider: Der Schweizer Philosoph warf seine berühmte Losung vom Zurück-zur-Natur erst ein halbes Jahrhundert später auf den Markt. Man darf also getrost annehmen, dass sich der Ludwigsburger Fürst sehr wohl in Begleitung schöner Damen befand, wenn er sich in die Grüne Bettlade zurückzog. Dafür spräche auch eine Anekdote, die man sich in Bezug auf ein Hotel namens Grüne Bettlade im badischen Brühl erzählt. Die Wirtin im ursprünglich „Eintracht“ genannten Lokal soll es mit der Treue nicht allzu genau genommen haben. Als ihr Mann sie eines Tages mit einem Liebhaber im ehelichen Himmelbett entdeckte, war die Schadenfreude der Nachbarn groß. Ab sofort nannten sie das Gasthaus nur noch Grüne Bettlade.


Ludwigsburger Stadtführung (Teil 86): Das Stuttgarter Torhaus

Von Ludwig Laibacher

Zum Glück ist es heute völlig egal, ob man sich am frühen Morgen, nachmittags oder zu nachtschlafender Zeit der Stadtgrenze von Ludwigsburg nähert. In aller Regel spielt es auch keine Rolle, ob man allein oder mit Kind und Kegel anreist. Vor 250 Jahren war das aber wichtig. Weil der Bau und Unterhalt von Straßen nicht über die allgemeine Steuer finanziert wurde, ließ Herzog Carl Eugen ein so genanntes Pflaster- oder Sperrgeld eintreiben. 1761 wurden „vom Kopf, Menschen und Vieh“, zwei Kreuzer genommen, falls diese sich vor 10 Uhr den Wachen näherten. Begehrte jemand aber erst danach Einlass, hatte er vier Kreuzer zu zahlen. Erhoben wurde diese Abgabe direkt an der Stadtmauer. Genauer: an den Torhäusern. Diese wurden unterschieden in vier Haupt- und vier Nebentore sowie vier Fußgängerdurchlässe. Die meisten großen Torhäuser stehen noch in der Nähe von wichtigen Aus- und Einfahrtsstraßen, aber eine damit verbundene Vorschrift des Herzogs wird heute nicht mehr ganz so streng beachtet. Dieser hatte verfügt, dass von diesen Toren aus mehrere hundert Meter weit ins Land hinaus Alleen führten. Ein ankommender Besucher sollte sich „am Bild der nahenden Stadt erfreuen“ und der Abreisende sollte reichlich Gelegenheit für lange, traurige Blicke zurück haben. Einer der bekanntlich nicht zurückblicken wollte, war der „Taugenichts“: „Mir war es wie ein ewiger Sonntag im Gemüte. Und als ich endlich ins freie Feld hinauskam, da nahm ich meine liebe Geige vor und spielte und sang, auf der Landstraße fortgehend.“ Allerdings muss auch er im Laufe seiner langen Wanderschaft viele Torhäuser passieren. Darum und weil sein Schöpfer, der Dichter Joseph von Eichendorff, eine Schwäche für den Ort Sedlnitz hatte, nahm die Landsmannschaft der Kuhländler im Torhaus an der Stuttgarter Straße Quartier. Damit das nicht in Vergessenheit gerät, wurde dort auch ein Taugenichts in Bronze postiert. Jedem der weitgehend identisch gebauten Torhäuser ist ein Thema zugeordnet. So ist etwa das Pflugfelder Tor das der Arbeit, das Asperger- dem Schutz und das Schorndorfer- der Geschichte gewidmet. Und das Stuttgarter Tor? Es erinnert an die Heimat.


Ludwigsburger Stadtführung (Teil 85): die Emaillemanufaktur

Von Carola Stadtmüller

„Es wird erzählt, dass ein Alchemist beim Versuch, aus einer bestimmten Mischung Gold zu machen, als Abschluss seiner Arbeit im Tiegel neben dem Metall eine herrliche rote Schlacke Glases fand, so schön wie noch kein Glas je zuvor gewesen“, schreibt der italienische Bildhauer und Goldschmied der Renaissance, Benvenuto Cellini, über die Entdeckung des berühmten „rouge clair“, des durchsichtigen roten Emaille. Mit Emaille wird ein auf Metall aufgebrannter Glasfluss bezeichnet. Als Grundlage werden verschiedenste Metalle, etwa Gold, Silber, Kupfer oder neuerdings eine Kupfer-Zink-Legierung verwendet. Im Jahr 1795, also bereits nach dem Tod von Herzog Carl Eugen, kam das Emaille auch nach Ludwigsburg; und zwar in Form des aus dem südelsässischen Mühlhausen stammenden Emailleurs Mathias Strohhecker. Er sprach beim Herzog vor: 3000 Gulden, ein Haus für die Werkstatt und einige Klafter Holz wollte er haben, um in Ludwigsburg eine Manufaktur für Emaillearbeiten aufzubauen. Sein Ziel war es, bald bis zu 30 Arbeiter mit der Herstellung von Emailleplatten für Uhren zu beschäftigen. Herzog Friedrich Eugen hatte wohl genug von schlecht funktionierenden Manufakturen und ließ zuerst ein Gutachten über den neuen Mann einholen. Dieses schien ihm positiv genug, um dem Manufakteur einen Vorschuss von 1500 Gulden, ein Haus sowie Holz zu übergeben. Und so begann Strohhecker 1795 mit der Herstellung von Zifferblättern. Zu Beginn war das Unterfangen sehr erfolgreich: Acht Mitarbeiter standen in Lohn und Brot, und wenn der Herzog noch ein paar mehr Gulden in die Hand nehmen könnte, würde durch seine „Qualitätsarbeit viel Geld aus dem Ausland hereingezogen“, so die Überlieferung. Strohhecker hoffte folglich auf einen Export seiner Erzeugnisse und damit auf internationalen Erfolg. Diese Hoffnungen wurden alsbald erfüllt: der talentierte Kunsthandwerker belieferte nicht nur alle württembergischen Uhrmacher, sondern auch viele aus den benachbarten Ländern. Um den Betrieb weiter auszubauen, wollte Strohhecker weitere Zuschüsse haben. Diese wurden ihm zunächst verwehrt. Erst, als sich Herzog Friedrich Eugen persönlich einsetzte und sogar mit seinem Privatvermögen dafür haftete, wurde ihm das Darlehen gewährt. Das allerdings sollte die letzte Erfolgsmeldung aus der Emaillefabrik des Herrn Strohhecker werden. Nur kurze Zeit später berichtete der Oberamtmann Volz Gegenteiliges: es scheine ihm, als ob die Umstände beim Emailleur Strohhecker „nicht zum Besten“ stünde. Strohhecker kämpfte hart und verhandelte geschickt ? er habe ja 15 Lehrlinge, die ihm nur Kosten und keinen Nutzen bringen würden. 1798 schloss er sogar eine Art Rahmenvertrag mit dem Handelsmann Kübler aus Ludwigsburg, der ihm bestimmte Preise garantierte. Allerdings war die Produktion trotzdem ein Jahr später am Ende. Am 25. März 1799 musste Oberamtmann Volz dem Herzog melden, dass Strohhecker sich aus dem Staub gemacht habe, nur seine Möbel stünden noch in der Fabrik. Damit war nach nur vier Jahren das Abenteuer Emaillemanufaktur beendet. Diese überaus anspruchsvolle Technik, bei der eine fein pulverisierte, angefeuchtete Glasmasse mit niedrigem Schmelzpunkt unter hoher Temperatur auf einen Metallgrund aufgeschmolzen wird, wurde bereits im mykenischen Griechenland angewandt.


Ludwigsburger Stadtführung (Teil 84): Die Rache des Christian Schubart

Von Holger Gayer

Christian Friedrich Daniel Schubart war nicht zimperlich, als er anno 1780 jener Damen und Herren gedachte, die ein paar Meter unter der Oberfläche der Schlosskirche zu Ludwigsburg ruhen. Die Wut ist durchaus verständlich. Als eine Art schwäbischer Voltaire saß der Freidenker auf Geheiß des Herzogs Carl Eugen damals bereits seit drei Jahren auf dem Hohenasperg; seine Überzeugungen sollten gebrochen werden, um auf diese Weise auch den Widerstand des Volkes gegen die absolutmonarchis­tische Obrigkeit zu brechen. Der Herzog bediente sich hierzu eines pädagogischen Experiments: Schubart sollte zu einem kirchentreuen Untertan umerzogen werden. Das Vorhaben misslang, denn trotz der Isolation im Kerker gelangte Schubarts Fürstengruft nach draußen und wurde fast noch schneller verbreitet als die herzoglichen Erlasse. Kein Wunder, bei diesen Zeilen: Da liegen sie, die stolzen Fürstentrümmer,/ Ehmals die Götzen ihrer Welt!/Da liegen sie, vom fürchterlichen Schimmer/Des blassen Tags erhellt! Die alten Särge leuchten in der dunkeln/Verwe­sungsgruft wie faules Holz;/Wie matt die großen Silberschilde funkeln,/Der Fürsten letzter Stolz! Entsetzen packt den Wandrer hier am Haare,/Geußt Schauer über seine Haut,/Wo Eitelkeit, gelehnt an eine Bahre,/Aus hohlen Augen schaut. Wie fürchterlich ist hier des Nachhalls Stimme!/Ein Zehentritt stört seine Ruh?./Kein Wetter Gottes spricht mit lauterm Grimme:/O Mensch, wie klein bist du! Denn ach! hier liegt der edle Fürst, der Gute!/Zum Völkersegen einst gesandt,/Wie der, den Gott zur Nationenrute/Im Zorn zusammenband. An ihren Urnen weinen Marmorgeister;/Doch kalte Tränen nur von Stein,/Und lachend grub, vielleicht ein welscher Meister,/Sie einst dem Marmor ein. Da liegen Schädel mit verloschnen Blicken,/Die ehmals hoch herabgedroht,/Der Menschheit Schrecken! Denn an ihrem Nicken/Hing Leben oder Tod. Nun ist die Hand herabgefault zum Knochen,/Die oft mit kaltem Federzug/Den Weisen, der am Thron zu laut gesprochen,/In harte Fesseln schlug. Zum Totenbein ist nun die Brust geworden,/Einst eingehüllt in Goldgewand,/Daran ein Stern und ein entweihter Orden,/Wie zween Kometen stand. Vertrocknet und verschrumpft sind die Kanäle,/Drin geiles Blut, wie Feuer floß,/Das schäumend Gift der Unschuld in die Seele,/Wie in den Körper goß. Sprecht Höflinge, mit Ehrfurcht auf der Lippe,/Nun Schmeichelein ins taube Ohr!/Verräuchert das durchlauchtige Gerippe/Mit Weihrauch wie zuvor! Er steht nicht auf, euch Beifall zuzulächeln,/Und wiehert keine Zoten mehr,/Damit geschminkte Zofen ihn befächeln,/Schamlos und geil, wie er. Sie liegen nun, den eisern Schlaf zu schlafen,/Die Menschengeisseln, unbetraurt,/Im Felsengrab, verächtlicher als Sklaven,/Im Kerker eingemaurt. Sie, die im ehrnen Busen niemals fühlten/Die Schrecken der Religion,/Und Gottgeschaffne, bessre Menschen hielten/Für Vieh, bestimmt zur Frohn; Die das Gewissen, jenen mächt?gen Kläger,/Der alle Schulden niederschreib­t,/Durch Trommelschlag, durch welsche Trillerschläger/Und Jagdlärm übertäubt; Die Hunde nur und Pferd? und fremde Dirnen/Mit Gnade lohnten, und Genie/Und Weisheit darben ließen; denn das Zürnen/Der Geister schreckte sie. Die liegen nun in dieser Schauergrotte/Mit Staub und Würmern zugedeckt,/So stumm! so ruhmlos! Noch von keinem Gotte/Ins Leben aufgeweckt. Weckt sie nur nicht mit eurem bangen Ächzen/Ihr Scharen, die sie arm gemacht,/Versche­ucht die Raben, daß von ihrem Krächzen/Kein Wütrich hier erwacht! Hier klatsche nicht des armen Landmanns Peitsche,/Die Nachts das Wild vom Acker scheucht!/An diesem Gitter weile nicht der Deutsche,/Der siech vorüberkeucht! Hier heule nicht der bleiche Waisenknabe,/Dem ein Tyrann den Vater nahm;/Nie fluche hier der Krüppel an dem Stabe,/Von fremdem Solde lahm. Damit die Quäler nicht – zu früh erwachen,/Seid menschlicher, erweckt sie nicht./Ha! Früh genug wird ihnen krachen/Der Donner am Gericht. Wo Todesengel nach Tyrannen greifen,/Wenn sie im Grimm der Richter weckt,/Und ihre Gräul zu einem Berge häufen,/Der flammend sie bedeckt. Ihr aber, beßre Fürsten, schlummert süße/Im Nachtgewölbe dieser Gruft!/Schon wandelt euer Geist im Paradiese,/Gehüllt in Blütenduft. Jauchzt nur entgegen jenem großen Tage,/Der aller Fürsten Taten wiegt,/Wie Sternenklang tönt euch des Richters Waage,/Drauf eure Tugend liegt. Ach, unterm Lispel eurer frohen Brüder/Ihr habt sie satt und froh gemacht,/Wird eure volle Schale sinken nieder,/Wenn ihr zum Lohn erwacht. Wie wird?s euch sein, wenn ihr vom Sonnenthrone/Des Richters Stimme wandeln hört:/„Ihr Brüder, nehmt auf ewig hin die Krone,/Ihr seid zu herrschen wert.“


Ludwigsburger Stadtführung (Teil 83): Rauchen für den Krieg

Von Lukas Jenkner

Als das Deutsche Reich am 1. August 1914 Russland den Krieg erklärte, da ist der Enthusiasmus groß gewesen. Zwar freuten sich nicht alle Menschen über den bevorstehenden Waffengang, doch die Begeisterung überwog. In Ludwigsburg, damals seit langem der erste Waffenplatz Württembergs und gemeinhin als „schwäbisches Potsdam“ bezeichnet, ist dies nicht anders gewesen. Wie bereits zum Krieg gegen Frankreich 1870 verwandelte sich die Stadt in ein riesiges Heerlager, weil Reservisten aus allen Teilen des Landes herbeiströmten. Zügen, die Truppen gen Frankreich brachten, wurde auf dem Bahnhof zugejubelt. Im Laufe des Krieges wurde Ludwigsburg schließlich zu einem riesigen Lazarett, in dem die Verwundeten versorgt wurden. Ein besonders Kapitel im Zuge des Krieges, der sich bald zu einem Weltkrieg auswachsen sollte, ist die Propaganda gewesen, die bis in die Kinderzimmer reichte. Von der Puppenherstellerin Margarete Steiff, heute vor allem bekannt für die Teddybären, gab es feldgraue Filzsoldaten. In Bilderbüchern traten deutsche Kinder als tapfere Soldaten gegen böse Buben an, die zum Beispiel Nikolaus hießen, in Anspielung auf den russischen Zaren Nikolaus II. Die Erwachsenen indes erfreuten sich an dekorativen Tellern der Königlichen Porzellanmanufaktur zu Berlin, die passend zum Kriege nicht nur idyllische Winterlandschaften auf das weiße Gold pinseln ließ, sondern Soldaten auf Heimaturlaub dazustellte, ausgestattet mit Weihnachtsbaum und Geschenken. Ein weiterer Bereich, in dem sich die patriotische Propaganda bemerkbar machte, ist die Genussmittelin­dustrie gewesen. Manche Zigarettenher­steller verdeutschten die Namen ihrer Glimmstengel. Aus „Duke of Edinbourgh“ wurde „Flaggengala“, aus „Gibson Girl“ die Marke „Manoli Wimpel“. Im Ludwigsburger Garnisonmuseum, das sich auch der Stadt im Ersten Weltkrieg widmet, haben sich Zigarettenspitzen im Sinne der Kriegspropaganda erhalten. Der Ausspruch des deutschen Kaisers Wilhelm II., dass er mit dem Ausbruch des Krieges nunmehr keine Parteien, sondern nur noch Deutsche kenne, ist auf diesen Rauchutensilien aufgedruckt. Wer also seine Zigaretten behelfs dieser Spitzen rauchte, tat dies im nationalen Hochgefühl. Ob mit dem Kauf dieser Zigarettenspitzen die Kriegsführung in Form von finanziellen Abgaben aus dem Erlös finanzierte wurde, ist im Garnisonmuseum heute allerdings nicht mehr bekannt.


Zur Stadtführung (Teil 82): OB Henke badet einsam in der Sole

Von Christhard Henning

Es ist nicht überliefert, ob er gesungen hat, wenn er in den Hallen des Heilbads aufkreuzte. Ludwigsburgs Ex-OB Jochen Henke hätte aber singen können, und zwar „O sole mio“, denn er badete als amtierender Rathauschef allein im angewärmten Salzwasser. Henke, stets beflissen, sportlich unterwegs zu sein, besuchte in seiner Regentschaft zwischen 1984 und 1995 die Hohenecker Wellnesseinrichtung dann, wenn sich der Großteil des friedlichen Ortsteils noch in den Federn räkelte. Nach einer Joggingrunde stand er oft um 6.30 Uhr auf der Matte und begehrte Einlass, um unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu schwimmen. Damit ihm die Tür auch aufgetan wurde, ließ er tags zuvor einen Zettel für die Frühschicht im Heilbad hinterlegen. Sein Fahrer wartete derweil unten in der Uferstraße darauf, bis der Chef die körperliche Ertüchtigung beendet hatte. Eiligen Schritts habe der OB die Treppenstufen zum Heilbad genommen, gerade einmal ein Handtuch, lässig unter den Arm gepackt, habe ihn begleitet. Nachgerade unangenehm sei es ihm gewesen, wenn ihn bei seinem Solotrip andere Bürger gestört hätten, erzählen Badbedienstete. Als der Verwaltungsboss doch einmal recht spät dran war und die ersten offiziellen Badegäste bereits den Umkleidetrakt stürmten und noch dazu das Stadtoberhaupt freudig begrüßten, als sie seiner gewahr wurden, da habe Henke flugs Reißaus genommen, wird berichtet. Das private Vergnügen war zerstört. Spätestens dann hätte Henke wohl das Singen beim Baden unterlassen.


Stadtführung, Teil 81: Micky Maus und der Dukatenesel

LUDWIGSBURG. Was haben Comics und der Märchengarten im Blühenden Barock gemeinsam? Kinder mögen beides gleichermaßen. Micky Maus hat in der Vergangenheit sogar das Schlendern durch den Märchengarten empfohlen.

Von Roland Böckeler

50 Jahre alt ist der Märchengarten des Blühenden Barocks. Das ist ein Jubiläum, das Micky Maus schon lange hinter sich hat, auch wenn sie dank ihrer Zeichner ewig jung aussieht. Es war 1973, als der Ehapa-Verlag das gleiche Jubiläum feierte wie der Märchengarten in dieser Saison: „50 lustige Jahre mit Disney“ stand auf den Micky-Maus-Heften zu lesen. Am 1. September des Jahres lag die Ausgabe Nummer 35 an den Kiosken. Zum für damalige Verhältnisse stolzen Preis von 1,20 Mark. Der Euro war in weiter Ferne, die Preisspalte auf der Titelseite informierte deshalb auch über andere Währungen. So mussten in Österreich neun Schillinge auf den Verkaufstresen gelegt werden, spanische Mausfans hatten 30 Peseten zu berappen. Dafür gab es in den 1970er Jahren nicht nur Comics, sondern in jedem Heft einen eingefügten redaktionellen Teil. Eine ganze Doppelseite war in Heft 35 dem „Lichterfest im Märchengarten“ gewidmet. Und sähe man auf den Fotos nicht die Kleidung der Besucher, könnte der Artikel beinahe aus der Gegenwart stammen. Seien es die wasserspeienden Frösche, der papierschluckende Drache oder die Tauben, die den regelmäßig automatisch gefüllten Fressnapf von Aschenputtel ansteuern: alles gibt es noch immer. Ebenso unverändert scheint der Ablauf des Lichterfestes. Da seien, so war 1973 zu lesen, „überall auf den Rasenflächen, entlang der Wege und mitten auf dem kleinen See zauberhafte Figuren und Gebilde aus bunten Lichtern und Lampions“ aufgebaut. Tausende Besucher drängten sich von einem „brennenden“ Kunstwerk zum anderen und begrüßten das abschließende Feuerwerk – begleitet von einem vielstimmigen „Ah“ und „Oh“. Auch in diesem Jahr erleben sicher wieder viele Eltern und Großeltern mit Kindern und Enkeln das Traditionsfest, das sie selbst in jüngeren Jahren beeindruckt hat. Das ist ein bewährtes und vertrautes Erlebnis, auch wenn mittlerweile der Ablauf des Feuerwerks von einem Computer gesteuert wird. Der Märchengarten-Tipp von 1973 war übrigens nicht der erste in der „Micky Maus“. Bereits im Jahr der Eröffnung des Gartens schrieb die im Comic eingeheftete „MMK-Zeitung“ – MMK stand für Micky-Maus-Klub – Mitte 1959: „Goldesel spuckt Schokolade – in Ludwigsburg werden alte Märchen lebendig.“ Zur Freude der Kinder habe die Stadt in der „berühmten Gartenschau“ den „ersten großen Märchenpark Deutschlands“ aufgebaut. Bereits kurz nach der Eröffnung hätten ihn mehr als 70.000 Kinder besucht. Der Autor des Artikels war offensichtlich begeistert. „Wenn Ihr bisher lebende Märchenbilder sehen wolltet“, so formulierte er, „dann mußtet Ihr ein Theater besuchen, in dem irgendein Märchen auf dem Spielplan stand.“ Doch nun hätten sich die Stadtväter von „Ludwigsburg im Schwabenland“ beim Bau des Märchengartens den „Fortschritt der Technik“ zunutze gemacht. Als Beispiel fügte er den Goldesel an, der „Dukaten in Form von Schokoladenplätzchen spuckt“ – vorausgesetzt, „daß Dein Vater an einem Automaten ein Geldstück einwirft“. Damals war wohl der Vater der Herr über den Familienetat. Auch beim Blick auf die Attraktionen 1959 zeigt sich: die Veränderungen haben sich in Grenzen gehalten. Wer früher Freude am Hexenhäuschen oder den Pilzen hatte, aus denen Märchenmelodien erklingen, kann sie auch heute wieder auffrischen. Dass Micky Maus seit 1973 nie mehr den Märchengarten thematisierte, liegt übrigens nicht daran, dass es umgekehrt keine Empfehlung für Disney-Comics gab. Sondern daran, dass der gebündelte redaktionelle Teil nach einer Leserbefragung entfiel. Er erschien letztmals im ersten Heft des Jahres 1976.


Stadtführung (Teil 80): Wie der SV Ludwigsburg 07 entstanden ist

Von Holger Gayer

Es hat in den vergangenen 300 Jahren sicher nicht viele Dinge des Lebens gegeben, in denen Stuttgart und Ludwigsburg in Eintracht vereint gewesen wären. Anfangs, da hat man um den Herzog und sein großes Gefolge gebuhlt, weil nur die Stadt blühte, in welcher auch der Herrscher mitsamt seinen Mensch gewordenen Hermelinflöhen weilte. Später gab?s Theater um die Theater, was sich auf gewisse Weise bis heute erhalten hat. Jedenfalls wetteiferte man in jüngster Vergangenheit wieder um allerlei Akademien – und darüber hinaus um Hallen und Einkaufszentren. Nur in wenigen Bereichen schien immer klar zu sein, wer die wirkliche Nummer eins ist. Im Fußball zum Beispiel. Oder kennt jemand den VfB oder die Kickers aus Ludwigsburg? Die Wahrheit ist: es hat beide Vereine einst auch in Ludwigsburg gegeben. Bereits am 15. Februar 1907 wurde der 1. Fußballclub Ludwigsburger Kickers gegründet. Zwar existiert kein Protokoll von dem Ereignis, überliefert ist aber, dass eine Gruppe junger Männer zwischen 17 und 22 Jahren im Fußballverein Salamander Kornwestheim Unterstützer gefunden habe. Trotzdem wurde das erste Spiel der neuen Mannschaft am 17. August 1907 verloren – mit 0:2 gegen den FC Vorwärts Stuttgart-Ostheim. Etwa 100 Mitglieder zählten die Ludwigsburger Kickers, als 1914 der Erste Weltkrieg begann; 35 davon sollten auf dem Schlachtfeld sterben. Die Rückkehrer trafen sich am 17. Februar 1919, um den Verein wiederaufleben zu lassen. Beschlossen wurde dabei allerdings auch ein neuer Name: Verein für Bewegungsspiele (VfB) Ludwigsburg. Auf diese Weise, so heißt es in den Archiven, „sollte dokumentiert werden, dass der Fußballverein zum allgemeinen Sportverein geworden ist, der auch Sportarten wie Leichtathletik, Hockey und – vorübergehend – Handball im Programm hatte“. Sogar eine Gesangsabteilung wurde gegründet in jenen Jahren, und doch war es nicht allzu gut bestellt um die Harmonie im neuen Großverein, der bereits zwei Jahre nach seiner Wiedergründung auf 500 Mitglieder angewachsen war. Dieser Zustand sollte nicht lange halten. Schon 1921 spalteten sich etliche Sportler ab, um einen neuen Club aus der Taufe zu heben: den Rasensportverein (RSV) Ludwigsburg. Dass beide Vereine in strengster Rivalität zueinander lebten, dürfte bei dieser Gründungsgeschichte kaum jemanden verwundern. Bemerkenswert ist freilich, dass die Fußballer aus beiden Vereinen außerordentlich erfolgreich waren in jenen Jahren. Beide spielten in der Kreisliga, die damals die zweithöchste Spielklasse überhaupt war, wobei zu erwähnen ist, dass der sogenannte Kreis weit über die heutigen politischen Landkreise hinaus reichte; er entsprach etwa der Region Mittlerer Neckar. Die Derbys zwischen dem VfB und dem RSV waren ohne Zweifel die Höhepunkte im lokalen Sportgeschehen, und das galt auch noch, nachdem 1933 die Nationalsozialisten die Macht ergriffen hatten. Im Wahn der allgemeinen Gleichschaltung beschlossen die Nazis jedoch, die beiden rivalisierenden Ludwigsburger Fußballvereine zu fusionieren, um auf diese Weise noch stärker zu werden. So entstand im Jahre 1938 ein Verein, dessen Fußballer trotz etlicher Abstiege in den vergangenen Jahren heute noch die erfolgreichsten in der Stadt sind: die Sportvereinigung 07 Ludwigsburg.


Stadtführung (Teil 79): OB Doch - Gründer des Blühenden Barocks

Von Roland Böckeler

„Ludwigsburger, DOCH bleibt doch“, ist auf Handzetteln Anfang 1954 zu lesen gewesen, „Wählt doch Dr. Doch“ stand auf Wahlplakaten. Der Aufruf fruchtete nicht, nach einer Wahlperiode von Oberbürgermeister Elmar Doch entschieden sich die Wähler für Robert Frank, den damaligen Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Ludwigsburg. Es fehlten wenige Hundert Stimmen, was Elmar Doch sichtlich zusetzte. Und nicht nur ihm. Jene Wahlentscheidung vom 24. Januar dürfe wohl nicht als Ausdruck des Willens der Mehrheit der Ludwigsburger Bevölkerung angesehen werden, sagte Carl Schäfer für den Gemeinderat bei der offiziellen Verabschiedung im Gremium. 1910 geboren, war Elmar Doch 1946 zum ersten Oberbürgermeister Ludwigsburgs nach dem Zweiten Weltkrieg gewählt worden, nachdem er zuvor mit seiner Bewerbung als hiesiger Landrat Hellmuth Jäger unterlegen war. Ludwigsburg war für den frisch gewählten OB eine Herausforderung in vielerlei Hinsicht. Die Einwohnerzahl wuchs wegen Flüchtlingen und Heimatvertriebenen enorm, leer wurden derweil die Kasernen, es fehlte an Arbeitsplätzen. Unter der Ägide Dochs siedelten zahlreiche Betriebe an, deren Gewerbesteuer wiederum der Stadt finanzielle Handlungsspielräume verschaffte. Der geborene Thüringer wurde ein überzeugter Wahlschwabe, Ludwigsburg seine Stadt. Neue Schulen wurden gebaut, auch die Erholung sollte nicht zu kurz kommen. So gilt Elmar Doch als Wegbereiter des heutigen Blühenden Barocks. Denn von ihm kam der Anstoß, die Schlossgärten zu bereinigen und die Jubiläumsgarten­schau 1954 anzulegen. Wer vom „Blüba“ aus die Königsallee entlangflaniert, erreicht an deren Ende die Elmar-Doch-Straße, die an den tatkräftigen OB erinnert. „Diese acht Jahre“, so bilanzierte der Stadtrat Schäfer Dochs Amtszeit, „waren ausgefüllt von rastloser kommunaler Arbeit, Entschlusskraft und Verantwortungsbe­wusstsein.“ Vergoldet wurde seine Verabschiedung nicht, der Gemeinderat überreichte ein silbernes Kaffeeservice als Erinnerung. Doch merkte mit Blick auf manche unschönen Worte während des Wahlkampfes knitz an, dass dieses Service doch wohl „Getränke enthalte, deren Genuss voraussichtlich von niemandem beanstandet wird“. Eine Schreibtischlampe gab es obendrein, die alsbald einen neuen Platz bekommen sollte: in Heidenheim. Dort wurde Elmar Doch neuer Oberbürgermeister – und im Gegensatz zu Ludwigsburg nach Ablauf der ersten Amtsperiode wiedergewählt. Der Gesundheit wegen ging er vorzeitig in den Ruhestand, der ihm aber nicht lange vergönnt war. Elmar Doch starb 61-jährig im Dezember 1971. Heidenheim an der Brenz widmete ihm keine Straße, sondern ein Haus – das alte historische Rathaus in der Fußgängerzone. In Ludwigsburg hatte sich Doch zu Beginn eines Jubiläumsjahres zurückziehen müssen, das er über lange Zeit mitgeplant hatte. 245 Jahre Stadt wurden gefeiert, was Doch beim Abschied vor Stadträten, Mitarbeitern und Bürgern mit einem „herzlichen Wunsch“ verband: dass die Pläne fruchten mögen, aus Ludwigsburg mit „all seinen Kleinodien, Schlössern, Gärten und Anlagen einen Mittelpunkt des Fremdenverkehrs“ zu machen und der Stadt ein Ansehen und gewissen Glanz zu geben, „den sie früher einmal gehabt hat und der leider im Laufe des Jahrhunderts verblichen ist“.


Stadtführung (Teil 78): Schlammgrube Monrepos-See

Von Christine Bilger

Im Monrepos-See sammelt sich schon wieder allerhand brackiges Blattwerk, kaum dass sein Wasser abgelassen wurde. Nun soll den schleppenden biologischen Abbauprozessen mit einem neuen Durchlüftungssystem Dampf gemacht werden.

Wer dem Monrepos-See im Jubiläumsjahr Gutes tun will, der drehe eine Runde im Tretboot. Denn durch die Schaufelräder kommt Luft in das Gewässer, an dem der Stadtgründer Eberhard Ludwig 1714 ein Seehäusle bauen und das Carl Eugen gut 50 Jahre später neu anlegen ließ. Und Luft zum Leben brauchen auch die Mikroben, die im See organisches Material zersetzten sollen, aus dem sich sonst Faulschlamm bildet. Denn da der See einst künstlich angelegt worden war, tauscht sich das Wasser darin über den Zufluss im Südwesten nur langsam aus. Rund 123 Tage dauert es, bis das Wasser einmal durchgeflossen ist. In der Zwischenzeit sammelt sich tückischer Schlick, der den Wassertieren den Sauerstoff vorenthält. Der künstliche Monrepos-See hat einen natürlichen Vorgänger – allerdings sind von diesem auch nur Berichte über schlammige Zeiten überliefert. Ein versumpfter, von Schilf umstandener Karpfenweiher sei der Eglosheimer See gewesen, heißt es in Berichten aus dem Jahr 1591. Das schreckte Eberhard Ludwig indes nicht, der auf dem freien Feld eine Stadt erschaffen ließ und vor deren Tore seine Jagdgesellschaften am sumpfigen See zusammenbrachte. Die heutige Anlage geht auf seinen Großneffen Carl Eugen zurück, der 1760 den Beschluss für den Schlossbau am Seeufer fasste. Im Zuge der Erneuerung wurde auch der See in eine neue Form gefasst. Der Mode der Zeit folgend im Maß des Goldenen Schnitts 580 auf 340 Meter groß. Die Inseln entstanden im Jahr 1774. Aus der fürstlichen Freizeitbehausung ist ein Ausflugsziel geworden. Bis zu 80 Zentimeter dick ist die Schicht am Boden des Sees. Fischlaich vieler Arten erstickt, fällt er in den Schlamm. Auch Wasserpflanzen kommen durch die Schicht nicht durch, und lediglich Karpfen als Allesfresser finden im schlammigen Grund Nahrung. Im Jubiläumsjahr der Stadt Ludwigsburg wird dem See neues Leben eingehaucht. Denn auf die Muskelkraft der Freizeitkapitäne will man sich nicht verlassen, um unter der Wasseroberfläche für bessere Lebensbedingungen zu sorgen. Dafür sorgen nun zusätzlich ein Kompressor und ein Schlauchsystem, das am Grunde des Sees verlegt wird. Komprimierte Luft wird in das Wasser gepumpt. Die Hofkammer Württemberg als Besitzerin des Anwesens und die Stadt Ludwigsburg finanzieren das 50 000-Euro-Projekt je zur Hälfte. Und die Mitglieder des Sportfischervereins Ludwigsburg helfen dabei, ist der See doch ihr Stammsitz. Die frische Luft im Wasser lässt die Population der Nitrosomonas-Bakterien wachsen. Diese leben von Luft und Matsch. Letzteren fressen sie im Grunde am Seeboden einfach auf. Der Gewässerbiologe Peter Gelmar, dessen Büro das Projekt leitet, vergleicht die Funktion mit der Belüftungsstufe einer Kläranlage: Da wird Faulschlamm in mineralische Stoffe umgewandelt. Das funktioniert, sobald das Wasser eine Temperatur von 13,6 Grad hat, wie ein Laborversuch ergab. Zurzeit ist das Nass noch acht Grad frisch. Um die Belüftungsanlage zu installieren, konnte der Biologe dieser Tage auf die Hilfe des Sportfischervereins Ludwigsburg zählen. Denn der Kompressor steht auf der Halbinsel im hinteren Teil des Sees, da das Belüftungssystem in der Nähe des Zuflusses angebracht wird. Dorthin musste durch den vom Eise befreiten See ein Starkstromkabel verlegt werden. Und da die Leitung nicht nur lang, sondern auch schwer ist, konnte man es nicht ohne weiteres durchs Wasser ziehen. Also wurde es auf blauen Schwimmern über die Wasseroberfläche verlegt und dann versenkt. Dass der Sauerstoff hilft, ist erwiesen. Zum einen hat Peter Gelmar im Gerlinger Krummbachtal ein ähnliches Projekt betreut. Ein weiterer Beweis ist laut dem Vorsitzenden des Sportfischerve­reins, Hans-Rainer Würfel, in der Tat die vitalisierende Kraft des ausgelebten Bewegungsdrangs der Tretbootfahrer. Man könne unter Wasser genau erkennen, wohin sie auf dem 6,8 Hektar großen Gewässer gefahren sind. Dort erkenne man, dass durch mehr Sauerstoff die Mikroben einen gesunden Appetit entwickelten. Übrigens: auch Carl Eugen frönte dem Freizeitvergnügen auf dem Ludwigsburger Wasser. 1774, nach einer Italienreise, stach der Adlige mit eigens importierten venezianischen Gondeln in den Monrepos-See.


Stadtführung (Teil 77): Die Lateinschule als Kaderschmiede

Von Carolin Brandl

In der Ludwigsburger Lateinschule wurden einst die ehrgeizigen Söhne reicher Bürger auf ihre theologische Karriere vorbereitet. Von 1720 bis 1827 besuchten die Sprösslinge wichtiger Bürger die Bildungsanstalt – mit mehr oder minder großem Erfolg.

