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Schüchterne Sofi - die Sonnenfinsternis in Stuttgart

1999

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Die Sonnenfinsternis war einer der größten Reinfälle der Geschichte Stuttgarts - alle Welt schaut in den Himmel, und dann regnet es. Wie haben Sie die Sonnenfinsternis in Stuttgart erlebt. Welche Bilder haben Sie geschossen? Erweitern Sie unser Topthema mit Ihrem Zeitzeugenbericht und Ihren Fotos - wir sind gespannt.

Foto: Michael Steinert
Mit speziellen Brillen hätte man direkt in die Sonne schauen können - wenn sie denn zu sehen gewesen wäre.

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Für Stuttgart waren die Prognosen, was die Sonnenfinsternis am 11. August 1999 betrifft, zunächst recht gut. Im I-Punkt hatten sich bis zu 80 Meter lange Schlangen mit Touristen auf der Suche nach einer Unterkunft gebildet. Und dann ließ sich Sofi nicht einmal sehen.

„Sorry, nichts geht mehr.“ Damit wurden Sonnenfinsternis-Fans konfrontiert, die einen Tag vor dem großen Spektakel noch versuchten, in und um Stuttgart ein Hotelzimmer zu bekommen. Noch ehe sich die Sonne anschickte, sich vom Mond beschatten zu lassen, hatte die Arbeit des Stuttgarter Stadtmarketings Früchte getragen. Die Gästebetten waren ausgebucht.

Der Grund: Gerade Stuttgart, so ermittelten findige Wissenschaftler, eigne sich hervorragend, um das Naturschauspiel zu beobachten. Nicht nur die Hotels, auch der Zeltplatz am Wasen war schnell überfüllt: Die Polizei registrierte etwa 200 Camper, die außerhalb des Geländes übernachteten. Einen Tag zuvor setzte das Chaos dann auf der Autobahn ein: Stau auf der A81 von Süden und auf der B27 von Norden her. Tausende ließen sich schließlich trotz schlechter Wetterprognosen aus dem ganzen Land per Bahn nach Stuttgart karren.

Während die Organisatoren letzte Hand an den Wissenschaftsjah­rmarkt auf dem Karlsplatz und an die Zelte des zeitgleich beginnenden Sommerfestes anlegten, wurden die Meteorologen des Deutschen Wetterdienstes immer verzagter. Wetterfrau Uta Wache drückte sich tags zuvor vorsichtig aus: „Leider ist für Baden-Württemberg kein stabiles Hoch in Sicht. Statt dessen sehen die Wetteraussichten eher durchwachsen aus.“ Und dabei blieb es auch. Eine „Störung“ lag am Mittwochvormittag direkt über Süddeutschland.

Die Folge: Dichte Wolken, aus denen zum Teil gewittriger Regen fiel. Ungefähr um die Mittagszeit sollte die Kaltfront langsam in Richtung Alpen abziehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Sonnenfinsternis beobachtet werden könne, betrage für Mannheim 60 Prozent, für Karlsruhe 50 Prozent, für Stuttgart noch 40 Prozent und für Ulm magere 30 Prozent, ließen die Wetterexperten kleinlaut vernehmen. Dabei zeigten sie wenigstens ein sonniges Gemüt: „Auch bei bewölktem Himmel bleibt es dunkel.“

Aber nicht einmal richtig dunkel wurde es dann in der Stadt. Stuttgart mag es nämlich paradox: Insgesamt freute man sich zwar, dass das Spektakel bei bewölktem Himmel noch dunkler sein würde als bei wolkenfreiem Himmel. Doch zu dunkel war eben auch nichts. Deshalb plante die Stadt, rechtzeitig alle Straßenlampen einzuschalten, um einer Panik vorzubeugen. Das hat prima geklappt.

Überhaupt nicht geklappt hat es dagegen mit der Sonnenfinsternis. Um exakt 12.32 Uhr fiel das Jahrhundertereignis schlicht ins Wasser. Keine Spur der schwarzen Sonne über Stuttgart. Aber wenigstens blieb die Apokalypse aus, die Welt drehte sich weiter. Sicherheitshalber ließen die Schwaben ihre Schutzbrillen trotzdem noch eine Zeit lang auf „weil erstens bezahlt, und zweitens weiß man ja nie“, wie es eine eifrige Sofie-Beobachterin zusammenfasste.

