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Stuttgart in den 50ern - Die schönsten Jahre der jungen Republik

1950-1959

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Königstrasse um 1951

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Nach beinahe zwanzig bedrückenden Jahren konnten die Menschen im Stuttgart der 1950er Jahre wieder optimistischer in die Zukunft blicken. OB Klett bezeichnete sich gern als den „größten Bauernschultes Deutschlands“, aber die Modernisierung war unaufhaltsam.

Von Werner Birkenmaier

Stuttgart – Zu Beginn der fünfziger Jahre hatten die Stuttgarter eine große Sorge weniger: Sitz der neuen Bundesregierung war Bonn geworden und nicht Stuttgart, obwohl Oberbürgermeister Arnulf Klett, der Politiker Carlo Schmid und andere für diesen Standort geworben hatten. In Trauer fielen die Stuttgarter deswegen nicht, eher im Gegenteil. Als die Entscheidung bevorstand, verkündete ein Straßenbahnschaf­fner lauthals: „Mir brauchet koi Regierung, mir hent scho Großkopfete gnueg.“ Er erhielt viel Beifall dafür. Wo hätte man denn in der zerstörten Stadt all die Ministerien unterbringen, wie den Wohnraum für die vielen Beamten schaffen sollen? Man hatte ja kaum Platz für den eigenen Landtag; der residierte bescheiden- unauffällig in der Heusteigstraße. Es genügte den Stuttgartern, wenn „ihr“ Bundespräsident Theodor Heuss hin und wieder von Bonn herkam, um 1950 die Bundesgartenschau auf dem Killesberg zu eröffnen oder 1958 die Staatsgalerie.

Die große Politik hatte man nicht nötig, denn Stuttgart war in den fünfziger Jahren fraglos die Bundeshauptstadt der kulturellen Art. Nichts hat sich mir so tief eingeprägt wie jener Abend in der Staatsoper, als Wieland Wagner erstmals seine dann in Bayreuth berühmt gewordene „Scheibe“ vorstellte, eine graue, leicht geneigte Ebene, auf der sich das Geschehen konzentrierte. Das war in diesem Fall (noch) nicht Wagner, sondern Beethovens „Fidelio“ mit Wolfgang Windgassen in der Hauptrolle. Zumal auf einen jungen Menschen wirkte Wieland Wagners Regie kühn und modern, ein Aufbruch in eine neue Zeit. Seine Zusammenarbeit mit der Oper und deren Dirigenten Ferdinand Leitner setzte sich nach dem großen Erfolg fort. Stuttgart wurde zum „Winter-Bayreuth“.

Ich weiß aber auch noch, dass ich mir inmitten des schon um große Garderobe bemühten Premierenpublikums in meiner Schuljungenjacke etwas verunsichert und deplatziert vorkam. Gleichviel, es kam darauf an, dabei zu sein, sich in die Warteschlange vor dem Staatstheater einzureihen, denn drinnen spielte Erich Ponto den „Nathan“. Es gab noch andere große Namen um den Intendanten Walter Erich Schäfer: Paul Hofmann, Günther Lüders, Albert Florath. Eigentlich lebte man in einem Paradox, das man aber leicht ertrug: Hier die großen kulturellen Ereignisse, während draußen noch die Ruinen das Bild der Stadt bestimmten. Aber aus diesen blühte neues Leben. Es wurde hart gearbeitet an der Rückkehr zur Normalität.

Es herrschte eine optimistische Stimmung

Der Satz sei gewagt: die 50er Jahre waren die schönsten der Nachkriegszeit. Es konnte nur nach oben gehen, nur besser werden. Diese damals vorherrschende optimistische Stimmung lässt sich nur schwer beschreiben. Was ist heute schon ein Radiogerät, aber es war eine kleine Sensation, als mein Vater den Volksempfänger aus NS-Tagen durch einen „Nordmende“ ersetzte, ausgestattet mit einem magischen Auge, das die exakte Einstellung des neuen UKW-Programms erlaubte. Überhaupt der Rundfunk. Er ist aus dem damaligen Leben so wenig hinwegzudenken wie die Stuttgarter Zeitungen, die sich in die Entwicklung der Stadt kräftig einmischten.

Neben seinen anspruchsvollen Programmen hatte der in der Neckarstraße residierende Südfunk auch eine schwäbische Seele. Die bunten Samstagnachmittage gehörten Werner Veit und Walter Schultheiß, Albert Hofele und nicht zuletzt Willy Reichert. Der hasste allerdings seine Rolle in dem Duo „Häberle und Pfleiderer“, wollte nicht als Berufsschwabe verheizt werden. Zu Hause, so hörte ich damals, spreche er, der gebürtige Stuttgarter, nur Hochdeutsch.

Für uns, die Jüngeren, gab es daneben noch eine andere Welt, die den älteren Stuttgartern ganz und gar nicht gefiel. Die Amerikaner saßen ja im Lande und in der Stadt, und so brach sich die Amerikanisierung des Lebens machtvoll Bahn. Im Kino Cinema, dort wo heute in der Königstraße der Kaufhof steht, gab es abends nach 23 Uhr großen Jazz. Zu den Höhepunkten gehörten die Auftritte von Louis Armstrong, Count Basie und Ella Fitzgerald. Die Herausbildung einer spezifischen Jugendkultur hatte auch ihre Schattenseiten. Es ging weniger um die Boogie-Woogie- tanzenden „Teddy-Boys“ mit Ringelsocken und Kreppsohlen als um die „Halbstarken“, die gelegentlich ihr Unwesen trieben. Polizeipräsident Rau mobilisierte dagegen später eine Motorradstaffel, die „Raureiter“.

Die Modernisierung war unaufhaltsam

Als junger Mensch nahm man die Details der wirtschaftlichen Entwicklung noch nicht wahr, aber man spürte, dass Tempo in der Sache war. Zwar zogen noch schwere Pferde die Bierwagen einer Stuttgarter Brauerei durch die Stadt, und OB Klett bezeichnete sich gern als den „größten Bauernschultes Deutschlands“, aber die Modernisierung war unaufhaltsam. Symbol dafür war der Fernsehturm, der 1956 eingeweiht wurde und mit seiner architektonischen Kühnheit weltweit zum Vorbild wurde. Nicht entziehen konnte man sich dem heftigen Streit zwischen Modernisten und Bewahrern um die Frage, ob das Neue Schloss abgerissen oder wieder aufgebaut werden sollte. Manche hätten da gern den Landtag hingestellt und damit das Ensemble, so wie es sich heute darbietet, zerstört. Leider schrieb man das Kronprinzenpalais ab mit der Folge, dass der Kleine Schlossplatz bis heute nicht ganz überzeugt.

Doch das waren damals nicht die Probleme von uns jungen Leuten. Eher nahm man wahr, dass die Schulstraße Mitte der fünfziger Jahre zur ersten deutschen Fußgängerzone und zur „Fressgass“ wurde, wo man damals schon auf der Straße belegte Brötchen mampfen konnte. Das war keineswegs selbstverständlich, denn es war eine Zeit, in der die Männer noch Hüte trugen wie in alten amerikanischen Filmen, die Frauen sich auf der Straße nicht zu rauchen getrauten und Stuttgarter Bürger heftig gegen den Nackedei Hildegard Knef in dem Film „Die Sünderin“ protestierten. Davon abgesehen war es schön, in dieser optimistischen Zeit jung zu sein. Berufliche Sorgen musste man sich ohnehin nicht machen. Es herrschte Vollbeschäftigung.


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