Die einstige Lateinschule in Ludwigsburg kann nicht die schlechteste ihrer Art gewesen sein. Es gab zwar lange Zeit kein eigenes Schulgebäude, keinen einheitlichen Lehrplan und auch die Qualität der Schulmeister war eher fragwürdig. Für manche Schüler ist das aber offenbar kein großes Hindernis gewesen, hat die Schule doch einen der größten deutschen Dichter hervorgebracht. Friedrich Schiller hat die Lateinschule in Ludwigsburg von 1767 an sechs Jahre lang besucht, bis er im Jahr 1773 gegen seinen Willen auf die Karlsschule nach Stuttgart wechselte. Auch das berühmte Ludwigsburger Literatenquartett hat sich in der Lateinschule kennen gelernt. Der Dichter Eduard Mörike, der Theologe David Friedrich Strauß, der Ästhetikdozent und Literaturwissen­schaftler Friedrich Theodor Vischer und der Schriftsteller Justinus Kerner haben hier gemeinsam die Schulbank gedrückt. Auch wer im 18. Jahrhundert den Beruf eines protestantischen Pfarrers ergreifen wollte, musste die anspruchsvolle Ausbildung über sich ergehen lassen, die in den Lateinschulen begann. Die ambitionierten Knaben sollten auf das Bestehen des Landexamens vorbereitet werden, welches wiederum die Voraussetzung für die Zulassung zum Predigerseminar war. Doch nicht jeder der jungen Eleven ging diesen Weg. Viele zogen eine Universitätslau­fbahn der geistlichen Karriere vor und begannen nach ihrem Abschluss an der Lateinschule ein Studium. Der württembergische Herzog Eberhard Ludwig genehmigte 1720 die Einrichtung der ersten Ludwigsburger Lateinschule in der Oberen Marktstraße 1 auf Bitten der Stadt hin, die „wegen schon ziemlichermaßen sich vermehrter Jugend eine lateinische Schul“ für notwendig hielt. Als erster Lehrer wurde der 23-jährige Christian Schoder, ein Benediktinermönch aus Wien, eingestellt. Er erhielt vom Kirchenrat für seine Arbeit jährlich 120 Gulden Geld, 1 Scheffel Roggen, 24 Scheffel Dinkel, 2 Scheffel Hafer, 3 Eimer Wein und 4 Klafter Holz. Zu dieser umfangreichen Besoldung kam noch das Schulgeld dazu, welches mit 120 Kreuzern pro Schüler in der Residenzstadt mehr als doppelt so hoch war wie in anderen Lateinschulen des Landes. Aus diesem Grund zählten zu den Ludwigsburger Lateinschülern nur Söhne aus gutbetuchten oder adligen Familien. Lateinkenntnisse galten zudem als Ausweis für eine höhere Bildung und verschafften, da Latein lange Zeit Amtssprache war, Zugang zu Berufen des Großbürgertums. Neben Latein wurden die Schüler – je nach Kompetenzen des jeweiligen Pädagogen – auch in Altgriechisch, Hebräisch, Geschichte, Musik und Mathematik unterrichtet. Dabei griffen die Schulmeister bei mangelhaften Leistungen oder Regelverstößen zu Gewalt. Wer nicht spurte, bekam Prügel oder wurde sogar zeitweilig eingekerkert. Schiller selbst soll in der Ludwigsburger Lateinschule arg geschunden worden sein. Sein Schulfreund Friedrich Wilhelm von Hoven beschreibt den Magister Philipp Christian Honold als einen „grausamen Knabenschinder“. Auch Eduard Mörike dürfte öfter Bekanntschaft mit dem Rohrstock seines Lehrmeisters gemacht haben. Der spätere Poet soll ein ausnehmend fauler Schüler gewesen sein, der lieber spazieren ging, als lateinische Deklinationen zu pauken. Er brachte nur mittelmäßige Noten nach Hause und fiel durch die Prüfung zum Landexamen. Zu seiner Zulassung zum theologischen Seminar in Urach kam er 1818 nur durch die Beziehungen seines Onkels Eberhard Friedrich von Georgii, einem angesehenen Juristen aus Stuttgart.


Stadtführung (Teil 76): Vom Matsch zur Straße

Von Markus Klohr

Wenn der geplagte Pendler heutzutage in seinem Auto wieder mal in einem Stau steht, irgendwo mitten in Ludwigsburg, dann kann ein imaginärer Blick in die Vergangenheit ihm durchaus Trost spenden. Denn Verkehr gab es zwar in Ludwigsburg früher beileibe deutlich weniger. Aber dafür waren die Straßen in den Anfangsjahren der Stadtgeschichte lange Zeit de facto unbrauchbar. Besser gesagt: die Vorläufer der heutigen Straßen waren Matsch und Dreck, Chaos pur also. Für die Architekten der jungen Stadt war der Straßenbau ein massives Problem. Denn die Hausbesitzer wollten sich an den Kosten für die Pflasterung partout nicht beteiligen. Hinzu kam in den 1720er Jahren ein chronischer Mangel an Steinen, einerseits, weil die herzoglichen Prunkbauten nebst Höfen vieles verschlangen, andererseits, weil die Spediteure des 18. Jahrhunderts – die Flößer – wegen ausstehenden Löhnen nicht mehr lieferten. Am schlimmsten aber war das Abwasser, das aus den Häusern unkontrolliert auf die unbefestigten Wege lief. Selbst dem Herzog Eberhard Ludwig soll es nicht viel besser ergangen sein als eingangs erwähntem Pendler. Zwar blieb die hochherrschaftliche Kutsche nicht im Berufsverkehr stecken, dafür aber im damals beinahe sprichwörtlichen Ludwigsburger Matsch. Und ein vom Stadtchronisten Albert Sting zitierter Augenzeuge berichtet: „Majus 1729 ist zu Ludwigsburg wegen des vielen und unaufhörlichen Regens nimmer fortzukommen gewesen.“ Also, liebe Pendler: Kopf hoch! Lieber eine verstopfte Straße als gar keine, oder?


Stadtführung (Teil 75): Keimzelle des katholischen Lebens

Von Martin Willy

LUDWIGSBURG. Katholiken und Protestanten sind sich nicht immer grün gewesen. In Ludwigsburg traf es die Katholiken. Sie waren in der Minderheit und wurden gegängelt. Eine nennenswerte Größe wurden sie erst nach 1945 ? durch den Zustrom der Heimatvertrie­benen.

Von solchen Dimensionen kann die katholische Dreieinigkeit­skirche nur träumen: mit den Ludwigsburger Besuchern des Ostergottesdienstes im Jahre 1947 hätten sich locker eine Handvoll Gotteshäuser füllen lassen. Bis zum Marktbrunnen haben die Gläubigen an jenem Sonntag gestanden, berichten die Chronisten. Derartige Rekordmeldungen waren damals an der Tagesordnung. So wurden am 23. Mai 1948 rund 1000 Mädchen und Jungen gefirmt – allein in der Dreieinigkeit­skirche. Allerdings muss man als staunender Betrachter die Kirche im Dorf lassen – war doch die Ludwigsburger Dreieinigkeit­skirche im gesamten Landkreis Ludwigsburg nur eine von drei katholischen Gotteshäusern weit und breit, neben der in Kornwestheim und Bietigheim. Lebten zu Beginn des Zweiten Weltkriegs nur etwa 16 900 Katholiken in Stadt und Kreis (12,5 Prozent), verdreifachte sich deren Zahl auf rund 52 000 im Jahr 1950. Erst mit der Aufnahme Zigtausender Heimatvertriebener entwickelte sich die Zahl der katholischen Gläubigen zu einer nennenswerten Größe. Und das ging in den vier Jahren bis 1949 so rasant, dass am 1. April das neue Dekanat Ludwigsburg aus der Taufe gehoben wurde. Die Dreieinigkeit­skirche in Ludwigsburg kann daher mit Fug und Recht als Keimzelle des katholischen Lebens zwischen Bönnigheim und Gerlingen, Vaihingen und Affalterbach bezeichnet werden. In den Jahren und Jahrzehnten davor glichen die Katholiken eher einem kümmerlichen Häuflein versprengter Schafe, die nicht mal einen eigenen Hirten hatten und denen mitunter die Religionsausübung von ihren evangelischen Glaubensbrüdern mächtig erschwert wurde. Allerdings waren die katholischen „Ludwigsburger“ sehr einflussreich, handelte es sich doch vor allem um italienische Architekten und Handwerker um Donato Giuseppe Frisoni, den Hofbaumeister Herzog Eberhard Ludwigs. Im Jahr 1724 zählte die Gemeinde immerhin 576 Mitglieder. Die damals weit verbreitete Abneigung gegen Katholiken kam auch in zahlreichen herzöglichen Verordnungen zum Ausdruck. Die öffentliche Religionsausübung wurde ihnen untersagt; Taufen, Eheschließungen und Beerdigungen sollten durch ortsansässige evangelische Geistliche erledigt werden. An einen eigenen öffentlichen Gottesdienstort, geschweige denn an eine Kirche, war überhaupt nicht zu denken. So wurde im Garten des Baumeisters Frisoni, südlich der Schorndorfer Straße, ein Haus erstellt, das für den Gottesdienst genutzt wurde – Glocken durften die Katholiken allerdings nicht läuten. Frisonis Gartenhaus diente so bis 1771 als Kirche. Allerdings wurde nach dem Regierungsantritt Herzog Carl Alexanders 1733 gleichzeitig die Schlosskirche für katholische Hofgottesdienste genutzt. Die Toleranz der württembergischen Landesherrn den Katholiken gegenüber war ganz unterschiedlich: je nach Ausrichtung des jeweiligen Herrschers war sie mal größer, mal kleiner. So wurde den 188 Ludwigsburger Katholiken (bei 5833 Einwohnern) im Jahr 1798 privater Kult mit einem eigenen Geistliche zugestanden; allerdings mussten sie die Schlosskirche verlassen und in Räume der Kanzleikaserne umziehen, die nicht als Gebetshaus erkennbar sein durfte. Nachdem Kurfürst Friedrich 1804 die dürftige Bleibe gesehen hatte, ordnete der Landesherr an, dass die damalige evangelische Garnisonskirche am Marktplatz (die heutige Dreieinigkeit­skirche) von Protestanten und Katholiken gleichermaßen benutzt werden dürfe. Der erste katholische Gottesdienst dort fand am 29. Juni 1806 statt. Ganz in den Besitz der katholischen Christen gelangte die Dreieinigkeit­skirche erst im Dezember 1906, nachdem die Friedenskirche als neue evangelische Garnisonskirche fertiggestellt war. Die katholische Gemeinde wuchs langsam, aber sicher – im Jahr 1829 wurden 650 Männer und Frauen gezählt, davon 490 Militäran­gehörige; im Jahr 1844 hatten sich diese Zahlen in etwa verdoppelt: 1233 Katholiken, davon 943 Militäran­gehörige, bei 5324 Einwohnern. Ein geradezu explosionsartiges Wachstum bescherte der Dreieinigkeit­skirche das Jahr 1945. „Heimatvertriebene überfluten die Gemeinde“, schreibt der 2007 verstorbene Ludwigsburger Dekan Paul Kopf in seinen historischen Arbeiten. Die Zahlen sprechen für sich: 1903 lebten 2756 Katholiken in Ludwigsburg (355 in den 24 dazugehörenden Umlandgemeinden); im Jahr 1939 ist für Ludwigsburg die Zahl 6963 belegt, im Jahr 1946 stieg die Zahl auf 13 345, vier Jahre später waren es 17 496, kurz darauf 20 000. Ludwigsburg hatte damals 58 000 Einwohner. Inzwischen leben rund 86 000 Menschen in der Stadt, rund 20 000 gehören der katholischen Kirche an; kreisweit sind es etwa 120 000 Gläubige von rund 500 000 Bürgern. Das Wachstum hatte auch Folgen für die Kirchenstruktur. Nicht nur, dass vor 60 Jahren ein eigenes Dekanat errichtet wurde, Ludwigsburg entwickelte sich seit den 70er Jahren zum größten Sprengel in der Diözese Rottenburg-Stuttgart (bis zur Reform 2006). In den insgesamt 34 Pfarreien im Kreis wurden von 1950 bis 1990 insgesamt 61 Kirchen und Gemeindezentren errichtet.


Stadtführung (Teil 74): Gedenkstein für die zerstörte Synagoge

Von Christine Bilger

„Hier stand die im Jahre 1884 erbaute Synagoge. Ihre willkürliche Zerstörung am 10. November 1938 mahne unser Gewissen an die Wahrung von Menschlichkeit und Recht.“ Einen Stein mit dieser Inschrift hat der Ludwigsburger Oberbürgermeister Robert Frank am 15. November 1959, am Volkstrauertag, auf dem Synagogenplatz in der Solitudestraße enthüllt. Die Inschrift ist kurz und sie steht für die unheilvolle Geschichte der Synagogenbrände und Judenverfolgung in der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November im Jahr 1938. Die Diskussion um ihren Wortlaut im Gemeinderat und in der Bevölkerung, die dem Aufstellen des Gedenksteins vorausgegangen war, war lang und zäh. Dabei hatte alles mit einem einstimmigen Beschluss zu Beginn des Jahres 1958 angefangen. Der Antrag dazu kam am 23. Januar aus den Reihen der SPD im Gemeinderat. Die Sozialdemokraten regten an, einen Gedenkstein auf dem Synagogenplatz aufzustellen, und alle Stadträte stimmten dem zu. „Auf diesem Platz stand von 1884 bis 1938 die Synagoge. Sie wurde am 10. November 1938 zerstört“, so lautete der erste Entwurf für den Stein, der die Diskussion anstieß. Proteste von Bürgern wurden laut. Sie kritisierten, dass nicht klar werde, dass die Synagoge in der Pogromnacht von den Nationalsozialisten mutwillig und gewaltsam zerstört worden war. Manche witterten gar ein bewusstes Verschweigen der Täter. Der Oberbürgermeister antwortete darauf, man habe sich bewusst für einen knappen Text entschieden, der „nicht Anklage, sondern Mahnung“ sein sollte. Zudem sei „der Begriff des Gewaltsamen in dem Wort ?zerstört? bereits beinhaltet“, so Robert Frank. Das hatten die anderen Fraktionen dem Vorschlag der SPD entgegengesetzt. Die Sozialdemokraten wollten die gewaltsame Zerstörung durch die Machthaber des Dritten Reiches stärker zum Ausdruck zu bringen. Bei zwei Mitgliederver­sammlungen der Ludwigsburger SPD, im Februar und im Juni, zeigte sich, dass die Mehrheit der Sozialdemokraten unzufrieden war mit dem Ergebnis. Die Diskussion hätte öffentlich stattfinden sollen, hieß es. Im Juni stellte die SPD darum wieder einen Antrag. Nun sollte die Inschrift lauten: "Hier stand von 1884 bis 1938 die Synagoge. Sie wurde während der nationalsozia­listischen Gewaltherrschaft am 10. November 1938 willkürlich zerstört. Bereits im April hatte sich eine weitere Instanz eingeschaltet, die Israelitische Kultusvereinigung Württemberg und Hohenzollern. Auch sie setzte sich dafür ein, den Gewaltakt der Nazis stärker zu betonen. Zum zweiten Mal meldete sich die Kultusgemeinschaft im Juni zu Wort mit der entschiedenen Aussage, man solle in Ludwigsburg doch lieber auf eine Gedenktafel verzichten, als die mit dem vorgeschlagenen Text anzubringen. Letztlich einigten sich die Lokalpolitiker, auch wegen der Wortmeldung der Israelitischen Kultusvereinigung, auf den Text, der sowohl die willkürliche Zerstörung als auch die Mahnung, die Menschenrechte zu wahren, aufnahm. Der Beschluss versöhnte die Mahner aus den Reihen der Kultusvereinigung. Der Landesrabbiner Bloch kam zu der Enthüllung des Gedenksteins. Er steht auf dem Platz in der Solitudestraße, den einst die Synagoge füllte. Die Grundrisse des Gotteshauses sind auf dem Synagogenplatz dargestellt – zum Gedenken und zur Mahnung.


Stadtführung (Teil 73): Die Väter berühmter Autoren und Denker

Von Miriam Hesse

Wie alte Hobbygärtner auf ihrem Stückle über die Hecken hinweg übers Unkrautjäten und den Birnbaum in Nachbars Garten fachsimpeln, hätten sich die Väter bekannter Autoren einst in Ludwigsburg über die große Kunst des Pflanzens unterhalten können. Schließlich besaß dem Historiker Albert Sting zufolge Ende des 18. Jahrhunderts schon jede Familie, die etwas auf sich hielt, einen Garten. So war der Papa des Mediziners und Poeten Justinus Kerner stolzer Besitzer eines großen Gartens vor den Toren der Stadt Ludwigsburg und einer kleinen Grünfläche hinter dem Haus am Marktplatz, der früheren Oberamtei. Noch kundiger in Sachen Obstanbau war der Vater von Friedrich Schiller, der einst in Ludwigsburg hinter dem angemieteten Cotta?schen Haus eine Baumschule anlegte. Dass Johann Kaspar sich nicht nur mit dem Weinbau auskannte, sondern auch ein versierter Apfelkundler war, ist mindestens genauso bekannt wie die Marotte seines Sohnes, den unter anderem der Geruch in der Schreibtischschu­blade verwesender Apfelbutzens inspirierte. Des Dichters Erzeuger wiederum machte mit seinen landwirtschaf­tlichen Erzeugungen Karriere. Vom Leutnants- über den Hauptmannsposten wurde er 1775 Hofgärtner des Herzogs Carl Eugen. Als Pionier der modernen württembergischen Landwirtschaft konnte er seine Obstbaumzucht auf der Solitude ausbauen. Aus Ludwigsburg brachte er der Überlieferung nach immerhin 4000 spitzenve­redelte Bäumchen mit. Ersprießlich ging?s offenbar auch im Hause der Familie Strauß zu. Johann Friedrich, der Vater des Theologen David Friedrich Strauß, machte sich mit seiner Liebhaberei für die Bienenzucht und die Imkerei einen Namen. Waren doch die Lindenalleen der Barockstadt naturgemäß ein idealer Standort für die fleißigen Insekten. „Besseres Obst und besseren Honig als in Ludwigsburg findet man nirgends“, raunten sich die Bürger deshalb früher angeblich zu. Der junge David Friedrich Strauß soll sich in einem genau 160 Jahre alten Gedicht außerdem einen Reim auf die züchtige Leidenschaft seines Alten Friedrich gemacht haben. „Im Sommer, wenn die Linden blühn, wie da die Bienchen sich bemühn und saugen so geschwinde“, dichtete der sonst so unsentimentale Denker, und weiter: ?Mein Vater liebte Bienen sehr. Drum ist mir noch vom Vater her, ein heilger Baum die Linde."


Stadtführung (Teil 72): Die Wiege Ludwigsburgs

Von Holger Gayer

Es ist nicht sicher, ob Dirk Schaible wirklich weiß, was er tat, als er sich vor einem Jahr entschloss, Ludwigsburg zu verlassen, um in Freiberg Bürgermeister zu werden. Nicht nur, dass die Sitzungen des Freiberger Gemeinderats legendär sind und keineswegs gewiss ist, dass die dortigen Damen und Herren immer nur um der Sache willen streiten. Ein Blick in die Geschichte offenbart auch, dass Schaible nun an der wahren Wiege Ludwigsburgs angekommen zu sein scheint: dem Dorf Geisingen, das seit der Fusion mit Heutingsheim und Beihingen im Jahre 1972 zumindest offiziell seine Eigenständigkeit aufgegeben hat. Es heißt freilich, dass ein Geisinger immer ein Geisinger bleibt und nie ein Freiberger wird. Aber ein Ludwigsburger vielleicht. Vermutlich im sechsten oder siebten Jahrhundert, also vor anderthalbtausend Jahren, so heißt es, seien einige verwegene Männer von Geisingen aus losgezogen, um fünf Kilometer südlich auf einem sumpfigen, unwirtlichen Gelände, das zum Weideland des Dorfes gehörte, eine neue Siedlung zu errichten. Sie nannten den Ort Geisnang, wobei die Endsilbe „nang“ für feuchte Wiese oder Wiesenabhang steht ? eine Bezeichnung, die durchaus zutreffend gewesen sein mochte für diese einst so unwirtliche Gegend. „Anfangs“, so schreibt der Stadthistoriker Albert Sting, „betrieben alle Mitglieder dieser neuen Siedlung den Landbau gemeinsam. Jeder freie Bauer hatte das Nutzungsrecht am Boden.“ Doch diese aus heutiger Sicht fast schon sozialistische Wirtschaftsform dürfte sich nicht lange erhalten haben. Später ging der Boden in Einzelbesitz über. Bebaut wurde das Land nach dem Prinzip der Dreifelderwir­tschaft: Abwechselnd wurden auf dem ersten Acker Sommersaat, auf dem zweiten Wintersaat ausgebracht, der dritte Acker lag brach, damit der Boden sich erholen und neue Nährstoffe bilden konnte. Albert Sting berichtet, dass es darüber hinaus noch Wald und sogenannte Allmende gegeben habe; Allmende sind Flächen, die von allen Bauern gemeinsam genutzt wurden, vor allem als Weideland. Trotzdem dauerte es fast fünf Jahrhunderte, bis Geisnang zum ersten Mal offiziell erwähnt wurde. Etwa aus dem Jahr 1100 stammt eine Urkunde, aus der hervorgeht, dass ein Man namens Bernhoch seinen Besitz in Benningen und in „Gisenach“ an das Kloster Hirsau übergeben hat. „Damit“, so folgert Sting, „beginnen für Ludwigsburg die schriftlichen Zeugnisse seiner Geschichte.“


Stadtführung (Teil 71): Wie Robert Schlienz in Ludwigsburg ein Tor gegen Sepp Herbergers Nationalmannschaft schoss

Von Holger Gayer

Wenn man Hans Blickensdörfer heute noch fragen könnte, wer der größte Fußballer ist, den die Schwaben je hervorgebracht haben, dann würde er ohne Zweifel dieselbe Antwort geben wie weiland zu seinen Lebzeiten: Robert Schlienz. In einer Laudatio zum 65. Geburtstag des einstigen Stürmers würdigte der legendäre Reporter des grünen Sportberichts und der Stuttgarter Zeitung den gebürtigen Zuffenhausener als „die allerhöchste Stufe von dem, was die Engländer Goalgetter oder Matchwinner und die Franzosen Gagneur nennen; und die Deutschen Siegertyp“. Was ein Schlienz heute wert wäre, fragte der „bli“ seine Leser damals, 1989, als ein anderer großer Schwabe gerade gen Mailand aufgebrochen war, um ein Weltstar zu werden. „Das“, so antwortete Blickensdörfer, „steht in den Sternen.“ Sicher sei nur, dass Schlienz „eine Nummer größer als Klinsmann wäre“. Wer Hans Blickensdörfer kannte, weiß diese Art des Superlativs (ein-) zu schätzen. In Ludwigsburg freilich hinterließ der Stürmer Robert Schlienz bereits im Jahre 1942 seine Visitenkarte. Sie bestand – natürlich – aus einem Tor. Doch war es nicht irgendeins, das der gerade 18 Jahre alt gewordene Spund gegen Landkundschaft vom Drumherum erzielt hätte; es war eins gegen die damals real existierende großdeutsche Fußballnational­mannschaft. „Vor allem zeigte es sich, dass sowohl der Torwart als auch die Läuferreihe dem ungestümen Temperament eines Walter nicht standhalten konnte. Das haben die Ludwigsburger noch nicht gesehen, was der Sturm der Nationalen vorführte“, notierte der Chronist der „Ludwigsburger Zeitung“ am 27. April 1942 über ein Trainingsspiel im Ludwigsburger Stadion zwischen der Nationalelf und einer Auswahl des Bezirkes Enz-Murr, das die Einheimischen mit 2:16 verloren. Gezählt wurden neben den 18 Toren stolze 6000 Zuschauer – und ein Robert Schlienz, der sich damals nicht träumen ließ, dass er dereinst selbst das weiße Trikot mit dem Adler tragen sollte. Dabei hatte er, als die Süddeutsche Oberliga im Herbst 1945 startete, in 30 Spielen 46 Tore geschossen – ein Rekord, der vermutlich nie gefährdet sein wird. „Aber“, so schrieb Hans Blickensdörfer, „nicht einmal drei Jahre sind ihm gegeben gewesen, es für alle Zeiten festzunageln. Am 14. August 1948 kam der schwarze Tag des Robert Schlienz. Weil er zu spät zum Treffpunkt der Mannschaft gekommen war, lieh ihm ein Freund sein Auto zur Fahrt nach Aalen, wo der VfB ein Pokalspiel zu bestreiten hatte. Alte und klapprige Vorkriegsware war?s, und in einem riesigen Schlagloch passierte es. Der Wagen kippte um, und der Ellbogen, den Schlienz wegen der großen Hitze aus dem Fenster gehängt hatte, wurde zermalmt. Zwei Stunden später war der Arm amputiert“. Der Einarmige kehrte zurück  – im Oktober desselben Jahres im Spiel gegen 1860 München. Danach gewann Robert Schlienz als Kapitän des VfB Stuttgart zwei deutsche Meisterschaften und wurde zweimal Pokalsieger. Sepp Herberger berief ihn dreimal in die Nationalmannschaft und Hans Blickensdörfer rief ihm 1995, zweieinhalb Jahre vor seinem eigenen Tod, nach: „Wir werden nie mehr einen Robert Schlienz erleben. Aber wir können alle lernen von ihm.“


Stadtführung (Teil 70): Der Streit der Porzellanmanufakturen

Von Christine Bilger

Wer hat die älteren Rechte auf Ludwigsburger Tassen im Schrank, die Ludwigsburger oder gar die Schorndorfer? Diese Frage klingt widersinnig, ist doch die 1758 gegründete Porzellanmanufaktur einer der ältesten Traditionsbetriebe in der Barockstadt, und die Konkurrenz in Schorndorf erstens später entstanden und zweitens heutzutage nur Insidern ein Begriff. Doch in ihrer wechselvollen Geschichte mit mehreren Schließungen und Neugründungen musste sich die Ludwigsburger Manufaktur im vergangenen Jahrhundert mit der Konkurrenz aus Schorndorf um den eigenen Namen vor Gericht streiten. Die Episode spielte sich nach der ersten Schließungsphase ab, die von 1824 bis 1919 dauerte. Geschlossen hatte König Wilhelm I. den Betrieb aus wirtschaftlichen Gründen. Dafür war auch der Umzug des Herzogs Carl Eugen ausschlaggebend. Er verlegte 1775 seine Residenz von Ludwigsburg nach Stuttgart. Mit ihm zog nicht nur das Militär aus der Stadt, auch die meisten Gewerbe wechselten den Standort. Die Manufaktur blieb, bis sie 1824 aufgeben musste. Von 1919 an firmierte sie dann wieder unter dem Namen „Porzellanmanu­faktur Alt-Ludwigsburg“. Inzwischen war in Schorndorf die neue Konkurrenz gegründet worden, die unter dem alten Namen der Ludwigsburger lief. Dort hatte die Württembergische Porzellanmanufaktur (WPM) C. M. Bauer und Pfeiffer, die aus Stuttgart stammte, ihren Betrieb im Jahr 1902 aufgenommen. Pech für die Ludwigsburger war, dass sich die Schorndorfer die Marken der alten herzoglichen Ludwigsburger-Porzellan-Manufaktur im Jahr 1918 gesichert und nebst den alten Mustern mit dem Warenzeichen „WPM“ beim kaiserlichen Patentamt angemeldet hatten. Die WPM Schorndorf gewann im September 1919 einen Prozess gegen die Ludwigsburger Manufaktur, die fortan das Schlagwort „Alt-Ludwigsburg“ nicht mehr führen durfte. Also mussten sich die Ludwigsburger umbenennen, in Ludwigsburger Porzellanmanufaktur AG. Nach sieben Jahren war am 1. August 1927 auch dieses Kapitel vorbei: erloschen durch Liquidation. 1931 wurde die WPM Schorndorf geschlossen. Die Geschichte der Ludwigsburger Porzellanmanufaktur kam damit nur vorübergehend zu einem Ende. 1948 wurde sie wieder neu und fortan unter der Beteiligung verschiedener Gesellschafter geführt. Wirtschaftliche Schwierigkeiten und die Insolvenz der Hauptgesellschaf­terin Egana Goldpfeil führten jedoch dazu, dass sie im vergangenen Jahr Insolvenz anmelden musste. Im Jubiläumsjahr der Stadt ist sie neu aufgestellt. Ein russischer Investor ist im Januar eingestiegen, das Unternehmen hat wieder eine neue Chance und einen neuen Namen bekommen: Schlossmanufaktur Ludwigsburg GmbH.


Stadtführung (Teil 69): Marstall - der Schuppen für die Pferde des Fürsten

Von Lukas Jenkner

Ein echtes Problem: der Herzog ist vernarrt in die Jagd, doch Platz für die zahlreichen Jagdpferde, den gibt es nicht im Schloss Ludwigsburg. Eilig muss Abhilfe geschaffen werden, so dass schon bald nach der Gründung des Schlosses aus Balken und Brettern ein provisorischer Stall zusammengezimmert wird ? der erste Marstall Ludwigsburgs. Lange gehalten hat der fürstliche Holzschuppen nicht: Bereits 1713 bekam der Baumeister Johann Friedrich Nette den Auftrag, für 50000 Taler einen steinernen Bau zu errichten. Dieser ist 1727 nochmals erweitert worden und war dann fast 95 Meter lang. Hinzu kamen ein Reithaus und ein Kutschenhaus. Diese Anlage bestand dann eine Weile, wurde immer mal wieder umgebaut und erweitert, zum Teil abgebrochen, im Jahr 1842 von der Schlossverwaltung dem Militär übergeben, die dort Feldartillerie, zwei Eskadronen, also kleine Kavallerieein­heiten, und eine Kompanie des Trainbataillons, das der Heeresversorgung diente, unterbrachte. 1965 ist dann mit der Herrlichkeit des Marstalls Schluss gewesen. Die Abrissbagger rückten an, nach und nach wurde das Gelände eingeebnet. 1970 begannen die Bauarbeiten, deren Folgen bis heute zu besichtigen sind. Das Marstall-Center entstand, für das der Nestor der Ludwigsburger Stadtgeschichte, Albert Sting, in seiner Chronik eine diplomatische Formulierung fand: Der Bau entfache „mit seiner Ambivalenz zwischen Nützlichkeit und Erscheinungsbild bis heute kontroverse Diskussionen“. An den alten Marstall erinnert heute nur noch ein altes Giebelfragment, das anlässlich des Schlossjubiläums 2004 wieder aufgestellt worden ist.


Stadtführung (Teil 68): Märzklopfen in der Stadt

Von Carola Stadtmüller

LUDWIGSBURG. Wenn der Frühling sich tatsächlich locken lassen würde, dann müsste er nach diesem Wochenende endgültig da sein. In Ludwigsburg jedenfalls reihten sich am vergangenen Wochenende die Attraktionen nur so aneinander.

Schon am Freitagabend ist das facettenreiche Frühlingswochenende eingeläutet worden: Das Bürgertheater präsentierte die Premiere von Haydns Oratorium „Die Schöpfung“. Die kleine zehnminütige Verzögerung am Anfang wurde dem Ensemble noch vor der Pause verziehen. Vor allem die Perkussions-Truppe von Klaus Sebastian Dreher und das Bühnenbild beeindruckte das Publikum im ausverkauften Forum. „Einfach gigantisch“, sagte die gebürtige Ludwigsburgerin Hanne Pfetsch, die wie viele Zuschauer des Premierenabends Freunde und Bekannte auf der Bühne gesehen hat. Der Ludwigsburger Landrat Rainer Haas fand treffliche Worte für seine ganz persönliche Begeisterung: „Von Ludwigsburgern für Ludwigsburger, einfach großartig.“ Dem Geschäftsführer der Landesstiftung Baden-Württemberg, die Stiftung ist einer der Hauptsponsoren der Produktion, Herbert Moser, gefiel vor allem die szenische Umsetzung: „Die Musik eines Oratoriums in eine solche Inszenierung zu packen, ist eine außergewöhnliche Leistung.“ Holde Hammelsbacher, eine gebürtige Ludwigsburgerin, die inzwischen in Korntal lebt, freute vor allem die „einzigartige Bürgerinitiative“, die so ein Projekt zu einem großen Fest für alle Bürger mache.

Aus zwei Gründen ist auch der Chef des Blühenden Barocks mit dem Saisonbeginn äußerst zufrieden gewesen: Es schneite nicht, und das kommt zum Saisonstart nicht allzu häufig vor. Außerdem zaubert ein erster Tag mit rund 3000 Gästen Volker Kugel ein breites Lächeln ins Gesicht. Selbst am späteren Nachmittag spazierten die Besucher noch durch den Eingang und lustwandelten zwischen den ersten Frühlingsblühern. Eine besondere Attraktion war die Orangerie, wo zurzeit zig verschiedene Zitrusfrüchte ausgestellt sind. Volker Kugel hatte das Südwestfernsehen zu Gast und erklärte Moderator Gerd Motzkus und vielen gespannten Zuhören, dass die Zitronen nicht immer so sauer gewesen sind wie heute. „Sie waren zwar noch nie süß, aber sie waren früher anders“, sagt Kugel und zerschneidet zum Beweis eine Riesenzitrone, die von außen einem Footballei gleicht und innen einer Grapefruit – und so riecht sie auch. Zitrusfrüchte seien eine sehr dankbare Frucht. Denn – und das sieht man in der Orangerie – sie tragen gleichzeitig Knospen und Früchte.

Eigentlich haben ja die Frauen in der Steinzeit Früchte und Samen gesammelt, während die Männer eher auf der Jagd fürs Grobe, also das Fleisch, zuständig gewesen sind. Ralf Eichinger aus Stuttgart sieht das ein bisschen anders und erklärt damit die Faszination des männlichen Geschlechts für alte Platten, CDs und Filme: „Männer sind Jäger und Sammler“, glaubt er. Bei der Platten- und CD-Börse des Erlanger Veranstalters Günther Zingerle im Foyer des Ludwigsburger Forums tummelten sich nämlich vor allem Männer. Sie suchten spezielle Platten-Cover, bestimmte Pressungen oder stöberten einfach nur in einem der zahlreichen Kartons. Eichinger selbst sammelt seit der Kindheit – so einiges, wie seine Mutter Monika lachend sagte. Sie kommt nämlich immer mit, wenn ihr Sohn auf eine Plattenbörse reist. In ein Auto passen nämlich die auf Vinyl und Polycarbonat gepressten Sammelleidenschaf­ten schon lange nicht mehr. Auch nicht in ein Haus oder einen Keller. „Bei meinen Eltern und sogar bei der Oma wurde ausgelagert“, sagte Ralf Eichinger. Zur Plattenbörse kam übrigens auch noch seine Tochter mit. Alicia ging mit der Oma einkaufen, während der Papa seinem Hobby fröhnte. „Sie sammelt schon auch, aber vielmehr Schuhe und T-Shirts“, meint Papa Ralf.

Gesammelt haben aber noch viele andere Ludwigsburger, nämlich während der sechsten Stadtputzete, die von den Technischen Diensten (TDL) der Stadt organisiert worden ist. 1100 Teilnehmer, darunter rund 700 Jugendliche, haben acht bis zehn Tonnen Papier, Folien, Tüten und Flaschen aus sämtliche Ecken der Stadt gefischt. „Sogar ein Tresor war dabei. Aber Geld war keines mehr drin“, wusste der Ludwigsburger Baubürgermeister Hans Schmied. Er freute sich besonders darüber, dass so viele Jugendliche und auch viele türkische Ludwigsburger mitgemacht haben. „Da wird federführend Verantwortung für ein Viertel übernommen, und das ist einfach klasse“, meint Schmied. Jeder der zwölf Sammelbezirke wurde von einem „Hauptkümmerer“ betreut, der in eben diesem Gebiet lebt. Und so lernt man auch die Mitarbeiter der Technischen Dienste kennen. „Dieser Austausch ist für uns ganz wichtig“, sagte der Leiter der TDL, Stefan Lob. Seine Truppe freue sich über jeden Anruf aus der Bevölkerung, in dem etwa Müllecken oder sonstiger Unrat gemeldet werden. „Das ist für uns keine Beschwerde, sondern Information“, erklärte er. Die Telefonnummer lautet übrigens 07141/9102311. Die Sammler profitieren auch persönlich von ihrem Einsatz: Beim Tag offenen Tür bei den Technischen Betrieben am kommendem Sonntag, 29. März, von 11 bis 16 Uhr in der Gänsfußallee gibt es Preise für die aktivsten Gruppen und Einzelpersonen.

Wer weder Lust auf gebrauchte Platten, noch auf saure Früchtchen hatte, der wurde vielleicht auf dem Flohmarkt fündig oder ergatterte ein neues Outfit in einem der offenen Läden am gestrigen Sonntag. Spaß hatte man in der gesamten Stadt: Beim Bummeln, Malen auf dem Schillerplatz oder im Bimmelbähnle. Märzklopfen heißt in Ludwigsburg aber auch: Autos angucken, alte wie gestern bei der Oldtimerschau. Aber auch neue. „Bei den Kleinwagen wurde uns die Bude eingerannt wegen der Abwrackprämie“, berichtete der Händler vom Autohaus Winter aus Asperg, Helmut Hillenbrand. Leer gekauft sei man quasi. Kaum von der Prämie profitieren hingegen die Edelmarken wie Mercedes oder BMW. Auch wenn am Stand des Autohauses Ditting im Rathaushof viel los ist. Domenico Isoldi sagt: „Wer aber wirklich an einem Kauf interessiert ist, kommt in das Autohaus.“ Gar nicht profitieren die Motorradhändler vom Konjunkturpaket. Glücklicherweise spüre man auch von der Finanzkrise nicht so viel. „Bei uns ist eher das Wetter ein Problem als die Konjunktur“, sagt Claudia Botzfeld vom Korntaler Zweiradbetrieb Motoracing unlimited. Bei sechs Grad steigen eben nur Hartgesottene auf ihr Gefährt. „Ich weiß, wovon ich rede. Ich musste eine Maschine herfahren“, sagt Claudia Botzfeld und lacht.

