Die Geschichtswerkstatt von Stuttgarter Zeitung und Stadtarchiv
Startseite
Werden Sie Chronist
Themen
Orte
Zeiten
 

Der Rotwildpark - für Bürger lange tabu

1815-2015

Bilder zum Thema





Anmelden


Möchten Sie auch Bilder beitragen oder Ihre Erinnerungen zu einem Thema aufschreiben? Hier geben wir Ihnen alle Informationen, wie „Von Zeit zu Zeit“ funktioniert.


Zeitliche Einordnung


Bilder hinzufügen

Sie wollen eigene Bilder zu diesem Thema hochladen?
Sie wollen einen Zeitzeugenbericht zu diesem Thema schreiben?

Lichtgut/Achim Zweygarth

Dieses Bild interessiert 3 Chronisten


Dieses Thema interessiert einen Chronisten


Vor 200 Jahren hat der württembergische König Friedrich I. den Rotwildpark gegründet. Es gibt ihn heute noch – nein, wieder: Derzeit sind in dem Gehege nahe des Bärenschlössle sechs Hirschkühe beheimatet. Ein Hirsch kommt dieses Jahr wieder dazu.

Von Thomas Faltin

Im Moment sind die Damen ohne Anführer. „Der Hirsch muss alle paar Jahre ausgetauscht werden, damit es keine Inzucht gibt“, erklärt Hagen Dilling, der Chef des Stuttgarter Forstamtes – möglichst bald soll aber wieder ein Rothirsch die derzeit sechs Kühe des Rotwildgeheges nahe dem Bärenschlössle begleiten. Die Tiere sind eine der Attraktionen des beliebten Erholungsgebietes im Westen Stuttgarts, und die Tiere haben dem Gebiet auch den Namen gegeben: Rotwildpark heißt das Naturschutzgebiet mit seinem herrlichen Wald, den Seen, Pavillons, der Glemsquelle und dem natürlichen Mittelpunkt, dem Bärenschlössle, dessen erster Bau als Lustschloss schon ins Jahr 1768 zurückreicht.

Vor 200 Jahren, also 1815, hat der württembergische König Friedrich I. im Wald diesen Rotwildpark eingerichtet. Friedrich fühlte sich damals noch als absolutistischer Herrscher, und das neue Gehege sollte keineswegs dazu dienen, dem Adel und dem Bürgertum die schöne Natur nahezubringen. Vielmehr hatte es zwei Ziele: Zum einen wollte man mit dem Zaun verhindern, dass die vielen Tiere im Wald die Bäume verbissen (manche deshalb krumm gewachsene Bäume sieht man noch heute); zum anderen wollte man Wild heranziehen, das für die exzessiven Jagden benötigt wurde. Angeblich soll Friedrich das Gatter zunächst mit 568 Rot- und 138 Damhirschen belegt haben.

Schon zuvor hatte Herzog Carl Eugen monumentale Jagden veranstaltet, die uns heute eher als Massaker erscheinen. Eines der berühmtesten Jagdfeste ereignete sich am 24. September 1782. Vor dem Bärenschlössle waren zum See hin Terrassen angelegt worden; da hinunter wurde das Wild von Treibern in den See gejagt – wenn die Tiere in ihrer Panik am anderen Ufer aus dem Wasser stiegen, knallten die adligen Schützen sie einfach ab. In zeitgenössischen Berichten ist davon die Rede, dass fünf- bis sechstausend Tiere an jenem Tag vor die Flinten getrieben wurden.

Bis 1919 mussten die Bürger Eintritt zahlen

Zunächst war das Gehege deshalb für die normale Bevölkerung tabu. Erst viel später erhielten die Bürger Zutritt, wenn auch nur auf drei festgelegten Wegen über das Bärensträßle, das Glemssträßle und den Königsweg, und auch nur gegen Entgelt. Vor dem Ersten Weltkrieg kostete die Jahreskarte zwei Mark. Halböffentlich blieb der Park bis zum Ende der Monarchie. 1919 wurde der Wald dann für die Menschen geöffnet, das Gehege aber geschlossen, wohl, weil den neuen demokratischen Herren die Kosten zu hoch waren.

Erst im Jahr 1968 hat die Forstverwaltung wieder einen – im Verhältnis zum ursprünglichen Gatter – recht bescheidenen Wildpark eingerichtet. Vom Bärenschlössle aus erreicht man das Gehege in nördlicher Richtung in etwa zehn Gehminuten. Wie in alten StZ-Artikeln nachzulesen ist, haben elf junge Frauen und Männer aus Frankreich, Holland und Dänemark damals den Zaun aufgebaut, im Rahmen eines internationalen Jugendaustauschs.

Der erste Hirsch war im Schwarzwald bei Enzklösterle eingefangen worden und erhielt den Namen Hansi. Da er seine Partnerin Gretel mit dem Geweih so übel zurichtete, dass sie starb, gab es erst 1970 Nachwuchs. Es mussten zunächst zwei Hirschkühe aus dem Schönbuch neu ins Gehege gebracht werden. Der heimliche Schatz des Rot- und Schwarzwildparks sind aber nicht die Hirsche, sondern die Bäume. Über Jahrhunderte hinweg war das Gebiet als Hutewald genutzt worden – manche Bauern durften ihre Schweine hineintreiben, die sich dann von den Eicheln und Bucheckern ernährten. Damit die Bäume viele Früchte trugen, mussten sie in gewissen Abständen stehen.

So entstand ein lichter Laubwald, der zu jeder Jahreszeit einen großen Reiz auf den Spaziergänger ausübt – und der mittlerweile ein Alter erreicht hat, wie es landesweit einzigartig sei, erklärt Hagen Dilling. Mehr als 2000 Eichen und Buchen seien im Rot- und Schwarzwildpark älter als 200 Jahre. Die Methusalems sind zwei Eichen, die es womöglich auf 600 Jahre bringen.

Mehr als 2000 Bäume sind älter als 200 Jahre

Der Wert dieser Bäume, die zahlreichen seltenen Tieren wie der Mückenfledermaus, dem Juchtenkäfer oder dem Halsbandschnäpper eine Heimat bieten, ist schon vor vielen Jahrzehnten erkannt worden. Bereits 1939 waren 518 Hektar als Naturschutzgebiet ausgewiesen worden; 1958 wurde das Areal auf heute 830 Hektar vergrößert. Der Rotwildpark auf der Gemarkung Stuttgart zählt damit unter den 1044 Naturschut­zgebieten in Baden-Württemberg zu den zwölf größten.

In der amtlichen Würdigung hieß es vor einem Dreivierteljah­rhundert: Die Bäume seien „in prächtigen Stücken oder ganzen Gruppen erhalten und bieten im Zusammenspiel mit freien Wasser- oder Wiesenflächen bald im Einzelstand, bald in Hainen hervorragend schöne Bilder.“

Dem ist bis heute nichts hinzuzufügen.


Kommentare

(Noch keine Einträge vorhanden)



Stuttgarter Zeitung
 
 
von Zeit zu Zeit