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Wittwer, der Platzhirsch vom Schlossplatz

1867-2016

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In den 1970er Jahren fuhr die Straßenbahn am Wittwer vorbei.

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98 Prozent der Stuttgarter kennen laut einer Markterhebung das Buchhaus Wittwer. Tief verwurzelt in der Stadt feiert der Platzhirsch den 150. Geburtstag an einem Wohlfühlort. Die Liebe zum Buch steckt an.

Von Uwe Bogen

Wer Bücher zu den besten Genussmitteln zählt, kann bereits optisch schlemmen, wenn er das Stammhaus von Wittwer an der Königstraße 30 betritt. Die pralle Vielfalt des Lesevergnügens wird hier großzügig ausgebreitet. Kunterbunt ist die Welt der Bücher, deren Einbände um Aufmerksamkeit buhlen – in einem Haus ohne Schwellen, das offen, hell und freundlich mit der Gemütlichkeit einer Leselounge zum Schmökern und Stöbern einlädt.

Während vor Jahren das Jammern der Branche über Konkurrenz aus dem Internet immer lauter wurde, hat die inhabergeführte Buchhandlung ihre Räume beharrlich erweitert.

"Die Kunden nehmen wahr, dass wir keine gesichtslose Online-Plattform sind ", sagt Rainer Bartle, der seit 2013 Geschäftsführer ist – zusammen mit Konrad Wittwer, der in der fünften Generation an der Spitze von Stuttgarts ältestem Buchladen steht.

Nicht allein die Macht der Bestseller regiert hier – Wittwer sorgt dafür, dass Nischen auf 3300 Quadratmetern seiner fünf Etagen blühen. Gerade dies macht das Buchhaus zu einem wichtigen kulturellen Ort Stuttgarts. Der Digitalisierung verschließt es sich nicht. Hier beherrscht man Online. Doch Online soll den Traditionsbetrieb nicht beherrschen, der es liebt, Kunden zu überraschen.

Wittwer-Kiosk bis 1947 im heutigen Palast der Republik

Vor 150 Jahren hat alles angefangen. Konrad Wittwer, 1842 als Sohn eines Arztes im Ostallgäu geboren, zog ein zweites Mal nach Stuttgart, wo er bei Buchhändler Oettinger gelernt hatte. Nach Jobs in Karlsruhe und Mannheim erwarb der 25-Jährige einen Verlag für Kunstgewerbe und Technik, wie er am 26. September 1867 im „Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel“ kundtat. An der Eberhardstraße 55 eröffnete er eine Sortimentsbuchhan­dlung. Mehrfach zog er mit seinem Geschäft um, ehe er sich 1899 an der Schlossstraße auf 400 Quadratmetern für viele Jahre niederließ. Die zweite Generation eröffnete Filialen und baute Verkaufsstellen in Bahnhöfen auf. Bis in den Zweiten Weltkrieg ging es aufwärts – doch die Bomben zerstörten alle Wittwer-Läden. Um danach Bücher zu verkaufen, blieb der Firma nur eine frühere Toilette, die heute als Kneipe Palast der Republik bekannt ist. Das Örtchen brachte den Schauspieler Willy Reichert auf eine neue Geschlechterau­fzählung. „Männer, Frauen, Wittwer“, so beschrieb er die Geschichte des Nachkriegskiosks.

80.000 Titel auf fünf Etagen vorrätig

1947 konnte die Familie in eine dunkel getäfelte Buchhandlung an der Königstraße 40 umziehen. Mit 100 Quadratmetern musste man sich begnügen, bis man 1967 am Kleinen Schlossplatz ein eigenes Haus baute. Das Personal musste nicht mehr auf Leitern steigen. Jetzt gelangt die Kundschaft über Treppen zu etwa 80.000 Titeln. „Wir sind der wichtigste Treffpunkt am Schlossplatz, mit jährlich 200 Veranstal­tungen“, sagt Geschäftsführer Bartle. Umsatzzahlen für 2016 nennt er nicht, spricht aber von einer „positiven Entwicklung“. Wie alle Einzelhändler in der City spüre Wittwer „die Frequenzschwäche der Königstraße“, könne aber „mit gezieltem Marketing“ gegensteuern.

Auf der Einkaufsmeile, auf der es zu viel vom Gleichen gibt, da sich Filialen der Ketten aneinanderreihen, schafft das Buchhaus mit Kunstmuseum, Königsbau und Schlossplatz das Einmalige in einer uniformierten Fußgängerzone. Mit sieben jungen Menschen steht die sechste Wittwer-Generation bereit. Sie sind in der Ausbildung oder sammeln berufliche Erfahrungen – und sind von der Liebe zum Buch infiziert. Der Platzhirsch vom Schlossplatz, quasi der Schlossplatzhirsch, will auch in Zukunft für Überraschungen gut sein. Das Lesen geht weiter.


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