Neben dem Konsum stand das Wochenende in Ludwigsburg durch die Schöpfung, aber auch durch die neue Ausstellung im Kunstverein im Zeichen der Kunst. Silke Opitz, die neue Kuratorin des Ludwigsburger Kunstvereins, stellte nicht nur sich, sondern auch die Arbeit von Anna Talens vor. Die Spanierin zeigt in der ehemaligen Motorradhalle in der Wilhelmstraße fünf Wochen lang ihre Naturschönheiten. Denn das ist das Thema der 30-Jährigen: Kunst und Natur und die Verbindung dieser beiden Themen in Schönheit. Dabei lassen Talens? Werke Interpretation­sspielraum: Ist das rote Gebilde nun ein Farn, eine Koralle oder ein rechter Lungenflügel? Egal, sagt Silke Opitz. Was man sehen will, kann man sehen. Die neue Kuratorin schaffte es an diesem Abend, gänzlich ohne Kunstjargon auszukommen. Einfach und doch nicht profan erklärte sie die Spielräume, in denen sie Kunst im Allgemeinen, aber auch im Speziellen Anna Talens? Kunst sieht. Wer etwa am großen Fliesenmosaik in der Halle des Kunstvereins vorbeizog, konnte den Atelierboden der Spanierin sehen. Sie hat ihn feinsäuberlich aus Großmutters Haus in Valencia geschält. Eine Skulptur der Fläche. „Oder sie kann überall auf ihrem eigenen Fußboden Kunst machen“, sagte Silke Opitz. Marko Schacher führte in die Ausstellung im kleinen Salon des Kunstvereins ein. Dort sind die Arbeiten von Johanna Jakowlev zu sehen. „Seitenblicke“ offenbaren sich, wenn man beim Autofahren statt durch die Frontscheibe mal nach links und rechts sieht. Mystisch, dunkel und rätselhaft seien Jakowlevs Gemälde. Trotzdem schwebe über allem der Hauch der Romantik. Zu Kunst und Kultur wurde im Kunstverein noch ausführlich gefeiert. An einem solchen Wochenende bleiben kaum Wünsche offen – nur einer: Wann komm der Frühling wirklich?


Stadtführung (Teil 67): Saison im Blühenden Barock eröffnet

Von Kathrin Haasis

LUDWIGSBURG. Die neue Saison steht unter einem guten Omen: Zum ersten Mal wieder seit langer Zeit hat zur Eröffnung des Blühenden Barocks in Ludwigsburg die Sonne geschienen. Dieses Jahr wird mit vielen Veranstaltungen der 50. Geburtstag des Märchengartens gefeiert.

Volker Kugel ist zufrieden. Immerhin schneit es nicht zur Saisoneröffnung im Blühenden Barock zum ersten Mal seit vielen, vielen Jahren. „Dafür sind die Temperaturen etwas aus dem Ruder gelaufen“, schränkt der Geschäftsführer die Freude etwas ein. Allein im Südgarten warten 65 000 Pflanzen und Blumenzwiebeln auf etwas milderes Wetter, um ihre volle Pracht zu entfalten: Vor dem Schloss ist zum kalendarischen Frühlingsbeginn am 20. März eine große Broderie angelegt worden, ein märchenhafter Garten für Frau Holle sozusagen. Im Jubiläumsjahr legen sich die Mitarbeiter des Blühenden Barocks eben ins Zeug: 75 Veranstaltungen stehen zusätzlich auf dem Programm. „So etwas hat es in der Geschichte des Blühenden Barocks noch nicht gegeben“, erklärt Volker Kugel. Am 16. Mai 1959 war Albert Schöchle an seinem Ziel: Der Märchengarten beim Ludwigsburger Residenzschloss wurde eröffnet. Der Gründer des Blühenden Barocks entdeckte in Holland durch Zufall eine solche Attraktion. Er hatte es nicht leicht, seine Idee in Ludwigsburg umzusetzen – 50 Jahre später wird sie ausgiebig gefeiert. Pünktlich am 16. Mai wird das neue Märchenhaus mit Szenen aus Däumelinchen eingeweiht und mit der Ausstellung zur Geschichte der Einrichtung. Sogar der Ministerpräsident Günther Oettinger hat sich für den Termin angesagt, weil er als Kind regelmäßig mit den Großeltern im Märchengarten die Sonntage verbrachte. „Für Herrn Schöchle wäre das eine Genugtuung“, freut sich sein Nachfolger Volker Kugel. Künstler aus ganz Deutschland sind zwischen Mai und September für Auftritte im Aktionshaus gebucht. Eine Märchenakademie steht auch auf dem Programm, bei der Kinder und Jugendliche eine Märchenfotostory sowie eine Märchentagesschau basteln können. Bei einem Wettbewerb wird der beste Märchenerzähler gekürt, Ludwigsburger Mädchen und Jungen führen eine internationale Aschenputtel-Geschichte auf, und es gibt eine Bücherbox zum freien Austausch von Märchenliteratur. Der Höhepunkt des Jubiläums wird das große Märchenfest am 1. und 2. August. Momentan läuft in der Orangerie die Ausstellung „Citrusduft liegt in der Luft“. Dann folgen die Barocken Gartentage vom 30. April bis 3. Mai, die mit 120 Ausstellern so groß sind wie nie zuvor. Mehr als eine halbe Million Tagesgäste will Volker Kugel 2009 anlocken. „Es wäre enttäuschend, wenn wir darunter bleiben“, sagt er. Bis jetzt sind die Zeichen positiv: Die Zahl der vorverkauften Dauerkarten liegt mit 33 500 Stück um fünf Prozent höher als im Vorjahr. Auf die Besucher wartet neben dem Programm übrigens auch ein herausgeputzter Froschkönig und ein neuer sprechender Papagei, die beide im alten Stil hergerichtet wurden. Das russische Rad bleibt dagegen außer Betrieb. Im Juli 2007 waren zwei Besucher aus einer Gondel gestürzt. Das Strafverfahren gegen zwei mit der Prüfung des historischen Spielgeräts beauftragte Tüv-Gutachter ist jedoch kürzlich vom Ludwigsburger Amtsgericht eingestellt worden.


Stadtführung (Teil 66): Premiere "Die Schöpfung"

LUDWIGSBURG. Zum 300-Jahr-Jubiläum der Stadt Ludwigsburg haben rund 300 Beteiligte des Bürgertheaters eine Musikproduktion nach Haydns „Schöpfung“ geschaffen. Der Chor singt und sinkt auf einem überdimensionalen Schiffsdeck.

Von Miriam Hesse

Gott ist ein Mädchen mit Schwefelhölzern. Am Bugrand einer Nussschale mit gesetztem Segel sitzt die junge Schöpferin. Dem triumphalen Chorklang des „Es ward Licht“ folgt ein kaum hörbares Zischen. Ein Streichholz brennt, zwei, dann drei und vier Kerzenlichter. Die bleiben, als Gott bereits die Segel gestrichen hat. Das Werk aus einer Hand ist vollendet, alles Weitere liegt in den Händen der Menschen. So eine Kreation strengt an. Etwas erschöpft wirkt Sophia Link beim letzten Durchgang vor der Generalprobe zur Musiktheaterpro­duktion nach Haydns „Schöpfung“, die Hunderte Mitwirkende in den kommenden Tagen im Ludwigsburger Forum aufführen. Obwohl ihre Seifenblasenszene fast ins Wasser fiel, weil die Requisiteure die falsche Pustefixlauge besorgt hatten, sei sie eigentlich nicht übermäßig aufgeregt, sagt die 14-jährige Waldorfschülerin, die für eine der beiden großen Sprechrollen auserkoren wurde. Zu schaffen macht ihr allenfalls die Tatsache, „dass ich mich gar nicht als Gott fühle, sondern als ganz normaler Mensch, da ist man nicht so allein“. Sophia guckt ein wenig sehnsüchtig zu den kleinen Tänzern der Kunstschule Labyrinth hinüber, die sich sonnengelb gekleidet wie die fleißigen Bienchen zu Blütenblättern formieren. Immerhin trägt sie ein ähnliches Gewand. Das ursprünglich vorgesehene Kleid in allen Regenbogenfarben sei „zu papageienmäßig rübergekommen“. Der Regisseur Rainer Kittel und seine Bühnenbildnerin Heike Huber inszenieren die Schöpfung als Spiel der starken Farbkontraste. Die 160 Sänger, rekrutiert aus zahlreichen Ludwigsburger Chören, tragen als himmlische Heerscharen mit Engelszungen bodenlange, weiße Gewänder. Einzig die Solisten setzen Farbakzente in Blau, Grün und Gelb. Erst nach und nach sprießt und blüht es auf der Bühne: Da entfalten sich außen weiße Regenschirme zu knallblauen Kornblumen. Das Rot bleibt Adam und Eva als tanzendem Liebespaar vorbehalten. Erst nach langem Ringen finden die frisch geschlüpften Geschöpfe zum gemeinsamen Pas de Deux. Im Anfang aber bewegen sich Gottes Ebenbilder wie das Gewürm, das sie doch beherrschen sollen. Mitten im Farbenmeer singt und sinkt der Chor auf einem riesigen Schiffsdeck aus beweglichen Hubpodesten. Doch das Tosen des Ozeans ist auch hörbar. Mit dem Percussion Ensemble Stuttgart gibt's ein göttliches Gewitter auf die Ohren. Es rasselt und rauscht, grollt und donnert, pulsiert und vibriert in den Kompositionen von Klaus Sebastian Dreher. Was Haydns pausbäckig-heile Klangwelt aus dem 18. Jahrhundert an Abgrund vermissen lässt, steuert Drehers Trommelfegefeuer bei. Die frohe Bibelbotschaft der Genesis bekommt eine archaische Aura. So drischt das Ensemble auf Blechtonnen ein, als türmten sich die Wogen bereits zur Sintflut auf. Doch mit den hölzernen Marimbas kommt wieder fester Boden unter die Füße: der Mensch ist geerdet. Das gilt auch für die Helfer hinter der Bühne. Dort liegen neben Salbeibonbons auf dem Spiegeltisch die Schwämmchen für die kreidebleiche Maske der Sänger. „Bitte gehen Sie vor dem Anziehen des langen Gewandes auf die Toilette“, lautet eine Anweisung auf einem Zettel an der Wand. Die gestärkten hellen Kostüme sollen möglichst wenige Falten werfen, dienen sie doch als Projektionsfläche fürs abwechslungsreiche Farbenspiel. Denn was Kittel an statischer Bombastik auf die Bühne bringt, gleicht er durch bewegte Videos aus. Da tummelt sich ein munterer Fischschwarm auf der menschlichen Leinwand. Herzfrequenzen laufen als Wellen über die Menge. Der Gleitflug eines Vogels wird von geräuschlosen Jets unterbrochen. Am siebenten Tag flimmert's wie ein Störbild im Fernseher. Und aus der Erdkugel wird ein Feuerball. Am Horizont zeichnet sich in dieser Inszenierung nach der Schöpfungswoche offenbar schon der jüngste Tag ab. Ein schwarz gekleidetes Trio tanzt das menschliche Elend vor: In einem fort geht es einen Fort-Schritt vor und zwei zurück.


Stadtführung (Teil 65): Von der Mottenkugel zur Potenzpille

Von Franziska Kleiner

Hätte es ohne die beiden Ludwigsburger je das Unternehmen Pfizer gegeben? Wenn nicht, würde heute vermutlich jemand anderes die Potenzpille Viagra gewinnbringend produzieren. Und vermutlich irgendjemand anderer wäre im Zweiten Weltkrieg mit der industriellen Herstellung von Penicillin in den Markt eingestiegen. Die Geschichte der Firma Pfizer reicht zurück bis in die Gründerzeit der chemischen Industrie. Sie begann vor mehr als 150 Jahren in New York, wo Einwanderer aus allen Teilen der Welt ihre Chance suchten. So auch der Apothekergehilfe Karl C. Pfizer und sein Cousin, der junge Lebensmittelhändler Karl F. Erhart. Mit geliehenen 2500 Dollar – Vater Carl Friedrich Pfizer, ein gut situierter Ludwigsburger Konditormeister, hatte ihnen das Startkapital gegeben – begann das Feinchemieunter­nehmen Charles Pfizer & Co. im Jahr 1849 in einem Backsteinbau in Brooklyn mit der Produktion zum Beispiel von Mottenkugeln und dem Parasitenmittel Santonin. Pfizers Kerngeschäft bestand darin, Rohchemikalien für die pharmazeutische und für die Lebensmittelin­dustrie zu verarbeiten. Anfang der 1860er Jahre gelang den beiden Schwaben der wirtschaftliche Durchbruch mit der eigenen Produktion von Zitronen- und Weinsteinsäure, die der Herstellung von Backwaren und Getränken dienten: Die beiden Schwaben hatten reagiert, als die USA im Jahr 1862 die Einfuhr von Chemikalien aus Europa mit hohen Zöllen belegten. Sie produzierten sie einfach selbst. Weil die Zentren wissenschaftlicher Forschung aber nach wie vor in Europa lagen, reiste Karl Pfizer in den Folgejahren immer wieder zurück in die alte Heimat, um bestehende Kontakte mit Rohstofflieferanten zu nutzen, den wissenschaftlichen wie technischen Fortschritt zu studieren – und nicht zuletzt, um Mitarbeiter abzuwerben. Neben dem Penicillin produzierte Pfizer schließlich den ersten wirksamen Impfstoff gegen Kinderlähmung; später produzierten sie in Massen ein Serum gegen Masern – weitere Meilensteine der Firmengeschichte. Heute ist Pfizer der weltgrößte Pharmakonzern. Im Arzneischrank des Branchenriesen stehen neben Viagra das wohl weltweit meistverkaufte Medikament: der Blutfettsenker Lipitor.


Stadtführung (Teil 64): Die Zucht von Seidenraupen

Von Carola Stadtmüller

Im sogenannten Spinn- oder Seidenkulturhaus in der Ludwigsburger Friedrich-Ebert-Straße haben einst kleine possierliche Tierchen mit ganz besonderen Fähigkeiten gelebt: die Seidenraupen. Die herzogliche Tuchmanufaktur begann in dem heutigen Wohnhaus Anfang der 1750er Jahre mit der aufwendigen Zucht der kleinen Seidenfädenli­eferanten. Allerdings war das Experiment nicht wirklich von Erfolg gekrönt, denn Seidenraupen passen nach Ludwigsburg wie Eisbären in die Sahara. Überliefert ist etwa eine Geschichte, in der ein Pfleger der Seidenraupen ein ganzes Brett voller Würmchen den Hühnern zum Fraß vorgeworfen hatte, weil er dachte, die Tiere seien tot. Sie waren aber nur kurz vor der Verpuppung und ganz und gar nicht tot – den Hühnern war?s egal, sie fraßen alle Raupen auf. Das Hauptproblem war aber wohl die Ernährung und die Pflege der Seidenraupen. Mal war es zu kalt – wie im Jahr 1768 – ein Jahr später war es den Viechern zu warm, und sie segneten ebenfalls das Zeitliche. Auch ein ganz und gar selbstloser Einsatz des Pfarrers Duttenhöfer, der als Spezialist für Seidenraupen 1769 die Tiere persönlich fütterte und hegte, führte nicht zum gewünschten Zuchtbestand. Alle Tierchen starben wegen Überhitzung. Die Lieblingsspeise der Tierchen waren die Blätter des Maulbeerbaums. Auch der wächst in Ludwigsburg nicht gerade von Natur aus an jeder Ecke. Also mussten ganze Alleen von Maulbeerbäumen angelegt werden – wovon noch heute die Richard-Wagner-Straße zeugt, die vor 1911 Seidenstraße hieß. Bis zu 700 Maulbeerbäume sollen in Ludwigsburg Ende des 18. Jahrhunderts gestanden haben. Alles vergeblich: das Experiment einer großen Seidenraupenzucht endete im Jahr 1783. Das Seidenkulturhaus wurde zunächst zum Spinnhaus für arme und arbeitslose Frauen und später zur Strohflechtanstalt für jugendliche Verbrecher.


Stadtführung (Teil 63): Von Bauern und Mönchen

Von Holger Gayer

Als Ludwigsburg noch lange nicht Ludwigsburg war, da hatte der Klerus das Sagen im hiesigen Land, das damals Geisnang hieß. Geisnang war eine sogenannte Grangie des Klosters Bebenhausen – ein Zisterzienser­kloster, das um die Jahrzehnte 1180/1190 nahe Tübingen gegründet wurde. Der Begriff Grangie wiederum stammt aus dem Mittellateinischen und heißt so viel wie Scheune. Diese Scheune wuchs im Laufe der Jahre gedeihlich heran, so dass die Mönche anno 1356 feststellen konnten, dass Geisnang zur größten Grangie des Klosters Bebenhausen geworden war. Überliefert ist, dass die bärtigen Brüder damals 982 iugera Ackerland, 40 iugera Wiesen, 80 iugera Wald und 300 iugera Ödland bewirtschaftet haben sollen. Das Wort iugera beziehungsweise iugerum kommt übrigens ebenfalls aus dem Lateinischen und bedeutet „zusammenhängendes Land“. Der Ludwigsburger Stadthistoriker Albert Sting bemerkt dazu, dass damit so viel Land gemeint sei, „wie ein Gespann Ochsen an einem Tag umpflügen kann, also zwischen 30 und 65 Ar“. Schlussendlich haben sich die Geschichtsschreiber darauf geeinigt, dass ein iugerum in 36 Ar umzurechnen sei. Sprich: die Mönche bewirtschafteten damals eine Fläche von 562,4 Hektar. Zum Vergleich: im Jahr 2007 bezifferte die Stadtverwaltung die landwirtschaftlich genutzte Fläche in Ludwigsburg auf 1639 Hektar.


Stadtführung (Teil 62): Die Schiller-Porträtistin Ludovike Simanowiz

LUDWIGSBURG. Künstlerkarriere in Paris oder braves Eheleben in Schwaben? Die überzeugte Demokratin Ludovike Simanowiz, die vor 250 Jahren geboren wurde und in Ludwigsburg starb, wollte beides. Dem Adel lag sie nicht zu Füßen, dafür wurde sie als Schiller-Malerin berühmt.

Von Miriam Hesse

Aus dem Zusammenhang gerissen liest sich dieser Satz von Friedrich Schiller, als habe er für das Gemälde, das Ludovike Simanowiz von ihm fertigte, nichts übrig gehabt. „Denn die Kunst kann und will ich nicht bezahlen“, schreibt er in einem Dankesbrief an die Künstlerin. Die Unkosten für Ölfarben und Leinwand aber, die sie für eines seiner Lieblingsbilder vom in sich versunkenen, schwärmerischen Dichter verwendete, wollte er ihr sehr wohl erstatten. Damit dürfte der Jugendfreund, der wie sie vor 250 Jahren geboren wurde, bei Simanowiz einen Nerv getroffen haben. Ihre Kunstauffassung einte die beiden, die in Ludwigsburg als Nachbarskinder Tür an Tür aufwuchsen. Die Vorstellung, ihre subjektive Passion für die Kunst als Brotberuf zu verstehen, behagte der großen Künstlerin des schwäbischen Klassizismus ebenso wenig, wie sie sich als Hofmalerin verdingen wollte. Lediglich zwölf Adelsbildnisse gibt es von ihr – allesamt Auftragsarbeiten, welche die überzeugte Demokratin offenbar nur dann ausführte, wenn sie knapp bei Kasse war. Mit den klassischen Herrschaftsat­tributen hatte sie aber auch hier nichts am Hut. Franziska von Hohenheim zeigte sie nicht als imposante Herzogin von Württemberg, sondern als wenig elegante, mit monströser Kopfbedeckung in der Landschaft stehende Matrone. Sie habe „dem Franzele“ in die Seele geschaut, mutmaßten die Zeitgenossen. Denn die Herzogin soll das Bild geliebt haben – vielleicht deshalb, weil es sie nicht zum tumben Anhängsel von Carl Eugen erklärte, sondern zur patenten Planerin der Parkanlagen, die ein Skizzenblatt hält. Lieber jedoch malte Simanowiz Menschen aus ihrem eigenen gutbürgerlichen Milieu und Mitglieder der gebildeten Kreise: Künstler und Intellektuelle, Ärzte und Wissenschaftler, Dichter und Denker, Geistliche und Militärs. So saß ihr auch der spätere Ästhetikdozent Friedrich Theodor Vischer in jungen Jahren Modell. Vor wenigen Tagen ist dieses Gemälde aus dem Städtischen Museum in Ludwigsburg gestohlen worden, das der Stadt auch deshalb so kostbar ist, weil es einen ihrer berühmtesten Söhne zeigt. Geboren wurde die Malerin am 21. Februar 1759 in Schorndorf als Kunigunde Sophie Ludovike Reichenbach. Drei Jahre später zog sie nach Ludwigsburg: Der Papa diente als Militärarzt im selben Regiment wie Schillers Vater. Aufgeklärte Mädchenpädagogik war in diesen Zeiten der Empfindsamkeit angesagt. So durfte die junge Ludovike zwar nicht an der Männern vorbehaltenen Hohen Carlsschule studieren. Ihre Familie aber unterstützte die Ausbildung bei Privatlehrern. Als idealistische, aber stets feinsinnig charakterisierende Porträtistin, die mit gutem Blick zwischen Ideal und Wirklichkeit abzuwägen wusste, wurde Simanowiz zu Lebzeiten verehrt. Die Frau, die auf ihrem Stipendienausflug in die französische Hauptstadt sogar von der mondänen Pariser Gesellschaft ihrer guten Tugenden wegen als „bonne enfant“ geschätzt wurde, schaute anderen gern in die schöne Seele. Um ihrer Ästhetik willen hatte sie im Zweifel auch ein paar Tricks auf Lager. „Der Schönheitssinn“, beschreibt Justinus Kerner eines ihrer Bilder, „erlaubte ihr wohl nicht anders, als daß sie den Chemikus im Profil darstellte und zwar auf der Seite, wo er noch ein Auge hatte.“ Einen „Stern der ersten Größe“ nannte sie der Rebell Christian Friedrich Daniel Schubart mit ungewohnter Verzücktheit. Sie sei eine „künstlerisch beschränkte, edle Weiblichkeit mit vorzüglichen Männerfreundschaf­ten“ gewesen, lästerten dagegen männliche Kritiker im 20. Jahrhundert. In dieser Schublade geriet sie in Vergessenheit, bis die Emanzipation sie wiederentdeckte. Denn Simanowiz hatte als talentierte Musterschülerin von Antoine Vestier und Nicolas Guibal einen steilen Aufstieg erlebt – und wollte ihre Künstlerkarriere auch nicht für einen Job als Heimchen am Herd im biederen Eheleben preisgeben. Als frisch vermählte 33-Jährige ließ sie ihren Mann für eine zweite Parisreise allein in Ludwigsburg sitzen. Dort überlebte sie die grausamen Auswüchse der Revolution, musste fliehen und war in ihren demokratischen Grundfesten erschüttert. Später pflegte sie ihren Franz nach einem Schlaganfall aufopfernd und entwickelte ihre Fähigkeiten nicht mehr fort. Sie starb wenige Monate nach ihm am 3. September 1827 und wurde ebenfalls auf dem alten Friedhof in Ludwigsburg beerdigt. Stets freundlich, stets treuherzig stellte sie sich selbst in ihren Porträts dar: den Kopf mädchenhaft-kokett zur Seite geneigt mit dem fast maskenhaften, immergleichen Lächeln. Dass sie auch anders konnte, illustriert ein einziges Bild von 1791, das heute in Privatbesitz ist. Mit lose wehendem Haar blickt sie dem Betrachter direkt und fest ins Auge: für Simanowiz-Verhältnisse ein regelrechter Gefühlsausbruch.


Stadtführung (Teil 61): Weingut des Herzogs

LUDWIGSBURG. Was das Schloss zum Geburtstag bekommen hat, gibt es nun auch für die Stadt: einen Jubiläumswein vom Herzog von Württemberg. Das Weingut am Schloss Monrepos verfügt allerdings über keine Lagen in Ludwigsburg.

Von Kathrin Haasis

Die Württemberger sind schon früh auf den Geschmack gekommen: Eine Urkunde von 1289 beweist, dass die adlige Familie bereits damals Weinbau betreiben lassen hat. Die Kammerschreiberei zur Verwaltung der Besitztümer wurde 1649 von Herzog Eberhard III. gegründet, im selben Jahr kaufte Herzogin Anna den Steinbachhof in Gündelbach. Weinberge am Asperger Berg und in Stetten im Remstal kamen dazu. „Die Familie hat immer versucht, die besten Lagen zu bekommen“, erklärt Michael Herzog von Württemberg, der die Familie in dem Betrieb repräsentiert. Aber nicht durch Raubzüge, sondern stets durch Kauf oder Tausch sei die Rebenfläche auf 40 Hektar gewachsen, betont er. Die Lage Untertürkheimer Mönchberg kam zum Beispiel durch den Tausch gegen Weinberge in Stuttgart in den Besitz der Württemberger. 1713 kauften die Herzöge den Mundelsheimer Käsberg und 1872 den Eilfingerberg bei Maulbronn. Ihre Kellerei hatten sie bis 1810 in Stuttgart-Untertürkheim ausgelagert und zogen dann mit den Fässern ins Alte Schloss um. „Weinbau war für unsere Familie schon immer wichtig“, erklärt Michael Herzog von Württemberg. König Wilhelm I., ein großer Förderer der Landwirtschaft, hat auch die Weinbauschule in Weinsberg gegründet. In Ludwigsburg hat die Hofkammer ihren Sitz erst seit 1981. Ein Neubau wurde für die Kelter in den Park von Schloss Monrepos gestellt. Zentral zwischen den sieben Lagen des Hauses liege der Standort, erklärt der 44-Jährige. Über Weinberge in Ludwigsburg verfügt die Familie nicht. Auf das Jubiläum der Stadt stoßen die Weinmacher nun mit zwei speziellen Tropfen an – mit Trollinger aus Mundelsheim und Riesling aus Maulbronn. Die Flaschen tragen das Geburtstagslogo und kosten zusammen in einer ebenfalls mit dem Logo bedruckten Kiste 15,50 Euro. Im Weingut, im Shop des Residenzschlosses und bei der Weinhandlung Bronner gibt es das Paket. Der Mundelsheimer Käsberg und der Maulbronner Eilfingerberg seien bereits vor 300 Jahren bekannte Lagen gewesen, erklärte der Herzog, „und damals haben nicht nur die Herzöge, sondern auch die Bürger Wein getrunken“. Nachdem es zum Schlossjubiläum aus dem Hause Württemberg einen speziellen Wein gab, folgt nun das gleiche Geschenk zum Geburtstag der Stadt. „Es ist großartig, wenn man solche tollen Weine anbieten kann“, freut sich der Oberbürgermeister Werner Spec. Zur Stadtgründungsfeier sind die Lagencuvées von Trollinger und Riesling schon ausgeschenkt worden. „Ich hatte den Eindruck, dass es den Leuten geschmeckt hat“, erzählte der OB.


Stadtführung (Teil 60): Die Buchhändlerfamilie Aigner

Von Verena Mayer

Bücher gibt es in dem blauen Haus in der Arsenalstraße viele. Doch ein ganz spezielles Exemplar findet sich in den Regalen der Buchhandlung Aigner nicht: Ihre eigene Geschichte ist eine Handlung, die nicht im Buche steht. Dabei könnte über die erste Buchhandlung von Bestand in der einstigen Residenzstadt manches berichtet werden. Ebenso wie über die Familie, die diese Buchhandlung – erwiesenermaßen – zur schönsten in ganz Deutschland gemacht hat. Da gäbe es zum Beispiel die Steinmetze und Maurer unter den Aigners der früheren Jahrhunderte. Ebenso die Weingärtner und Kerzenmeister, die alle im Remstal ihrem Handwerk nachgingen. Erst gute 200 Jahre später wurden die Aigners zu Bücherwürmern. Es war Julius Aigner, der beschloss, aus Büchern nicht nur Wissen zu beziehen, sondern auch das Einkommen. Und nachdem er lange genug in der Stuttgarter Buchhandlung Steinkopf geschafft hatte, ließ er sich seinen Anteil auszahlen, fuhr nach Ludwigsburg – und kaufte einem Herrn namens Heinrich Ungeheuer dessen Buchhandlung ab, die fortan den Namen der Familie Aigner trug. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Buchhandlung selbst schon eine bewegte Geschichte. Anno 1804 war sie von Christof Friedrich Nast in der Asperger Straße 3 gegründet worden. Sein Sohn Carl-Friedrich verkaufte sie 44 Jahre später an Adolf Neubert, der mit dem Geschäft zuerst in die Körner- und dann in die Stuttgarter Straße zog und es schließlich Heinrich Ungeheuer verkaufte. Auch dieser zog mit der Buchhandlung hin und her, ehe sie im Jahre 1873 Julius Aigner für 500 Gulden übernahm und zum Hofbuchlieferanten avancierte. Anno 1905 dann kaufte dessen Sohn Hermann das Haus in der Arsenalstraße 8, das bis heute Geschäfts-, aber schon lange kein Wohnhaus mehr ist. Allein mit Anekdoten aus jener Zeit, in der das Gebäude auch zwei Generationen Aigner beherbergte, ließe sich mindestens ein Kapitel im Buch füllen, das es nicht gibt. Da waren das Kasperle-Theater und die Märklin-Eisenbahn, die dem Großvater Hermann regelmäßig die Ruhe raubten; da waren die Feste im Wintergarten oder der Trockenboden, auf dem Hermann junior das Waschen und Bügeln von Hand bestaunen konnte und lernte, warum Leibwäsche nicht täglich neu aus dem Schrank zu nehmen sei. Dieser Hermann junior, der die Buchhandlung von seinem Vater Kurt übernahm, wüsste gewiss aber auch manches von den lesenden Gästen in seinem Laden zu berichten, zu dem er Filialen in Marbach und Kornwestheim gesellte und der 1979 von einem Branchenmagazin zur eben schönsten Buchhandlung Deutschlands gekürt wurde. Postkarten und signierte Bücher im obersten Geschoss lassen auf ein bisweilen herzliches Verhältnis zwischen Gast und Gastgeber schließen. Günter Grass dankte den Aigners für guten Wein, Hermann Hesse schickte Grüße aus Italien, Hildegard Knef hinterließ ein Selbstportrait. Bodo Kirchhoff hofft auf ein Wiedersehen, Peter Härtling freut sich gar darauf, Harald Schmidt wünscht Aigners „weiterhin viel Erfolg (trotz Qualität)“ und Exkanzler Gerhard Schröder, der seine Autobiografie nicht in Stuttgart, sondern in Ludwigsburg präsentierte, dankte „dem Aigner“ gar als „Bewahrer einer großen Tradition“. Diese Tradition bewahrt, nunmehr in der fünften Generation, Hermann Aigners Sohn Peter. Ob sich der Senior dafür nun an das Bewahren der Aignerschen Geschichte machen möchte?


Stadtführung (Teil 59): Wonne in der Wanne

Von Christhard Henning

Heute blühen Blumen drin, früher schrubbten sich die Ludwigsburger in hölzernen Zubern den Rücken und ließen ihre Zipperlein pflegen. Ein Wannenbad im Heilbad zu Hoheneck gönnte sich bis in die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts nicht nur, wer auf seine Sauberkeit bedacht war. Hier, umspült von salzhaltigem Nass, frönte der Bürger bereits im Prä-Wellnesszeitalter der Erholung seiner Sinne, quasi als Um-die-Ecke-Ersatz für den Mittelmeerurlaub. In zwölf Wannen hockten die Badenden zunächst, als 1907 das erste so provisorisch wie bescheidene Badegebäude errichtet war. Der Ansturm in den ersten drei Monaten war enorm. 9853 Gäste rekelten sich von Juli bis Oktober in dem Kochsalz-Säuerling. Das Personal schaffte unter Hochdruck. Dienstbare Geister mussten die Bottiche schrubben und für jeden neuen Besucher neu füllen. Im nächsten Jahr entwarf der Stadtbaumeister Dobler ein Heilbad mit offener Wandelhalle und einer Grünanlage, um sich an Pflanzen und dem Ausblick zum Neckar zu delektieren. Die Wohlfühlstätte wuchs über die Jahre, ein Kurheim und ein Kurhotel entstanden, auch aus dem Landhaus Elisabeth am Neckargestade pilgerten die Badegäste im Bademantel von ihrem Ferienbett zum wohlig erwärmten Wasser. Bis zum Abriss des Bads im Jahr 1978 luden 34 Wannen zum Verweilen ein. Ein Badearzt ließ sich nieder, die Gäste labten sich an immer mehr Annehmlichkeiten. Sie klingelten im Wasser liegend den Bademeister herbei, falls der Aufenthalt im Heilquell zu einer medizinisch-gymnastischen Anwendung genutzt werden sollte oder aber die Sole unvermittelten Durst auslöste. Der Erste Weltkrieg vermasselte die prosperierende Entwicklung des Bads, im Zweiten hingegen war die Anlage fast schon kriegswichtig. Im Jahr 1943 etwa wurden 51 000 Wannenbäder à 300 Liter abgegeben, man schrieb kurzfristig gar schwarze Zahlen. Der Ludwigsburger setzte vielleicht auch dem Zeitgeist einer pervertierten Sauberkeit folgend auf höchste Reinlichkeit, zudem ließen sich Soldaten auf Heimaturlaub und Kriegsversehrte ihre Blessuren in den Zubern kurieren. Ein Eintrag im Gästebuch des Heilbads zeugt von den neuen Wonnen, die die Wannen bescherten: „Das Heilbad hat geholfen. Bin wieder k. v.“, jubelte ein Gast 1938. „Kriegsverwen­dungsfähig“ war jener Kurierte. Und damit wieder bereit für den Untergang, wie man heute weiß. Heute stehen sieben der Holzbottiche der zweiten Generation vor dem Eingang des Heilbads. Blumen sprießen darin. Zumindest zur Sommerszeit. Badewasser indes könnten die morschen Bretter kaum noch halten.


Stadtführung (Teil 58): Haus von der Stange

Von Holger Gayer

Wer heute an der Ludwigsburger Schlossstraße entlang flaniert, zählt zu einer bemerkenswert robusten Gattung Mensch. Seit das graue Band der vielspurigen Bundesstraße die Stadt teilt, ist die einstmals wichtigste Chaussee zu einer Autobahn geworden, und die stolzen Bürgerhäuser an ihrem Rande sind größtenteils verkommen zu einer steinernen Eskorte für die mobile Gesellschaft. Dabei lohnt sich ein genauerer Blick auf und in die Häuser in der Innenstadt. Auffällig ist, wie ähnlich sie sich sind, Geschwistern gleich, und das ist insofern auch kein Wunder, als die meisten von ihnen zumindest den gleichen Papa haben. Donato Giuseppe Frisoni war von 1715 an nicht nur der von Herzog Eberhard Ludwig ernannte Baumeister des Schlosses, sondern auch der Architekt der allmählich aufstrebenden Stadt – und der Schöpfer des sogenannten Ludwigsburger Hauses. Dieses bald zum Standard gewordene zweigeschossige Gebäude weist in seinem Grundriss einen durchgehenden Flur auf, von dem aus man zu beiden Seiten in zwei gleich große Wohneinheiten mit drei bis vier Räumen gelangte. Dasselbe wiederholte sich in der zweiten Etage. Auf der Rückseite des Hauses verlief eine durchgängige Veranda, an deren Ende sich die Toilette befand. Auch alle Abfälle wurden hinter dem Haus gelagert; auf diese Weise sollten die Straßen und Gassen der Stadt sauber bleiben, auf dass der Herzog sich nicht an einem üblen Geruch oder scheußlichen Anblick stören müsste, wenn er mal sein Schloss verließ. Gewollt war bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts eine lückenlose Aneinanderreihung der Häuser. Damit sparte der Architekt Frisoni Baumaterial, weil er die einzelnen Häuser nur mit einer Wand voneinander trennen musste. Seinem Herren gefiel diese Art des Haushaltens; immerhin hatte Eberhard Ludwig seine Untertanen nach Ludwigsburg geködert, indem er ihnen sowohl den Bauplatz als auch das Baumaterial kostenlos zur Verfügung stellte. Viel Individualität war da nicht zu erwarten bei der Gestaltung des neuen Eigenheims. Immerhin durfte jeder Bauherr für sich entscheiden, ob er eine Gaube auf das Dach haben wollte oder nicht. Und auch die Form der Treppe, die in das Gebäude hineinführte, und des dazugehörenden Geländers war frei wählbar.


Stadtführung (Teil 57): Konsum im Bahnhof

Von Markus Klohr

Keiner kann behaupten, der Entwurf für den Bahnhof sei einst mit großem Hurra begrüßt worden. Der Grünen-Stadtrat Klaus Hoffmann sprach von einem „Bahnhofskaufhof“, als der Investor vor 22 Jahren die Pläne für eine Kombination aus Einkaufszentrum und Bahnhofshalle präsentierte. „Nach dem Modellfoto lässt sich nur Schlimmes ahnen“, warnte ein Architekt aus der Umgebung den damaligen Baubürgermeister Albrecht Bogner. Das historische Gepräge des Bahnhofsviertels werde durch den Neubau „unsensibel behandelt“. Ganz unrecht hatte er nicht. Die Nostalgie des 1874 eingeweihten Gebäudes, das mit seinem Jugendstilzierrat ein nettes Pendant zur Musikhalle gegenüber darstellte, wurde eingetauscht gegen einen Zweckbau, der in Ludwigsburg zunächst kaum Liebhaber fand. Bereits Jahre vor dem Baubeginn im Juni 1991 hatten sich Gemeinderat und Stadtverwaltung ebenso unsensibel behandelt gefühlt. Die damals noch staatliche Bundesbahn gab bekannt, dass am Ludwigsburger Bahn- und Geschäftszentrum künftig keine Schnellzüge mehr halten würden. Zudem stritt die Stadt mit der Bahn weiterhin um die Finanzierung eines Westausgangs für den neuen Bahnhof – ein Projekt, das sich bekanntlich erst in diesem Jahr (2009) seiner Vollendung nähert. Außerdem wurde der Ludwigsburger Bahnhof organisatorisch herabgestuft und dem Bahnhof Bietigheim-Bissingen untergeordnet. Letztlich war man in der Stadt schon froh darüber, dass die Bahn später von ihren Plänen Abstand nahm, in Ludwigsburg nur eine eingeschossige Abfertigungshalle zu bauen. Stattdessen durfte Ludwigsburg ein Stück Eisenbahngeschichte schreiben – wenn auch ein ziemlich unbedeutendes. Die Verbindung von Einkaufstempel und Bahnhof war bundesweit die erste ihrer Art. Und immerhin zeigte sich die Bahn nach der organisatorischen Beschneidung des Haltepunktes Ludwigsburg wenigstens denkmaltechnisch von ihrer Schokoladenseite. Als Staatsbetrieb hatte die Bahn offenbar noch etwas zu verschenken: das historische Eisendach der alten Bahnhofshalle. Das Konstrukt wurde entfernt und generalüberholt und dient bis heute als Überdachung für den mittleren Einstiegsbereich des Busbahnhofs. Schade eigentlich, dass uneingeweihte Fahrgäste davon nichts mitbekommen.