Wirklich etwas gesehen haben die meisten erst im Fernsehen. Das erreichte mit Sondersendungen eine große Resonanz. Obwohl der SWR nur bestätigte, was der Stuttgarter Finsternis-Tourist schon wusste: Keine Sonne – weder schwarz noch gelb über Stuttgart. Nur ein bisschen Dunkelheit und viel Regen.


Zum Brillen: Die Sofi in Stuttgart

Über die Sonnenfinsternis haben alle Zeitungen geschrieben. Über die Sonnenfinsternis in Stuttgart und ihre widrigen Umstände allerdings nur wenige. Frage: Wie waren die Eindrücke der Korrespondenten, die zum Sonnenfestival geeilt sind? Oder die es von fern betrachteten? Ein Blick zurück ins Jahr 1999.

Frankfurter Rundschau: 8.37 Uhr. Im Frühstücksfernsehen zeigt der eigens nach Stuttgart eingeflogene Herr Jobatey, den alle immer nur Cherno nennen, wieder mal sein sonniges Gemüt. Um 12.32 Uhr werde die Sonne scheinen, prognostiziert er hartnäckig. In der Hand hält er eine Sonnenblume, er tanzt, und es regnet.

Frankfurter Allgemeine Zeitung: Dass die Augen vieler Finsternis-Beobachter in Gefahr gerieten, (…) lag allerdings nicht an der Sonne, sondern an den vielen Regenschirmen, die gelegentlich etwas rücksichtslos eingesetzt wurden. Etliche Unentwegte setzten ihre Sonnenfinsternis-Spezialbrille auf, obwohl es am Himmel nichts zu sehen gab, gemäß dem schwäbischen Motto: Was bezahlt ist, wird auch genutzt.

Die Welt: Stuttgart -das Mekka der totalen Regenfinsternis. Ein bisschen erinnert die Szenerie an die Love Parade. Menschen aus anderen Städten kommen in deine Stadt, hinterlassen Berge von Müll und tanzen zu Techno-Rhythmen durch die Innenstadt.

Süddeutsche Zeitung: Viele Untersuchungshäftlin­ge in Stuttgart-Stammheim durften gar nichts sehen. Begründung: Bei einem Hofgang für alle drohe Verdunklungsgefahr.

die tageszeitung, Berlin: Die Luft ist feucht, das Gedränge groß. Um zwölf Uhr zeigen manche erste Anzeichen von Panik. „Wir setzen jetzt den Kindern die Brillen auf“, kreischt eine Frau auf ihren Mann ein, „nachher sind plötzlich alle Wolken weg, und dann ist es zu spät.“

Der Tagesspiegel, Berlin: Der Regen nimmt sich Zeit, bis wir alle ausgestiegen sind. Ankunft in der selbstgekrönten „Sonnenstadt“ Stuttgart. (…) Und dann, dann … beginnt es noch stärker zu regnen. Vielleicht haben Nostradamus und die Astronomen einfach nur den Termin für die Sintflut mit dem der Sonnenfinsternis verwechselt. Warten auf dem Schlossplatz. Keine fliegenden Schatten. Nichts von magischem Licht. Keine Korona. Und nun soll es also noch dunkler, noch kälter werden, als es ohnehin schon ist. Ein übler Scherz.

Heilbronner Stimme: Gemeinsam jubeln wir, wenn die Sonne wieder verschwindet. Wir fühlen uns so apokalyptisch. So astronomisch. Und so von Freude erfüllt, als einer ruft: „In Stuttgart regnet's.“

Südwestpresse, Ulm: Die Stuttgarter griffen nach jedem Trost, der sich anbot.


Zeitzeugenberichte

Sonnenfinsternis unter den Wolken: Ein elementares Erlebnis
Mich hat die Sonnenfinsternis 1999 schwer beeindruckt - von wegen "größter Reinfall". Gerade dass sich die Sonne hinter dem wolkenverhangenen, bleischweren Himmel versteckte, machte die Atmosphäre ...

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