Stadtführung (Teil 56): Liebeserklärungen

LUDWIGSBURG. Sympathiebekun­dungen zum 300. Geburtstag: bei der Stadtgründungsfeier schwärmte der Ministerpräsident Günther Oettinger von Ludwigsburg. Was momentan Stadtgespräch ist, zeigte eine Gesprächsrunde engagierter Bürger.

Von Kathrin Haasis

Günther Oettinger legte am Freitag im Ludwigsburger Forum zunächst ein Geständnis ab: Als Ditzinger zählte er zur „Leo muss bleiben“-Fraktion, die gegen die Abschaffung des Altkreises Leonberg war. Irgendwann schaffte er es von Ditzingen nach Ludwigsburg – und erkannte, „wie attraktiv die Stadt ist“. 300 Jahre sei sie alt und enorm jung. Ludwigsburg sei eine Landesstadt nahe an Stuttgart, aber eigenständig. „Eingemeindung droht nicht“, versicherte er den rund 1200 Gästen bei der Stadtgründungsfe­ier, die Verlegung der Landeshauptstadt in die ehemalige Residenz allerdings genauso wenig. „Ich kenne wenige Marktplätze, die samstags so belebt sind“, schwärmte er dafür. Die Ludwigsburger hält er für aktive Bürger, die sich immer stark eingemischt hätten. Hart, aber fair gehe es dabei zu. Dazu passt sein Wunsch für die Stadt: dass es in der neuen Halle möglichst oft erste Basketball-Bundesliga zu sehen gibt. Der „wunderschöne Marktplatz“ hat es auch Thomas Schadt angetan. Ein Zeichen für die Lebenskultur in der Stadt ist für den Direktor der Filmakademie, dass die beweglichen Bänke stehen bleiben. Abends setze er sich dorthin. Wie ein Welttheater empfindet er die Szenerie. „Man muss nicht mehr weg, es ist ja alles da“, sagte er. Im Fußball könnte Ludwigsburg zwar ein bisschen besser sein, findet Thomas Schadt. Dafür liegt seiner Meinung nach etwas anderes in der Luft: „Wir sind die einzige Filmakademie, die die Eröffnung einer Kindertagesstätte erwägt.“ In Richtung Günther Oettinger erklärte er, dass die Villa Reitzenstein schon schön sei. „Aber irgendwann muss das Ganze wieder hierher.“ In den 1980er Jahren war es für Dagmar Beck nicht „so erstrebenswert“, in Ludwigsburg zu leben. „Es hat sich so viel getan, dass man jetzt dazugehören möchte“, findet die Tanztrainerin vom 1. TC Ludwigsburg mittlerweile. Ihr gefällt, dass der Sport viel Unterstützung erhält. Zusätzliche Sporthallen wären allerdings nötig. Auf das Sportinternat bei der Multifunktionshalle freut sie sich besonders: „Da ist etwas ganz Großes im Gange mit der Arena.“ Nicole Porsch, Chefin der Weinhandlung Bronner und in Stuttgart wohnhaft, gefällt das „schöne Miteinander“ an Ludwigsburg. Sie ist neben der Karlshöhe aufgewachsen und vermutet, dass die Ludwigsburger, aus der Historie heraus, eine Ader für ehrenamtliches Engagement haben. „Ludwigsburg bietet vieles an, was Integration ermöglicht“, sagte Otto Lechner. Anstrengungen seien dafür nötig, betonte der geschäftsführende Rektor der städtischen Grund- und Hauptschulen, aber Parallelgesellschaf­ten würden sich nicht bilden. In manchen Grundschulen versammelten sich 25 Nationalitäten. „Aber es läuft gut“, erklärte er, „Kinder kennen keine Pässe.“ „Man sollte schon Schwäbisch können, um sich in Ludwigsburg zurechtzufinden“, meinte Jörg Dürr-Pucher. Der Geschäftsführer des Brauereibauers Ziemann wünscht sich etwas mehr Offenheit in der Stadt. Andererseits sieht er für die Schwaben eine Chance in der jetzigen Finanzkrise. Gier und kurzfristiges Gewinnstreben sei deren Auslöser gewesen. „Dieses Verhalten ist dem Schwaben fremd“, sagte der Manager. Der Abiturient Christopher Knöpfle wird Ludwigsburg wohl bald den Rücken kehren. Er will Wirtschaftsin­genieur werden, und dieses Fach kann man in Ludwigsburg „leider“ nicht studieren. Ansonsten fällt ihm spontan nichts ein, was der Stadt fehlt. Nach Stuttgart zieht ihn nichts: „Hier gibt es ziemlich viele Discos und Bars und Ausgehmöglichke­iten“, versicherte er im Forum.


Stadtführung (Teil 55): Festakt mit MP

LUDWIGSBURG. Mehr als 1200 Gäste haben gestern Abend bei der Stadtgründungsfeier im Forum am Schlosspark den 300. Geburtstag Ludwigsburgs gefeiert. Der Oberbürgermeister blickte in seiner Rede auf die Geschichte zurück.

Von Kathrin Haasis

Zum Auftakt des Jubiläums ist hoher Besuch gekommen: Der Ministerpräsident Günther Oettinger feierte mit den Ludwigsburgern die Gründung ihrer Stadt vor 300 Jahren. Einen Vorgeschmack aus der großen Bürgertheater­produktion „Die Schöpfung“ bekamen die Besucher zur Einstimmung auf den Festakt zu hören. Der Dirigent Siegfried Bauer intonierte mit seinem Chor das Oratorium „Stimmt an die Saiten, ergreift die Leier!“ In seiner Rede berichtete der Oberbürgermeister Werner Spec von den glanzvollen und auch den schwierigen Zeiten der Stadt. „Nie konnte sich Ludwigsburg dauerhaft im höfischen Glanz sonnen“, sagte er, „immer wieder hieß es: Aufbruch und Niedergang.“ Die Not habe die Bürger jedoch erfinderisch gemacht. Ludwigsburg sei aus einer Idee heraus entstanden – und deshalb sei Ludwigsburg auch der ideale Nährboden für Ideen und Kreativität. Die Stadt sei heute modern und weltoffen, sie entwickle sich mutig weiter. Aus der eindrucksvollen Geschichte will Werner Spec Kraft für die Zukunft schöpfen. „Wir wollen den Wandel als Chance begreifen“, erklärte er im Forum. Aber zuvor wurde erst einmal gefeiert – bis Dezember reicht das Programm.


Stadtführung (Teil 54): Festspiele eines Lehrers

LUDWIGSBURG. Ein Mann hat von Anfang an bei den Ludwigsburg Schlossfestspielen den Ton angegeben: Wilhelm Krämer sorgte 1932 dafür, dass im Residenzschloss wieder die Musik spielte. Fast 40 Jahre lang leitete er das Festival.

Von Kathrin Haasis

Musiklehrer am Goethe-Gymnasium war Wilhelm Krämer eigentlich seit 1926, und er blieb dieser Stelle auch bis 1956 treu. Doch nebenbei wollte er unbedingt das Ludwigsburger Residenzschloss wieder für Konzerte öffnen. 1931 gründete er zum 175. Geburtstag des Salzburger Genies die Mozart-Gemeinde. Schon im Jahr darauf, zu Goethes 100. Todestag, sollten die ersten Konzerte stattfinden. Aber da die Bürokratie den Ideen des Lehrers nicht schnell genug folgen konnte, blieb es bei privaten Hauskonzerten. Erst 1933 lagen alle Genehmigungen vor, um im Oktober den Ordenssaal in einen Konzertsaal zu verwandeln. Auf eigene Kosten soll er den Raum elektrifiziert, mit einer Garderobe ausgestattet und das Podium erhöht haben. „Es ist weithin in Vergessenheit geraten, dass jene Fürsten das Schloss Ludwigsburg auch zu einer Festspielstätte gemacht haben, die ihresgleichen suchte, zu einem Brennpunkt des Musik- und Theaterlebens, der ganz Europa aufmerken ließ und Persönlichkeiten wie Goethe und Mozart zu Besuchen in diesem Schloss veranlasst hat“, erklärte Wilhelm Krämer seinen Einsatz. Sechs Jahre nach dem ersten Konzert folgte eine Zwangspause. 1939 wurde der Lehrer als Soldat eingezogen. Bevor er Ludwigsburg verließ, stellte er noch sicher, dass die Konzerte nur unter seiner Leitung stattfinden würden. Der Freimaurer hatte für die Nationalsozialisten nicht viel übrig: Weil die Schlossfestspiele eigentlich 1933, im Jahr von Hitlers Machtergreifung, Premiere hatten, wählte er die ideelle Geburtsstunde ein Jahr zuvor als offizielles Gründungsdatum – um sich von den braunen Barbaren zu distanzieren. Kaum aus dem Krieg zurück, legte Wilhelm Krämer wieder los. Beim Eröffnungskonzert am 20. Oktober 1946 griff der Absolvent der Musikhochschule höchstpersönlich in die Tasten der Celesta. Auch zum 250-Jahr-Jubiläum der Stadt Ludwigsburg spielte der Pianist am 5. Oktober 1968 auf, Stücke von lauter Ludwigsburger Komponisten. Was die Zahl der Schlosskonzerte anging, legte Wilhelm Krämer in der Nachkriegszeit eine fulminante Ouvertüre hin. Bis 1939 waren es zehn Konzerte gewesen, 1947 standen 34 Veranstaltungen auf dem Programm. Auf einen Namen für seine Reihe legte sich der Festivalorganisator lange nicht fest. Der Begriff „Festspiele“ war für ihn negativ besetzt, „Ludwigsburger Schlosskonzerte“ gefiel ihm besser. 1957 nannte er die Reihe „Festliche Sommerspiele Schloß Ludwigsburg“, woraus sich die Schlossfestspiele entwickelten. Wilhelm Krämer muss ein überzeugender Mensch gewesen sein. Immerhin schaffter er es, das Schlosstheater nach einem 100 Jahre währenden Dornröschenschlaf aufzuwecken. Eigens für das 1954 anstehende Mozartfest wurde es hergerichtet. Hinter den Kulissen agierte der Festivalleiter eben nicht nur bei der Organisation hartnäckig und zukunftsweisend, sondern auch – wie aus Briefen an das Finanzministerium hervorgeht – mit seinen steten Bemühungen, die technische Ausstattung der Bühnen zu optimieren. Legendär ist dabei, dass er die Festspiele quasi aus seiner Aktentasche heraus leitete. 1971 übergab Wilhelm Krämer nach 39 Jahren den Stab an den Dirigenten Wolfgang Gönnenwein. Er hatte ihn selbst als Nachfolger vorgeschlagen. Eigentlich wollte er seinen Nachfolger in der ersten Zeit tatkräftig unterstützen, doch er starb am 8. Dezember 1971, ohne überhaupt die erste Saison Gönnenweins miterleben zu können. Eine Ära ging zu Ende: Seit dem ersten öffentlichen Konzert 1933 hatte Wilhelm Krämer mehr als 500 Veranstaltungen der Schlossfestspiele organisiert und das Kulturleben der Stadt entscheidend geprägt. Am Samstag, 7. März 2009, beginnt übrigens wieder der Festivalfrühling: Die Konzertreihe der Ludwigsburger Schlossfestspiele dauert bis 15. März.


Stadtführung (Teil 53): Die herzögliche Gruft im Schloss

Von Holger Gayer

LUDWIGSBURG. Nicht genug, dass Herzog Eberhard Ludwig Stuttgart den Rücken gekehrt hat: bald nachdem er mit seinem Hofstaat nach Ludwigsburg gezogen war, hat er hier auch eine Gruft bauen lassen.

Man schrieb das Jahr 1719, als der italienische Baumeister Paolo Retti den Auftrag erhielt, unter der Kirche des Ludwigsburger Schlosses eine neue Grablege des Hauses Württemberg einzurichten. Ein erstaunlicher Befehl war dies, da erst drei Jahrzehnte zuvor die Gruft unter der Stuttgarter Stiftskirche erweitert worden war. Doch Herzog Eberhard Ludwig hatte nicht nur mit seiner Gattin Johanna Elisabetha gebrochen, sondern auch mit seiner früheren Residenzstadt Stuttgart und dem alten Schloss dortselbst, das ihm doch eher als Trutzburg erschien – ungeeignet jedenfalls, um ein süßes Leben mit Mätresse und einen prunkvollen Hof obendrein zu führen. So wurde aus der als Jagdquartier geplanten Ludwigsburg ein Residenzschloss absolutistischer Prägung mit allem, was dazugehört – eben auch einer Gruft. Vorgesehen hatte der Herzog die Ruhestätte angeblich nur für sich selbst. Sie soll, so schreibt der Historiker Harald Schukraft in seiner Übersicht über die Grablegen des Hauses Württemberg, ursprünglich etwa vier Meter breit und sechs Meter tief gewesen sein. Als Erster wurde jedoch nicht der Gründer selbst, sondern sein am 23. November 1731 gestorbener Sohn und Erbprinz Friedrich Ludwig dort beigesetzt. Der Schmerz des Herzogs muss grenzenlos gewesen sein. Denn schon zwölf Jahre zuvor war sein Enkel Eberhard Friedrich gestorben – nach nur fünf Lebensmonaten. So hatte der Regent nicht nur den Verlust von seinem eigen Fleisch und Blut zu beklagen, sondern auch zu gewärtigen, dass die Thronfolge auf den mittlerweile zum katholischen Glauben konvertierten Herzog Carl Alexander übergehen würde. Eberhard Ludwig bestimmte daher, dass die Ludwigsburger Schlosskirche für immer dem evangelischen Gottesdienst vorbehalten bleiben müsse – was von seinem Nachfolger Carl Alexander allerdings nicht beachtet wurde. Dennoch war die Gruft unter der Ludwigsburger Schlosskirche stets ein Ort der Ruhe und der Abgeschiedenheit. Kein Lebender sollte sich dort aufhalten, es sei denn, ein zwingender Grund hatte sich ergeben -doch was sonst konnte ein Grund sein als der Tod selbst, der einen aus der Familie derer von Württemberg dahinraffte? Zu Lebzeiten aber blieb die Fürstengruft verschlossen, mehr noch: die Pforte dorthin war zugemauert, und bei jeder Beisetzung war es die Aufgabe des jeweiligen Hofbaumeisters, den Abbruch der Vermauerung zu überwachen, die Gruft aufzuschließen und nach der Zeremonie alles wieder in den alten Zustand zu versetzen. Gebrochen hat mit dieser Tradition erst König Wilhelm I., der Sohn und Nachfolger des ersten württembergischen Königs Friedrich I. Seiner Stiefmutter Charlotte Mathilde zuliebe verordnete Wilhelm beim Tode seines Vaters, dass die Gruft nun nicht mehr zugemauert, sondern nur noch verschlossen werden sollte, damit die Königinwitwe jederzeit zum Sarg ihres Gemahls gelangen könne. Zu diesem Zweck wurde ihr ein besonderer Schlüssel ausgehändigt; einer, der das christliche Kreuz im Barte trägt.


Stadtführung (Teil 52): Der Volksschullehrer und Heimatdichter August Lämmle

Von Roland Böckeler

Dass die August-Lämmle-Straße im Stadtteil Oßweil zu finden ist, hat einen triftigen Grund: Hier wurde der schwäbische Heimatdichter und Schriftsteller am 3. Dezember 1876 geboren – in der Westfalenstraße 29. Das Geburtshaus, an dem eine Gedenktafel an den berühmten Sohn erinnerte, gibt es nicht mehr: Es musste vor gut 20 Jahren einem Geschäftshaus weichen. Lämmle war Volksschullehrer, er unterrichtete unter anderem in Göppingen, Ulm und von 1913 an in Cannstatt. Seine erste Lehrerstation war in Steinenberg (Rems-Murr-Kreis), die insofern als letzte erwähnt werden soll, weil August Lämmle hier erstmals auch als Autor auf sich aufmerksam machte. „Der Bezirk Schorndorf“ lautete seine Veröffentlichung 1909. Wenige Jahre später erschienen „Schwobeblut“ und „Oiges Brot“ -Gedichtbände in schwäbischem Dialekt. Das Schwäbische sollte das Markenzeichen des aus bäuerlichen Verhältnissen stammenden Mannes werden. „Ich bin dazu da“, so soll Lämmle einmal gesagt haben, „dass ich über das Leben der Menschen, zu denen ich gehöre, nachdenke, und das, was ich erfahren und gefunden habe, niederschreibe in einer Sprache, die alle verstehen, und in einer Form, die auf Heiterkeit ausgeht.“ Vor Klassen stand Lämmle schon geraume Zeit nicht mehr, als er 1924 Leiter der Abteilung Volkskunde am württembergischen Landesamt für Denkmalspflege in Stuttgart wurde. Dieses Amt habe er als „persönlichen Glücksfall“ empfunden, schildert der Freundeskreis August Lämmle, denn hierbei habe er Interesse und Begabung in Einklang bringen können. 1936 erhält er den Schwäbischen Dichterpreis. Auch wenn Lämmle später als sogenannter Mitläufer entnazifiziert wurde: dunkle Flecken hat seine Karriereweste behalten. Bereits 1933 war er der NSDAP beigetreten. Davon habe er sich eine „großzügige Förderung der Volkskunde erhofft“, vermutete ein Historiker anlässlich von Feierlichkeiten zum 125. Geburtstag des Heimatdichters, der ihm auch attestierte, ein „recht unpolitischer Mensch“ gewesen zu sein. Weshalb Lämmle im Vorwort seines Buches „Das Herz der Heimat“ jedoch Hitler als den „gläubigsten und mutigsten Mann in der Geschichte der Deutschen“ adelte, darauf gibt es keine wirkliche Antwort. Er habe sich später belastet gefühlt von diesen Jahren seines Lebenslaufes, formuliert es der ihm gewidmete Freundeskreis. Lämmle veröffentlichte weitere Werke wie „Sprüche und Reimsprüche“ oder die „Reise ins Schwabenland“, bevor er 1951 von der Landesregierung zum Professor ernannt wurde. Mittlerweile in Leonberg wohnend, schlug ihn der Ludwigsburger Gemeinderat in seiner Sitzung vom 29. November 1956 für die Bürgermedaille vor – und überreichte sie wenige Tage später zum 80. Geburtstag Lämmles. Als „Sohn unserer Stadt“, so ist im Gemeinderatspro­tokoll zu lesen, habe Professor August Lämmle sich um das schwäbische Volkstum, um seine schwäbische Heimat und damit auch um die Stadt Ludwigsburg verdient gemacht. Seine Veröffentlichungen seien „zum Volksgut“ geworden. Die Bürgermedaille ist nicht die erste Ehrung der Stadt. Bereits 1955 wurde die Oßweiler Schule nahe seines Geburtshauses nach ihm benannt und schon im Jahr 1922 die Straße. August Lämmle starb am 8. Februar 1962. Beigesetzt wurde er auf dem Stuttgarter Waldfriedhof.


Stadtführung (Teil 51): Das Frauenforum

Von Verena Mayer

Als sich das Ludwigsburger Frauenforum formiert hat, war es um die Frauenpolitik in der Stadt augenscheinlich gut bestellt. Es gab eine Bürgermeisterin, die zugleich Frauenbeauftragte war: Gisela Meister-Scheufelen war eine von zwei weiblichen Bürgermeistern, die es in Baden-Württemberg gab. Entsprechend einzigartig war denn auch das Frauenforum, das Gisela Meister-Scheufelen initiiert hat. Einen weiteren Dachverband für sämtliche Frauenorganisa­tionen gab es nach der Erinnerung des Vorstandsmitglieds Ursula Schmälzle anno 1991 noch nicht. Es war ja auch nicht selbstverständlich und schon gar nicht einfach, die Interessen zu bündeln. Das Spektrum der Frauenverbände und -vereine reichte immerhin von den Ultrafeministinnen zu den eher konservativen und diplomatischeren Vertretern des weiblichen Geschlechts. Doch die Unternehmung war erfolgreich. „Heute toleriert man sich und versucht gemeinsam etwas zu erreichen“, sagt Ursula Schmälzle. Und das ist den etwa 15 Gruppen, die im Frauenforum vereint sind, gelungen. „Es wurde ein Bewusstsein geschaffen, dass Frauen einen Stellenwert haben“, resümiert Ursula Schmälzle. In den 90er Jahren beschäftigte die engagierten Frauen unter anderem der Paragraf 218, die weibliche Beteiligung in der Politik, Gewalt gegen Frauen – was damals noch ein Tabu war – oder die Einrichtung von Frauenparkplätzen. Die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist nach wie vor ein großes Thema, ebenso der geringere Verdienst von Frauen trotz gleicher Qualifikation und die Unterrepräsentanz in Führungspositionen. Große Freude hingegen bereitet den friedlichen Kämpferinnen, wenn eine neue Straße auch einmal nach einer weiblichen Persönlichkeit benannt wird. Dass das Frauenforum in der Abelstraße 11, einer städtischen Immobilie, eine Heimat und Anlaufstelle für alle Frauenverbände gefunden hat, wertet Ursula Schmälze ebenso als Erfolg wie den Andrang bei der aktuellen Veranstaltungsreihe „Gesundheit aus Frauensicht“. Am 8.März gehört den Frauen offiziell der ganze Tag. Und auch in Ludwigsburg wird der Internationale Frauentag entsprechend gewürdigt. Das Frauenforum veranstaltet an diesem Sonntag in der Diakonischen Bezirksstelle einen Frauenbrunch. Beginn ist um 11.15 Uhr. Am Tag zuvor findet um 11.30 Uhr eine Kundgebung auf dem Marktplatz statt. Sie richtet sich gegen die verordnete Unmündigkeit des weiblichen Geschlechts. Hierarchisch betrachtet, hat die städtische Frauenpolitik heute keinen allzu guten Stand mehr. Die Zeit der Bürgermeisterin ist ebenso vorbei wie die der Stabsstelle „Büro für Frauenfragen“. Die „Gleichstellun­gsbeauftragte“ ist nun auch zuständig für Männer, Migranten, Behinderte und Senioren. Im Frauenforum aber liegt der Fokus weiterhin ausschließlich auf der Frauenarbeit.


Stadtführung (Teil 50): Druckprivileg von Johann Benedikt Metzler

Von Miriam Hesse

Da werden sich die Buchhändler von heute vermutlich die Augen reiben, wenn sie zwischen den Zeilen der großen Ludwigsburger Stadtchronik erfahren müssen, welche Konditionen einst ein gewisser Johann Benedikt Metzler hatte. Der Sohn von einem der ersten Stuttgarter Buchhändler übernahm Anfang des 18. Jahrhunderts den väterlichen Betrieb, entflammte danach offenbar für die Schwester eines gewissen Christian Gottlieb Rößlin und heiratete sie. Wie praktisch, dass dies seinen Buchbestand nicht gefährdete – im Gegenteil. Denn des holden Rößlinens Bruder stand selbst ganz gut im Brot. Als damaliger Hof- und Kanzleibuchdrucker presste er sämtliche Patente, Ordnungen, Gebote und Predigten auf Papier. Der Schwiegersohn Metzler erlangte am 28. März 1718 das Privileg, dass in Stuttgart und Ludwigsburg niemand außer ihm befugt sein solle, einen Buchladen einzurichten oder mit Büchern zu handeln. Die Metzler-Reihe lief gut. Allein, der Rößlin-Zweig wuchs nicht weiter. Obwohl der Herzog Eberhard Ludwig ihm 1724 erlaubt hatte, in Ludwigsburg zu bauen, errichtete der alles andere als expansionswütige Christian Gottlieb kein Haus, sondern arbeitete weiter in gemieteten Räumen mit einer kümmerlichen Druckerei. 1727 starb Rößlin, und sein Privileg ging an Johann Georg Cotta über. Der wiederum wurde unter Carl Alexander zugleich zum Stuttgarter Hof- und Kanzleidrucker. Als solcher dürfte er vieles richtig gemacht haben. Denn Cottas Sohn Christoph Friedrich gründete im Jahr 1760 in Stuttgart die erste Schriftgießerei und investierte in Ludwigsburg, um auch hier im Druckereigeschäft bleiben zu können. Der findige Unternehmer verlegte mit Schillers erster Schrift die Grundlage dafür, dass die Cotta-Erben später zu den Haus- und Hofdruckern von Goethe und Schiller wurden. Und was aus diesen beiden Familienvätern geworden ist, wird jeder wissen, der schon ein gutes Buch in Händen hielt.


Stadtführung (Teil 49): Das Jubiläumsprogramm der Stadt

LUDWIGSBURG. Die Jubiläumsfeier­lichkeiten beginnen: Am Freitag, 6. März, findet der Festakt zur Stadtgründung vor 300 Jahren statt. Danach folgen bis Dezember mehr als 120 Veranstal­tungen. Das Programmheft ist jetzt erschienen.

Von Kathrin Haasis

Mit einem „breitgefächerten Veranstaltungsre­igen“ begeht Ludwigsburg seinen 300. Geburtstag. Der Oberbürgermeister Werner Spec hofft, dass damit die Laune der Ludwigsburger steigt: Das Programm biete vielleicht die Chance, in der Wirtschaftskrise „die Stimmung zu heben“. Nach langen Vorbereitungen liegen die Termine nun in gedruckter Form vor. Von März bis Dezember werden mehr als 120 Veranstaltungen geboten. Am Freitag, 6. März, findet der Auftakt statt: Im Forum am Schlosspark feiert Werner Spec mit 1250 Gästen die Stadtgründung vor 300 Jahren. Der OB hält die Festaktrede, und der Ministerpräsident Günther Oettinger wird von dem Moderator Markus Brock interviewt. Anschließend stehen Gespräche mit Persönlichkeiten der Stadt an, unter anderem mit dem Filmakademiedi­rektor Thomas Schadt. Das übers Jahr verteilte Programm hat vier Themenbereiche: Geschichte begreifen, Zukunft gestalten, kreativ sein und Feste feiern. Der Geburtstag wird in den üblichen Terminkalender eingebettet – mit einigen Zusatzangeboten. 950 000 Euro gibt die Stadt für das Jubiläum aus. Die Geschichte der Stadt können die Ludwigsburger etwa auf einem 300-Minuten-Weg am 10. Mai zu Fuß erkunden. Es gibt Ausstellungen über Tüftler und Erfinder, die Anfänge der Stadt und ihre Wirtschaftsges­chichte. Der Stadtarchivar hat zum Jubiläum ein Buch geschrieben: „Schwäbisches Potsdam“ heißt sein zweibändiges Werk, dass am 17. April vorgestellt wird. Bürgerbeteiligung und Bauwerke werden unter dem Motto „Zukunft gestalten“ zelebriert. Im Programm steht der am 20. März stattfindende Workshop zur Gestaltung des Tammer Platzes. Am 18. und 19. September sollen sich die Ludwigsburger auf einer Zukunftskonferenz an der nachhaltigen Stadtentwicklung beteiligen. Die Eröffnung der Multifunktionshalle am 1. Oktober wird groß gefeiert. Am 13. Oktober beginnt eine soziale Woche, bei der sich die Wohlfahrtsverbände vorstellen. Und bei einem Kongress mit allen Partnerstädten geht es am 15. Oktober um die Aufwertung benachteiligter Quartiere. Unter „kreativ sein“ läuft die Aufführung von Haydns „Schöpfung“. Filmakademies­tudenten zeigen am 25. und am 26. April Kurzfilme zum Thema „Wagnis: Leben“. Der Film- und Videoclub schreibt einen Wettbewerb zum Jubiläum aus, von Mitte Mai bis Ende Juni läuft zum ersten Mal das Festival Ludwigsburg-Dance mit internationalen Gastspielen und lokalen Eigenproduktionen. Und das Projekt „Wave“ bringt Performances mitten in die Stadt: Die Hartenecker Höhe, der Holzmarkt und das Neckarufer werden zu drei unterschiedlichen Terminen zur Bühne. Feste werden natürlich auch gefeiert, dieses Jahr eben etwas größer. Der Pferdemarkt, das interkulturelle Fest, das erste Schulcampus-Fest stehen auf der langen Liste. Einmalig ist das Ludwigsburger Stadtspiel am 11. Oktober in der neuen Halle, bei dem Gruppen aus der Stadt gegeneinander antreten. Der Höhepunkt kommt aber am 10. Juli: Dann spielen Die Toten Hosen im Jahn-Stadion. Das komplette Programm steht unter www.ideenreich-ludwigsburg.de im Internet.


Stadtführung (Teil 48): Schmerzstillende Säure ASS

Von Franziska Kleiner

Am Anfang stand der Wunsch, dem kranken Vater zu helfen. Der litt unter starkem Rheuma und der Chemiker Felix Hoffmann wollte ihm ein ebenso wirksames wie verträgliches Medikament beschaffen. Der Vater hatte das damals übliche Natriumsalicylat verabreicht bekommen. Das linderte zwar die Rheumaschmerzen, hatte aber mit Brechreiz und Magenschmerzen unangenehme Nebenwirkungen. Deshalb machte sich Hoffmann daran, an seiner Arbeitsstelle im Wuppertaler Labor der Bayer-Werke, in zahllosen Versuchen Salicylsäure zu veredeln. Bereits Hippokrates hatte schließlich schon die Wirkung des aus Weidenrinde gewonnenen Schmerzmittels gekannt. Am 10. Oktober 1897 hielt der damals 29-jährige Hoffmann seinen Erfolg in einem Laborbuch fest: Er hatte aus Salycil- und Essigsäure die Acetylsalicysäure – kurz ASS – in reiner und stabiler Form hergestellt. Schon zwei Jahre später wurde ein Mittel mit der schmerzstillenden und fiebersenkenden Wirkung der Acetylsalicylsäure unter dem Namen Aspirin als Marke beim Kaiserlichen Patentamt zu Berlin angemeldet. Berühmt wurde ASS schließlich unter dem Namen Aspirin. Er wird noch heute von Bayer zur Vermarktung genutzt. Felix Hoffmann, der Chemiker und Apotheker, wurde 1868 in Ludwigsburg geboren. Er war nicht der geniale Erfinder, dem der große Wurf gelungen war. Er war vielmehr der penible Verfahrenstechni­ker, der nach einem Rheumamittel für seinen Vater suchte. Nur elf Tage nach der Synthese von ASS stellte Hoffmann außerdem Heroin synthetisch her. Beide Substanzen waren schon vorher auf chemischem Wege produziert worden, aber nicht in medizinisch reiner Form. Der Franzose Charles Frédéric Gerhardt hatte 1853 ASS, der Britte Robert Alder Wright 1873 erstmals Heroin synthetisiert. Nachdem ihm die Synthese von ASS und Heroin gelungen war, wurde Hoffmann, der in München Chemie studiert hatte, Leiter der pharmazeutisch-kaufmännischen Abteilung von Bayer. Dort blieb er bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1928 beschäftigt. Er starb am 8. Februar 1946 in der Schweiz.


Stadtführung (Teil 47): Die Ludwigsburger Uhren

Von Martin Willy

Wir schreiben das Jahr Zweitausendneun. In Ziffern: 2009. Ja und, ist doch nicht ungewöhnlich? Von wegen. Hätten sich im Mittelalter nicht die arabischen Ziffern gegen den anfangs massiven Widerstand der katholischen Kirche in Europa durchgesetzt, würde das Zahlensystem wohl noch aus den lateinischen Buchstaben I, V, X, L, C, D und M bestehen. Demnach würden wir wie im alten Rom schreiben: MMIX. Das mit den römischen Zahlen wäre eine komplizierte Geschichte. Wie kompliziert, das ist an den Kirchturmuhren mit römischen Zifferblättern abzulesen. Da gibt es „richtige“ und „falsche“: an der lateinischen Schreibweise für die 4 ist das zu erkennen. Bei der Mehrzahl der Kirchturmuhren steht die falsche „IIII“ drauf. Ganz wenige schmückt die richtige „IV“. Dazu zählt die Uhr am Moskauer Kreml, die am Big Ben in London und – die beiden Zifferblätter auf den Türmen der evangelischen Stadtkirche in Ludwigsburg. Warum die Normalschreibweise der „IV“ meist nicht verwendet wird, dazu gibt es verschiedene Erklärungen. Die Verwechslungsgefahr mit der „VI“ sei zu groß, besagt eine Theorie. Eine andere deutet die „IV“ als Abkürzung für den obersten römischen Gott „IVPITER“, was die Verwendung für profane Dinge quasi ausschließen würde. Dieses Tabu habe sich gehalten, auch als der christliche Glaube die heidnische römische Götterlehre abgelöst habe. Außerdem gibt es eine handwerkliche Theorie: Hätte man die „IV“ verwenden wollen, dann hätten die Baumeister bei der Herstellung der Ziffern mehr und kompliziertere Gussformen oder Schablonen herstellen müssen. Schließlich gibt es noch die symmetrische Begründung für die Verwendung der „IIII“: Wird das Zifferblatt geteilt, so dass die Zahlen VI bis XI zur linken Seite zählen, dann befinden sich jenseits der Linie jeweils 14 Zeichen. Aber auch ohne die falsche ?IIII? sehen beide Zifferblätter richtig gut aus – oder vielleicht gerade deswegen.


Stadtführung (Teil 46): Die geheimnisvolle Glocke

Von Lukas Jenkner

So manche Absonderlichkeit findet sich in einem Museum. Das hat auch damit zu tun, dass historische Sammlungen bisweilen eher unvermutet an ihre Exponate gelangen und es manches Mal darum geht, etwas in die Ausstellung zu integrieren, von dem man gar nicht dachte, dass man es jemals in Besitz haben würde. Das Ludwigsburger Garnisonmuseum bildet da keine Ausnahme. Zum Beispiel die Glocke, die seit einigen Jahren im Obergeschoss des Museum im Asperger Torhaus steht. Bis vor gar nicht allzu langer Zeit, zumindest in historischer Perspektive, also vor rund elf Jahren, thronte diese Glocke auf dem Dach der Reinhardtkaserne, oder auf der Trainkaserne, wie sie ursprünglich einmal geheißen hatte. Von 1888 an war in der Kaserne das Kriegsgerät des Ludwigsburger Militärs untergebracht. Danach hatte die Reichswehr dort eine Fahrabteilung, 1937, da war die Kaserne bereits nach dem letzten preußischen Kriegsminister Walter Reinhardt umbenannt worden, residierten auf dem Areal das Flakregiment und die Luftwaffenschule. Nach 1945 gastierte die US-Army dort, bis zum Jahr 1992. Danach blieb die Kaserne eine Weile leer, bis sie 1997 renoviert und zum Film- und Medienzentrum umgebaut wurde. Im Zuge dieser Renovierung, vermutet Walter Wannenwetsch vom Garnisonmuseum, ist auch die Glocke abgenommen worden – und offenbar in dunklen Kanälen verschwunden. Jahre später, erzählt Wannenwetsch, tauchte sie wieder auf – im Internet, angeboten bei einer Auktion. Durch Zufall habe man das gute Stück 2005 entdeckt und sei mit dem Besitzer in Kontakt getreten. Zunächst bekam das Garnisonmuseum die Glocke als Leihgabe, inzwischen hat das Museum das Stück gekauft, sagt Wannenwetsch. Man habe sich mit dem damaligen Besitzer auf einen vernünftigen Preis einigen können. Dass die Glocke tatsächlich einmal die Trainkaserne zierte, war seinerzeit übrigens keineswegs geklärt. Zwar deutete die Jahreszahl 1888, die auf der Glocke zu lesen ist, darauf hin, schließlich wurde die Kaserne auch im selben Jahr erstmals genutzt. Um diese Frage mit Sicherheit beantworten zu können, war jedoch einiges an Recherche notwendig. Auf einigen alten Fotos der Kaserne, auf denen die Glocke zu erkennen ist, sind die militärgeschichtlich Interessierten aber schließlich fündig geworden.


Stadtführung (Teil 45): Invitare - Nicht nur für junge Mütter

Von Verena Mayer

Die Not, in der sich Bettina Weidenbach 1981 befand, hätte viele andere 14-Jährige verzweifelt gemacht – Bettina Weidenbach aber hat sie mutig gemacht und erfinderisch. Die Ludwigsburgerin ist die Initiatorin von Invitare. Sie schuf damit etwas Einzigartiges in der Stadt: eine private Beratungsstelle für Schwangere, die ohne öffentliche Zuschüsse arbeitet und bei ihren Hilfestellungen an keine diktierten Grenzen gebunden ist. Als Bettina Weidenbach Invitare gründete, war sie 31 Jahre alt. Aber wie ihre Schwangerschaft mit 14 war, das hatte sie nicht vergessen. „Du versaust dir dein Leben“, hatte sie damals von der Familie zu hören bekommen. Für sie war klar, dass das Baby abgetrieben oder zur Adoption freigegeben wird. Doch die werdende Mutter, die selbst noch fast ein Kind war, folgte ihrem eigenen Willen. Sie bekam ihr Baby und sie meisterte ihren Schulabschluss ebenso wie die Ausbildung zur Fernmeldetechni­kerin, trotz erneuter Schwangerschaft im ersten Lehrjahr. Die Unterstützung, die Bettina Weidenbach als 14-Jährige nicht fand, bietet sie mit Invitare inzwischen selbst an. Gemeinsam mit Martina Strube, die damals als Erzieherin in der Charlottenkrippe arbeitete, gründete sie am 29. Januar 1998 einen Verein für die Beratung junger Frauen, die ungewollt schwanger sind. Das machte Invitare – und zwar so erfolgreich, dass das bisschen Platz in der Charlottenkrippe nicht lange reichte; und dass sich das Angebot längst nicht mehr nur an junge schwangere Mädchen richtet. In der Mörikestraße 118 bietet Invitare unter anderem Erziehungs- und Familienberatungen an, hat einen Frühstückstreff eingerichtet, ein Caféstüble für Senioren und will dort auch bald eine Notunterkunft für Frauen integrieren. Zudem verkauft Invitare im eigenen Laden in der Bismarckstraße gebrauchte Kinder- und Schwangerschaf­tskleidung. Was vor elf Jahren als ehrenamtliches Projekt begann, ist für Bettina Weidenbach, Martina Strube und sechs weitere Angestellte zur hauptamtlichen Beschäftigung geworden. Sie und bis zu 100 ehrenamtliche Helfer sind für Ratsuchende aus der Stadt, dem Kreis und teilweise darüber hinaus da. Der jüngste Schützling war zwölf Jahre alt, der älteste 42. Möglich ist die überkonfessionelle Arbeit durch Spenden und die Zinsen, die die Stiftung abwirft, in die der Verein inzwischen umgewandelt wurde.


Stadtführung (Teil 44): Der traurige Bauleiter

Von Holger Gayer

Als Eberhard Ludwig zu Beginn des 18. Jahrhunderts beschließt, auf dem Fundament des abgebrannten Erlachhofs ein Jagdschloss zu bauen, hat er durchaus Mühe, einen zur Umsetzung seiner Vorstellungen fähigen Architekten und Bauleiter zu finden. Dass er sich bei seiner Wahl aber ausgerechnet auf einen Rat des Klerus verlässt, erstaunt dann doch; immerhin hatte der Fürst ob seines unsteten Lebenswandels ein ausgesprochen gespanntes Verhältnis zur Geistlichkeit. Dennoch bestimmt er schließlich einen jungen Theologen namens Philipp Joseph Jenisch zum ersten Bauleiter an seinem neuen Schloss. Jener hatte sich zuvor durch Fleiß und ein gewisses Talent in Physik und Mathematik hervorgetan und ist vom Herzog dafür mit zwei Studienreisen nach Italien belohnt worden. Dort sollte er sehen und lernen, wie man in jener Zeit modern baut. Remo Boccia, ein Historiker aus Italien, der intensiv über das Wirken seiner Landsleute am württembergischen Hof des 17. und 18. Jahrhunderts geforscht hat, kommt jedenfalls zu dem Schluss, dass Jenisch sich während seiner Italienaufenthalte „am Modell antiker romanischer Villen inspirierte“ und nach deren Vorbild für das künftige Schloss des Herzogs „einen zentralen Komplex von drei Ebenen“ plante, „der architektonische Stilmerkmale der Renaissance erkennen ließ“. Dieser architektonische Ansatz, „dessen Stil noch nicht klar definiert war“, soll dem Herzog auf Anhieb so gut gefallen haben, dass er die Ortschaft, die in der Nachbarschaft des Schlosses entstehen sollte, spontan Ludwigsburg getauft hat. Wie Jenischs Pläne konkret ausgesehen haben, ist allerdings nicht bekannt. Der Ludwigsburger Stadthistoriker Albert Sting vermutet, dass ein erster Plan von 1703 stammt. Genaueres wisse man über einen sogenannten Bauüberschlag vom 26. Februar 1705 mit drei Grund- und zwei Aufrissen. „Aber all seine Pläne“, schreibt Sting, „sind verschwunden.“ Und nicht nur das: 1706, nur zwei Jahre nach der Grundsteinlegung zum Schloss, verschwand auch Jenisch und ward in Ludwigsburg nie wieder gesehen. Der Theologe, der nach Albert Stings Vermutung „mehr theoretisch als künstlerisch-schöpferisch begabt gewesen sein wird, vermochte nicht auf Dauer den Ansprüchen des Herzogs zu genügen“. Es heißt, dass Jenisch diese Demütigung zeitlebens nicht verdaut habe. Umgegangen ist er damit auf zweierlei Weise. Zum einen hat er versucht, die Gunst des Herzogs wiederzuerlangen, zum anderen hat er nach Kräften gegen seinen Nachfolger in Ludwigsburg, Johann Friedrich Nette, intrigiert. „Wenn die Tugenden des Theologen über seine menschlichen Schwächen dominiert hätten, so hätte er womöglich das eigene Ansehen verbessern können“, schreibt der Historiker Remo Boccia. Da dies aber nicht der Fall gewesen sei, habe Philipp Joseph Jenisch schließlich sogar eine ganz üble Verschwörung angezettelt. Eine anonyme Anzeige war plötzlich aufgetaucht, in welcher Nette der Untreue verdächtigt wurde. Zu Unrecht, wie sich später herausstellte. Trotzdem flüchtete der gesundheitlich angeschlagene Architekt zunächst nach Frankreich und konnte erst einige Monate später von einer Rückkehr nach Württemberg überzeugt werden. Es soll übrigens der Herzog höchstpersönlich gewesen sein, der Nette gut zugeredet hat. Doch auf dem Rückweg starb Nette infolge eines Schlaganfalls. Als Jenisch ob dieser neuen Situation glaubte, wieder zu Amt und Würden zu kommen, beschied ihm der Herzog brüsk „ein Theoretiker ohne jeglichen Hang zur Kreativität und zur praktischen Intuition“ zu sein. „In der Tat“, schreibt Remo Boccia, „hegte der Herzog gegen Jenisch einen solchen Hass, dass er ihn nicht länger in seiner Nähe duldete.“ Seine letzten Jahre verbrachte Philipp Joseph Jenisch im Evangelischen Seminar in Blaubeuren. Dort starb er am 30. Juni 1736.


Stadtführung (Teil 43): Horst Köhler zum 66. Geburtstag

LUDWIGSBURG. Morgen (21. Februar 2009) feiert Horst Köhler seinen 66. Geburtstag. Dazu wird er viele Glückwünsche aus seiner Heimatstadt erhalten. Denn hier hat das Staatsoberhaupt nicht nur sein Abitur gemacht, sondern auch zum ersten Mal einen leibhaftigen Präsidenten gesehen.

Von Holger Gayer

Als Horst Köhler neulich in der Gegend war, um den 125. Geburtstag seines Vorgängers Theodor Heuss zu feiern, offenbarte er eine erstaunliche Ortskenntnis. Von Häfnerhaslach berichtete er, einem Flecken, der kaum 800 Einwohner zählt und dessen Geschichte selbst überzeugten Lokalpatrioten im Landkreis Ludwigsburg nicht zwingend ein Begriff ist. Doch von dort stammt ein Onkel von Köhlers Gattin Eva, und von eben jenem Onkel aus Häfnerhaslach bekam der junge Horst die ersten mit Lemberger gefüllten Weinflaschen seines Lebens. Womit sich der Kreis zu Theodor Heuss schließt. Der mochte den Lemberger auch sehr gern. Dass Horst Köhler sich am morgigen Sonntag wieder hier einfinden wird, um diesmal seinen eigenen, den 66.Geburtstag zu feiern, ist unwahrscheinlich. Das Bundespräsidialamt teilt nur mit, dass Köhler seinen Ehrentag traditionell mit Freunden und der Familie im Schnee verbringe; wo, das soll geheim bleiben. Und doch gibt es nicht wenige in diesem Landstrich, die über Heuss und Köhler ähnliche Anekdoten wie die vom Lemberger aus Häfnerhaslach erzählen könnten. Vieles vereint den ersten und den aktuellen Bundespräsidenten, das Wichtigste davon ist die Heimat: Der eine, Heuss, hatte sie in Brackenheim und Stuttgart; der andere, Köhler, nennt Ludwigsburg als den prägenden Ort der Jugend und des Herzens. Vorhersehbar war das nicht. Köhlers Eltern waren einfache Bauern gewesen in einem Dorf in Bessarabien. Bereits 1814 hatte der russische Zar Alexander auswanderungswi­llige Deutsche angeworben, die sich in dem Gebiet ansiedeln sollten. Knapp 130 Jahre später war es Adolf Hitler, der unter dem Motto „Heim ins Reich“ um die Bessarabiende­utschen warb – und wenige Monate später in Russland einmarschierte. Familie Köhler hatte da bereits den umgekehrten Weg angetreten, wusste aber noch nicht, wie zahllos viele Flüchtlinge folgen sollten. Als siebtes von acht Kindern ist Horst am 22. Februar 1943 im Aufnahmelager im polnischen Skierbieszów geboren worden. Von dort aus gelangte er über Sachsen und Westberlin nach Stuttgart, wo allmählich die Erinnerung des flüchtenden Kindes einsetzt. Horst Köhler weiß, wie er nach Backnang kam und dort bei einem Lehrer namens Balle zur Schule ging. In dessen Unterricht, so heißt es, habe Horst das Pfeifen auf zwei Fingern erlernt – und aus diesem Grund auch das Nachsitzen. Doch soll es Balle gewesen sein, der den Eltern Köhler empfohlen hat, den Sohn Horst aufs Gymnasium zu schicken. Das sollte erst in Ludwigsburg gelingen. Die Akte Köhler im Archiv des Landratsamtes bestätigt die Ankunft des späteren Bundespräsidenten in der ehemaligen Jägerhofkaserne im Dezember 1953; da war die heutige Nummer eins im Staate zehn. Dass Horst Köhler 55 Jahre später mitbekommen hat, wie diese entscheidende Lebensstation im Juni 2008 als letzte ihrer Art im Landkreis geschlossen wurde, ist ziemlich wahrscheinlich. Denn keineswegs erinnern sich nur die früheren Mitschüler an ihren Kameraden von einst, auch umgekehrt hat Horst Köhler nie vergessen, wo seine Wurzeln sind. Die Klassentreffen der Veteranen des Mörike-Gymnasiums besucht Köhler regelmäßig. Auch sonst ist er oft in Ludwigsburg, wenn es keiner mitkriegt – und manchmal auch offiziell. Beim letzten Mal hat's gestürmt, geregnet und fast geschneit. Da war Horst Köhler eines Freitagnachmittags im Schlosshof angetreten, um den slowenischen Präsidenten Danilo Türk mit einem wedelnden Schirm zu empfangen, einen Tag später über die Straße ins Forum am Schlosspark geschlendert, um das 60-Jahr-Jubiläum des Deutsch-Französischen Instituts zu feiern, und schließlich am Sonntag nach dem Kirchgang wieder ins Forum spaziert, um dort das Bundestreffen der Bessarabiende­utschen zu begehen. Er sagt, dass dies ein besonderer Moment für ihn gewesen sei: als Präsident der Bundesrepublik in der eigenen Heimatstadt auf jene zu treffen, die für die Heimat seiner Eltern stehen. Doch Gefühle zeigt Horst Köhler bei solchen Terminen kaum; er absolviert sie souverän – mit Reden, einem Lächeln und einem bemerkenswerten Protokoll. So wird den Fotografen befohlen, dass „keine Intimfotos (zum Beispiel beim Essen) gemacht werden dürfen“. Journalisten wiederum mögen der Anweisung folgen, dass der Bundespräsident „nicht angesprochen werden darf“. Das ist insofern bemerkenswert, als sich Horst Köhler selbst am wenigsten an derlei unsinnige Verbote hält. Zwar erwandert er sich das Land nicht wie Karl Carstens das einst getan hat und er volkstümelt auch nicht mit einer künstlerisch-zweifelhaften Version von „Hoch auf dem gelben Wagen“ wie Walter Scheel. Nah an den Menschen aber will er sein, und das ist er auch, weil er den Leuten zuhört, wenn er unterwegs ist, und mit ihnen redet in einer Sprache, die sie verstehen. Bei vielen Politikern, selbst solchen mit CDU-Parteibuch, ist er deswegen nicht sonderlich gelitten. Köhler vergesse ganz gern zu erwähnen, dass Politiker auch unpopuläre Entscheidungen zu treffen hätten, mäkeln sie. Und er profiliere sich ganz bewusst durch die Abgrenzung zur Kaste derer, die ihn am 23. Mai in der Bundesversammlung wiederwählen sollen. Gäbe es eine Testwahl in seiner Heimatstadt, dürfte der prominenteste lebende Ludwigsburger mit einem sozialistischen Ergebnis rechnen. Horst Köhler gilt den Ludwigsburger als einer der ihren – und umgekehrt. Er selbst sagt, dass er spätestens 1957 so richtig hier angekommen sei. Drei Zimmer, Küche, Bad: das ist es, was er hatte vor 52 Jahren in der Grönerstraße 58. In Berlin, im Schloss Bellevue hat er ein wenig mehr, aber in der Grönerstraße in Ludwigsburg war das erste eigene Heim, nicht seins, aber das seiner Eltern, und er wohnte darin und konnte sich Freiheit verschaffen, wenn einer in der Schule mal meinte, dass er bloß ein Flüchtling sei. Doch spätestens beim Fußballspiel waren sie wieder beieinander. Und beim Besuch des französischen Staatspräsidenten. Es war am 9. September 1962, als Charles de Gaulle in Ludwigsburg seine aufsehenerregende Rede an die deutsche Jugend hielt. „Sie alle beglückwünsche ich“, hob de Gaulle im Schlosshof an: „Ich beglückwünsche Sie zunächst, jung zu sein. Ich beglückwünsche Sie ferner, junge Deutsche zu sein, das heißt Kinder eines großen Volkes. Eines großen Volkes, das manchmal im Laufe seiner Geschichte große Fehler begangen hat. Ein Volk, das aber auch der Welt fruchtbare geistige, wissenschaftliche, künstlerische und philosophische Wellen beschert hat.“ Der 19-jährige Gymnasiast Horst Köhler war an jenem Tag einer von den Tausenden, die dem Versöhner aus dem Land des einstigen Kriegsgegners gebannt gelauscht haben. „Ich weiß noch, wie wir neben dem Wagen de Gaulles die Königsallee entlanggerannt sind“, sagt Horst Köhler. Damals hat er zum ersten Mal einen Präsidenten gesehen.


Stadtführung (Teil 42): Schlosstheater als Wanderzirkus

Von Kathrin Haasis

Das Theater hatte in Ludwigsburg lange Zeit das Schicksal eines Wanderzirkus zu erdulden, mit ständig wechselnden Spielorten. Das Hin und Her der Residenz zwischen Ludwigsburg und Stuttgart, die unterschiedlichen Launen und Gepflogenheiten der Herrscher sowie Machtwechsel bestimmten dessen Schicksal. So träumte Herzog Eberhard Ludwig bereits 1712 von einem Opernhaus. Ein Jahr später wurde der Einbau eines Theaters in die Orangerie beschlossen – in Ermangelung eines geeigneten Saals. Im Talbau ist drei Jahre später eine Bühne eingerichtet worden, die wiederum drei Jahre später abgerissen wurde. 1720 begann Retti einen Theaterbau beim westlichen Kavalierbau mit den Resten des alten Theaters. Doch da diese Bühne dem neuen Corps de Logis im Weg stand, wurde sie 1726 abgebrochen. Und munter ging es so weiter! Eigentlich hätte 1728 dann endlich mit dem Bau des eigentlichen Schlosstheaters begonnen werden sollen. Aber Herzog Eberhard Ludwig hatte kein Geld dafür. Als er 1733 starb, nahm er die Pläne mit ins Grab. Sein Nachfolger Carl Eugen, der Musik, Theater und Ballett liebte, scheute dagegen keine Kosten für die darstellenden Künste. Nach zehn Jahren Bauzeit wurde das Schlosstheater 1758 fertigges­tellt. Damit aber nicht genug: Zum Geburtstag schenkte sich der absolutistische Herrscher noch das größte Opernhaus Europas. Weil es schnell gehen musste, wurde es nur aus Brettern im Ostgarten zusammengezimmert. Die Pracht war nicht von langer Dauer, 1801 begann der Abriss. Königin Mathilde bekam dafür zu ihrem Geburtstag 1809 eine neue Bühne beim Seeschloss Monrepos hingestellt. Aber auch diesem Haus war keine Zukunft beschieden, es wurde neun Jahre später demontiert und beim Bau des Reithauses in der Karlstraße wiederverwertet. 1816 war im Schlosstheater ebenfalls für lange Zeit der Vorhang gefallen – mit dem Tod von König Friedrich, der kein Stück verpasst hatte. Sein Nachfolger Wilhelm I. residierte fast ausschließlich in Stuttgart. Danach befüllten umherziehende Schauspielgruppen die Bühne, bis das Schlosstheater 1853 in einen knapp 100-jährigen Dornröschenschlaf verfiel. Zuvor hatte noch Königin Pauline, die in Ludwigsburg bis 1852 ihren Sommersitz nahm, ab und an für Unterhaltung gesorgt. Da in der Stadt kein größerer Saal vorhanden war, kam für die meist durchziehenden Schauspielgruppen später nur der Tanzsaal im Bären oder der Saal im Waldhorn für Auftritte in Frage. Mit dem Schlosstheater konnte aber keine Bühne mithalten. Das anspruchsvolle Publikum wanderte deshalb nach Stuttgart ab.


Stadtführung (Teil 41): Barockes Rechenexempel

Von Holger Gayer

Vielleicht sollte man bei Gelegenheit erforschen, ob es zu Zeiten des württembergischen Herzogs Eberhard Ludwig schon Menschen mit einem Hang zum Ökologischen gegeben hat. Man stelle sich vor: ein Grüner im Barock, der im Gefolge des Herzogs davon erzählt, dass die Sümpfe rund um den abgebrannten Erlachhof als Biotop erhalten bleiben und der Herzog lieber die dort sesshaften Kröten schützen als die monetären Kröten aus dem Staatssäckel für ein völlig unnützes Schloss ausgeben sollte. Was wäre wohl passiert mit so einem Menschen? Irrenanstalt, Hohenasperg oder gar der Galgen? Im Barock herrschte jedenfalls die Meinung vor, dass der Mensch die Natur beherrschen und Ordnung in das vermeintliche Chaos bringen sollte. Ideal war, was symmetrisch ist. Ein besonderes Beispiel für diese Art von Städteplanung ist der Ludwigsburger Marktplatz. Der Platz ist 380 Schuh (etwa 109,35 Meter) lang und 280 Schuh (etwa 80 Meter) breit. Gestaltet wurde das Geviert von dem italienischen Schloss- und Stadtbaumeister Donato Giuseppe Frisoni – und zwar in streng beachteten Proportionen. Wer's nachzeichnen will, hier ist die Aufgabe dazu, formuliert in den Worten, die der Stadthistoriker Albert Sting gefunden hat: „Die südlichen und nördlichen Häuserfronten stehen zur Straßenseite im Verhältnis 3:2:3. Die Häuserfronten im Westen und Osten stehen im Verhältnis zu den Kirchenplätzen im Verhältnis 2:3:2. Die Flächen, auf denen die beiden Kirchen stehen, sind quadratisch und je ein Viertel so groß wie der ganze Marktplatz.“ (Anmerkung der Redaktion: wer's mitgezeichnet hat und wissen will, ob seine Lösung stimmt, blättere im ersten Band von Albert Stings „Geschichte der Stadt Ludwigsburg“ auf Seite 631. Dort ist der Plan abgebildet.) Gesäumt war der Marktplatz ursprünglich von etlichen zweigeschossigen Häusern, deren Untergeschoss durch Arkaden aufgelockert wurden. Auch deren Anzahl folgt einer gewissen Logik. In der nordwestlichen Ecke des Marktplatzes stehen acht und acht Arkadenbögen. In der südöstlichen Ecke sind es zehn Arkaden und zehn Bögen. In der nordöstlichen Ecke befinden sich acht und zehn Bögen. Und in der südwestlichen Ecke sind es zehn und acht Bögen. „Diese Zahlen ergeben sich, obwohl die Bogenweiten nicht gleich und auch nicht regelmäßig sind“, stellt Albert Sting jedoch ernüchtert fest und schließt mit dem Nachsatz: „Warum das so ist, konnte bis heute nicht geklärt werden.“


Stadtführung (Teil 40): Die Dreieinigkeitskirche am Marktplatz

Von Martin Willy

Auf dem Ludwigsburger Marktplatz besteht akute Verwechslungsge­fahr. Welche der beiden dortigen Kirchen ist die katholische und welche die evangelische? Üblicherweise ist das prunkvollere und prächtigere Gotteshaus das der Katholiken, denen ja ein gewisser Hang zu Pomp und Protz anhängt. Aber in Ludwigsburg ist die schlichtere Kirche die katholische. Allerdings eher gezwungenermaßen als freiwillig. Für Glanz und Gloria haben sich der Herzog Eberhard Ludwig und die evangelisch-lutherischen Christen beim Bau der Stadtkirche Anfang des 18. Jahrhunderts entschieden. Der barocke Landesherr wollte schließlich einen repräsentativen Bau, und den lutherischen Christen mangelte es auch nicht an Selbstbewusstsein: Als ihre evangelisch-reformierten Glaubensbrüder eine Kirche errichten wollten, deren Bau ihnen der Herzog zugesichert hatte, sollte sie deutlich schlichter ausfallen als das gegenüberliegende Gotteshaus der lutherischen Christen. Schließlich – so deren Argument – müsse klar erkennbar sein, welches christliche Bekenntnis im Herzogtum Württemberg vorherrsche. Die Geschichte der reformierten Gemeinde in Ludwigsburg war auch sonst eher bescheiden und überdies von kurzer Dauer. Die Mitglieder bestanden im wesentlichen aus den Hugenotten, die das Herzogtum um das Jahr 1700 aus Frankreich aufgenommen hatte. Aus Stuttgart und Cannstatt siedelten sie nach Ludwigsburg um. Ihre Kirche am Ludwigsburger Marktplatz wurde im holländisch-nüchternen Stil errichtet und 1738 eingeweiht. Die Zahl der reformierten Christen in Ludwigsburg sank in den Folgejahren allerdings stetig, bis sämtliche Männer mit lutherischen Frauen verheiratet waren. Um 1750 gab es nurmehr 13 Erwachsene und sieben Kinder reformierten Bekenntnisses in Ludwigsburg. Die Tage der Gemeinde und die der Kirche waren längst gezählt. Schon 36 Jahre nach der Einweihung wurde das Gebäude baufällig. Herzog Carl Eugen sah sich gezwungen das Gotteshaus zu übernehmen und erklärte es 1781 zur Garnisonskirche. Die Erleichterung in der evangelischen Stadtkirche muss groß gewesen sein, dass die Soldaten in der Stadt endlich eine eigene Kirche bekommen. Denn bis dato mussten sich die zivile und die militärische Gemeinde ein Gotteshaus teilen: nämlich die Stadtkirche. Und das war selbst unter Christen eine spannende Angelegenheit. Dauerte etwa der Gottesdienst der Militärgemeinde zu lange, mussten die Mitglieder der zivilen Gemeinde vor der Kirche warten – was vor allem im Winter die christliche Nächstenliebe arg beanspruchte. Wollten die eifrigen Kirchgänger das Warten dadurch umgehen, dass sie einfach den früher terminierten Militärgottesdienst besuchten, dann landete das Opfergeld nicht im Klingelbeutel der Zivilgemeinde. Was die Lage nicht gerade entspannte. Auch wurden Orgel, Glocken und Inventar bei der Doppelnutzung stärker abgenutzt. Ja, mancher Soldat brach sogar die geschlossenen Kirchenstühle auf und beschädigte sie. Das war vom Jahr 1781 an Kirchengeschichte. Auch wenn die alte Garnisonskirche zwischen 1792 und 1815 als Heumagazin gedient haben soll, gelangte es nach der Reichsgründung 1871 zu neuer Blüte. Die Garnison wurde erheblich vergrößert, und die heutige Dreieinigkeit­skirche mit ihren 900 Sitzplätzen wurde viel zu klein. So wurde das Gebäude restauriert und von 1881 an dreimal im Monat doppelter Gottesdienst gehalten. Anläufe, die Kirche zu vergrößern oder eine neue zu bauen, scheiterten an mangelndem Platz oder fehlendem Geld. Schließlich erteilte König Wilhelm II. 1898 den Befehl, eine neue Garnisonskirche zu bauen. Die wurde am Karlsplatz errichtet und bot 1700 Personen Platz. Eingeweiht wurde sie am 1. Mai 1903. Die alte Garnisonskirche wurde von der katholischen Kirchengemeinde in Ludwigsburg am 18. Dezember desselben Jahres übernommen – seither trägt sie den Namen „Zur Heiligsten Dreieinigkeit“.


Stadtführung (Teil 39): Das Ergebnis vom Sitzen und Schnitzen

Von Christine Bilger

Es gibt aufregendere Zeiten im Leben eines Missetäters als jene Tage, in denen er dafür büßen muss, andere geschädigt zu haben. Hinter schwedischen Gardinen werden schlimme Finger daher mitunter fleißig und setzen ihre Fantasie nicht mit krimineller, sondern kreativer Energie um. So geschehen hinter den Mauern des Ludwigsburger Gefängnisses. Einer der letzten Insassen, der dort seine Haftstrafe absaß, hatte sich dem Schiffsbau verschrieben. Wobei seine Bauwerke nicht für die Flucht auf dem nahen Neckar gedacht waren, sondern als reiner Zeitvertreib. Auf ein Hobby und das dafür notwendige Bastelmaterial hatte der Gefangene ein Recht, und der zuständige Justizbeamte mag ganz schön geflucht haben, als er vernahm, was der Häftling begehrte: Zündhölzer. Diese zu beschaffen war natürlich weder aufwendig noch kostspielig. Allein sie für den Gebrauch in der Zelle sicher zu machen, dafür bedurfte es viel Geduld seitens des Aufsehers und in der Tat auch eines langen Atems. Denn die Hölzchen durfte er dem Gefangenen nur abgebrannt überlassen, auf dass der in der Zelle nicht zündeln würde. Also hieß es für den Aufseher – je nach Größe des geplanten Projekts – 25.000 bis 100.000 Streichhölzer anzubrennen und wieder auszupusten. Die schwarzen Segel des kleinsten Modells, das der Häftling nach Ende der Haft dem Gefängnis schenkte, sind übrigens aus dem Stoff, aus dem auch Träume von der großen Freiheit sein können, glaubt man alten Hollywoodstreifen: aus dem Leintuch in der Zelle. Statt diese in Streifen zu reißen und sich an einem daraus geflochtenen Seil durch das Fenster aus dem Staub zu machen, färbte der Bastler in seiner unfreien Zeit das Tuch mit Kaliumpermanganat schwarz ein und schnitt es maßstabsgetreu zurecht. Was er verbrochen hatte, das weiß heute niemand mehr. Nur eins steht fest: Seine Zeit hinter Gittern muss eine haarige Sache gewesen sein. Denn zum Rasieren hatte er offenbar nichts. Die vollbusige Schönheit, als Gallionsfigur an Schiffsmodell gepappt, ist eine Schnitzarbeit aus Rasierseife. Der Häftling schämte sich seiner Taten, weder der draußen noch der hinter Gittern, übrigens nicht. Als er seine Karriere beendet hatte, das Ludwigsburger Gefängnis geschlossen und in ein Museum verwandelt war, kam er immer wieder freiwillig zurück und zeigte seinen Kumpels stolz sein Bastelwerk, das heute als Museumsstück doppelt geschützt hinter Glas und hinter Gittern steht.


Stadtführung (Teil 38): Ende eines amourösen Abenteuers

Von Christhard Henning

Obwohl das Eintrittsgeld für das Hohenecker Heilbad verschwindend gering ist im Vergleich zu anderen Wassertempeln, wollen einige Zeitgenossen immer wieder kostenlos die labenden Fluten genießen. Vielleicht auch, weil in kalten Nächten das Außenbecken der Anlage kräftig dampft und auf diese Weise die Schwärmer der Dunkelheit zu einer Kletterpartie über den Zaun verführt. Diese Klimmzüge hatte auch ein junges Pärchen glücklich hinter sich gebracht, als es sich plötzlich im grellen Licht eines Scheinwerferkegels wiederfand. Nichts war's also damit, in der Nähe des glucksenden Wassers ein Schäferstündchen wie in Amors Garten zu vollenden. Mit panischen Bewegungen griffen sich die Liebenden ihre Siebensachen und bedeckten notdürftig ihre Blöße. Und während die Jungliierten peinlich berührt von der Stätte zärtlicher Umarmungen flohen, zischte Julia ihren Romeo an: „Siesch, i han's dir doch glei gsagt.“ Ihr war der nächtliche Besuch im Heilbad nämlich von Anfang an nicht geheuer gewesen. Sie ahnte, dass ihr illegales Eindringen nicht folgenlos bleiben würde. Wie wenig hatte sie ihr Bauchgefühl getrogen, grinst noch heute die Badleiterin Gabriele Loos, von der jenes hübsche Geschichtchen stammt. Denn um Einbrechern den Schneid abzukaufen, sind im Heilbad Bewegungsmelder montiert, die mit einer Leitwarte verbunden sind. Registriert dieses filmische Auge auf dem Gelände ungebetene Gäste, erscheinen jene auf einem Monitor, den der diensthabende Monteur im Kontrollblick hat. Ob dieser Mann unser Paar zunächst ein paar Minuten hat gewähren lassen, um sie dann quasi im Höhepunkt ihres Amüsements nachdrücklich auf die Badeordnung hinzuweisen, ist unterdessen nicht überliefert.


Stadtführung (Teil 37): Brand im Seegut von Schloss Monrepos

LUDWIGSBURG. Eine Schusseligkeit in finstrer Nacht, schon stand das Ökonomiegebäude am Monrepos in Flammen. Vor 80 Jahren forderte ein Großbrand in der Schlossanlage die Einsatzkräfte. Und trotz größter Hitze erlitten die Retter in erster Linie erfrorene Hände und Füße.

Von Christhard Henning

Der Mann dürfte nicht mehr recht glücklich geworden sein im Leben. Früh war er aufgestanden an jenem bitterkalten 15.Februar des Jahres 1929. Als Angestellter des Gutshofs auf der Domäne galt er als fleißig und zuverlässig. Einer seiner ersten Wege an diesem Freitag führte ins Gerätehaus, das früher als Stall genutzt wurde, aber nur noch ein paar Schweine beherbergte. Auf dem Boden obendrüber lagerten 800 Zentner Weizen. Mit klammen Fingern steckte der Knecht ein Streichholz an, um eine Lötlampe anzuzünden, als er gewahr wurde, dass im Nachbargebäude eine Rübenmühle eingefroren war. Die Nachttemperaturen waren schon den gesamten Februar auf Rekordwerte gesunken. Auch heuer war die Minus-20-Grad-Marke unterschritten worden. Die Viechereien, darunter neben den kostbaren Milchrindern etliche Hühner, Gänse und Schweine, wollten versorgt, die Mahlwerke der futterspendenden Rübenmühle aufgetaut werden. So unterlief dem Mann einen folgenschwerer Fehler. Abgelenkt von den frühmorgendlichen Problemen entledigte sich der brave Arbeiter seines offenbar noch brennenden Streichholzes – ausgerechnet auf einer Werkbank, die mit Öl und Benzin getränkt war. Der wackere Knecht eilte aus dem Schuppen, das Flämmchen am Zündholzkopf fand Nahrung. Minuten später loderte das Feuer im Dachgebälk und erste Weizensäcke stürzten durch den Zwischenboden. Löschversuche schlugen fehl. Um 6.15 Uhr ging der Alarm bei dem Polizeirat Braun von der Ludwigsburger Wache ein. In den nächsten Stunden kämpften einige Dutzend Feuerwehrleute und Polizisten aufopferungsvoll gegen das gierig sich ausbreitende Inferno. Sie trieben 48 Stück Großvieh auf eine Wiese, sicherten 4000 Zentner Hafer und etliches Mobiliar und mussten doch zusehen, wie sich der rechte Flügel des Wirtschaftshauses in einen Schutthaufen verwandelte. Türen barsten, Decken stürzten ein, Fenster und Geschirr splitterte, wo König Friedrich einst die Meierei hatte einrichten lassen. Das Seegut mit Rokokosaal und Wohnung des Domänepächters Gebhard hatte der Herrscher neben dem eigentlichen Schloss erstellt als Ausweichquartier für Hoffestlichkeiten. „Hier wohnt das Grauen“, schilderte ein Ludwigsburger Zeitungsreporter seinen Besuch bei „dieser verwüsteten Stätte“. Doch trotz des hohen Schadens geht der Brand am Monrepos vornehmlich wegen seiner widrigen Umstände in die Feuerwehrannalen ein. Die sibirischen Temperaturen ließen allein bei den Eglosheimer Einsatzkräften 300 Meter Schlauchleitungen platzen. Um Wasser aus dem See zu pumpen, mussten Löcher ins 60 Zentimeter dicke Eis geschlagen werden. Kaum war der Saugansatz gelegt, verstopfte das Mundstück am Schlauch und musste mit glühenden Stäben und heißem Wasser aufgetaut werden. Einem Mann froren die Finger an der Spritze an, andere erlitten schweißgebadet durch umherspritzendes Löschwasser so schwere Erfrierungen, dass Amputationen drohten. Drei Millionen Liter Wasser wurden dem Monrepossee entnommen, der Wasserspiegel sank um ganze sieben Zentimeter.


Stadtführung Teil 36: Das erste Krankenhaus in Ludwigsburg

Von Markus Klohr

Die Ludwigsburger Krankenhausges­chichte hat wahrhaft irre Ursprünge. Die erste Einrichtung für die stationäre Behandlung von Kranken in Ludwigsburg wurde bereits 1748 gegründet. Um die „unbemittelten, melancholischen und blöden Leute? in der wachsenden Residenzstadt zu versorgen, ließ der Herzog Carl Eugen ein "Tollhaus“ einrichten. Im Zucht- und Arbeitshaus in der Schorndorfer Straße 28 – einer Art sozialer Erziehungsanstalt – wurden fast 70 Jahre lang psychisch Kranke behandelt. Es war die erste Heilanstalt ihrer Art in ganz Württemberg, die anderen Städten und Ländern sogar als Vorbild diente. Wer nicht an der Seele, sondern am Körper erkrankt war, aber nicht über das nötige Kleingeld verfügte, konnte sich in Ludwigsburg lange Zeit überhaupt keine Versorgung leisten. Denn die Behandlung von Kranken fand bis ins 19. Jahrhundert hinein in den Privathaushalten statt, Ärzte mussten aus der Privatkasse bezahlt werden. Erst im Jahre 1836 legte der damalige Arbeitshausver­walter Karl Max von Klett den Grundstein für das heutige Klinikum. Gemeinsam mit einem karitativen Verein christlich motivierter Bürger gründete er ein sogenanntes Privatkrankenhaus, in welchem Mittellose gratis und Geringverdiener günstig behandelt wurden. Weil die Einrichtung in der Schorndorfer Straße mit anfangs nur 20 Betten und später immerhin 111 Pflegeplätzen hoffnungslos überfüllt war, beantragte der Oberbürgermeister Gustav Hartenstein die Gründung eines größeren, modernen Bezirkskranken­hauses. Das Gebäude in der Posilipostraße wurde 1903 eingeweiht und ist der direkte Vorgänger des heutigen Klinikums. Ein passenderer Standort für den Neubau mit zunächst 120 Betten hätte den Stadtoberen gar nicht einfallen können. Der Begriff Posilipo ist vom griechischen Begriff Pausilypon abgeleitet – und bedeutet so viel wie „Ende des Leidens“. Die psychischen Leiden wurden übrigens erst viel später wieder dezidiert in den Blick genommen. Erst 1979 wurde im Ludwigsburger Krankenhaus eine psychiatrische Abteilung eingerichtet.


Stadtführung (Teil35): Ein öffentlicher Ort für jedes Bedürfnis

Von Holger Gayer

Es ist natürlich nicht so, dass die Menschen sich früher besser beherrschen konnten als heute; vielleicht bot sich ganz einfach nur häufiger die Gelegenheit, ganz unauffällig das zu tun, was mitunter notwendig ist, um danach befreit und beschwingt zu tanzen und zu wandeln ? wohin auch immer. Ein beliebter Ort für all diese Dinge war der romantische Marktplatz, den der Baumeister Donato Giuseppe Frisoni im Auftrag des Stadtgründers Eberhard Ludwig im 18. Jahrhundert gestaltet hatte. Dass Frisoni ausgerechnet jene Fläche auswählte, um dort den Marktbeschickern ihren Platz zu gewähren, hat jedoch weniger mit einer barocken Architektenlaune zu tun als vielmehr mit topografischen Zuständen: Der heutige Marktplatz ist schlicht die dem Schloss nächstgelegene ebene Fläche, die Frisoni in seine Stadtplanung einbeziehen konnte. Er liegt auf einer Höhe von 291 Metern über dem Meeresspiegel. Richtig lebhaft wurde es auf dem Platz nach dem Tode des ersten württembergischen Königs Friedrich I. im Jahre 1816. Jedenfalls notierte das Ludwigsburger Wochenblatt im Mai 1818: „Jetzt durfte sich das Herz der Freude wieder öffnen und die angeborene Empfänglichkeit für gemeinschaftliche, reine Vergnügungen trat bei der Bürgerschaft wieder in ihre alten, ursprünglichen Rechte.“ Tatsächlich erschien den Ludwigsburgern jener Tage nicht besser geeignet als Ort zum Feiern als eben der Marktplatz mit seinen luftigen Hallengängen, beherrscht von der Stadtkirche mit ihren zierlichen Türmen und dem Brunnen, um den herum die Menschen ihrer gedämpften Biedermeier-Stimmung Raum geben konnten. Naja, und im Notfall auch noch mehr: Denn ausgerechnet neben dem Brunnen des stolzen Stadtgründers stand, aus Latten gezimmert, eine öffentliche Bedürfnisanstalt.


Stadtführung (Teil 34): Zeitgeist im Kommiss

von Lukas Oliver Jenkner

Schneidig sieht sie aus, die Garde zu Fuß des Königs Friedrich, die hier in Miniatur aus Zinn aufmarschiert ist, vor einer Kulisse, die ein wenig an den Ludwigsburger Marktplatz erinnert. Was die Soldaten zu tragen hatten, gehorchte damals öfter als vielleicht gedacht dem Zeitgeist. So ist es durchaus üblich gewesen, dass mit der Regentschaft eines neuen Königs auch neue Entwürfe für die Uniformen einher gingen, erzählt Walter Wannenwetsch vom Ludwigsburger Garnisonmuseum. Und wenn es die Laune des Herrschers erforderte, galt es bisweilen zügig zu handeln. Vom König Friedrich beispielsweise ist überliefert, dass er sich 1809 – wenige Jahre zuvor hatte er sich eher widerwillig in die Gefolgschaft Napoleons begeben und war dafür mit der Königswürde belohnt worden – auf Staatsbesuch in Paris befand und dort von der Garde Napoleons empfangen wurde. Ins Auge stachen dem König dabei offenbar die Kokarden, kreisrunde Hoheitsabzeichen auf den Mützen und Helmen der Garde. Die gefielen dem Herrscher wohl, jedenfalls erging sogleich ein Schreiben an seinen Kriegsminister. Wenn er aus Paris zurückkehre, wünsche er die Truppe vollständig mit solchen Kokarden ausgestattet. Anhand der Korrespondenz und den Akten im Staatsarchiv habe er nachvollzogen, dass in der Militärverwaltung postwendend hektische Betriebsamkeit ausbrach und tatsächlich die Truppe mit den Kokarden ausgerüstet wurde, sagt Walter Wannenwetsch. Einige Jahre später ist es übrigens wieder vorbeigewesen mit den französischen Modeerscheinungen in der württembergischen Armee. Nach der Völkerschlacht bei Leipzig im Jahr 1813 hatte sich König Friedrich wieder von Napoleon losgesagt. Im Kommiss schlug sich dies erneut mit einem Wechsel in der Hutmode nieder. Die Garde zu Fuß etwa hatte künftig nicht mehr die hergebrachte Bärenmütze zu tragen, sondern sogenannte Tschakos, militärische Kopfbedeckungen von zylindrischer oder konischer Form, häufig mit einem Augenschirm.


Stadtführung (Teil 33): Im Hohenecker Badezuber

Von Christhard Henning

Wurzelbürste und Holzthermometer sind 30 Jahre lang ihr Arbeitsgerät gewesen. Die Badefrau Ursula Schulz ist das personifizierte Gedächtnis des Hohenecker Heilbads. Die inzwischen 68-Jährige kennt 1001 Anekdoten über die Besucher des Bads am Neckarufer, sie hat – bis 1978 noch in der alten Einrichtung ohne die heutigen moderneren Schwimmbecken – den Badegästen das Wasser eingelassen und ihre eigene Theorie über weiße Flocken im Badewasser entwickelt. Züchtig sei?s in den 70ern zu- und die Arbeit nie ausgegangen, erzählt die inzwischen pensionierte Badefrau. Zwar stiegen die Gäste splitternackt in die Zuber, doch waren sie dabei stets vor aufdringlichen Blicken geschützt. Gebadet wurde keineswegs coram publico, sondern hübsch diskret in mehr oder weniger geräumigen Kabinen. Diese Kammern waren ausgestattet mit Kleiderhaken, Spind und für den, der ein paar Groschen mehr ausgab, mit einer Liege für das Nickerchen nach dem Tauchgang. Nur drei Kabinen bildeten eine Ausnahme: Hier konnten Eheleute gemeinsam planschen, freilich jeweils im eigenen Waschoval. Begehrte ein Gast ein Wannenbad, so drehte die Badefrau in einer der 30 Kabinen ein gusseisernes Rad am Fuß des Zubers auf, um den Bottich zunächst mit erhitzter Sole knapp bis zur Hälfte zu fluten. Alsdann füllte sie den Rest des Holztrogs über einen zweiten Hahn mit dem 16,2 Grad frischen Quell des Heilwassers auf und überprüfte dabei mal mit dem Handrücken, mal per Thermometer, dass sich die Temperatur der 300 Liter Wasser jenseits der 35 Grad einpendelte. Gichtgeplagte Männer, so sagte ihr die Erfahrung, bevorzugen ein paar Wärmegrade weniger als Frauen, die zur Linderung ihrer Unterleibsbes­chwerden nach Hoheneck kommen. Bei diesen leidgeprüften Patientinnen durfte sich die Quecksilbersäule Mercurius auch der 40-Grad-Schwelle nähern. Spätestens nach 20 Minuten waren Fingerkuppen und Fußsohlen der Badenden sowohl rosig als auch schrumpelig durchweicht, nach 20 Minuten musste auch die feuchte Siesta beendet werden, da sonst die salzhaltige Kur der Klienten Sinne benebelte. Benötigte ein Gast Hilfe beim Ausstieg aus der Wanne, zog er an einer Schnur, die mit einem Porzellangriff samt Klingel versehen war. Daraufhin leuchtete im Kabuff der Badefrau eine Nummer auf, und sie geleitete den Frischgebadeten zum Finale seines Säuberungsakts: zur Massage, in den Ruheraum oder aber zu seinem Kleiderschrank. Nicht selten, erzählt Ursula Schulz, verließen zuvor gebeugte und gebrechliche Zeitgenossen das Hohenecker Heilbad als wunderlich Genesene. Ihr Sohn habe die Heilkraft des Solebads dereinst in einer Zeichnung versinnbildlicht. Sie zeigt einen Mann am Badausgang, der kraftvoll seinen Krückstock in die Luft wirft. Hatte der Gast die Wanne geräumt, und war das Wasser abgelassen, griff die Badefrau zur Wurzelbürste, um die Schmutzreste des Waschgangs zu beseitigen und dem nächsten Besucher ein einwandfreies Ambiente zu bieten. Ein Phänomen ließ sich bei diesem brunnenschrubbenden Putzmanöver wiederholt beobachten: je mehr weiß schäumende Flocken sich an der Oberfläche des Badewassers abgesetzt hatten, desto heftiger und häufiger musste sie den Bottich bearbeiten. Sprich: wo der Zuberinsasse über die Maßen geschäumt hatte, hatte das reinigende Wasserbad auch viel Dreck gelöst – und dementsprechend lange der Gast es zuvor an Reinlichkeit fehlen lassen.


Stadtführung (Teil 32): Casanova in der Barockstadt

Von Miriam Hesse

Wer zwölf Bände braucht, um sein Liebesleben zu Papier zu bringen, kann kein Kind von Traurigkeit sein. Giacomo Girolamo Casanova hielt sich seinen eigenen Erinnerungen zufolge im Frühjahr des Jahres 1760 in Stuttgart auf. Bald machte der 35-Jährige Bekanntschaft mit dem württembergischen Herzog Carl Eugen. Das prunkvolle Theater hatte es ihm angetan: „Alle Tänzerinnen waren hübsch und alle rühmten sich, den gnädigen Herrn zum mindesten einmal glücklich gemacht zu haben.“ Aber dann gab es auch was Hübsches auf die Ohren. Das Solo eines Kastraten begeisterte den verwöhnten Genießer. Er klatschte in die Hände und erntete für den Beifall eine prompte Rüge: Da der Herrscher sich im Theater befinde, sei es nicht erlaubt zu applaudieren. Die Erlaubnis bekam er letztlich doch, vom Herzog persönlich. Doch Casanova hatte seinen eigenen Kopf, vielleicht auch das wertvollere Erfahrungsschat­zkästchen und deshalb seiner Ansicht nach auch den besseren Geschmack. Die Schauspieler spielten sich die Seele aus dem Leib, der Herrscher applaudierte verzückt, und die Hofleute taten es dem gnädigen Herrn nach. „Ich aber blieb ganz still“, schreibt der wählerische Gast, „denn ich fand den Gesang sehr mittelmäßig.“ Und mit Mittelmäßigkeit ließ sich Casanova ungern abspeisen. Bei diesem Aufenthalt in Stuttgart und den Abstechern nach Ludwigsburg, heißt es klischeehaft auf der Internetseite des Residenzschlosses, erlebte der berühmteste Liebhaber seiner Zeit seinerseits mehr dramatische und amouröse Aufregungen „als mancher Württemberger in seinem ganzen Leben“. Der zeitlebens unverheiratete Frauenfreund, der sich einen Kenner des menschlichen Herzens nannte, hatte im Alter von siebzehn Jahren einen Doktortitel in Jura erworben. Seine darauf folgende kirchliche Laufbahn endete jäh, als er betrunken von der Kanzel fiel. Im Laufe seines Lebens musste er aus mehreren Ländern flüchten, arbeitete als Theaterdirektor und Geheimagent der venezianischen Staatsinquisition. Als alter Mann verfasste er seine in zwanzig Sprachen übersetzten Memoiren. Darin zeigt sich der Mann, dessen Name längst zum Synonym für den Verführer schlechthin geworden ist, schwer beeindruckt davon, welchen Luxus und welche Ausschweifung der württembergische Herzog sich leistete. Das Urteil über den Pomp fiel dennoch kritisch aus. Carl Eugen, das bemerkte Casanova rasch, war kein Herzog der Herzen: Für seine Verschwendungssucht habe er „seine Untertanen mit Steuern und Fronde überlastet“. Insgesamt hatte der Schriftsteller während seines Aufenthalts in Württemberg deutlich weniger Glück im Spiel als in der Liebe: Beim Zocken in Stuttgart wurde der verschuldete Playboy der eigenen Überlieferung nach von drei Offizieren übervorteilt. Die Gelegenheit zur Revanche gab es erst sieben Jahre später – in Ludwigsburg. Casanova reiste dorthin, „nicht um mich mit den Offizieren zu duellieren, sondern um sie zu verspotten, um mich für die alte Beleidigung zu rächen“. Zu diesem Zweck stieg er nach eigenen Angaben im Gasthof Zur Post ab. Dort spielte der Lebemann im einen Moment mit dem Gedanken, die drei ehrlosen Uniformträger doch mit der Pistole herauszufordern. Im nächsten Moment war er allerdings schon wieder abgelenkt. Wenn es ihrer hübschen Tochter gelänge, ihn mit den Offizieren zu versöhnen, sagte er zu einer gewissen, ebenfalls nicht unansehnlichen Madame Toscani, „dann ziehe ich den Frieden dem Krieg vor“.


Stadtführung (Teil 31): Der Autor David Friedrich Strauß

Die Geburtshäuser der vier berühmtesten Ludwigsburger Literatenfreunde liegen bloß ein paar Gehminuten voneinander entfernt. Aber nur David Friedrich Strauß, der ein gespaltenes Verhältnis zu der Barockstadt hatte, ist auch hier verstorben – vor genau 135 Jahren.

Von Miriam Hesse

Am Ende hat ihm gar sein bester Kumpel die Männerfreundschaft aufgekündigt. Nicht einmal um der alten Ludwigsburger Zeiten willen hat der Literat und Ästhetikdozent Friedrich Theodor Vischer dem Theologen David Friedrich Strauß dessen letzte Streitschrift verziehen. Denn zwei Jahre vor seinem Tod am 8. Februar 1874 in der Barockstadt hatte Strauß in „Der alte und der neue Glaube“ die aktuellen Erkenntnisse der Natur- und Geschichtsforschung gnadenlos auf die christliche Weltanschauung angewandt. „Erst Darwin befreit uns vom Schöpfungsbegriff“, schreibt der Bibelkritiker, der nie vom Glauben abfiel. Auch wenn er Strauß als „Repräsentanten der geistigen Freiheit unseres Jahrhunderts“ gerühmt hatte – mit diesem gedanklichen Fortschritt hielt Vischer nicht mehr Schritt. Da fiel die Tür zu, wie schon viele zuvor in Strauß' Leben. Ihn wird es kaum mehr gewundert haben, hatte er doch fast vier Jahrzehnte vorher mit dem Mammutwerk „Das Leben Jesu“ die biblischen Wundergeschichten als frühchristliche Mythen interpretiert und sich damit keine Freunde gemacht. Dabei scheint Strauß' Weg geebnet für eine geistliche Karriere. Mit den später engen Freunden Vischer, Justinus Kerner und Eduard Mörike drückt er die harte Bank der Ludwigsburger Lateinschule. Als Mustereleve kommt er in die protestantische Kaderschmiede am Tübinger Stift. Fleißig lernt er, aber die Theologie, die man ihm beibringen will, ist ihm zu kleinkariert. „Der Herr Christus selbst, wenn er mit angehört hätte, wie mühselig, kümmerlich und kleinlich hier seine Sache geführt wurde, hätte sie lieber aufgegeben, um der Quälerei ein Ende zu machen“, wird er im Begleitbuch zur Dauerschau über das berühmte Ludwigsburger Literatenquartett im Städtischen Museum zitiert. Strauß schließt das Studium an der Universität mit Bestnoten und Geniepromotion ab – und hat doch innerlich bereits mit der kirchlichen Tradition gebrochen. „Ich bewies exegetisch und naturphilosophisch mit voller Überzeugung die Auferstehung der Toten“, so Strauß über seinen Beitrag zu einem Wettbewerb, „und als ich das letzte Punktum machte, war mir's klar, daß an der ganzen Sache nichts sei.“ Denn Strauß hat seine Leidenschaft fürs dialektische Denken entdeckt. In seinem Geist prallen die Thesen und Antithesen der Hegel'schen Logik auf die starre Dogmatik der Kirchenlehrer. Logisch, dass Strauß' Tätigkeit als Pfarrer eine kurze Episode bleibt. Auch als Akademiker wird er rasch abgekanzelt. Nach Erscheinen des „Leben Jesu“ 1835 wird er von seiner Studienberater­stelle entfernt und an die Ludwigsburger Lateinschule strafversetzt. Nach einem Jahr gibt er die Stellung entnervt auf, beginnt in Stuttgart ein Überleben als freier Autor und verfasst unter anderem später viel beachtete Biografien über Klopstock und Schubart. Amt und Würden erlangt er jedoch nie mehr. „Daß das Werk nicht blos ein bedeutendes, sondern ein epochemachendes war“, erklärt er verbittert über die Wirkung seiner herausforderndsten Schrift, „zeigte sich zunächst darin, daß es seinen Verfasser Amt und akademische Carriere kostete.“ Während Strauß heute als Vordenker für einen historisch-kritischen Umgang mit den biblischen Texten anerkannt ist, stößt er damals die bibelfrommen Christen in ihrem Glauben an übernatürliche Offenbarungstat­sachen vor den Kopf. Denn er trennt strikt zwischen dem historischen Jesus als jüdischem Weisheitslehrer und dem Messias Christus, der als Verkörperung der gesamten Menschheitsges­chichte verstanden werden müsse. Damit wird Strauß über Nacht bekannt und quasi als Ketzer abgestempelt: „Eine Tür nach der andern fing an sich mir zu verschließen.“ So wird"s auch mit der Politik nichts. Als Kandidat der liberalen Bürgerschaft Ludwigsburgs für das Frankfurter Nationalparlament zieht er 1848 in seinen Reden alle Register und wird überstimmt: vom gegnerischen Wahlvolk der Pfarrer aus den Dörfern. Als Abgeordneter im Stuttgarter Landtag hinwieder erweist sich Strauß als Reaktionär, politisch so konservativ wie theologisch radikal. Er schmeißt das Mandat hin. Auch in der Liebe hat der als schüchterner Mensch beschriebene Denker kein Glück. Die Ehe mit einer Sängerin scheitert. Seine Geburtsstadt aber hat der Streitbare nie über. „Es geht mir mit Ludwigsburg, wie mirs mit der Theologie geht; ich schimpfe unaufhörlich über sie und doch habe ich sie unendlich lieb.“ Unerhört bleibt am Ende sein Ruf, dass er doch geliebt werden will („Ich möchte jetzt, daß mir die Menschen gut wären“). Nie verwindet er es, dass man seiner Anti-Vogel-Strauß-Taktik mit Engstirnigkeit und Intoleranz begegnete, dass ihm die geistige Freiheit ein Dauerberufsverbot einbrachte. „Mein Name ist in der That ein omen“, resümiert er resigniert: „Das mir gleichnamige Thier ist ein Vogel, aber kann nicht fliegen.“


Stadtführung (Teil 30): Die Loch-Kaserne

Von Lukas Jenkner

In den ersten Jahrzehnten in der noch jungen Stadt Ludwigsburg als Soldat stationiert gewesen zu sein, ist kein Spaß gewesen. Ganz zu Anfang gab es die Stadt ja noch gar nicht, da durften sich die Bewohner verschiedenster Dörfer wie zum Beispiel Oßweil, Eglosheim und Hoheneck an der zweifelhaften Ehre erfreuen, die herzogliche Soldateska unter ihren Dächern unterzubringen. Im Jahr 1729 wurde das 580 Mann starke Regiment Alt-Württemberg gar auf 24 verschiedene Ortschaften rund um das Schloss verteilt. Zu begnügen hatten sich die Militärs mit einer „Liegestatt und der Hausmannskost, so gut sie der Unterthan selbsten hat“. Bis Ludwigsburg endlich eine richtige Kaserne bekam, dauerte es noch ein paar Jahre und länger, als der Schloss- und Stadtgründer Herzog Eberhard Ludwig lebte. Erst 1736 wurde das 25 Jahre alte Jägerhaus im Tal zur Talkaserne um- und ausgebaut. Die Kaserne stand dort, wo heute ganz am Ende der Unteren Stadt, direkt neben der Abzweigung der B 27 in Richtung Bietigheim-Bissingen, Autos parken. Ein halbes Kürassier- und ein halbes Kreis-Dragonerregiment, insgesamt rund 500 Mann, wurden in dieser Kaserne untergebracht. Erfreulich sind die Verhältnisse dort nicht gewesen. Die Soldaten lebten mitsamt ihren Ehefrauen und den Kindern in drangvoller Enge. Vielleicht hieß die erste und älteste Kaserne Ludwigsburgs später auch deshalb schlicht „Lochkaserne“.


Stadtführung (Teil 29): Eine goldige Familie

Von Verena Mayer

Wer an Hunke denkt, denkt auch an Ludwigsburg. Und sehr wahrscheinlich gibt es auch einige, die beim Gedanken an Ludwigsburg unmittelbar an Hunke denken. Schließlich zählt der Juwelier und Optiker in der hiesigen Fußgängerzone zu einer der besten Adressen der Branche. Doch wenngleich Ludwigsburg ohne Hunke schwer vorstellbar ist, ist es doch so, dass Hunke und Ludwigsburg eher durch einen Zufall zusammengefunden haben, und zwar anno 1954. In jenem Jahr war zu Rudolf Hunke die Nachricht durchgedrungen, dass der Uhrmacher Paul Götz sein Geschäft in der Kirchstraße aufgeben wolle. Hunke senior, der damals Unternehmer in Ellwangen war, nutzte die Gelegenheit, ein weiteres Geschäft der „Gebrüder Hunke“ zu eröffnen, eben in der Ludwigsburger Kirchstraße. Eine Fußgängerzone gab es damals noch nicht. Um dennoch aufzufallen, wurde das Haus kurzerhand grün angestrichen. Doch es dauerte nicht lange, da fiel Hunke vor allem wegen seiner Schmuckstücke auf. Als das Geschäft im grünen Haus eröffnete, gab es die „Gebrüder Hunke“ bereits seit 47 Jahren. Gegründet worden war das Unternehmen 1907 von Adolf Hunke im damals sudetendeutschen Braunau. Die Zukunft seines Betriebs hatte der Gründer fest im Blick: Seine Söhne Alfred und Rudolf ließ er an guten Schulen in Deutschland und Österreich zu Uhrmacher- und Optikermeistern ausbilden. Doch der Krieg setzte dem Familienunternehmen in Braunau ein rasches Ende. Hunkes wurden vertrieben – und fanden erst 1946 im schwäbischen Welzheim wieder zusammen. Die Tage, an denen Ringe notdürftig aus Münzen und auf Eisenbahnschienen geschmiedet und Uhren mit einem Schraubenzieher aus Stacheldraht repariert wurden, waren vorbei. Nun gab es wieder einen Laden, Alfred und Rudolf Hunke konnten das Werk ihres Vaters fortsetzen. Und das taten sie gleich so erfolgreich, dass Rudolf Hunke 1949 ein weiteres Geschäft ein Ellwangen eröffnete – und 1954 noch eines in Ludwigsburg. Dies durfte dann sein Sohn Rudolf junior mit seiner Frau Adelheid aufbauen. Und auch das geschah erfolgreich. Ludwigsburgs Hunke gewann mit seinen Kreationen internationale Wettbewerbe, wurde bekannt, zog berühmte (aber ungenannte) Kunden an und wurde noch bekannter. Im Sommer 2007 wurde entsprechend glänzend das 100-jährige Firmenbestehen gefeiert. Die vorangegangenen Jahre ließen das Jubiläum in den Hintergrund treten. Drei Einbrüche binnen drei Jahren, bei denen Uhren im Gesamtwert von 370.000 Euro gestohlen worden waren, haben der Familie schwer zugesetzt. Die Zukunft soll dennoch golden sein – und sie scheint auch gesichert. Die Kinder Christina und Thomas sind längst in die Firma der Eltern eingestiegen, die heute etwa 40 Angestellte beschäftigt. Ebenso sind die Ehepartner vom Fach – und auch die fünfte Hunke-Generation steht in den Startlöchern. „Ich habe vier Diamanten geschenkt bekommen“, hat Rudolf Hunke zum 100. Geburtstag des Unternehmens gesagt. Er sprach von seinen Enkeln.


Stadtführung (Teil 28): Das Schicksal des Generals von Nicolai

Von Lukas Oliver Jenkner

Auf den ersten Blick ist das leicht lädierte Holzbrett, das heute in einer Vitrine des Ludwigsburger Garnisonmuseums zu sehen ist, eher unauffällig. Interessant wird es durch die Aufschrift, die auf den General Ferdinand Friedrich von Nicolai verweist. Vermutlich ist das Brett einmal Teil einer Kiste gewesen, die dem General gehörte, in der vier Kessellaternen gelagert wurden; ob vielleicht während eines Umzugs, ist jedoch nicht mehr bekannt. Dieser General von Nicolai ist eine Art Clausewitz von Württemberg gewesen. So wie der preußische Heeresreformer und Militärtheoretiker verfasste Nicolai allerlei Schriften zum Heeres- und Kriegswesen. Vor allem nach dem Siebenjährigen Krieg, in dem Württemberg zwischen 1756 und 1763 an der Seite Frankreichs, Österreichs und Russlands gegen Preußen und Großbritannien kämpfte, setzte er sich für Reformen in der Soldatenausbildung ein. Denn die schlecht ausgebildeten württembergischen Truppen hatten eine Niederlage nach der anderen kassiert und waren zu Hunderten gestorben. Dass sogar Offizieren grundlegende Schulbildung fehlte, war nicht unüblich. Das hatte Gründe: wenige Jahre vor dem Siebenjährigen Krieg hatte der Herzog mit Frankreich nämlich einen Vertrag geschlossen, nach dem er im Kriegsfall 6000 Soldaten zu stellen hatte. Das Geld dafür verprasste der Herzog jedoch mit seiner aufwendigen Hofhaltung. Als 1756 nun plötzlich eine Armee hermusste, wurden Männer gewaltsam zwangsrekrutiert, in eine Uniform gesteckt und ins Feuer geschickt – von einer geordneten Militärverwaltung keine Spur. Mit seinen Vorschlägen für eine Offiziersschule wurde Nicolai beim Herzog Carl Eugen vorstellig. Die Initiative mündete schließlich in die vom Herzog 1770 auf der Solitude gegründete Hohe Karlsschule, auf die der Herrscher übrigens 1773 zwangsweise den späteren Dichterfürsten Friedrich Schiller schickte, der unter dem militärischen Drill derart gelitten haben soll, dass er noch als Jugendlicher ins Bett nässte. Ferdinand Friedrich von Nicolai stieg derweil in der Armee die Karriereleiter empor. 1786 wurde er zum Generalmajor befördert, rückte 1794 in den Kriegsrat auf, kommandierte 1796 im Krieg gegen Frankreich die Truppen und schützte Stuttgart, Ludwigsburg und Umgebung, als die französischen Truppen plündernd durch die Lande zogen. 1803 wurde er schließlich Kriegsminister. Lange hielt er es auf dem Posten allerdings nicht aus. Den politischen Schwenk seines Landesherrn an die Seite des früheren Gegners Frankreich mochte er nicht nachvollziehen. Im Februar 1806 wurde er deshalb in den Ruhestand versetzt. 1814 starb er. Gewohnt hat der General einen großen Teil seines Lebens in Ludwigsburg, dort unter anderem in der Mömpelgardstraße 12 – wo nach ihm zum Beispiel der Graf von Zeppelin lebte, ein enger Weggefährte des Herzogs und späteren Königs Friedrich. Dieser kaufte das Haus dann für seine Ehefrau Mathilde. In dem Gebäude ist, als es vor Jahren renoviert wurde, auch das erwähnte Holzbrett gefunden wurde, als Diele. Vermutlich hatten spätere Bewohner, nachdem der General von Nicolai ausgezogen war, das Holz der Kiste ganz nonchalant recyclen lassen.


Stadtführung (Teil 27): Flor-Manufaktur

Von Carola Stadtmüller

Obwohl das Tuch neben dem Porzellan der einzige Ludwigsburger Exportschlager gewesen ist, war auch die Manufaktur für Flor nicht dauerhaft erfolgreich. Der merkantilistisch angelegte, dennoch aber leistungsfähige Staatsbetrieb war als subventionierte Privatfabrik schlicht ein Auslaufmodell. Auch der Versuch, die Manufakturen durch Zollfreiheit und Monopolismus künstlich am Leben zu erhalten, scheiterte. Bis dahin allerdings trumpfte man groß auf und wollte mit den Besten Europas Schritt halten. Am 20. August 1735 bat Eberhard Huber aus St. Gallen um die Erlaubnis, eine Flormanufaktur zu gründen. Flor ist ein feines durchscheinendes Gewebe aus Seide oder Baumwolle, das durch einen besonderen Fadenlauf besonders ebenmäßig erscheint. Huber bat bei der Gründung um gewisse Privilegien, die den Manufakturen als fürstliche Betriebe zustanden: darunter Protektion, Steuerfreiheit, Zollfreiheit, ein Monopol sowie ein Haus für sich und seine 20 oder 30 Arbeiter. Diese waren zwar klassische Handwerker, allerdings fand in den Manufakturen bereits eine Art Arbeitsteilung statt – nicht mehr jedes Einzelteil wurde von einer Person im Ganzen gefertigt. Huber, der aus der großen Flortradition in St. Gallen kam, wollte diese Qualität in Ludwigsburg zum Standard machen. Er wollte „besser sein als Züricher und St. Gallener Flor, und in wenigen Jahren werden 1000 Personen beyderley Geschlechts vom 7. Jahr an ihre Stustentation (ihren Unterhalt) haben.“ Er richtete die Manufaktur in der Oberen Marktstraße 1 ein – der Erfolg blieb aber aus, deshalb ersuchte er den Herzog um 10.000 Gulden Starthilfe. Nach nur vier Jahren war die Flormanufaktur am Ende und ging im Zuchthaus auf. Dort sollte der St.-Galler als „Flordirektor“ zwar die Arbeit noch beaufsichtigen, aber die Produktionskosten des feinen Materials überstiegen bald den Gewinn. 1740 wurde der Betrieb eingestellt. Eberhard Huber war ein gebrochener Mann nach diesem Desaster. Er starb bettelarm im März 1747.


Stadtführung (Teil 26): Staub wird zu Schnee

Von Franziska Kleiner

Wenn die Luft in Bodennähe feucht und kalt ist und sich die Warmluft darüber wie ein Deckel stülpt, dann sind ideale Voraussetzungen für die Entstehung von Industrieschnee geschaffen. Denn wenn aus den Schornsteinen großer Industriebetriebe bei solchen Inversionswet­terlagen große Mengen Wasserdampf entweichen, bilden sich Wolken in der kalten Luft. Deren Wassertropfen wiederum heften sich an kleinste Staubpartikel – die als Industrieschnee zu Boden fallen. Solcher Industrieschnee wurde in der Ludwigsburger Innenstadt erstmals am 2. Februar 1993 gesichtet. Zwar ist Industrieschnee sehr feinkörnig, fast wie Pulver. Weil er aber anders als gewöhnlicher Schnee nur aus einer Höhe von zwei- bis dreihundert Metern fällt, bleibt zur Kristallbildung keine Zeit: Man kann damit daher keinen Schneemann bauen. Zum Ausrutschen reichte es an diesem Februartag im Jahre 1993 jedoch allemal.


Stadtführung (Teil 25): B 27 - der Schnitt durch die Stadt

Von Markus Klohr

Die gute Nachbarschaft hört dort auf, wo Lärm und Dreck anfangen. „Möge der Verkehr nach Ludwigsburg hineinbranden! Wir freuen uns, dass wir ihn los sind.“ Mit diesen Worten wird der Kornwestheimer Oberbürgermeister Alfred Kercher zitiert, damals, als vor 53 Jahren der Abschnitt der B 27 zwischen Zuffenhausen und Kornwestheim eingeweiht wurde. Er führte um die Salamanderstadt herum – und mitten hinein in die Residenzstadt. In den Folgejahren setzte sich die Bundesregierung vehement dafür ein, die Bundesstraße auszubauen und durch das Herz Ludwigsburgs zu leiten. „Rettet die Alleen“ hieß eine Bürgerinitiative, die rund 5500 Unterschriften dagegen sammelte. Doch der Gemeinderat stimmte schweren Herzens zu – und erhielt dafür das Lob des Ludwigsburger OB Anton Saur. Der Ausbau sei der ?Anfang eines verkehrsgerechten Straßennetzes?. Stattdessen war er der Anfang vom Ende eines geschlossenen Stadtbildes. Noch im Jahr 1950 trennte nur eine malerische Allee die Oststadt und das Residenzschloss von der wenige Schritte entfernten Stadtmitte. Heute rauschen 70 000 Fahrzeuge täglich über die bis zu achtspurige Stadtautobahn. Touristen, die das Schloss besuchen, wähnen sich auf der sprichwörtlichen grünen Wiese. Es waren Ludwigsburger, die sich selbst eine Autobahn quer durch die Stadt gelegt haben. Aber beschlossen haben sie es gegen den Willen von einigen Tausend Mitbürgern.


Stadtführung (Teil 24): Schillers Glocke und Ludwigsburg

Jede Stadt prahlt mit ihren Berühmtheiten. Vor lauter Begeisterung kann es dann durchaus passieren, dass ein Anteil am Ruhm gefordert wird. Und so sind manche Ludwigsburger der festen Überzeugung, dass Friedrich Schiller in Ludwigsburg die Glocke entdeckte.

Von Kathrin Haasis

Friedrich Schiller kam zwar als Knabe nach Ludwigsburg und verließ die Stadt als Jugendlicher wieder: Sieben Jahre war er alt, als seine Familie 1766 nach Ludwigsburg zog, im Alter von 13 Jahren wurde er auf die Militärakademie Karlsschule geschickt. Trotzdem sind manche Ludwigsburger natürlich fest davon überzeugt, dass die Zeit, die der Dichter hier erlebte, im Prinzip die prägendste für sein später folgendes Werk war. Ein Beweis? Die Glocke! Denn im Prinzip gäbe es ohne Ludwigsburg „Das Lied von der Glocke“ nicht. Er veröffentlichte das Gedicht erst rund ein Vierteljahrhundert nach seinem Wegzug, doch auf die Idee dazu war er schon in der Schule gekommen. So lautet zumindest eben jene feste Überzeugung der Ludwigsburger. „Hier soll Friedrich Schiller als Knabe dem Glockenguss beigewohnt und die Eindrücke zu seinem Lied von der Glocke empfangen haben“, schreibt zum Beispiel Albert Sting über das Gebäude in der Stuttgarter Straße 56. Dort betrieb Christian Ludwig Neubert seit 1759 eine Gießerei. Der junge Friedrich Schiller habe „ja nur wenige Häuser von der Gießerei entfernt gewohnt“, fährt der Stadthistoriker fort und gibt dem Absatz noch eine kleine Fußnote. Wer nachschlägt, entdeckt den Hinweis: „Mündliche Überlieferung.“ Der Mythos hat sich allerdings auch anderswo verfestigt – etwa in der Internet-Enzyklopädie Wikipedia. „Schiller kam schon als Schüler mit dem Handwerk des Glockengießens in Kontakt, denn Georg Friderich Neubert, der Sohn des Ludwigsburger Glockengießers, war Schillers Schulkamerad auf der Lateinschule, und die Familie Schiller wohnte nur einige Häuser vom Gießhaus entfernt“, heißt es in dem Online-Lexikon, an dem jeder mitschreiben darf. Es gelte als sicher, dass Schiller während seines Aufenthalts in Ludwigsburg 1793/94 die Familie Neubert wieder besuchte, schreiben die Autoren. Geradezu niederschmetternd klingt dagegen die Aussage von Helmuth Kiesel: „Zwischen Ludwigsburg und dem Gedicht gibt es keine Verbindung“, sagt der Heidelberger Professor für deutsche Literaturwissen­schaft. Im Louis-Bührer-Saal der Kreissparkasse hat er dazu einen Vortrag gehalten.. Um Lokalkolorit wird es bei der Benefizveranstal­tung der Rotarier nicht gehen. „Ich werde die ästhetische Bedeutung und die Schönheit des Gedichts herausarbeiten“, kündigt Helmuth Kiesel an. Ihm liege vor allem die Rehabilitierung des Lieds von der Glocke am Herzen, das die 1968er so verschmäht haben. Um 19.30 Uhr beginnt der Abend zum Auftakt des Schillerjahrs und für einen guten Zweck, der Ausrottung von Polio. Die schriftliche Überlieferung deckt sich eben nicht mit der mündlichen. Die von Schiller selbst genannte Quelle für sein Lied von der Glocke war eine 1788 erschienene „Oeconomische Encyclopädie“ von Johann Georg Künitz über Staats-, Stadt-, Haus- und Landwirtschaft in alphabetischer Ordnung. Darin fand Schiller präzise beschriebene Arbeitsabläufe und Fachbegriffe wie Schwalch, Glockenspeise oder Damm. Weil in dieser Enzyklopädie die Glocke des Schaffhausener Münsters prominent erwähnt wird, finden Lokalpatrioten weitere heimische Spuren: Friedrich Schiller fühlte sich nur deshalb so angesprochen, weil er längst davon gewusst hatte. Der Ludwigsburger Glockengießer Neubert hatte nämlich seine Lehre in Schaffhausen gemacht, die Münsterglocke mit Sicherheit gekannt ? und sicherlich dem jungen Schiller davon erzählt. Die Inschrift der Glocke findet sich als vorangestelltes Motto in dem Gedicht wider: „Vivos voco, mortuos plango, fulgura frango.“ Was auf Deutsch bedeutet: „Die Lebenden rufe ich, die Toten beklage ich, die Blitze breche ich.“ Friedrich Schiller selbst hat Ludwigsburg leider nie als Ursprungsort erwähnt. Seine Schwägerin Caroline von Wolzogen berichtete, dass der Dichter 1788 mehrfach eine Glockengießerei in Rudolstadt besuchte. Dort in Thüringen war seine Frau Charlotte von Lengefeld zu Hause. Die Familie des Glockengießers Johann Mayer soll entsprechend stolz gewesen sein – und von Generation zu Generation weitererzählt haben, wie Schiller den Gussmeister ausgefragt hat. Um nicht zu stören, habe der Gelehrte sich rücksichtsvoll auf einen Stuhl an der Wand gesetzt. „Zu einem lyrischen Gedicht habe ich einen sehr begeisternden Stoff ausgefunden, den ich mir für meine schönsten Stunden zurücklege“, schrieb Friedrich Schiller 1791 an Christian Gottfried Körner. Und schon wieder keine Rede von Ludwigsburg! In Rudolstadt scheint man die Frage, wo und wie Schiller auf sein Gedicht kam, übrigens gelassener anzugehen. Die Stadt, die sich „Schillers heimliche Geliebte“ nennt, erwähnt auf ihren Internetseiten nicht einmal ihre berühmte Glockengießerei. Der Betrieb der Familie Mayer existiert auch längst nicht mehr. Bei genauem Hinsehen lässt sich allerdings doch ein Ludwigsburger Einfluss finden: Nicht weit entfernt vom einstigen Standort der Glockengießerei steht das barocke Schloss Ludwigsburg von 1741, das für den Prinzen Ludwig Günter erbaut wurde. Diese seltsame Koinzidenz kann nun wirklich kein Zufall sein und erlaubt die Schlussfolgerung, dass (die) Ludwigsburg und das Barock eben doch einen Eindruck beim Dichterfürsten hinterlassen haben.


Stadtführung (Teil 23): Das gleislose Bähnle

Von Markus Klohr

Verkehrsprojekte haben in Ludwigsburg schon immer viel Staub aufgewirbelt. Vor 111 Jahren beschäftigte sich der Gemeinderat erstmals mit der Frage, ob Ludwigsburg eine Stadtbahnverbindung nach Stuttgart braucht. Der Oberbürgermeister Gustav Hartenstein brachte das Projekt zu Fall. Man wolle nicht zum „Wohnvorort“ Stuttgarts mutieren. Stattdessen wirbelte zwei Jahre später ein Bähnle Staub im buchstäblichen Sinne auf. Eine Oberleitungsbahn verknüpfte die Residenzstadt mit Hoheneck und dem damals noch selbstständigen Aldingen. Das 25 PS starke gleislose Bähnle diente als Transportmittel für die zahlreichen Arbeiter im Umland der Industriestadt Ludwigsburg. 40 Minuten waren die Oberleitungswagen unterwegs, vom Bahnhof über die Mylius- und Wilhelmstraße, vorbei am Schorndorfer Tor bis nach Oßweil und dann Neckargröningen und Aldingen. Doch der Wirbel blieb nicht aus. Anwohner der Myliusstraße beklagten sich über übertriebene und laute Signalgeräusche der Fahrer. Ein steter Quell des Unmuts war auch der Staub, den das Bähnle auf den Straßen aufwirbelte. Doch gescheitert ist das Projekt damals nicht am Protest, sondern an mangelnder Wirtschaftlichkeit. Trotz hoher Fahrgastzahlen stieg das Defizit stetig. Am 30. 1923 fuhr die Bahn zum letzten Mal.


Stadtführung (Teil 22): Fremde Verwalter

Von Holger Gayer

Manchmal wäre es doch zu schön, wenn man die Uhr zurückdrehen könnte, um zu sehen, wie die Dinge früher wirklich waren. Und wie spannend wäre es dann, diesen Zustand zumindest für einen Moment in die Echtzeit zu transportieren – wenn man auf diese Weise zum Beispiel beobachten könnte, wie die Kornwestheimer Oberbürgermeisterin Ursula Keck das Sagen hat in Ludwigsburg und einem Untergebenen, nennen wir ihn der Einfachheit halber Spec, erklärt, was zu tun ist. Vor 360 Jahren war das so. Da stand Ludwigsburg – oder besser: der Erlachhof, der sich vor der Stadtgründung dort befand, wo heute das Residenzschloss thront – unter Kornwestheimer Verwaltung. Herzog Eberhard III. hatte das im Mai 1649 so entschieden, nachdem der Hof 15 Jahre zuvor wieder einmal niedergebrannt worden war und danach immer mehr verfiel. Also hat der württembergische Fürst den Schultheißen von Kornwestheim damit beauftragt, sich um den Hof zu kümmern. Der verstand offenbar etwas von seinem Geschäft. Jedenfalls soll der Herzog zufrieden gewesen sein, als er 1650 gleich dreimal auf den Erlachhof kam, um die Fortschtritte der Arbeit zu begutachten. Trotzdem dauerte es noch sieben Jahre, bis der Hof wieder voll funktionsfähig war, einen eigenen Verwalter hatte und die Herrschaft von Kornwestheim endete.


Stadtführung (Teil 21): Beziehungen Württembergs zu Frankreich

Von Lukas Jenkner

Frankreich – der Erbfeind der Deutschen? Zumindest für Württemberg hat dies nicht immer gegolten. Im Verlauf der Geschichte sind Soldaten des Landes immer wieder für und gegen Frankreich ins Feld gezogen, und Ludwigsburg, das Hauptstandort der württembergischen Armee war und im 19. Jahrhundert zum ersten Waffenplatz und zum „schwäbischen Potsdam“ wurde, hat in den Wirren der Kriege viel erlitten. Während des Siebenjährigen Krieges von 1756 bis 1763 zum Beispiel, als die europäischen Großmächte einander befehdeten, hielt sich Württemberg an der Seite Frankreichs, Russlands und Österreichs gegen Preußen und Großbritannien und schickte Tausende schlecht ausgebildete Söhne des Landes ins Feuer. Noch 1789, als in Frankreich Revolution gemacht wurde, war Ludwigsburg ein Hort für französische Emigranten, die vor den Wirren des Umsturzes flüchteten und in der vom Militär geprägten Residenzstadt einen sicheren Hafen fanden. Wenige Jahre später war alles anders. In den Kriegen, in denen die europäischen Mächte zwischen 1792 und 1815 mit dem französischen General Napoleon Bonaparte rangen, geriet Württemberg immer wieder zwischen die Fronten und drehte notgedrungen sein Fähnchen in den Wind der gerade siegreichen Großmacht. Das führte zu Verwirrungen. 1796 zum Beispiel war derart unklar, ob Württemberg zu Frankreich oder Österreich zählte, dass kurzerhand beide Mächte im Land plünderten. Mehr als einmal standen französische Truppen vor den Toren Ludwigsburgs und mussten 1800 gar hineingelassen und verköstigt werden. Fünf Jahre später bewies der Herzog Friedrich diplomatisches Geschick, wendete einen weiteren Einmarsch durch ein Bündnis mit Napoleon ab und kassierte nebenbei die Königswürde. Als das Kriegsglück den französischen Kaiser schließlich verließ, zögerte der König Friedrich nicht lange und wechselte zur Allianz gegen Napoleon. Ein Jahr zuvor waren auf dem Russlandfeldzug Napoleons die württembergischen Soldaten noch zu Tausenden dahingerafft worden, nun zogen – wieder vornehmlich aus Ludwigsburg – 24 500 Württemberger Richtung Frankreich. 1870 ging es erneut gegen Frankreich, und Ludwigsburg verwandelte sich in ein riesiges Heerlager, als zur Mobilmachung Tausende Reservisten aus allen Teilen des Königsreichs in die Stadt strömten. Weil es einfach zu voll war, mussten Truppenteile in die Umgebung, zum Beispiel nach Aldingen, Oßweil, Kornwestheim und Neckarrems, verlegt werden. Die Soldaten Württembergs kämpften unter anderem bei der Belagerung von Paris Ende des Jahres 1870. Dass das Militär im Frieden ein Geschäft, im Krieg aber eine furchtbare Last ist, hätten die Ludwigsburger eigentlich bis dahin lernen können. Doch 1914, als der Rest des Deutschen Reiches mit Hurra-Geschrei in die Schlacht zog, und einer der Gegner mal wieder Frankreich hieß, war die Stimmung auch in der Garnisonstadt enthusiastisch. 25 Jahre später, als es zum letzten Waffengang gegen Frankreich ging, war das anders. Da war der furchtbare Blutzoll ein Vierteljahrhundert zuvor noch in Erinnerung.


Stadtführung (Teil 20): Die Beobachterin kleiner Leut'

Von Roland Böckeler

Auguste Supper, Namensgeberin der westlich von Schloss Favorite gelegenen Straße, ist am 22. Januar 1867 in Pforzheim geboren. Aufgewachsen im Schwarzwald, verschlug es die Schriftstellerin im Jahr 1923 nach Ludwigsburg. Hier starb sie auch, am 14. April 1951. Auguste Supper, die bis zur Hochzeit mit dem Juristen Otto Heinrich Supper den Namen Schmitz trug, startete schon in ihrer Schulzeit erste Versuche als Autorin. Auf Schulfeiern trug sie selbst geschriebene Gedichte vor, Zeitungen in Pforzheim und Heidelberg druckten sie. Ein Bericht über eine Rheinreise blieb indes unveröffentlicht – der Verlag war bankrott gegangen. 1898 wurde ihr erster Roman veröffentlicht, „Der Mönch von Hirsau“. 1911 verschlug es sie in den heutigen Kreis Ludwigsburg nach Korntal. Ihr Mann starb noch vor dem Einzug in das gebaute Eigenheim. Kontakte zur Brüdergemeinde und dem Missionar Johannes Hesse, dem Vater des Dichters und Schriftstellers Hermann Hesse, prägten die Korntaler Jahre. Die Leser freuten sich an der Beobachtungsgabe von Auguste Supper, oft hat sie im Dialekt geschrieben, was mehr Nähe zum Leben der kleinen Leute vermitteln sollte. Zu den vermeintlich großen Leuten hegte die Schriftstellerin eine nicht minder große Nähe. Das Aufwachsen im Kaiserreich mit einer „Überbetonung des Nationalen“, wie es heißt, habe tiefe Spuren hinterlassen. So schwärmte sie 1915 in den Erzählungen „Vom jungen Krieg“ vom Soldatentum. Und in „Aus halbvergangenen Tagen“, den 1937 veröffen­tlichten Erinnerungen ihres Lebens, macht sie keinen Hehl aus ihrer Bewunderung für Hitler. Ein Kritiker schrieb ihr „völkische Überheblichkeit“ und „aggressiven Antisemitismus“ zu. Was aber letztlich der Beliebtheit von Auguste Supper nach dem Zweiten Weltkrieg keinen Abbruch tat. Diverse Preise bekam sie im Laufe ihres Schaffens. 1935 wurde sie Ehrensenatorin der Reichsschrifttum­skammer, 1937 Ehrendoktorin, 1942 bekam sie den Schwäbischen Dichterpreis. Wer sich selbst einen Eindruck verschaffen mag, findet auch im aktuellen Buchhandel ein reichhaltiges Sortiment. Beispielsweise „Herbstlaub – Gedichte“ oder „Leut'. Geschichten aus dem Schwarzwald“.


Stadtführung (Teil 19): Verheerende Fliegerangriffe 1944

Von Franziska Kleiner

Die finanzielle Situation Ludwigsburgs ist nicht rosig gewesen, Anfang der 1920er Jahre musste die Stadt deshalb Abgaben von den Unternehmern verlangen. Das waren eigentlich keine günstigen Voraussetzungen, um Industriebetriebe anzusiedeln, zumal die erhobene Steuer außerdem noch höher lag als in anderen Städten, etwa Feuerbach, Reutlingen und Heilbronn. Positiv wirkten sich hingegen die niedrigen Bodenpreise aus. Zu Hochzeiten, 1923, wurde die Genehmigung für 36 neue Betriebsbauten erteilt, vier Jahre später waren es nochmal 22. Binnen acht Jahren, zwischen 1919 und 1927 hatte sich damit die Zahl der Industriebetriebe um 40 Prozent erhöht. Den größten Zuwachs gab es im Bereich des Maschinen- und Apparatebaus. Die positive Stimmung änderte sich jedoch: 1931 und 1932 sei nicht eine einzige Fabrik oder Werkstatt errichtet worden, schreibt Albert Sting in der „Geschichte der Stadt Ludwigburg“. In den Folgejahren sollte sich die Stimmung weiter verdüstern, der Zweite Weltkrieg begann. Die Ludwigsburger hatten bei Kriegsausbruch die Sorge, dass bei der Nähe ihrer Stadt zur deutsch-französischen Grenze feindliche Flugzeuge in 15 bis 20 Minuten die Stadt erreichen könnten. Der Luftschutz war entsprechend gut organisiert. Am 21. Juli 1944, während des Fliegeralarms zwischen 9.30 Uhr und 12.04 Uhr, warf ein Fliegerverband 800 bis 1000 Brandbomben allein über der Weststadt ab. Der Dachstock des Beru-Werks brannte nieder; auf die chemische Fabrik Zeh fielen elf Brandbomben. Das Lager des Furnierwerks André brannte nieder. Die Firma Bleyle verlor ihre Strickmaschinen. Der schwerste und verlustreichste Luftangriff auf Ludwigsburg sollte im Winter folgen: Am 16. Dezember flogen – nach der Bombardierung des Kornwestheimer Güterbahnhofs – 25 Bomber das südliche und westliche Stadtgebiet an. Zwischen 12.45 Uhr und 14 Uhr wurden laut Sting 240 Sprengbomben, zehn Minen- und bis zu 7000 Stabbran­dbomben abgeworfen. Betroffen war ein Gebiet zwischen Kepler und Leonberger Straße, Uhlandstraße und Pflugfelder Straße. Bei zwei Firmen entstand dadurch Totalschaden, unter anderem bei der Maschinenfabrik Exzelsior; beschädigt wurden das Benkiser-Werk, Beru, Hüller, Hünersdorf-Bührer sowie Ziemann und Getrag.


Stadtführung (Teil 18), Kleine Kanonen im Garnisonsmuseum

Von Lukas Oliver Jenkner

Für ein Spielzeug kommt sie ein wenig wuchtig daher, die kleine Kanone, die ihrem Vorbild im Maßstab 1:10 nachempfunden ist und heute im Ludwigsburger Garnisonmuseum steht. Als angemessene Beschäftigung für den Filius wäre sie wohl einigermaßen ungeeignet, was auch für den Munitionswagen gilt, der einen Raum weiter in der Vitrine steht. Schließlich gilt Kriegsspielzeug heute als politisch unkorrekt. Tatsächlich sind beide Modelle seinerzeit keineswegs als Zeitvertreib für Offiziere gedacht gewesen, die sich abends nach dem Zapfenstreich noch allerlei Kriegsfantasien hingeben wollten, erklärt Walter Wannenwetsch vom Garnisonmuseum. Dass es im württembergischen Militär einst ganze Sammlungen solcher Modelle gab, hatte einen ernsthaften Hintergrund. Die Modelle dienten nämlich als Anschauungsobjekt in der militärischen Ausbildung sowie für die Handwerker und Konstrukteure. Das Deutsche Institut für Normung ist zwar erst 1917 gegründet worden, ist aber letztlich das Ergebnis einer gewissen Tradition. Bis auf den letzten Knopf an der Uniform, sagt Wannenwetsch, sei in der Armee alles festgelegt gewesen. Da gab es dann Karteikarten, auf denen ein Gegenstand beschrieben war, darauf gehörte ein Stempel mit der Unterschrift des Kriegsministers oder eines Kriegsrates. Galt es, ein Gerät, zum Beispiel einen Munitionswagen, zu produzieren, griffen die Handwerker auf die Karten und Pläne aus der Militärverwaltung zurück. Ein Modell zur Anschauung ist da sicher hilfreich gewesen. Dass die Modelle des Kriegsgerätes in Ludwigsburg standen, hatte einen einfachen Grund: in der Stadt war die meiste Zeit der komplette Fuhrpark der württembergischen Armee stationiert. Dass die kleinen Ausgaben des militärischen Geräts auch zu Ausbildungszwecken genutzt wurden, lag auf der Hand. Schließlich war es ohne Zweifel nicht empfehlenswert, die angehenden Kanoniere an die Geschütze zu lassen, bevor sie nicht wussten, wie so eine Waffe theoretisch funktioniert. Auch wenn die jungen Nachwuchssoldaten das vielleicht anders gesehen haben.


Stadtführung (Teil 17): Mozart auf Stippvisite

Von Kathrin Haasis

Leopold Mozart hat an Ludwigsburg keinen Gefallen gefunden. Mit seinen beiden Wunderkindern Wolfgang Amadé und Maria Anna, genannt „Nannerl“, war der Österreicher auf Europatournee, wie man heute sagen würde. Und in Ludwigsburg gingen ihm die Pferde sozusagen durch. Am 9. Juni 1763 brach die Familie in Salzburg zu der ausgedehnten Europareise auf, die dreieinhalb Jahre dauern und über München, Frankfurt, Köln, Brüssel, Paris bis nach London und über etliche Stationen wieder zurückführen sollte. Bei Hofe oder in öffentlichen Akademien musizierten die Kinder meist, dem 1756 geborenen Wolfgang und seiner fünf Jahre älteren Schwester eilte der Ruf großer Talente voraus. Am 6. Juli 1763 erreichten die Mozarts abends Ulm. Der siebenjährige Junge spielte am folgenden Tag auf der Orgel des berühmten Münsters, nachmittags reisten sie über Geislingen, Göppingen, Plochingen und Cannstatt an Stuttgart vorbei nach Ludwigsburg. Das dauerte seine Zeit, erst am Abend des 9. Juli kamen die Musiker in der damals noch jungen Stadt an. Sie nächtigten im direkt gegenüber dem Schloss gelegenen Hotel Waldhorn. Sofort am nächsten Tag spielte Wolfgang Amadé dem Hofkapellmeister Niccolò Jommelli im Ritter'schen Haus in der heutigen Stuttgarter Straße 16 vor. Immerhin, er war beeindruckt und gab dem Kind freundliche Worte mit auf seinen Reise- und Lebensweg. Zwei Tage später brach Leopold Mozart um 8 Uhr früh mit seinen Kindern wieder auf – über Enzweihingen nach Bruchsal. Der Aufenthalt war für den Vater eine totale Enttäuschung. Eigentlich hätte Wolfgang Amadé dem Herzog Carl Eugen vorgeführt werden sollen. Aber der war auf der Jagd oder sonstwo, hatte jedenfalls keine Lust, sich den Wunderknaben anzuhören. Einen Tag vor der Abreise berichtete er in einem Brief an seinen Salzburger Hauswirt Lorenz Hagenauer über die Station. „Ludwigsburg ist ein ganz besonderer Ort“, schrieb er, „es ist eine Stadt.“ Überall stünden Soldaten herum, 12.000 bis 15.000 an der Zahl. „Sie hören ohne Unterlass auf der Gasse nichts als: Halt! Marche! Schwenkt euch! Sie sehen nichts als Waffen, Trommeln und Kriegsgeräte.“ Erzwungenermaßen sei er einen Tag länger geblieben als geplant, berichtete er noch, denn der Herzog hätte alle Pferde von der Post und den Mietkutschern beschlagnahmt. Über Jommelli sagte er: „Der Mann hat sein Fach, worin er glänzt, so dass wir es wohl bleiben lassen müssen, ihn bei dem, der's versteht, daraus zu verdrängen.“ Offensichtlich hatte er in Ludwigsburg an mehr als nur einen Besuch gedacht – aber es blieb bei der Stippvisite.


Stadtführung (Teil 16): Manufaktur für Weinstein hält nicht lange durch

Von Carola Stadtmüller

Es klingt nach Süßspeise: Cremor Tatari, der Weintraumrahm, gemeinhin allerdings eher als Weinstein bekannt. Jenes Remedium hat einen purgatorischen Effekt für die Darmflora: Wer sich diese Arznei einverleibt, muss alsbald ein stilles Örtchen aufsuchen. Denn in erster Linie dient die Substanz der schnellen körperlichen Reinigung, macht also dünnen Pfiff. Ob die Ludwigsburger des 18. Jahrhunderts – da hatte das Mittel Hochkunjunktur – sich durch besonders träge Darmschlingen auszeichneten? Man weiß es nicht. Nein, sagt die Geschichte, daran soll es nicht gelegen haben, dass Herzog Carl Eugen erneut den Versuch starte, Manufakturen gründen. Schließlich hatte Herzog Carl Alexander bereits ebendies versucht – mit mehr oder weniger großem Erfolg. Es soll die finanzielle Not gewesen sein, die Herzog Carl Eugen 1788 dennoch auf die Idee gebracht hat, eine Cremor-Tatari-Fabrik einzurichten. Der Öhringer Georg Friedrich Rieger richtete die neue Fabrik ein. Der „dicke Saft des Bodens“, so wird der Weinstein auch genannt, findet sich in Früchten und Pflanzensäften, vor allem im Traubensaft, aus dem er sich bei der Gärung in Krusten an den Fasswänden absetzt. Zur Wirkungsweise der Substanz schreibt der Brockhaus 1837: „Der Cremor tartari ist ein sehr beliebtes Hausmittel gegen Blutwallungen und die von ihnen herrührenden Zufälle. Es wird häufig zur Beruhigung des Gemüths nach gehabtem Schreck oder Ärger genommen, leistet aber in diesen Fällen nichts. In größern Gaben wirkt er abführend, verdirbt aber, zu anhaltend gebraucht, leicht die Verdauung. In den Gewerben benutzt man ihn, um die Festigkeit der Farben zu vermehren.“ Die Cremor-Tatari-Frabrik hatte keine Zukunft und verschwand alsbald wieder von der Ludwigsburger Bildfläche. Heute wird die Weinsteinsäure auch noch in der Großküche verwendet, um das Flüssigwerden von Zuckerglasur hinauszuzögern, indem die austretende Fruchtsäure gebremst wird. Es wird vor allem bei Weintrauben oder Erdbeeren eingesetzt.


Stadtführung (Teil 15): Der Entdecker des Streichholzes

Jakob Friedrich Kammerer ist wohl gewesen, was man mal amüsiert, mal anerkennend als Tüftler bezeichnet. Der politisch aktive, antimonarchistisch eingestellte Schwabe zündelte aber auch gern.

Von Franziska Kleiner

Was wäre das Streichholz heute ohne Jakob Friedrich Kammerer? Vermutlich hätte jemand anderes dem Sicherheitszündholz den Weg geebnet, später irgendwann. So aber war es im 19. Jahrhundert eben Kammerer. Kammerer muss ein Charakterkopf gewesen sein, ein Querdenker auch, der für seine Überzeugung einstand. Zunächst lernte er das Handwerk des Siebmachers, den Beruf seines Vaters, betrieb später aber eine Gaststätte namens „Katharinenples­sier“ am Ludwigsburger Salonwald. Der Ausflug in die Gastronomie endete jedoch bald wieder, weil Kammerer Schwierigkeiten mit dem Inhaber bekam. Machte ihm dieser, der ehemalige Hofoboist Georg Konrad, doch ständig Vorschriften! Jakob Friedrich Kammerer wollte und konnte dies nicht goutieren. Also kehrte er der Gastwirtschaft den Rücken und ging in seinen erlernten Beruf zurück. Selbstverständlich ließ der Tüftler seine Erfindungen patentieren. Am 2. Juli 1824 meldete er eines an für die „ausschließliche Verfertigung von Sommerhüten und Kappen aus Fischbein, Weide und Spanischrohr“. Er war Inhaber einer Hutfabrik und damit anfangs der einzige Hersteller von Hüten in Ludwigsburg. Kammerer schlug sich erfolgreich: Er baute sein Unternehmen aus, stellte auch chemische Erzeugnisse her. Als der Mann im Jahr 1830 mit 34 Jahren Witwer wurde, war er Vater von vier Kindern. Kammerer hatte es inzwischen zu gewissem Wohlstand gebracht, kaufte das Haus Kirchstraße 21 und vergrößerte seine Produktion. Anfang 1832 stellte der gebürtige Ehninger die ersten Phosphor-Reibzündhölzer her, was in der Folge bedeutete, dass in den Räumen der Kirchstraße 21 schon mal die Feuerwehr ausrücken musste. Die Brände und die sie begleitenden Explosionen forderten nicht nur die Feuerwehr, sondern verärgerten auch die Nachbarschaft. Und doch führten die Versuche letztendlich dazu, dass Kammerer eine bereits bekannte Mixtur für den Zündkopf durch die Zugabe von weißem Phosphor verfeinerte. Fortan brannte die Streichholzflamme regelmäßiger, als sie es seither bei den sogenannten Tauchhölzern getan hatte. Dafür hatte der Franzose Jean Christoph Louis Chancel 1805 Kaliumchlorat, Zucker und Schwefel gemischt. Diese musste man in Schwefelsäure tauchen und rasch herausziehen, damit die Masse Feuer fing. Sein ebenso hochexplosives wie erfolgreiches Experimentieren hatte allerdings unangenehme Folgen. Am 24. Mai 1836 erhielt er die Anweisung, die Produktion – inzwischen immer täglich 400.000 Stück, die zum Export auch ins Ausland bestimmt waren – einzustellen oder außerhalb der Stadtmauer fortzusetzen. Fortan produzierte Kammerer vor dem Eglosheimer Tor in der Heilbronner Straße. Seine demokratische Einstellung und wohl auch sein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn hatten Kammerer in der Zwischenzeit allerdings in Bedrängnis gebracht. Er verbreitete republikanische Schriften, hatte 1832 am Hambacher Fest teilgenommen und kam im Sommer 1833 in Untersuchungshaft; die schlechten Haftbedingungen auf dem Hohenasperg verschlechterten Kammerers ohnehin angeschlagene Gesundheit, so dass er im Herbst 1833 entlassen wurde. Doch da war seine Patentantrag für den Streichholzkopf schon abgelehnt und Konkurrenzbetriebe entstanden. Ende der 1830er Jahre wurde das Verfahren gegen ihn wieder aufgenommen, das Schwurgericht verurteilte ihn zu zwei Jahren Festungshaft. Allerdings flüchtete er über Straßburg in die Nähe von Zürich, wo er wieder Streichhölzer herstellte. Inzwischen schwermütig geworden, kehrte Kammerer nach Ludwigsburg zurück, dorthin also, wo er als Kind mit seinen Eltern hingezogen war. Am 4. Dezember 1857 starb Kammerer in der „Doktor Krauss'schen Privatirrenan­stalt“. Auf dem Alten Friedhof wurde er beigesetzt. Seine Erfindung hatte nicht mehr lange Bestand, denn problematisch an den Phosphorzündhölzern war ihre leichte Selbstentzündlichke­it. Der Frankfurter Rudolf Christian Böttger steckte das Phosphor schließlich in die Reibefläche an der Schachtel: Sicherheitszündhölzer entstanden.


Stadtführung (Teil 14): Die Bijouteriemanufaktur war einst sehr erfolgreich

Von Carola Stadtmüller

Letztlich ist die Religion schuld daran, dass es in Ludwigsburg keine Schmuckfabrik mehr gibt. Ende des 18. Jahrhunderts war die Bijouteriefabrik in der Stuttgarter Straße 28 im Schack'schen Haus sehr erfolgreich. Die Arbeiter und der französische Betreiber Mergeris waren Reformierte, leider wurde die Kirche am Marktplatz zur lutherischen Garnisonskirche bestimmt, und das gefiel den Schmuckwarenher­stellern überhaupt nicht. Immerhin war ihnen bei Arbeitsantritt die freie Religionsausübung versprochen worden. Gut, der französische Bijouteriefabrikant Mergeris zahlte statt den zugesagten 20 000 Gulden nur 2000 an den Herzog zurück. In jedem Fall blühte die Bijouteriefabrik um 1780 herum. Die Waren beeindruckten selbst auswärtige Besucher. So schrieb der Berliner Verleger Friedrich Nicolai 1781: „In Ludwigsburg werden Uhren gemacht, Uhrketten von Stahl, Gold und Similor und andere Galanterien in der Art. Die seidenen Schnüre zu den Uhrketten machen die Posamentierer. Auch wurden Degengefäße, Stockknöpfe und andere Knöpfe nebst andern Arten von Stahlarbeit verfertigt. Die Goldarbeiter und die Graveurs machten sehr feine und schöne Arbeit, und es war auch ein Herr Dechamps aus Paris da, welcher sehr artige Knöpfe en Basrelief mit elfenbeinernen Medaillons machte.“


Stadtführung (Teil 13): Das Grävenitz-Palais

Von Lukas Jenkner

Zwei Jahrzehnte lang haben die Untertanen bereits mit der Gräfin gehadert, sie Hure und Landverderberin geschimpft. Im Jahre 1728 müssen sie nun einen weiteren Affront hinnehmen: in der heutigen Marstallstraße, nur wenige Meter vom Schloss entfernt, entsteht ein Palais. Die Besitzerin ist nicht irgendjemand, sondern eine Person, die eigentlich gar nicht sein darf: Christine Wilhelmine von Grävenitz, formal verheiratet mit dem Grafen von Würben, tatsächlich aber die Mätresse des Schlosserbauers und Stadtgründers, Herzog Eberhard Ludwig. Ein Vierteljahrhundert hat die Dame den Herrscher fest im Griff, nimmt Einfluss auf die Politik und häuft Reichtümer an. Heute gilt sie darob nicht mehr nur als Hexenmeisterin und Ausbeuterin, sondern als schwäbische Madame de Pompadour, die es geschickt verstand, die herrschenden Verhältnisse für sich zu nutzen. Lange hat die Grävenitz ihr Palais nicht bewohnt. 1731 bricht der Herzog mit ihr, fünf Jahre später wird sie des Landes verwiesen, nicht ohne eine großzügige Abfindung herausgeschlagen zu haben. Später hat eine weitere Mätresse in dem Haus residiert. Von 1772 an lebte Franziska von Hohenheim, die spätere Gemahlin des Herzogs Carl Eugen, dort. Seither geht es bürgerlich zu in den herrschaftlichen Gemäuern. Lange Zeit gehörte es einem Ludwigsburger Fabrikanten, 1988 schließlich wurde das Palais generalsaniert und erstrahlt nun im alten Glanz. Seit 1996 residiert die Verwaltung der Ludwigsburger Schlossfestspiele dort, außerdem wird im Erdgeschoss eine Gaststätte betrieben. Rauschende Feste und Soireen wie einst gibt es nicht mehr, im Saal in der Beletage treffen sich heute die Kulturbeflissenen.


Stadtführung (Teil 12): Ein Kaffeelöffel reicht für den Ausbruch

Von Christine Bilger

Der Letzte hat nicht nur das Licht ausgemacht, sondern auch den Strom abgestellt. Am Morgen des 16. Mai 1990 um 8.40 Uhr verließ der letzte Mitarbeiter das Ludwigsburger Gefängnis in der Schorndorfer Straße. Die elektrischen Uhren blieben stehen. Eine davon hängt im Eingangsbereich des Hauses Nummer 38 als Museumsstück – und zeigt seither 8.40 Uhr an. Heute ist in diesem Haus in der Schorndorfer Straße das Strafvollzugsmuseum untergebracht. In den übrigen Gebäuden der ehemaligen Haftanstalt befindet sich ein Seniorenstift. Eine Zeit lang liefen der Museums- und der Gefängnisbetrieb noch parallel in dem Gebäudekomplex mit den Hausnummern 28 bis 38. „Da erlebten die Museumsbesucher Strafvollzug live“, sagt der Museumsleiter Erich Viehöfer. Während die Gäste im vorderen Teil des Hauses einen gebastelten Pizzaofen aus den Stammheimer RAF-Zellen betrachteten, konnten sie durch das – natürlich vergitterte – Fenster die Strafgefangenen beim Hofgang beobachten. Das Museum wurde in den Jahren 1986 bis 1988 aufgebaut, von 1988 bis 1990 dauerte der Doppelbetrieb. Wobei sich der Schrecken für die Besucher in Grenzen hielt. Denn da das Gefängnis nicht mehr so ganz den aktuellen Sicherheitsstan­dards entsprach, wurden in Ludwigsburg keine Schwerverbrecher eingesperrt. „Am Schluss war es so, dass man mit dem Kaffelöffel hätte ausbrechen können, einfach das Material aus dem Fachwerk kratzen“, sagt der Museumsleiter. Der Anfang des Gefängnisses in Ludwigsburg liegt in dem Beinaheniedergang der Residenzstadt mit dem Umzug des Hofes nach Stuttgart begründet. Als der Hof im Jahr 1775 zurück nach Stuttgart zog, wurde das Waisen- und Zuchthaus zu einem Zucht- und Arbeitshaus, dem auch ein Waisenhaus sowie ein „Tollhaus“ angegliedert waren, ausgebaut. In jener „multifunktionalen Anstalt“, wie sie der Historiker Erich Viehöfer nennt, mussten Kinder, Frauen und Behinderte „für die Kasse des Herzogs arbeiten“. Sie webten das Tuch, aus dem die Livrées der Diener am Hofe und Uniformen der württembergischen Armee gemacht wurden. Zur reinen Strafanstalt wurde das Gefängnis in den Jahren 1812 bis 1824. Schrittweise wurden die Behinderten nach Zwiefalten, die Waisen nach Weingarten umgesiedelt. Von 1872 bis 1945 diente die Anstalt als reines Männerzuchthaus. Nach dem Kriegsende saßen in Ludwigsburg männliche Rückfalltäter. In den letzten 20 Jahren seines Bestehens beherbergte das Gefängnis nur noch Übeltäter, die eine kurze Freiheitsstrafe von weniger als einem Jahr abzusitzen hatten. Als 1990 der Strafvollzug eingestellt wurde, nahmen die Angestellten einen Teil der Ausstattung aus dem Gefängnis mit. In der neuen Justizvollzug­sanstalt in Heimsheim fallen daher heute noch Ludwigsburger Zellentüren ins Schloss. Die Insassen dort haben auch die Druckerei, die einst in Ludwigsburg betrieben wurde, übernommen. Sie stellen nach wie vor die Eintrittskarten für das Ludwigsburger Strafvollzugsmuseum her. Das Museum betreibt ein Freundeskreis, dem auch der letzte Ludwigsburger Gefängnisleiter angehört, Maximilian Schumacher. Er wechselte danach nach Stuttgart-Stammheim, wo er bis 2007 tätig war.


Stadtführung (Teil 11): Schräg nach oben geliftet

Von Christhard Henning

Total schräge Sache, das. Der Lift zum Heilbad in Hoheneck ist ein ziemliches Unikum, das heißt, landesweit einer von nur fünf Schrägaufzügen, wie das Nachschlagekom­pendium Wikipedia weiß. Den Hohenecker Freiluftfahrstuhl gibt es seit 1978, er bewältigt binnen einer Minute 92 Meter Strecke und hievt auf diesem Weg maximal 13 Personen oder 975 Kilogramm 24 Meter in die Höhe. Für die Mathematiker: der Lift überwindet damit eine Steigung von 26,09 Prozent. Schnell ist er nicht, der Lift im Stuttgarter Fernsehturm ist mit fünf Kilometern pro Stunde etwa dreimal so flott unterwegs. Der Aufzug, sagt auch der Bäderbetriebsleiter Thomas Gutknecht, sei tatsächlich ein Unikum. Nicht nur, weil er eine eigene Kostenstelle im Haushaltsplan der Stadtwerke Ludwigsburg/Kor­nwestheim hat. Nein, und jetzt wird es hart, liebe Benutzer des schrägen Teils: „Er müsste eigentlich geschlossen werden“, sagt Gutknecht relativ unverblümt. Denn bei dem 30 Jahre alten Vehikel kennen sich ob seiner Singularität nur wenige Monteure aus, und Ersatzteile kosten ein kleines Vermögen. Wenn also die Technik streikt und der Fahrstuhl stockt, dann runzeln sich bei den Verantwortlichen die Stirnfalten. „Das ist ein echter Luxus“, sagt Thomas Gutknecht, macht eine Pause und sagt dann, „den wir noch weiterführen.“ Noch. Denn noch so ein größerer Schaden wie im letzten Frühjahr, als die Achse des Gegengewichts gebrochen war und eine Rechnung in Höhe von 5700 Euro verursachte, noch so ein Totalausfall und der Lift müsse aufs Abstellgleis. „Es gibt Überlegungen, einen senkrechten Aufzug mit einem waagrechten Steg zu errichten“, sagt der Bäderbetriebsle­iter. Oder eine noch verwegenere Alternative: Rollbänder wie auf dem Flughafen, die den Steilanstieg zum Heilbad erleichtern. Denn ein heftiges Wehklagen in der badewilligen Bevölkerung würde anheben, würde der Lift verschrottet. „Das gäbe Beschwerden“, ist sich Gutknecht sicher – nicht nur bei den Gehbehinderten. Deshalb gibt es, wenn wieder einmal ein Defekt den Fahrstuhl lahmgelegt hat, einen Bergfahrservice per Minicartaxi, damit sich alle Badegäste möglichst ausgeruht in die mediterranen Fluten gleiten lassen können. Die Krux: auch der Shuttledienst kostet, 2008 fielen so letztlich 16 000 Euro unter der Rubrik „Reparaturen“ an. Gleichwohl: einige fitte Zeitgenossen, auch jenseits der 75, meiden den Aufzug wie ein Stück Schwarzwälder Torte. Die hüpfen die 73 Stufen von der Uferstraße bis zum Eingangsportal wie junge Gemsen hinauf, benetzen ihre trockene Kehle mit einem Schluck frischen Mineralwassers aus der badeigenen Zapfstelle, beruhigen ihren Puls im warmen Heilbadquell – und fahren anschließend wohlig erquickt mit dem Schrägaufzug zu Tale. Um die Knie zu schonen.


Stadtführung (Teil 10): Lohndumping und herzogliche Launen

Von Martin Willy

Hätte es vor 300 Jahren bereits die Presse im modernen Sinne gegeben, der Bau der evangelischen Stadtkirche und die Gründung der dazu gehörigen Gemeinde hätte sicherlich reichlich Schlagzeilen geliefert – und die Archive wären voll von Berichten. Denn der Bau der Stadtkirche kam einer kleinen Sensation gleich: Seit Menschengedenken sollte wieder ein Gotteshaus in Württemberg errichtet werden, und es sollte der erste repräsentative Neubau einer protestantischen Pfarrkirche der Barockzeit werden. Bis sie jedoch eingeweiht werden konnte, ging es teilweise drunter und drüber, in vielfacher Hinsicht. Ausgerechnet ein Baumeister aus dem erzkatholischen Italien sollte es sein, der das protestantische Gotteshaus errichtet: Donato Giuseppe Frisoni. Der Architekt betreute mit dem Bau der Schlosskirche das zweite bedeutende Kirchenprojekt der evangelischen Kirche in Württemberg. Außerdem konnte der Bau nicht wie geplant begonnen werden, weil dem Herzog schlicht das Geld fehlte. Doch nach vier Jahren der Planung riss dem Landesherrn der Geduldsfaden, so dass am 25. August 1718 wenigstens der Grundstein gelegt wurde. Doch alles blieb danach beim Alten, das Projekt stockte, das Geld fehlte. Und es passierte erst mal nichts. Erschwerend kam hinzu, dass das Kirchratskollegium Kollektengelder abzweigte, die für den Bau der Stadtkirche bestimmt waren. Daran haben sich die Kirchenoberen nicht bereichert, sondern nur die Finanzlöcher zu stopfen versucht, die beim Bau der Schlosskirche entstanden waren. Auch die Launen des Herzogs machten den Bauleuten zu schaffen. Sollte die Stadtkirche anfangs ein schlichtes, weil damit nicht so teures Gotteshaus werden, war es Eberhard Ludwig dann doch zu einfach und zu wenig repräsentativ. Also musste nachgebessert werden. Das war sehr kostspielig. Doch wie auch in der Gegenwart finden Regierende immer Mittel und Wege, bei Untertanen Geld einzutreiben, auch wenn keines mehr da ist: Das Kloster Bebenhausen – einst für die kirchlichen Belange der Ludwigsburger Vorgängersiedlung „Erlachhof“ zuständig – wurde aufgefordert, tief in die Tasche zu greifen; 1724 wurde eigens eine Kirchenbausteuer erhoben; im ganzen Land wurden Haussammlungen für die Kirche, die Türme und die Glocken anberaumt; der Kanzler der Universität Tübingen wurde angepumpt; allein durch Preisdumping drückte der Herzog die Steinmetzkosten für die Kirchtürme auf die Hälfte des ursprünglichen Preises; für die Zimmererarbeiten musste Holz kostenlos zur Verfügung gestellt und geliefert werden. Trotz aller Widrigkeiten: am 18. September 1726, dem 50.Geburtstag von Herzog Eberhard Ludwig, wurde die Stadtkirche eingeweiht. Der konnte aus gesundheitlichen Gründen nicht in Ludwigsburg sein, er weilte zur Kur in Bad Teinach. Die Kirchweih war festlich, und es läuteten auch die Glocken. Der Gesamteindruck dürfte aber etwas kläglich gewesen sein, schließlich waren die Türme noch nicht fertig, weswegen die Glocken an einem Holzgerüst vor dem Gotteshaus hingen, damit sie überhaupt läuten konnten. Drei Jahre sollte es noch dauern, bis das Projekt am 25. August 1729 – dem herzöglichen Namenstag – fertiggestellt war: nach einer Bauzeit von 16 Jahren.


Stadtführung (Teil 9): Die sommerliche Schlittenfahrt von Herzog Carl Eugen

Von Lukas Jenkner

Das lustige Treiben des Herzogs Carl Eugen nicht nur in seinen Schlafgemächern, sondern auch im Schlosstheater und auf den öffentlichen Plätzen im Lande und zumal in Ludwigsburg, ist legendär. Württemberg verdankte dem liebes- und prunksüchtigen Herrn zahlreiche gefüllte Kinderwiegen und eine leer geräumte Staatskasse. Opern, Bälle und Empfänge in Venedig, üppige Festbankette, ein in ganz Europa einzigartiges Theaterleben, die prachtvolle Venezianische Messe auf dem Ludwigsburger Marktplatz, die inzwischen wieder gefeiert wird, nun allerdings ohne Wein, der aus dem Marktbrunnen strömt – all dies hat Carl Eugen zuwege gebracht, oder besser: bringen lassen. Der Hofklatsch will außerdem wissen, dass es dem Herzog eines Sommers nach einer Schlittenfahrt gelüstete und mangels Schnee die 15 Kilometer lange Strecke zwischen den Schlössern Ludwigsburg und Solitude kurzerhand dick mit Salz bestreuen ließ; ein Gut, das damals rar und teuer war. Der Ludwigsburger Stadthistoriker Albert Sting ist dieser Geschichte nachgegangen und hat errechnet, dass etwa 1015 Tonnen Salz dafür notwendig gewesen wären. Eine Tonne Salz kostete zur Zeit Carl Eugens 500 Gulden. Die Schlittenfahrt auf Salz hätte demnach ein Loch von 507 500 Gulden in die Staatskasse gerissen. Zum Vergleich: so viel kosteten das neue Corps des Logis des Schlosses mitsamt der beiden Pavillons, den Galerien und den beiden Schlosshöfen. Möglicherweise hätte dies die Vorstellungskraft des Herzogs nicht einmal überstiegen. Weil aber in den Archiven des Hofes über diese ungeheuerliche Verschwendung so gar nichts zu finden ist, gehen die Historiker davon aus, dass die Geschichte tatsächlich das ist, wonach sie klingt: eine Mär.


Stadtführung (Teil 8): Große Pläne zum Arsenalplatz

Von Lukas Jenkner

In ihrer Größe bis dato einzigartige und darob prestigeträchtige Bauprojekte, die gibt es nicht erst seit kurzem in Ludwigsburg. Was heuer den Stadtoberen ihre Sportstätten sind, das waren im Ludwigsburg der frühen Stunde zum Beispiel die Exerzierplätze. Der Arsenalplatz ist einmal ein solcher gewesen und bis heute bietet er reichlich Platz für die Vehikel der kauffreudigen Kundschaft. Dass er aber ursprünglich viermal größer werden sollte, ist heute fast unbekannt. Anfang der 1760er Jahre, da hieß der Stadtherr Herzog Carl Eugen, gab es gigantische Pläne. Der Herzog gedachte, der bestehenden Ludwigsstadt eine weitere hinzuzufügen: die Carlsstadt. Zwei Kristallisati­onspunkte sollte es für das neue Quartier geben: Den Karlsplatz und den Arsenalplatz. Letzterer sollte mehr als drei Hektar groß werden, umrahmt von Militärgebäuden, darunter: eine Kaserne, ein Magazin, eine Garnisonskirche, ein Jägerhaus und wohl auch ein Militärhospital. Aber wie das so ist mit herrlichen Bauprojekten, das meiste blieb in unterschiedlichen Stadien der Ausführung stecken, und später wurden, so erzählen die Chronisten, die diversen Rohbauten wieder abgerissen, um das Material an anderer Stelle zu verwenden. Übrig geblieben sind lediglich die beiden großen Gebäude in der südöstlichen Ecke des Arsenalplatzes, wo heute das Staatsarchiv untergebracht ist. Aus städtebaulicher Sicht ist das sicher eine gute Entwicklung gewesen. Andernfalls müssten die heutigen Ludwigsburger sonst wohl mit einem Platz umgehen, der in seiner Weite den Marktplatz, der ja nun auch nicht gerade kleinräumig ist, um einiges übertroffen hätte.


Stadtführung (Teil 7): Tabak für das Herzogtum

Von Carola Stadtmüller

Wohl kaum eine andere Kulturpflanze hat in den letzten Jahrzehnten so kontroverse Diskussionen ausgelöst wie der Tabak. Der Konsum ist schädlich – ohne Frage. Und er ist eine erhebliche staatliche Einnahmequelle, auch das ist keine Frage und im Übrigen auch die Ursache für die Gründung der Ludwigsburger Tabakmanufaktur. Die Ludwigsburger Tabakmanufaktur hat ihren Ursprung im 18. Jahrhundert unter Herzog Eberhard Ludwig, der durch den Tabakanbau und die entsprechende Verarbeitung verhindern wollte, dass zu viel Geld für Zigarren und Schnupftabak ins Ausland abfloss. Außerdem wollte er durch das Monopol auf die Tabakverarbeitung selbst Nutzen ziehen. Sowohl Eberhard Ludwig als auch sein Nachfolger Carl Alexander waren nur an den Einkünften interessiert und scherten sich wenig um Anbau und Verarbeitung. Gestalt nahm die Tabakfabrik erst unter Mithilfe des berühmten Heidelberger Finanzberater des Herzogs Carl Alexander, Joseph Süß Oppenheimer, im November 1737 an. Dieser hat die Manufaktur für zwölf Jahre an jüdische Kaufleute aus Mannheim verpachtet, so dass die Geschäfte gesichert laufen konnten. Von den Pächtern aus Mannheim wurde das Herzogtum mit Rauch- und Schnupftabak versorgt. Der Rohtabak kam freilich nicht nur aus der Region, er wurde vor allem aus Holland in die Region angeliefert. Allerdings hatte das Volk nicht nur seinen Spaß mit dem Genuss: Jedermann wurde bei Strafe verboten, aus dem Ausland Tabak zu beziehen – egal ob dieser geschenkt oder getauscht war. Nicht einmal, wenn die Blätter irgendwo gefunden wurden, durften sie geschnupft oder geraucht werden – das wiederum war natürlich kaum zu prüfen. Die Tabakfabrik brachte den Ludwigsburger 120 Arbeitsplätze und war auch für ihre Eigentümer ein Erfolg: Im ersten Jahr ihrer Gründung warf sie je 8000 Gulden ab, vom dritten Jahr an jährlich 10.000 Gulden. Der Erfolg aber war nur von kurzer Dauer: der kurpfälzische Generaldirektor Barthelmi Pancorbo, ein Spanier, drängte die Mannheimer nach einem Jahrzehnt aus dem Geschäft und die Fabrik wurde alsbald aufgegeben. Baden-Württemberg ist traditionell eines der größten Tabakanbaugebiete in Deutschland. Das war bereits im 18. und 19. Jahrhundert so. So bauten bereits im Erntejahr 1899/1900 im Großherzogtum Baden mehr als 32.000 Tabakpflan­zer auf einer Fläche von gut 6000 Hektar Tabak an. Im Jahr 2003 gab es in Baden-Württemberg noch rund 200 Betriebe, die Tabak auf einer Fläche von rund 1800 Hektar anbauten. Die letzten Tabakbauern im Landkreis Ludwigsburg gaben Anfang der 90er Jahre ihre Betriebe auf, darunter auch einige in Pleidelsheim.


Stadtführung (Teil 6): Das Fass des Herzogs

Von Holger Gayer

Es ist durchaus nicht so, dass die Menschen in früheren Zeiten Kostverächter gewesen wären, im Gegenteil. Die Frage war nur, mindestens so sehr wie heute, ob es sich die braven Handwerker, Bauern, Mägde und Knechte leisten konnten, sich etwas zu leisten. Wein, zum Beispiel, war ein hohes Gut und daher nur selten im Becher der einfachen Leute zu finden, eher in jenem der Fürsten. Eberhard Ludwig, der Ludwigsburger Schloss- und Stadtgründer, unterhielt einen durchaus gut bestückten Keller mit einigen Spezialitäten. Die zweifellos interessanteste dieser Spezialitäten trägt die Nummer 30 und ist an ausgewählten Tagen auch heute noch zu besichtigen. Es handelt sich um das nach wie vor größte Fass Württembergs, das 300 württember­gische Eimer fasste, was auf heutige Verhältnisse umgerechnet sagenhafte 90 000 Liter sind. Zwischen 1719 und 1721 bauten der Werksmeister Widmann und der aus Oßweil stammende Hofküfer Ackermann dieses Wunderwerk der Küferei, für das sie das Holz von 21 Eichen verbrauchten. Verziert wurde das Fass schließlich im Jahre 1721 vom Bildhauer Caspar Seefried. Doch nicht nur die Dimension dieses Wein- und Freudenspenders dürfte Eberhard Ludwig gefallen haben. Auch in seinem Inneren besticht das Fass durch eine gewisse Raffinesse; es ist in zwei Kammern aufgeteilt, wobei sich in der einen Weiß- und in der anderen Rotwein befand. Regeln konnte man die Zufuhr des edlen Tranks durch die Stellung des Hahns, der zur einen Seite gedreht den Weißen und zur anderen Seite gedreht den Roten preisgab. Solche Spezialfässer hat die Hofkammer in heutigen Zeiten natürlich nicht mehr in Betrieb. Die Tradition des Weinbaus aber pflegt die herzogliche Familie immer noch. Ihr Weingut befindet sich am Schloss Monrepos vor den Toren der Stadt.


Stadtführung (Teil 5): Der Elisabeth-Kallenberg-Weg

Von Roland Böckeler

Auf manchen Karten von Ludwigsburg auch als Straße eingezeichnet, ist der Elisabeth-Kallenberg-Weg fast ein wenig unscheinbar am Rande der Innenstadt zu finden, eingerahmt von Asperger Straße, Garten-, Hospital- und Wilhelmstraße. Der Weg, der an Elisabeth Kallenberg erinnern soll, dürfte ihr gerecht werden. Denn Elisabeth Kallenberg hat ebenfalls eher unscheinbar agiert, Schlagzeilen machte sie erst als Seniorin. Diese sind es auch, die vergleichsweise spärlich über die Ludwigsburgerin Auskunft geben. Die evangelische Kirche hält im Internet die Erinnerung an sie wach. Es war am 25. Juni 1973, als Elisabeth Kallenberg bei der Stadtgründungsfeier die Bürgermedaille erhielt. Zusammen mit der Gemeindeschwester Lina Söll schrieb sie damals ein Stück Stadtgeschichte. Denn erstmals erhielten zwei Frauen diese Auszeichnung. Zu diesem Zeitpunkt war Elisabeth Kallenberg bereits 77 Jahre alt. Weil sie mit ihrem Mann, den sie 1919 geheiratet hatte und der 1958 starb, keine Kinder hatte, wurde ihre soziale Ader anderen Kindern zuteil – körperbehinderten. Mit viel Liebe und Idealismus, wie es bei der Stadtgründungsfeier hieß, engagierte sich Elisabeth Kallenberg in der von August Hermann Werner gegründeten Kinderheilanstalt, bekannt geworden als Werner?sche Kinderheilanstalt. Später als Stiftung betrieben, war sie der Vorläufer der heutigen Karlshöhe. Auf Elisabeth Kallenberg geht beispielsweise der Martinsmarkt in den Anstalten zurück, den sie im Jahr 1923 initiierte. Dort wollte sie Kindern mit Behinderungen, die auf dem großen Ludwigsburger Martinimarkt nicht teilnehmen konnten, eine Freude bereiten. Über viele Jahrzehnte hinweg organisierte sie überdies Ausflüge für Körperbehinderte, für die hiesige Taxiunternehmen und Autofirmen kostenlos Wagen bereitstellten. „Sie hat in vielen Jahren unter persönlichen und selbstlosen Opfern viel Gutes für die behinderten Menschen getan“, sagte der damalige Ludwigsburger Oberbürgermeister Otfried Ulshöfer beim Überreichen der Bürgermedaille. „Sie war für viele Menschen in besonderen Lebenslagen eine tatkräftige Hilfe. Dafür verleihe ich im Auftrage des Gemeinderats mit Freude die hohe Auszeichnung.“ Elisabeth Kallenberg starb 1982. Der mit ausgezeichneten Lina Söll, die als Schwester vor allem in der Weststadt Patienten pflegte, ist bis dato kein Weg gewidmet.


Stadtführung (Teil 4): Besondere Kirchturmspitzen

Von Martin Willy

Bescheidenheit ist eine Zier – aber nicht bei einem absolutistischen Herrscher wie der Stadtgründer Herzog Eberhard Ludwig einer war. Das ist sogar an den Details der Bauwerke abzulesen, die er während seiner Regentschaft hat errichten lassen. So schmücken die Turmspitzen der evangelischen Stadtkirche (Stadtkirchenplatz 6) nicht etwa wie üblich ein Kreuz, das für Christus steht, oder ein Hahn – er steht in der christlichen Ikonografie für Wachsamkeit und weist auf das nahende Licht hin, das wie der Erlöser Jesus Christus das Dunkel in der Welt überwindet. Diese beiden traditionellen Symbole hat Eberhard Ludwig einfach nicht auf die höchsten Punkte der Kirchtürme setzen lassen. Zuoberst wurden seine Initialen „EL“ montiert. Schließlich war Eberhard Ludwig als Landesherr zugleich oberster Bischof („Summus Episcopus“) der evangelischen Kirche im Herzogtum Württemberg. Doch damit nicht genug. Ganz unbescheiden prangen die Anfangsbuchstaben des fürstlichen Namens samt Krone auf einer Kugel, der Weltkugel. Damit deutet sich der Fürst – für jeden in Ludwigsburg sichtba – Christus gleich als Heils- und Friedensbringer. Der Lorbeerkranz verstärkt das Bild noch, gilt er doch seit dem antiken Rom als Symbol für Ruhm, Sieg und Frieden. Und das Ganze erstrahlt noch in goldenem Glanz. Wenn die Sonne im Westen hinter den beiden Türmen unterging und der Untertan vor der Kirche bescheiden den Blick hob, dann war er geradezu von der fürstlichen Herrlichkeit geblendet.


Stadtführung (Teil 3): Das rätselhafte Schicksal der Monika Gwinner

Von Christine Bilger

Ausgerechnet dort, wo seit nunmehr 50 Jahren der Märchengarten lockt, ist im Jahr 1950 ein siebenjähriges Mädchen spurlos verschwunden. Die Suche nach Monika Gwinner, die am 6. Juni 1950 zum letzten Mal lebend gesehen wurde, ging als die größte Suchaktion in der Bundesrepublik in die Geschichte der Stadt Ludwigsburg ein.

Am „hinteren Anlagensee“, also in jener verwilderten, überwucherten Gegend, die vier Jahre später urbar und zum Gelände der Gartenschau nebst Märchengarten gemacht wurde, sahen Zeugen die Siebenjährige zum letzten Mal. Sie soll dort mit anderen Kindern gespielt und mit ihnen in Richtung Schloss gegangen sein. Zwei Mädchen, mit denen sie unterwegs gewesen war, gaben später zu Protokoll, dass ein fremder Mann die Kinder angesprochen, ihnen Kirschen versprochen habe. Mit Suchhunden durchkämmten die Polizisten das Gebiet. Monatelang wurde jede Spur verfolgt. Die Mitarbeiter des Tiefbauamts forschten sogar in den Abwasserkanälen; Kriegswaffen tauchten auf, sonst nichts.

Vier Jahre nach ihrem Verschwinden begann der Bau des Blühenden Barocks unter den wachen Augen der Kriminalpolizei. Die Beamten hofften, spätestens als der Boden umgegraben wurde, um die Gartenanlagen zu gestalten, endlich einen verborgenen Hinweis auf ein Verbrechen zu entdecken. Vergeblich. Das Verschwinden der Monika Gwinner ist bis heute ein Rätsel geblieben.


Stadtführung (Teil 2): Der Aufruf zur Stadtgründung

Das Sprichwort, wonach aller guten Dinge drei seien, hat auf den Ludwigsburger Stadtgründer Eberhard Ludwig nicht zugetroffen. Er benötigte vier Versuche, um außer einem Schloss auch eine Stadt zu bekommen.

Von Holger Gayer

Bisweilen hat selbst ein Fürst Mühe, seine Untertanen von der Sinnhaftigkeit eines Plans zu überzeugen. So musste der württembergische Herzog Eberhard Ludwig fünf Jahre nach dem Beginn des Baus an seinem neuen Schloss in Ludwigsburg erkennen, dass es zwar verhältnismäßig einfach war, die Errichtung eines Herrensitzes für sich selbst zu befehlen. Wenn man aber auch eine Stadt um sich haben wollte, begann das Unterfangen ungleich schwieriger zu werden.

Dabei hatte Eberhard Ludwig schon bei der ersten Botschaft an seine Getreuen tief in die Trickkiste des monarchischen Regierens gegriffen. „Demnach Wir, zu mehrerer Aufnahm und Erweiterung allhiesigen Lust-Schlosses Uns gnädigst resolvirt haben, allen und jeden, so allhier zu bauen, und sich häußlich nider zu lassen, willens seynd, nicht nur den Platz und die Bau-Materialien gratis und ohne Entgelt, zu überlassen, sondern auch solche Leuthe, Fünffzehn Jahr lang, von allen Beschwerden und von allen Steuern zu befreien“, schrieb der Herzog am 17. August 1709 in einem Dekret, das an die Vögte und Bürgermeister seines Reichs ging.

Trotzdem blieb dieser Aufruf ohne jede Wirkung. „Nicht ein einziger Bürger oder eine Familie fühlte sich zur Ludwigsburg hingezogen. Offenbar war ein kostenloses Haus und ein Leben in Steuerfreiheit aber auf freiem Feld in der Nähe eines Jagdlustschlosses ohne wirtschaftliche Existenzsicherung und ohne geeignete Infrastruktur uninteressant“, schreibt der Ludwigsburger Stadthistoriker Albert Sting im ersten Band seiner „Geschichte der Stadt Ludwigsburg“.

Auch dem zweiten Versuch, den Eberhard Ludwig am 10. Januar 1710 unternahm, war nur ein mäßiger Erfolg beschieden. Zwar weitete der Herzog das Angebot an die potenziellen Ludwigsburger dahingehend aus, dass er nun auch Geschäftsleute und nicht nur Handwerker suchte, doch finden sich in der Chronik des Regierungsbau­meisters Hermann Stroebel nur zwei aus dem Jahre 1710 stammende Genehmigungen für private Bauten. Die erste gehörte dem Schreiner Bernhard Witter. Er bezog später ein Haus, das ihm der herzogliche Baumeister Johann Friedrich Nette an jenen Platz stellte, der heute auf die Adresse Schlosstraße 11 hört. Die zweite Genehmigung erhielt der Obervogt von Besigheim, General Bernhard von Sternenfels. Sein Anwesen entstand an der einst Hintere Schlossstraße genannten heutigen Mömpelgardstraße, Hausnummer 24. Als erster Bäcker siedelte sich 1711 ein Mann namens Pausback an, der offenbar so gute Geschäfte machen, dass die von Kornwestheim aus erfolgten Brotlieferungen eingestellt wurden.

Eine richtige Stadt war der Flecken trotzdem noch lange nicht, weswegen Eberhard Ludwig seine Untertanen am 3. Dezember 1712 zum dritten Mal von den Vorzügen eines Umzugs nach Ludwigsburg überzeugen wollte. Dabei klang des Herzogs Wunsch fast schon flehentlich: „Euch wird annnoch wohl erinnerlich seyn, was massen Wir wegen Erweiterung Unsers Lust-Hauses zu Ludwigsburg, allen jenigen, welche allda zu bauen und sich häußlich niderzulassen willens seynd, zerschiedene Beneficien anbieten lassen.“ Um seine Offerte weiter zu versüßen, dehnte Eberhard Ludwig die Steuerfreiheit auf 20 Jahre aus, forderte aber, dass „ein jeder, so daselbst recipirt zu werden begehrt, obligirt seyn solle, wenigstens Tausend Reichsthaler zu seinem Vermögen mitzubringen“. Offenbar hat auch das nur einen einzigen Württemberger davon überzeugt, dass er künftig in Ludwigsburg wohnen müsste.

Durchschlagenderen Erfolg hatte der Herzog schließlich mit seinem vierten Aufruf vom 18. Februar 1715. Nicht nur dass die Botschaft erstmals auch ins Ausland ging, erweiterte der Fürst die Privilegien nochmals. „Solle daselbst Niemandem der Religion wegen eine Hinderung gemacht, sondern jedermann, wer sich zu einer von denen im Heil. Röm. Reich recipirten Religionen bekennt, ohne Unterscheid derselben aufgenommen- und tolirirt, auch zu deren Execution eine bequeme Gelegenheit angewiesen werden“. Neben der auf diese Weise angebotenen Religionsfreiheit verfügte der Herrscher, dass die ohnehin schon auf 20 Jahre ausgedehnte Steuerfreiheit nun auch vererbt werden könne. Was wohl Peer Steinbrück zu einem solchen Angebot sagen würde?

Im Blick auf Ludwigsburg war jedoch eine Ankündigung Eberhard Ludwigs wichtiger als alle zuvor offerierten Vergünstigungen. Im Jahre 1715 erklärte der Herzog nämlich, „zu Ludwigsburg als einem 2 Stund von hier entlegenen Lust-Hauß künfftig zu residiren, und zu dem Ende Gnädigst gesinnt seyn, ein Etablissment von allerley Manufacturen, ehrlichen Gewerben und Hanthierungen zumahlen da sothaner Ort, weil der Neccar navigabel gemacht wird, zu denen Commercien gar bequem und gelegen ist, aufzurichten, und diejenige, so sich zu besagtem Ludwigsburg anzubauen und wohnhaft niederlassen werden, mit besondern Privilegiis, Freyheiten und Beneficiis zu begnadigen“. Diese Verlautbarung, seine Residenz künftig in Ludwigsburg zu haben, fuktionierte. Jedenfalls finden sich in den Aufzeichnungen des Regierungsbau­meisters Stroebel nun etliche Seiten von Baugesuchen, die zur Ansiedlung in Ludwigsburg genehmigt worden sind. Die Stadt begann zu wachsen.


Stadthistoriker Albert Sting über Ludwigsburg

LUDWIGSBURG. Albert Sting, Jahrgang 1924, ist der einzige noch lebende Ehrenbürger Ludwigsburgs und einer der bedeutendsten Köpfe, den die Stadt in ihrer nunmehr 300-jährigen Geschichte hatte. Der promovierte Theologe und Psychologe leitete nicht nur viele Jahre das renommierte Diakonische Werk auf der karlshöhe, sondern beschäftigt sich auch seit jeher mit der Historie seiner Heimatstadt. Zum Auftakt unserer neuen Serie „Stadtführung“ hat der StZ-Redakteur Holger Gayer mit dem Ludwigsburger Stadthistoriker Albert Sting über spannende Geschichten und aktuelle Projekte gesprochen. Der jetzige OB findet in Sting jedenfalls einen gewichtigen Fürsprecher.

Herr Sting, was wünschen Sie Ludwigsburg zum 300. Geburtstag?

Ich wünsche mir, dass die Stadt offen und attraktiv bleibt, und hoffe, dass alle, die an und mit der Stadt arbeiten das erforderliche Fingerspitzen­gefühl haben.

Wenn man in die Geschichte blickt, dann scheinen die Herrscher in Ludwigsburg nicht immer das richtige Fingerspitzengefühl gehabt zu haben, oder?

Das ist in der Tat eine ambivalente Angelegenheit. Wenn wir an die Anfänge der Stadt denken, dann steht da Herzog Eberhard Ludwig. Er wollte die Stadt; ohne ihn und seine Sturheit gäbe es Ludwigsburg nicht. Denn aufgrund von politischen, wirtschaftlichen oder militärischen Gedanken wäre Ludwigsburg nie entstanden. Es gab da die Ortschaften drumherum – Marbach, Markgröningen, Schwieberdingen -, die viel wichtiger waren. Selbst die Dörfer Kornwestheim, Poppenweiler und Pflugfelden hatten eine größere wirtschaftliche Bedeutung als der eigenartige Flecken, der hier entstanden ist.

Warum wollte Eberhard Ludwig überhaupt eine neue Stadt?

Zunächst wollte er nur ein Schloss, von dem aus er seine Jagden organisieren konnte. Um aber wirklich eine Stadt zu gründen, musste er erst sagen, dass er selbst hierher zieht. Erst damit hat er erreicht, dass auch Metzger und Bäcker sich hier angesiedelt haben. Bis dahin ist das Brot für die Bauarbeiter von Kornwestheim geliefert worden.

Angeblich hat Eberhard Ludwig Stuttgart nur wegen seiner Mätresse Wilhelmine von Grävenitz verlassen. Welche Rolle hat die Dame für die Entwicklung von Ludwigsburg denn wirklich gespielt?

Keine bedeutende. Die Grävenitz wird viel zu hoch eingeschätzt. Sie kam erst 1706 – also zwei Jahre nach dem Beginn des Schlossbaus in Ludwigsburg – überhaupt nach Württemberg. Die Initiative dazu ging vom Hofmarschall Johann Friedrich von Stafforst aus. Er suchte eine Frau, um seinen Einfluss auf den Herzog zu behalten. Eberhard Ludwig war ein eigenwilliger Kerl gewesen, und alle um ihn herum hatten Angst, dass er Dinge tun könnte, auf die sie nicht vorbereitet waren. Also suchte man jemanden, der wie ein Mikrofon und ein Lautsprecher wirkte, um direkte Informationen zu erhalten.

Das klingt, als wären all die Intrigen der Neuzeit harmlose Klosterschüler­geschichten.

Naja, das hatte schon auch etwas Tragisches. Wobei man dazu sagen muss, dass die Sache auch für Stafforst nicht optimal lief. Denn im Laufe der Zeit verselbständigte sich die Grävenitz und beachtete ihren ursprünglichen Auftraggeber nicht mehr.

Trotzdem galt sie als Landverderberin.

Stimmt. Inzwischen hat man aber einen anderen Blick auf sie. Sie war eine hochintelligente und machtbewusste Frau, die so vorsichtig, dass es der Herzog nicht bemerkte, in die Regierungsgeschäfte eingriff.

Dennoch entwickelte sich Ludwigsburg im Volksmund zur Lumpenburg ? und trug diesen Titel ja auch später unter Herzog Carl Eugen nicht ganz zu Unrecht, oder?

Auch Carl Eugen ist eine ambivalente Figur. Nach heutigen Moralvorstellungen hat er sich sehr unanständig benommen.

Wie haben die Ludwigsburger auf dieses Treiben geschaut?

Zunächst haben sie natürlich davon profitiert, dass der Herzog in der Stadt war. Die Einwohnerzahl Ludwigsburgs ist in dieser Zeit auf 10.000 gestiegen, während in Stuttgart damals 10.500 Menschen lebten. Die Stuttgarter hatten echt Angst, dass ihnen die Stadt Ludwigsburg das Wasser abgräbt.

Der Zustand hat aber nicht lange angehalten.

Als Carl Eugen wieder nach Stuttgart ging, ist in Ludwigsburg alles zusammengebrochen. Es begann die Zeit, da Gras auf dem Marktplatz wuchs…

…was der Stadt den Schmähtitel „Grasburg“ einbrachte.

Ein Zitat von Justinus Kerner, ja. Der Zustand damals war so schlimm, dass Sie von Ihrem Vermieter Geld dafür bekommen konnten, wenn Sie in eine Wohnung eingezogen sind.

Warum denn das?

Mancher Vermieter dachte, dass es billiger sei, jemanden in seiner Wohnung zu haben, als sie leer stehend vergammeln zu lassen.

Wenn man das mit den heutigen Mietpreisen in Ludwigsburg vergleicht,…

…dann kann man sich das kaum vorstellen, gell? Aber es war so, dass Ludwigsburg komplett auf den Hof und das Militär abgestellt war. Erst der Bürgermeister Heinrich von Abel hat die Industrie gefördert und gleichzeitig darauf geachtet, dass die Betriebe effizient und umweltschonend sind. So kam es zur Ansiedlung der Bausparkasse, der auf großzügigste Weise ein günstiger Bauplatz angeboten wurde.

Wie war die Atmosphäre in der Stadt zu jener Zeit um die Jahrhundertwende?

Es gab ein klassisches bürgerliches Leben, und man wollte gleichzeitig ein klassisches proletarisches Leben vermeiden. Der Zichorienfabrikant Heinrich Franck hatte am liebsten Leute mit Garten und Haus, und wenn seine Leute das nicht hatten, hat er dafür gesorgt, dass sie es sich leisten konnten.

Soziale Marktwirtschaft?

Ja, man mag das in Zeiten der aktuellen Diskussion um die Pendlerpauschale kaum glauben, aber Franck gab seinen Mitarbeitern, wenn sie aus Oßweil oder Eglosheim her laufen mussten, damals schon ein Schuhgeld, damit sie sich ihre Sohlen richten lassen konnten. Das führte dazu, dass die meisten Ludwigsburger für die Generation der Firmengründer durchs Feuer gegangen wären.

War Ludwigsburg später auch ein guter Nährboden für die Nazis?

Nicht mehr oder weniger als anderswo, würde ich sagen. Ludwigsburg war sicher keine Hochburg des Widerstands. Dennoch hatte man lange Zeit ein gutes Verhältnis auch zu den Juden in der Stadt.

Wie viele waren das?

Es dürften noch 150 bis 170 Bürger gewesen sein, und die meisten von ihnen hatten sich selbst als Deutsche jüdischen Glaubens gesehen. Manche hatten im Ersten Weltkrieg für Deutschland gekämpft. Doch nachdem am 10. November 1938 auch in Ludwigsburg die Synagoge niedergebrannt worden war, blieb vielen von ihnen nur die Flucht. Andere wurden deportiert. Der prominenteste von ihnen war der Fabrikant, Stadtrat und stellvertretende Bürgermeister Max Elsas. 1938 mussten seine Brüder und er die Elsas'sche Buntweberei infolge der Arisierung verkaufen. Der 80-jährige Max Elsas wurde 1941 nach Theresienstadt gebracht, wo er ein Jahr später an Entkräftung starb.

Welche Rolle spielte der damalige Oberbürgermeister Karl Frank?

Gemessen an den Ereignissen der Zeit eine eher positive. Er wurde bereits 1931 gewählt und hat die Stadtverwaltung auch während der Nazi-Zeit mit großem Geschick geleitet. Das sieht man auch daran, dass er im April 1945 weisungsgemäß zurückgetreten ist, von den Alliierten aber zur Fortführung seines Amtes bestimmt wurde. Später musste er sich zwar einem Entnazifizierun­gsverfahren unterziehen, wurde aber bereits 1951 zum Finanzminister des Landes bestellt.

Welche Bilder, Gefühle und Erinnerungen sind Ihnen selbst aus dieser Zeit geblieben?

Ich bin zwar in den ersten zehn Jahren in Ludwigsburg zur Schule gegangen, war aber dann in Besigheim, und erst später wieder am Friedrich-Schiller-Gymnasium. Ich kann sagen, dass aus unserer Klasse keiner in der politischen Hitler-Jugend war, sondern bei den Sondereinheiten der HJ, bei denen man vielem ausweichen konnte.

Was heißt „Sondereinheiten“?

Ich war bei der Flieger-HJ, andere waren bei der Marine-HJ, im Bannorchester oder in der Nachrichten-HJ. Wobei ich gestehen muss, dass diese Entscheidung weniger aus der Erkenntnis gespeist war, dass der Nationalsozialismus die falsche politische Richtung war, sondern eher der Position, dass wir als Gymnasiasten keinen Gamaschendienst verrichten wollten.

Macht das etwas besser?

Das mögen andere beurteilen. Ich kann nur sagen, dass meine Schulkameraden und ich an keinen politischen Veranstaltungen mehr teilnehmen mussten.

Aber Sie waren noch an der Front?

Ganz am Schluss, ja, bei Wien. Danach bin ich in russische Gefangenschaft geraten und erst 1949 zurückgekehrt.

Was haben Sie zu Hause vorgefunden?

Ein intaktes Elternhaus, mein Vater war immer noch Dekan in Besigheim, und keiner meiner Brüder war gefallen. Das war ein großes Glück. Und relativ schnell habe ich meinen Vorsatz aus der Gefangenschaft über Bord geworfen. In den kalten russischen Wintern hatte ich nämlich beschlossen, später Bäcker zu werden, weil's ein Bäcker immer warm hat, und etwas zu essen hat er auch immer. Doch es kam anders.

Sie studierten Theologie und Psychologie.

Ja, weil ich auch einen richtigen Hunger auf Bücher hatte. Ich konnte nicht aufhören zu lesen, wenn etwas Lesbares da war. Nach Ludwigsburg kehrte ich erst Anfang der 1960er Jahre zurück. Da kam ich wieder an die Stadtkirche und habe just in jenem Haus gewohnt, in dem ich einst geboren wurde.

Ihr Pfarrbezirk umfasste damals die Innenstadt. Was haben Sie empfunden, als dort das Marstallcenter gebaut wurde?

Zunächst war das ein Beschluss des Gemeinderats, und etliche derer, die damals für den Bau waren, laufen heute noch lebendig herum. Es gab damals sogar einen renommierten Bauspezialisten, der gesagt, dass das Marstallcenter ein Gewinn für die Barockstadt Ludwigsburg sei.

Aha…

…ja, aber man darf aus heutiger Sicht nicht vergessen, welche Zustände damals in der Unteren Stadt geherrscht haben. Das war ein Problemviertel, und man hoffte mit dem Bau des Marstallcenters ein Gebäude zum Wohnen, Leben und Einkaufen zu schaffen. Das ist auch gelungen, übrigens bis zum heutigen Tage. Denn nur durch den Bau des Marstallcenters sind entscheidende Teile des ältesten Teils der Stadt erhalten und ist die Untere Stadt insgesamt davor bewahrt geblieben, ein Slum zu werden. Dass das Ding nicht schön ist, steht für mich allerdings auch außer Frage.

Oft werden solche Bauwerke mit den Namen der Schultheißen verbunden…

…beim Marstallcenter wäre das Ulshöfer…

…ebenso wie beim Forum am Schlosspark. Wenn Sie sich die Riege der Oberbürgermeister anschauen, wo sortieren Sie den aktuellen Amtsträger ein?

Werner Spec steht für wuchtige Aufgaben, denken Sie nur an die Multifunktionshalle oder den Westausgang am Bahnhof. Das ist, allein was die Kosten betrifft, mehr als das Forum von Otfried Ulshöfer. Oder auch seine Überlegung zu einem dritten Autobahnanschluss. Damit macht er sich nicht nur Freunde. Aber man muss immer vor Augen haben, dass Ludwigsburg stets eine in ihrer Markung begrenzte Größe gewesen ist. Wenn man etwas weiter denkt, trifft man immer auf Asperg oder eine andere angrenzende Ortschaft. Und dann wird sofort gefragt, wie sich der Ludwigsburger OB Gedanken machen kann über einen Quadratmeter Erde, der zu Asperg gehört.

Woran denken Sie konkret?

An die B 27 in Eglosheim. Ich glaube nicht an einen Tunnel dort. Es gibt Dinge, die gehen einfach zu bestimmten Zeiten nicht.

Wie sieht dann Ihr Verkehrskonzept der Zukunft aus?

Ich würde die B 27 vom Mäurach bis zur Sternkreuzung untertunneln. Damit wäre den Eglosheimern auch geholfen.

Und Sie könnten ohne Gefahr vom Marktplatz hinüber marschieren ins Schloss, um dort in Ihrer Mansarde zu nächtigen?

Auch das. Darüber würde ich mich freuen.

Welche Rolle spielt Ludwigsburg in der Region Stuttgart?

Eine ausgesprochen positive. Nördlich von Stuttgart kommt erst in Heilbronn eine Stadt mit vergleichbarem Format. Im Westen? Frühestens Pforzheim. Im Osten? Ganz lange nichts. Und im Süden? Tübingen.

Sie haben Esslingen unterschlagen…

…Entschuldigung, ja, die alte Reichsstadt, die lass ich auch gelten.


Zeitzeugenberichte

Venezianische Messe.
Herzog Carl Eugen wurde durch seine Italien-Reisen angeregt, die Venezianische Messe (Marktbuden) zuerst in seine Residenzstadt Ludwigsburg, später auch in Stuttgart auf dem Marktplatz einzuführen....

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